Diane Legenstein

Die Mondgeige

In Kasachstan lebte einst ein Zaarenpaar, Iwan der Gütige mit seiner Angetrauten, Piroska der Feurigen. Sie war gebürtige Ungarin, wuchs aber in der Mongolei heran.

Als Piroska noch in ihrer Heimat, der Mongolei lebte, hatte sie einen glühenden Verehrer. Sein Name war Andre Orlowsky, seines Zeichens Neffe von Temudschin. Er war Viehzüchter und hatte über 1000 Schafe, 500 Bergziegen und 20 Pferde; somit einen ansehnlichen Besitz. Für die Zeit, in der diese Geschichte handelt, war Andre ein sehr angesehener Mann in seiner Heimat gewesen. Viele Mütter wünschten ihre Töchter könnten Andre begeistern. Er wäre eine gute Partie gewesen. Aber Andre hatte nur Augen für Piroska gehabt. Ihr pechschwarzes Haar. Ihre tiefbraunen Augen. Vor allem aber ihr Temprament - sie hieß nicht umsonst Piroska die Feurige- hatte es Andre angetan. Auf einer Weise war die 20 jährige Piroska wie ein Kind, aber auf der anderen Seite war sie voller Anmut und Schönheit. Die Art wie sie ihren Kopf hielt; einmal trotzig, dann wieder anmutig wie ein Schwan.

Ihre morgendliche Toilette führte sie an die Ufer des Delger mörön. Da wurden ihre Kleider gewaschen. Auch sie selber wusch sich in diesem kalten Wasser. Der Fluß schlängelte sich quer durch die hügelige Mongolei. Des Abends fanden sich zahlreiche Tiere an seinen Ufern ein, um so, geschützt vor Räubern, dies köstliche Naß zu schmecken. Der Mond verwandelte den Fluß in ein silbernes Band, das beruhigend dahinplätscherte. Viele kleine Tiere kamen aus ihren Verstecken um auf nächtliche Beutejagd zu gehen. Dieser Fluß lud auch gerne zum Verweilen für Durchreisende ein.

So kam eines Tages auch die Zarenfamilie, Igor der Zweite mit seiner Sonja und ihrem 23 jährigen Sohn Iwan durch das Land. Sie waren auf dem Weg von Balej nach Kasachstan. Unterwegs hielten sie genau an dem Ort wo Piroska lebte. Das Dörfchen hieß Tschiputan. Es war ein kleines verträumtes Örtchen. Da gab es eine Schenke, einen Laden, wo es die nötigsten Grundnahrungsmittel zu kaufen gab und eine Kirche, die natürlich nicht fehlen durfte.

Müde und abgekämpft kam die Zarenfamilie nach Tschiputan an den Fluß. Sie waren die Nacht über durchgeritten. Nur der Mond hatte ihnen den Weg erleuchtet. Er dominierte den nächtlichen Sternenhimmel mit seiner Kraft. Viele Planeten und Sterne traten in des Mondes Schatten. An Neumond hätte man den Himmel voll kleiner Lichtquellen beobachten können. Doch in dieser Nacht war schon fast Vollmond. Dieser stand hoch über den Bergen, die sie bestiegen. Sie waren über einen steilen Gebirgspaß hergekommen. Kein vernünftiger Mensch hätte in der Nacht diese Strecke in Angriff genommen. Doch Iwan hatte seine Eltern gedrängt auch in der Nacht weiter zu reiten.

Igor der Zweite und Sonja wußten, daß ihr Sohn ein ganz besonderer Mensch war. Er wurde bei Vollmond geboren und getauft. Auch sein Initiationsritus wurde an Vollmond abgehalten. Daher hatte Iwan einen eigenen Hang zum Mond. Er verlieh ihm besondere Sicherheit und Energie. So hatte Iwan seine Eltern sicher und heil über den Gebigspaß in das nächste Dorf geführt.

Der Mond bettete sich schon zur Ruhe, als der Morgen über den Gipfel kroch, über die Pferde hinweg strich um sich an Piroskas Körper, der gerade über den Fluß gebeugt war, festzuhalten. Das Wasser unter ihr lächelte ihr freundlich zu und erfrischte ihr Gesicht köstlich als sie eine handvoll dieses kostbaren Naßes über ihr Antlitz goß. Ihre Lippen zeigten ihre Dankbarkeit, indem sie dunkelrot glühten. Iwan stieg vom Pferd herab, tätschelte den Hals seines Schimmels und hielt inne, als sein Blick auf Piroska, deren Hals weiß wie der eines Schwanes aufleuchtete, fiel und sich daran festhielt. Für einen Moment schien die Zeit zu erstarren. Zögernd näherte sich Iwan dem Mädchen am Fluße. Diese schnellte hoch und bedeckte ihren Oberkörper mit verschränkten Armen.

"Wie lange stehst du schon da? Wende dich gefälligst ab" befahl Piroska.

"Entschuldigen sie mich. Aber ihr Anblick eben hatte mich verzaubert:" gab Iwan offen und ehrlich zu.

"Das gibt dir auch nicht das Recht mich derart anzuglotzen" fuhr Piroska ihr Gegenüber an.

"Wie ist ihr Name, holde Schönheit?" erkundigte sich Iwan.

"Piroska" gab sie, nun etwas versöhnlicher, zurück,"und deiner?"

"Ich bin Iwan, Sohn von Igor und Sonja. Wir sind auf dem Weg von Balej nach Kasachstan. Wir haben eine weite Reise hinter und und noch ein gutes Stück vor uns. Wir sind dementsprechend hungrig und uns dürstet. Wo gibt es hier in diesem Dorf etwas zu essen?" fragte Iwan, seinem Körper gehorchend.

"Kommt doch einfach mit" schlug Piroska den Reisenden vor.

Iwan holte seinen Vater, der einstweilen die Pferde abgesattelt hatte und seine Mutter, die erschöpft neben dem Pferde zusammengekauert saß. Ihr Kleid sah ganz schön mitgenommen aus. Ihr dunkles Haar fiel strähnig in ihre Stirn. Ihre Lippen waren ausgetrocknet und rissig von der kalten Nacht durchfroren. Das Tuch das sie um ihre Schultern geschwungen hatte lag achtlos neben ihr auf dem Boden. Ihr Kopf war gegen den ihres Pferdes gelehnt, das neben ihr weidete.

"Kommt ihr zwei! Diese junge Schönheit führt und zu sich." Igor und Iwan stützten Sonja. Sie wurden von Piroska in eine modeste Hütte geführt. Da saßen ihre Eltern und ihr Bruder um den Tisch versammelt und warteten nur noch auf ihre Tochter.

"Da bist du endlich Schwesterlein. Wir wollten schon ohne Dich beginnen." rief Alexander, Piroskas Bruder freudig aus.

"Wen hast du denn da mitgebracht?" fragte Ihre Mutter ihre Neugier kaum verbergend und eilte um noch drei Gedecke aufzulegen. Die mongolische Gastfreundschaft war doch weithin bekannt.

"Das sind Reisende aus Balej."antwortete Piroska artig, "Sie sind schon weit hergekommen." fügte sie hinzu, um ihre Einladung zu rechtfertigen.

So erzählten die Reisenden, die ganz und gar ohne Garde unterwegs waren von ihren Erlebnissen:

In den Gebirgen gelangten wir in ein Dorf, das fast menschenleer war. Nur ein alter Mann lebte darin. Er saß vor der Kirche dieses Dorfes. Er hielt eine Geige in den Händen und saß nur stumm da, erzählte Sonja, die schon wieder zu Kräften gekommen war.

Auf die Frage, warum er so ganz allein sei, seufzte er bloß und begann zu spielen. Es war eine ganz seltsame Melodie, voller Wehmut und Schmerz. Also gingen wir unbeantworteter Fragen weiter. Aber schon nach einigen Schritten hörte der Mann zu spielen auf. Wir machten am Absatz kehrt und traten zu diesem Geiegenspieler zurück. Nun begann er erneut zu spielen, ohne uns zu antworten. Iwan schlug vor in diese Kirche zu gehen, um vielleicht doch noch einen gesprächigeren Menschen zu finden. Also gingen wir hinein. Dort kniete ein alter Mann in schwarzer Bekleidung auf dem Boden. Beim Nähertreten stellten wir fest, daß dieser Mann ein Priester war, den eine Soutane prächtig kleidete. Auch wir knieten nieder um für Führung und Schutz auf unsere Reise zu bitten. Plötzlich sprach uns der Priester an: "Wer seid ihr? Woher kommt ihr?"

"Wir wollten den Alten mit der Geige nach dem Weg fragen, da begann er zu spielen" antwortete Iwan. "Wir gingen weiter. Da hörte er zu spielen auf. Da dachten wir er wolle uns doch noch etwas sagen und kehrten um. Doch er begann erneut seine traurig schöne Weise zu spielen. Also meinte unser Sohn, der Alte wolle uns etwas sagen, und dazu sollten wir die Kirche betreten!" wandte sich Igor an den Priester. Dieser begann uns eine eigentümliche Geschichte zu erzählen:

Vor vielen, vielen Jahren kam ein 25 jähriger Bursch zu mir. In seinen Händen eine Geige. Tragend und beschützend. Er sah sehr mitgenommen aus, als ich ihn in den Bänken liegend fand.

Es war früh am Morgen als ich die Kirche betrat. Ich wollte mein morgendliches Brevier beten. Da lag er vor mir. Eingerollt wie ein Baby schlief er, mit seinem Instrument wie etwas Kostbares haltend und beschützend, auf einer Bank. Es war mein erster Sonntag in diesem Dorf. Ich war gerade 27 geworden und hatte meine Priesterweihe erst kurz hinter mir. Ich sprach ihn an. Doch er antwortete auch mir nicht. Er holte nur seine Geige, die er mit seinem Körper schützte, hervor und begann zu spielen. Die Melodie, die er spielte erzählte mir von glücklichen Kindertagen, von einer großen Liebe, aber auch von ungeheurem Schmerz. Ich stand da und lauschte den Klängen, die von leise sanft immer lauter und lebhafter wurden. Diese Musik wurde begleitet von Bildern aus der Erinnerung diesen jungen Mannes. Ich sah sie im Raume vorbeiziehen. Sie waren sicher keine Einbildung. Dieser Mann hatte sie durch seine Melodien hervorgerufen. Ich sah ihn als Baby auf seiner Mutter Armen. Sah den Vollmond seiner Geburt. Ich sah ihn des Abends, als Kind, den Mond betrachtend sitzen. Auch sein Aufnahmeritus in die Erwachsenenwelt wurde bei Vollmond zelebriert. Seine Jugend Streifenlichtern gleich. Ich wurde Zeuge seiner Begegnung mit einem alten Magier, der eine Geige in den Händen hielt, sah das Spiel dieser Geige.

Die Bilder verrieten mir von der Kraft dieser Violine. Diese hatte die Macht all jene verschwiden zu lassen, die Böses im Herzen trugen. Ich sah wie der Magier diesen Jungen bei sich aufnahm und ihm sein Wissen vermittelte. Mit Entsetzen sah ich Szenen, in denen gewalttätige Männer diesen Magier töteten um an die Geige zu kommen. All das geschah vor den Augen des Jungen, der auf das Gehieß seines Meisters die Geige nahm und verschwand. Die Feinde liefen dicht hinter ihm, bis sie ihn dann endgültig schnappten und ihm das wertvolle Instrument gewaltsam entrissen. Doch bei Ihnen hatte sie keinen Ton von sich gegeben. Ich sah wie die Männer den Jungen folterten und peinigten um ihn so zum Reden bringen wollten. Er sollte ihnen verraten wie man das Instrument bedient. Da er sich vehement weigerte ihnen zu antworten wurde ihm kurzerhand die Zunge herausgeschnitten. Daher kann er nicht sprechen. Die Geige hatte man ihm wieder zurückgegeben, da sie für diese Männer ohnehin nutzlos war. Mit diesem guten Stück, das Erbe seines Meisters, in Händen ging er seines Weges.

So kam er dann in unser Dorf, in diese Kirche, wo ich ihn fand. Natürlich hatte ich mich seiner angenommen. So begann er dann eines Tages vor den Bewohnern unseres Dorfes zu spielen. Es war am ersten Sonntag bei Vollmond. Er spielte das Lied das er von seinem Meister gelernt hatte. Dies Lied das bewirkte, daß alle Menschen die Böses im Herzen trugen in Luft aufgelöst werden. Das Konzert war um 9 Uhr abends. Ich weiß es noch sehr gut. Der Mond schien hell durch die Kirchenfenster als der Junge zu spielen begann. Er spielte sein ganzes Repertoire. Unter vielen bekannten Weisen auch jene, die die Macht hatte alle, die Böses im Herzen trugen verschwinden zu lassen. Nach Ende des Zauberliedes waren nur noch ich und der Geigenvirtuose vorhanden. Der Rest der Bewohner wurde von dem Schein des Vollmondes getilgt. Jetzt sitzt er draußen vor der Kirchenpforte und will wieder Bewohner reinen Herzens in das Dorf locken. Doch jetzt wird er schon alt. Ich selber bin ja schon fast hundert.

Der Priester sprach die letzten Worte leise und heiser: Und ich spüre, daß wir bald sterben werden. Der Priester begleitete uns hinaus zu dem Alten mit der Geige. Unser Junge hockte sich zu diesem Mann mit der Violine. Plötzlich geschah etwas Seltsames. Die Augen des Geigenspielers leuchteten auf. In seinen Augen war ein Mond, ein großer runder Mond, zu sehen. Auch Iwans Augen weiteten sich unnatürlich. Im Nu war der Mond in den Augen des Spielers verloschen und in Iwans Augen übergesprungen.

Kurz darauf schloß der Mann seine Augen kurz und übergab unserem Iwan die Geige mitsamt dem Bogen und den Noten. Ein wissendes Lächeln huschte über sein Gesicht. Er tätschelte ihm die Wange und schloß entspannt seine Augen. Doch diesmal für immer. Der Priester schlug ein Kreuz über dem Toten und sprach:

DU MONKIND GEH ZUR RUH - UND SCHLIESSE SANFT DIE AUGEN ZU.

Iwan stand wie versteinert da und starrte nur auf diesen Korpus zu seinen Füssen. Der Priester bat uns nun zu gehen. Er wies uns den Weg und gab uns seinen Segen mit auf diesen.

Ja, so sind wir nun hier gelandet.

"Und hier ist die Geige" Stolz hielt Iwan sein Instrument hoch.

"Sie ist echt ein Prachtstück." beteuerte Alexander, der neben ihm am Tische saß. Es war ein ganz schlichter Holztisch, um den diese Familie und die Zarenfamilie versammelt saß.

"Das ist sie!" sprach Iwan verträumt und strich sanft den Korpus aus Palisander entlang. "Und wie geschmeidig sie ist. Sieh dir nur das Holz an!" Iwan reichte sie dem Jungen. Dieser wollte spielen doch kein Ton erklang.

"Ja, es kann sie eben nicht jeder spielen. Gib sie mir bitte wieder."

Das Instrument wanderte nun von Alexnder zu Iwan. Dieser legte sie an und entlockte ihr die herrlichsten und süßesten Klänge.

Iwan sprach:"Es heißt, nur der, der reinen Herzens ist, kann die Geige zum Klingen bringen."

"Was soll das heissen?!" fuhr Piroskas Vater vom Tisch hoch "Mein Sohn sei nicht reinen Herzens?!"

"Aber nein! So hat Iwan das nicht gemeint!" beschwichtigte Sonja das aufgebrachte Familienoberhaupt.

"Hallo allerseits! Grüße dich geliebte Piroska", stürmte Andre bei der Tür herein, "Na, wen haben wir denn da?"

"Laß sie in Ruhe! Sie sind unsere Gäste" stutzte Piroska Andres Krallen "und außerdem bin ich nicht deine Geliebte. Du hättest mich wohl gerne, wie? Aber du kriegst mich nicht."

"Sei still, Kind!" herrschte die Mutter sie an. "Sei bloß still. Er ist der reichste Mann. Somit eine gute Partie" gab sie noch flüsternd hinzu.

"Komm und begrüsse deinen geliebten Andre gebührend." forderte er sie auf und küsste Piroska vor den Augen aller.

Seine Brust schwellte vor Stolz. Sein mächtiger Oberkörper erzählte von harter Arbeit. Die sonnengegerbten Hände umschlossen Piroskas Handgelenke fest. Er hatte ein Fell über den Schultern hängen. An seinem Gürtel baumelte ein Degen. Dieser blitzte im Kerzenschein. Es war mittlerweile schon Abend geworden. Die Geschichte, die Sonja erzählte hatte alle die Zeit vergessen lassen. Man hatte nur Ohren für Sonjas Worte gehabt. Zwischendurch war Piroska aufgestanden und hatte eine Kerze geholt. Jederman wollte Sonjas Mimik beobachten können.

"Jetzt ist aber Schluß" rief Iwan." Das Mädchen will sie nicht."

"Was geht das dich an? Was tust du überhaupt hier? Und wer sind die da?" gab Andre unwirsch zurück. Er wies mit einer saloppen Handgewegung auf Igor und Sonja.

"Dies hier sind meine Eltern. Zar Igor der Zweite und seine Gemahlin Sonja. Und ich bin Iwan der Gütige."antwortete dieser beherrscht, "Es geht mich sehr wohl etwas an, wenn die Tochter dieser gastfreundlichen Familie hier gezwungen wird, etwas zu tun, was ihr widerstrebt" setzte sich Iwan für Piroska ein. "Doch nun zu ihnen. Wer sind sie überhaupt?! Was tun sie hier? So einfach in ein Haus zu stürmen, ohne anzuklopfen und um Einlaß zu bitten.! Was sind das nur für Manieren. Dort wo ich herkomme verstößt das eindeutig gegen die Etikette!"

Piroska wurde bleich. Auch ihre Familie fürchtete das Schlimmste, in Form eines Kampfes könnte eintreten und das ganze Haus in einen Trümmerhaufen verwandeln.

"Ich bin Andre Orlowsky, Neffe von Temudschin. Ich bin Viehzüchter und habe dies Mädchen hier erwählt." sprach Andre selbstbewußt.

"Nun gut du Viehzüchter. Vieh kannst du dir aneignen. Aber doch keinen Menschen. Das wäre barbarisch! Jeder Mensch hat seinen freien Willen. Dazu möchte ich dir eine Geschichte erzählen. Hör zu. Hör genau zu."

Iwan nahm seine Geige und begann zu erzählen:

"In einem Land, weit im Westen. Da lebten einst zwei Kinder, die eine Geige hatten. Der Junge spielte darauf ein wunderschönes Lied. Dieses Lied will ich Dir nun vorspielen. Hör gut zu!" befahl Iwan seinem Gegenüber. Der Mond leuchtete beim Fenster herein als Iwan den ersten Takt des Zauberliedes, das ihm der Alte mental mitgegeben hatte, spielte. Fast gespenstisch hüllte der Mond die Leute in dieser Hütte ein. Die Augen Iwans leuchteten wie Rubine im Schein der Kerze. Kurz darauf verschwand Andre wie vom Erdboden verschluckt.

"Ja, so macht man das meine Lieben. Kein Kampf, kein Blut. Keiner weiß was davon" sprach Iwan zufrieden. Die Familie erbleichte. Sie war nun Zeuge eines Geschehens geworden, das sie als nette Geschichte empfunden hatte. So recht hatte Piroskas Familie den Worten Sonjas nicht Glauben geschenkt. Doch nun hatte sich alles vor ihren Augen zugetragen. Wie gebannt blickte das mongolische Elternpaar auf den leeren Stuhl vor ihnen, auf dem Andre gesessen hatte um dem Spiel Iwans zu lauschen. Piroska war die erste die das betretene Schweigen triumphierend brach.

"Danke, du hast mich von diesem Ekelpaket befreit. Ich will auf ewig Dein sein. Nimm mich mit. Egal woher du kommst und wohin du auch gehen magst. Ich will mit dir kommen!" bat Piroska aufgeregt. Iwan strahlte vor Freude. Hatte er doch schon ein Auge auf sie geworfen. Doch er blickte unsicher zu Piroskas Eltern und zu seiner Mutter, die ihm aufmunternd zulächelte. Sein Vater trat zu Piroskas Vater, der den besten Schnaps hervorholte. Die Verlobung seiner einzigen Tochter sollte ja ordentlich gefeiert werden.

Er trommelte das ganze Dorf zusammen. Alle Frauen rotteten sich zu Kleingruppen zusammen und tuschelten hinter vorgehaltener Hand und kicherten drauflos. Die Männer grölten lautstark und verlangten nach noch mehr Schnaps. Keiner hatte je nach Andre Orlowsky gefragt. Niemandem ging er ab. War er doch als Wüstling bekannt gewesen. Die paar, die nach ihm fragten, konnte man an einer Hand abzählen. Ihnen hatte man gesagt, Andre hätte in einem plötzlichen Anfall das Land Hals über Kopf verlassen.

Piroska und Iwan zogen sich zurück und schlenderten Hand in Hand am Fluß entlang. Da war es viel ruhiger und angenehmer gewesen. Sie hatten ja sehr viel zu besprechen. Wann und wo die Hochzeitsfeierlichkeiten stattfinden sollten. Doch dieser Abend war viel zu schön um sich mit solchen Dingen herumzuschlagen. Iwan und Piroska hatten anderes im Sinn. Sie wollten einander ihre Liebe zeigen. Der Mond schien in sattem Licht und hüllte ihrer beiden Gesichter in sanften Schein. Da standen sie am Ufer des Flußes und lauschten dem Rauschen des Wassers. Ihre Hände hielten die des anderen fest und ihre Lippen trafen sich zu einem Kuß voller Zärtlichkeit und Hingabe. Während die anderen tranken und feierten kosteten die Frischverlobten ihr Glück in vollen Zügen. Die Kraft des Mondenscheins verzauberte die Natur in ein Orchester tierischer Werberufe, die auf die beiden jungen Leute nicht ohne Wirkung bleiben sollten.......

Nur der Mann im Mond war Zeuge dieser Nacht gewesen.

Die Feiern dauerten drei Tage und drei Nächte, in denen das ganze Dorf aus dem Häuschen zu sein schien.

Die Eltern Iwans zogen nach Kasachstan weiter. Iwan aber nahm Piroska die nun in andern Umständen war an der Hand und kehrte zu dem Dorf in dem der Geigenspieler lebte zurück um sich dort von dem hiesigen Pfarrer trauen zu lassen. Die beiden fanden gefallen an diesem Örtchen und beschlossen dort zu bleiben

Dort lebten Iwan der Gütige mit Piroska der Feurigen. Sie schenkte zwei Kindern, es waren zweieiige Zwillinge, gezeugt in einer Vollmondnacht, das Leben. Einem Jungen und einem Mädchen. Die zwei Kinder liebten einander sehr. Man sah die beiden nur Hand in Hand durch die Wälder und Wiesen streifen. Die Kinder waren sehr naturverbunden, was sie zweifelsohne von ihrer Mutter geerbt hatten.

Als der Junge sein fünftes Lebensjahr vollendete lehrte ihm sein Vater die Violine zu spielen. So kam es, daß die Kinder öfters in den Wald gingen um dort ungestört üben zu können. Manchmal wurde es sehr spät. Doch die Kinder hatten kein Angst. Denn der Mond goß sein mildes Licht über sie. Auch die Tiere versammelten sich regelmäßig um bei Mondlicht den süßen Geigenklängen zu lauschen. Da wurde sogar der Löwe zahm und fraß Blätter anstatt anderer Tiere. Auch der Wolf vergaß zu heulen und lauschte gebannt der Melodie des Jungen. Das Mädchen schwelgte in völliger Verzückung als noch ein Fuchs hinzu kam, sich um ihre Beine schmiegte um dann irgendwo in Baumnähe Platz zu nehmen. Auch die Eule auf dem Baum, auf dem der Junge und das Mädchen saßen war ruhig und freundlich. Ebenso wurde Puschkin, der Bär von den Violinenklängen, die der Mond durch die Wälder getragen hatte, angelockt. Auch dieser Bär war Teil des monatlichen tierischen Auditoriums des Knaben.

Geigenklänge und Mondlicht hatten ihren Zauber nicht verloren. Auch die beiden Geschwister waren Kinder des Mondes. Ebenso wie ihr Vater, Iwan der Gütige ein Mondkind war.

© by Diane Legenstein

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