Hans Raasch

Auf der Denkalm gibt´s koa Sünd

Nordöstlich von Lenggries kurz vor dem Geierstein talabwärts liegt der deutlich kleinere Keilkopf. Zur Denkhütte an der oberen Berghälfte führt die längere südöstliche Route und eine zweite, auf der man in wenigen Steigungen fast direkt zu dieser bewirtschafteten Almgaststätte wandern kann.
Der längst verstorbene alte Wirt und Vater des heutigen Inhabers Michel Bauer auch „Denkä“ genannt, besorgte noch mit einem Maulesel seine Einkäufe im Dorf. Den Muli ließ er bei seiner Schwester Anni im Hof angebunden stehen und kaufte den Bedarf für seine Wirtschaft ein. Zwei Mal wöchentlich wanderten Wirt und Tier vollgepackt mit Lebensmitteln und Getränken zurück zur Alm und dem Stall voller Ziegen. Die Sommerfrischler aber auch die einheimischen Gäste bestellten durch eine Luke ihre Radlerhalbe oder auch eine Limo für die Kinder. Zum Essen war der zum Punkt gereifte Camembert mit Butter und Schwarzbrot Michels Renner. Ansonsten war die Speisekarte eher bescheiden, die auf Bergalmen übliche Erbsensuppe mit Würstl oder ein Schiwasser (heiße Zitrone), Flaschenbier und andere Kleinigkeiten waren zu haben. Zum Zeitvertreib der Jungen war in einer Ecke eine Tischkegelbahn aufgestellt und außerhalb des Hauses am Hang konnte nach Herzenslust geschaukelt werden. Schon der Großvater des jetzigen Wirtes, der „Denken Blasi“ hatte die Alm im Jahre 1926 gebaut und Gäste empfangen. Der Betrieb wird deshalb schon in der dritten Generation betrieben.

Lange nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Gaststätte erweitert und mit elektrischem Strom versorgt. Der Maulesel wurde durch einen Unimog mit entsprechender Ladefläche ersetzt. Wie in solchen Almwirtschaften üblich, müssen die Gäste weiterhin ihre Bestellung durch die vorhandene Luke abgeben und auch abholen. Bei gutem Wetter sitzen sie dann in Scharen auf der großzügigen Veranda und schmausen den von Michel zubereiteten Kaiserschmarrn oder andere Schmankerl. Vielleicht löschen sie ihren Durst auch nur mit einer frisch gezapften Halbe Helles oder mit einem kühlen Weißbier.

Der alte Denkä Michä hatte die Sechzig schon überschritten, als er seine Frau Christa ehelichte und mit ihr zwei gesunde Kinder bekam und diese bis ins hohe Alter aufwachsen sah. Der Juniorwirt ist früher dran als sein Vater. Er hat eine junge Frau, die ihn tatkräftig unterstützt und sie haben schon zwei entzückende Kinder.

Heute ist das Wetter trüb. Einige Regentropfen fallen vom Himmel, am gegenüberliegenden Brauneck ist der Gipfel von dichten Wolken umhüllt. Das hindert manchen Wanderer nicht daran, sich auf den Weg durch Wiesen und Wälder zu machen, um auf die Denkalm zu kommen. Erst beim letzten Anstieg tritt die Hütte in Erscheinung. Von draußen hört man die kreischenden Stimmen einiger Kartenspieler, welche am Stammtisch ihren Schafkopf dreschen. Fortuna verteilt die Karten ungünstig und deshalb will heute bei den Vieren keine rechte Laune aufkommen. Unkonzentriert lamentieren sie am Können ihrer Tischnachbarn herum. „Nachkarteln“ nennt man das und endet nicht selten mit einem handfesten Streit. Dieses Mal entscheiden sich die Schafkopfler das Spiel zu beenden. Trotz allem kommt keine Langeweile auf, zum Erörtern und Diskutieren gibt es Themen genug.
Lautstark und nicht zu überhören geben sie ihre Meinung zum Besten.

„Habt´s as gseng gestan im Fernsehn, da hat da Kräutapapst, da Schubeck wieda an Pudazucka in Schweinsbratn einigmacht, karamellisiern nennt er des.“

„Des wenn mei Oide macha dat,“ grantelt der nächste, „nausschmeissn dat i´s mitsamt ihr´m Pudazucka aufm Schweinsbratn.“

„Des is alles nimma so wia früara, de wissn gar nimma, was füa a neimodisch Krampfzeig dass no erfindn miassn.“

Auch der Vierte muss seine Meinung über die Gegenwart zum Besten geben.

„ Und i woaß haargenau, weichane bei uns im Dorf zuazogn san, weil´s gar so freindli „Griaß God“ sagn, des is awai aus da Mode kema.“

„Wia soins denn de Junga wissen, wenn´s ihre Äitan scho net kapiert ham?“

Und´s Kreiz müassn´s a owe doa aus´m Klassnzimma.“

„Ja do leckst mi,“ meint der Erste, “des kimmt olles nua vo da Schui und dera deppatn Mengenlehre.“

„Des ham mia olles net ghabt und san trotzdem was worn.“

Noch einiges gäbe es zu bemängeln aus Sicht der vier Nörgler. Da betritt eine junge Mama mit ihren zwei Kindern die Gaststube.

„Griaß God beinand“ grüßen die Neuangekommenen und setzen sich bescheiden an einen Tisch ganz nahe dem Fenster. Der freundliche Wirt und die übrigen Gäste grüßen zurück. Nur die Hitzköpfe am Stammtisch erwidern den Gruß nicht.

Ein älteres Ehepaar, denen die Debatten der Stammtischler schon lang auf die Nerven gehen, spricht sich flüsternd ab. Der Herr steht auf und wendet sich zu den Vieren.

„Ihr seid´s ma a saubane Bagasch! Do red´s ihr von Erziehung und deat´s no net amoi an Gruaß vo de Kinda zruckgehm. I dat mi schama, wenn i Ihr wärts.“ Er setzt sich sichtlich zufrieden wieder zu seiner Frau.

Die Stammtischler halten flüsternd ihre Köpfe zusammen. Sie beraten sich, wie sie sich weiterhin verhalten sollen. Doch die Klugheit siegt, denn einer von ihnen steht auf und geht zögernd zum Tisch der limotrinkenden Kinder.

„Müasst´s scho entschuldign, Kinda. Vor lauta disputiern hamma eich gar net damerkt. Nix fia unguat.“

Der Friede ist in der Gaststube wiederhergestellt.

So hat jeder in Lenggries seine Kindererinnerungen von der Denkalm und die zukünftigen Nachkommen der zwei Kinder werden hoffentlich auch einmal in den Genuss eines Besuches in die gemütliche Hütte kommen.

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Das Kaiserschmarrnrezept vom „Denkn Michä jun.“ hat er von seiner Mutter Christa übernommen und es bleibt in der Familie. Aber ein Foto davon kann bewundert werden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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