Adelheid von Theilenberg

Regenbogenwesen

Petra liebte es, spazieren zu gehen. Ganz besonders im Frühling. Sie freute sich, wenn die Natur ihr grünes Kleid anzog und sie über Wiesen laufen konnte, die so angenehm weich waren. Wenn es warm genug war, zog sie ihre Schuhe aus und ging barfuß über den Rasen. Sie spürte kleine Steinchen und wäre einmal fast über einen kleinen Steinhaufen gestolpert. Auf den ersten Blick nur eine kleine Anhäufung Steinchen. Doch dann betrachtete sie den Steinhaufen näher. Sie fand, dass er wie eine Burgruine aussah.
„Merkwürdig“, dachte sie und wollte wissen, was das denn nun genau sei. „Das hat doch sicher etwas zu bedeuten.“ Auf den ersten Blick war nichts Besonderes erkennbar. „Das werde ich mir jetzt öfter anschauen und beobachten“, beschloss sie – und so oft sie konnte, besuchte sie diesen Platz.
An einem schönen Sommer-Sonntag hatte Petra viel Zeit. Dieser Steinhaufen ging ihr einfach nicht aus dem Sinn. Mit einem Buch in der Hand und einem Stühlchen machte sie sich auf den Weg. Die Burgruine sah noch genau so aus wie beim letzten Mal. Sie stellte ihr Klappstühlchen auf und setzte sich daneben.
Den Steinhaufen im Blick, wollte sie zu lesen beginnen. Doch irgendwie konnte sie sich nicht recht konzentrieren. Petra war unruhig, fühlte, dass irgendetwas passieren würde. Sie stand auf und kniete untersuchungsblickend auf das Steingebilde. Die junge Frau hatte einen guten Draht zur Natur, besonders, wenn sie sich wohlfühlte. Und dazu lud dieser Ort geradezu ein. Wenn sie ganz still wurde, hörte sie das Flüstern des Windes oder Rascheln der Waldwesen, die ihr etwas vermittelten. Ob all das mit den Steinen zusammenhing?
Petra schaute ganz intensiv zur Steinruine. Da, es bewegte sich etwas! Sie ging noch näher hin und stieß mit ihrem Kinn fast an ein kleines Wesen. Sofort fiel ihr die dicke Knubbelnase auf, die aus einem rundlichen Gesicht hervorstach. Ein grauer Stoppelbart zierte die Wangenknochen des Winzlingsgesichtes. Wild abstehende graue Haare lugten unter einer moosgrünen Kappe hervor.
Der Oberkörper war frei und er trug eine grüne Hose, unter der die Füße wie Paddelboote hervorstachen.
Der Wicht stand auf einem Stein und stellte sich vor: „Guten Tag. Ich bin Fredi, der Troll aus diesem zusammen gewürfelten Haufen. Und wer bist du?“ Die junge Frau sagte ihren Namen und schaute sich den Kleinen an. „Wieso haben Trolle eigentlich meist eine Mütze auf dem Kopf“, durchfuhr es sie. Und, als hätte Fredi ihre Gedanken erraten, zog er die Kappe ab und verbeugte sich vor ihr.
Petra schmunzelte. „Bist du der einzige Bewohner hier, Fredi?“ Petra schaute sich suchend um.
„Nein, nein“, lamentierte der Troll, „hier sind noch Fanni, Losko. Silva. Aber auch Moro. Finti, Gali und Samm wohnen hier, doch sie sind gerade unterwegs.“ Und, als hätte Fredi sie gerufen, kamen alle Anwesenden herbei. Eine kleine bunte Sippe. Losko war, wie Fredi, ein Troll. Die junge Frau stellte fest, dass er total anders aussah als Fredi. Losko hatte ein junges Gesicht, fast wie ein Baby, eine Stupsnase und bunte Haare. Doch auch er trug eine Mütze. „Die anderen müssen Elfen und Feen sein“, dachte Petra.
Doch es interessierte sie am meisten, was die Wesen denn hier machen und fragte nach.
Ein bezauberndes, kleines Wesen kam angeflogen. Ihr langes, welliges Haar war silberweiß und sie trug ein knallgelbes Kleidchen. „Ich heiße Fanni“, stellte sie sich vor und beantwortete Petras Fragen. „Hier auf der grünen Wiese haben wir einen wunderbaren Ausblick. Wir können die Natur von hier aus am besten beobachten. Vor allem aber, wenn der Regenbogen am Himmel erscheint.
Du musst wissen, wir sind Regenbogenwesen. Und sobald der Regenbogen sichtbar wird, gehen wir an die Arbeit – und dann haben wir viel zu tun. Siehst du unser Werkzeug?“ Mit ihrem kleinen Finger zeigte sie an den Rand des Steinhaufens. Petra folgte dem Fingerzeig und sah tatsächlich so etwas wie Eimer, Fläschchen, Putzgeräte und Lappen, natürlich sehr winzig. „Ja, das kann ich alles gut sehen. Was macht ihr damit?“, wollte sie wissen. „Ein jeder von uns trägt dazu bei, dass der Regenbogen leuchtet. Wir sind nämlich Regenbogen- Polierer.
Jeder von uns hat seinen Arbeitsbereich! Die Aufgaben sind gerecht verteilt,“ zwinkerte die Elfe Petra zu. Petra bedankte sich für die Auskunft, wusste aber immer noch nicht wirklich mehr. Ihre Neugierde aber wuchs. Sie wünschte sich ganz feste, dass nun ein Regenbogen am Himmel erscheinen würde, damit sie sehen konnte, wie die Wesen arbeiten. Sehnsüchtig schaute sie in die Ferne. Und da! Irgendwo musste es geregnet haben, denn ganz schwach sah sie die ersten Konturen eines Regenbogens. „Schaut schnell, dort“, Moro rief seine Freunde und zeigte in die Richtung des Regenbogens. Alle Wesen kamen herbeigelaufen. Wie auf Kommando packten sie alle ihre Sachen zusammen und waren in Windeseile weg. Petra sah ihnen lange nach, verlor sie aber bald aus den Augen.
Sie sah konzentriert zum Regenbogen. Und je länger sie schaute, umso stärker und kräftiger wurde er. Mit einem „Ähaämm“ machte sich Fredi bemerkbar.
Er zupfte solange an ihrem Ärmel, bis sie herunterschaute.
„Wieso bist du denn noch hier?“, wollte Petra wissen. Der Troll hüstelte. „Nun, weißt du, wir können Gedanken lesen. Und wir haben deinen Wunsch erkennen können, zu sehen, wie wir arbeiten. Und jetzt, da der Regenbogen erschienen ist, will ich dir ein wenig über unsere Arbeit erzählen. Petra staunte und freute sich. „Das ist aber sehr lieb von dir, Fredi. Danke sehr, ich freue mich und bin schon mächtig gespannt.“ „Schau!“ Mehr sagte er nicht.
Petra war, als sähe sie eine Leinwand, auf der ein Film abspielte. Sie konnte alles ganz genau erkennen: Dort waren die Regenbogenpolierer bei der Arbeit. Ihr Blick fiel auf Finti. Petra beobachtete sie. Das zarte Wesen war eifrig bei der Arbeit. Finti streute ein wenig Blütenstaub auf die Ränder der Farbe. Was das wohl zu bedeuten hatte? “Das macht Finti, damit die Farbe nicht verlaufen kann“, klärte Fredi die junge Frau auf, als er deren Gedanken sah. Derweil nahm die Elfe ihr Eimerchen, das mit Farbe gefüllt war und tauchte einen Lappen hinein. Am oberen Ende legte sie den Lappen auf die Regenbogenfarbe und – husch – rutschte sie hinunter.
Unten angekommen schlug sie kurz ihre Flügelchen und dann flog sie wieder hinauf. Finti nahm ein Fläschchen und schraubte es auf. Flink griff sie zu einem Lappen, tränkte ihn und legte auch diesen auf die oberste Stelle des Regenbogens. Petra stellte fest, dass die anderen Wesen genauso agierten wie Finti.
Einer nach dem anderen setzte sich auf den Lappen und – husch – rutschten sie runter. Der Regenbogen bekam noch ein bisschen mehr Glanz. Die ganze Prozedur wiederholten sie noch einmal. Diesmal mit Glanztuch, wie ihr Fredi erklärte. Das Ergebnis war überwältigend: Der Regenbogen war nun kräftig zu sehen.
Sie staunte und dankte Fredi, der die ganze Zeit an ihrer Seite blieb. Der kleine Kerl stand vor ihr, mit einem Finger auf die Lippen gelegt. Er flüsterte Petra zu: „So, gute Frau, jetzt weißt du, was wir tun. Aber behalte es bitte für dich. Es wird nicht jedem zuteil, das sehen zu dürfen.“
Petra bekam glänzende Augen und war ganz entzückt. Sie blieb noch eine Weile bei den Steinen sitzen, sah den Regenbogen verblassen und von ihren Freunden war nun keine Spur mehr…

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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