Peter Kröger

Der Gesang

 

Dass Esther, die Kurve schneidend, fernmündlich, unterstützt durch eine sogenannte Freisprechanlage, den Kleinkriminellen und Schwerenöter Unterstedter an den Unbotmäßigkeiten ihres Lebens teilhaben lassen wollte, verwundert bis heute alle, am meisten Unterstedter, dessen schlechter Leumund Esther bekannt gewesen sein dürfte.

Ich erinnere mich an herrliches Wetter im Mai, an einen Zeitungsartikel mit dem Titel Claqueure, Tenöre, der mehr hielt, als sein Titel versprach, indem er das Phänomen der Eitelkeit nicht nur als Motor künstlerischen Schaffens, sondern als eine mörderische Nasenbohrerei thematisierte und die Menschheitsgeschichte, offensichtlich ebenso in polemischer Absicht, als Schleim von innen, Dreck von draußen darstellte, und ich war hingerissen von diesem Veitstanz der Leidenschaft, wie er nur selten das Feuilleton durchzieht.

Esther also schneidet die Kurve an einer übrigens übersichtlichen Stelle und stellt fernmündlich-theatralisch Unterstedter vor die Wahl, entweder mit ihr, Esther, den Bund fürs Leben zu schließen oder sich zu verpissen, was Unterstedter, wie er mir später gestand, in nicht geringe Verwirrung stürzt, da er Esther erst seit Kurzem kennt und bislang wenig mit ihr erörtert geschweige denn ernsthaft ein Auge auf sie geworfen hatte. Er also zögert kurz, wer mag es ihm verdenken, dann sagt er: Warum nicht. Wenn du Schwierigkeiten machst, töte ich dich, flüstert Esther. Das versteht er.

Ein Weilchen danach, es muss ein kleines Weilchen danach gewesen sein, als Esther am verabredeten Ort anhält und mich sehnsuchtsvoll-prüfend anschaut. Längst hatte ich Claqueure, Tenöre ausgelesen und harrte der Dinge. Du wirst unser Trauzeuge, sagt sie, und ich nicke. Im Garten der Freundschaft des Ausflugsrestaurants bestellen wir Spargel und stoßen mit Grauburgunder an. Hinter einem Baum steht Unterstedter und wartet. Ausgelassen singen wir und loben den Tag.

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