Bernhard Pappe

Das Segelschiff (Die Geschichte in der Geschichte)


     1

Ich atme für einen Moment tief durch. Doch dann greife ich zum Telefon. Die Nummer meines Freundes ist schnell gewählt.

Das Rufzeichen in seiner Wiederholung schallt etwas jammervoll in mein Ohr hinein, am anderen Ende nimmt niemand das Gespräch an. Gerade will ich die Verbindung beenden als ein etwas abgehetztes, aber bekanntes „Hallo“ mein Ohr erreicht.

„Es ist schön, dass du wieder mal anrufst. Entschuldige, ich bin heute spät dran, aber ich musste nach Feierabend noch einkaufen. Gib mir einen Augenblick. Ich stelle die Einkäufe ab und ziehe mir eben die Jacke aus.“

Ich vernehme, wie er sein Telefon ablegt. Nicht näher identifizierbare Geräusche gelangen an mein Ohr. Alles dauert länger als einen Augenblick, was mir nur recht ist. So kann ich die Bitte, die ich an ihn habe, noch einmal in Gedanken durchgehen.

„Da bin ich wieder. Gibt es etwas Neues?“

Seine direkte Frage bringt das Gebäude meiner Überlegungen jäh zum Einsturz.

„In gewisser Weise schon“, beantworte ich seine Frage.

„Dann schieße los, wenn es eine gute Neuigkeit ist.“ In seinen Worten schwingt eine gewisse Neugier mit.

„Ich habe eine kleine Geschichte für eine öffentliche Lesung angemeldet und sie ist ausgewählt worden.“

„Gratulation mein Lieber. Ich habe dir mehrfach gesagt, dass du so einen Schritt mal wagen sollst. Ein schöner Erfolg für dich, finde ich. Kenne ich die Geschichte?“

„Nein, sie ist brandneu und das Konzept dazu habe ich mir im letzten Urlaub überlegt.“

„Lasse mich raten. Das Meer spielt eine Rolle darin?“ fragt er lachend.

„Stimmt“, ist meine knappe Erwiderung. Nach einer kleinen Pause füge ich hinzu: „Man will die Geschichte hören.“

Mein Freund lacht erneut und sagt, dass das bei Lesungen ja wohl nicht unüblich sei. Ich muss jetzt die Katze aus dem Sack lassen.

„Ich habe keine so angenehme Stimme. Meine Bitte an dich ist, ob du die Geschichte an dem Abend nicht lesen könntest.“

Ein Moment der Stille macht sich in der Telefonverbindung breit. Jeder Augenblick scheint einer Unendlichkeit zu entsprechen.

„Sei froh, dass du mein Gesicht jetzt nicht gesehen hast“, erklingt es am anderen Ende. „Du meinst das ernst, nicht wahr?“

„Sicher.“

„Wann?“

„Samstag in drei Wochen.“

Ich höre das Rascheln von Papier im Hintergrund.

„Ich kenne die Geschichte wirklich nicht?“

„Bestimmt nicht.“

„Ist die Geschichte gut?“

„So gut, wie die letzte.“

Ein letzter Augenblick der Stille beherrscht das Gespräch.

„Okay, ich komme. Es wird ein Abenteuer, das ist dir aber klar? Wer wird nach dem Telefonat mehr verblüfft sein, du oder ich?“

Es ist an mir, eine Pause des Nachdenkens einzulegen. Mein Freund hat Recht. Bei Lichte betrachtet stellen wir uns einem Abenteuer gleich einer Wanderung durch unbekanntes Land.

„Lasse uns darüber reden, wenn du hier bist“, antworte ich diplomatisch.

„Bei einem Glas Wein, schlage ich vor.“ Ich sehe sein Schmunzeln vor mir.

„Suchen wir die Wahrheit darin.“

„Ich weiß noch nicht genau, wann ich zu dir kommen kann. Wir klären die Details in den nächsten Tagen. Ist das okay? Ich freue mich jedenfalls auf die Herausforderung. Schlafe gut in dieser Nacht und ein interessanter Traum möge dich umfangen.“

„Für dich ebenso eine gute Nacht.“

Das Telefongespräch findet ein schnelles Ende. Meine Verwunderung über seinen Verlauf hält noch an. Er ist meiner Bitte gefolgt; er hat einfach so zugesagt, den Vorleser zu spielen, als hätte er nur auf dieses Abenteuer gewartet, um sich hineinzustürzen. Seine Bemerkung von vorhin scheint erneut auf. Wer ist nun verblüffter, er oder ich? Reicht ein Glas Wein für die vermeintliche „Wahrheit“? Wir werden es herausfinden.

     2

Ein paar Minuten verweile ich bereits auf dem Bahnsteig als der Zug mit meinem Freund darin endlich auf dem Gleis zum Stehen kommt. Die Türen öffnen sich, die Flut der Reisenden ergießt sich auf den Bahnsteig. Ich trete ein wenig zur Seite, um diesen Fluss ungehindert strömen zu lassen. Manche sind entspannt, andere hingegen wirken sichtlich froh, ihr Reiseziel endlich erreicht zu haben. Vielleicht hetzen sie auch nur zu einem Anschlusszug. Ich werde es nie erfahren und muss daran denken, dass ich mich als Kind, zusammen mit meinem Cousin, wenn ich seine Familie mit meiner Oma in den Ferien besuchte, gern auf dem Bahnhof aufgehalten habe. Da waren diese speziellen Gerüche, die die Zügen verströmten, die den ganzen Bahnhof auszufüllen schienen, ein ureigenes Parfum darstellten; da waren die Reisenden, die mit ihrem Gewimmel Lebendigkeit schufen; da waren die Schienen, die hier endeten oder ihren Anfang nahmen, weil es ein Kopfbahnhof war. Erinnerungen hüllen mich für einen kurzen Augenblick vollständig ein. Für mich war damals der Zug nicht einfach nur ein Verkehrsmittel… Die Erinnerung zerfällt mit der nächsten Sekunde.

Mein Freund steigt als einer der letzten Passagiere aus dem hintersten Wagen aus. Er ist sichtlich guter Laune, zieht einen kleinen Koffer hinter sich her und hat noch ein Buch in der linken Hand, was ihm als Reiselektüre gedient haben muss. Wir gehen aufeinander zu, um uns zur Begrüßung herzlich zu umarmen.

„Wie war die Fahrt hierher?“ will ich wissen.

„Sehr entspannt. Der Zug war gar nicht so voll, aber ich reserviere zur Sicherheit immer einen Platz. Ich habe ja Lesestoff dabei, da kommt keine Langeweile auf.“

Ich schaue auf das Buch in seiner Hand. Ich kenne es gut. Es ist ein alter Band mit Erzählungen aus der deutschen Romantik. Er hat früher schon oft darin gelesen.

„Diese Geschichten faszinieren dich noch immer.“

Als Bestätigung ernte ich ein Kopfnicken.

„Warte einen Moment. Ich will das Buch schnell im Koffer verstauen.“

„Ich bin mit öffentlichen Verkehrsmitteln hier, um dich abzuholen. Die Parkplatzsuche am Bahnhof geht mir immer auf die Nerven.“

„Das stellt kein Problem dar. Es ist schönes Wetter. Wir könnten zu dir schlendern, unterwegs einen Espresso nehmen. Wie lange brauchen wir?“

„Das hängt von uns ab. Normales Laufen wird uns mindestens 20 Minuten kosten, Schlendern hat am Ende mehr auf der Uhr“, entgegne ich meinem Freund.

„Auf geht’s“, ruft er fröhlich.

Ich weise auf seinen Koffer. Er winkt ab.

„Der ist ein luftig leichtes Wesen. Für ein paar Tage braucht der Mensch nicht viel.“

Wir streben dem Ausgang zu und befinden uns in der Innenstadt. Es ist noch recht früh am Tag. Viele Läden öffnen gerade erst. Die Straßen räkeln sich in der Sonne, um zu vollem Leben zu erwachen. Ich zeige auf ein eher unscheinbares Haus.

„In dem Gebäude ist so eine Art freies Kunstzentrum. Hier findet auch die Lesung am Samstag statt.“

„Unser Abenteuerspielplatz?“ er lacht und wir setzen den Weg fort.

Weit kommen wir nicht, weil uns Sonnenplätze in ein Café locken. Mein Freund steuert zielsicher auf einen Platz in vorderster Reihe zu.

„Ein herrlicher Ort für einen Espresso.“

Ich setze mich zu ihm.

„Es ist schön, wieder einmal hier zu sein und dazu das herrliche Wetter“, ruft er aus. Mit ausgestreckten Beinen macht er es sich gemütlich.“

„Wann warst du das letzte Mal hier?“ will ich wissen.

„Reden wir nicht davon. Das ist Vergangenheit.”

Er wendet sich seinem Koffer zu und zaubert Stift und Block daraus hervor. Mit wenigen Strichen entsteht eine Skizze jenes Ausblickes, den wir von unseren Sitzplätzen auf die Gebäude und die Menschen haben.

„Deine Skizze ist so flüchtig, wie der Augenblick ihrer Entstehung. Das ist bewundernswert.“

Sein Lächeln ist Antwort genug. Block und Stift wandern in den Koffer zurück. Der Espresso kommt. Wir trinken ihn in kleinen Schlucken, da ist keine Hektik, die den Moment hätte verderben können. Die Stadt pumpt Passanten durch ihre Adern. Menschen-Eile breitet sich aus. Wir erheben uns, um nun ein Bestandteil dieses Flusses zu werden.

„Ich denke gerade an deine Kurzgeschichte über die Flaschenpost. Jetzt kannst du den Koffer ein wenig über die Wege kutschieren. Keine Angst, er wird dir keine Last werden.“

Mit einem verschmitzten Lächeln drückt er mir den Koffergriff in die Hand. Der Koffer ist wirklich ein Leichtgewicht. Wir schlendern weiter die Straßen hinunter und ich muss zugeben, dass es eine gute Idee war, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Niemand von uns schaut auf die Uhr als wir meine Wohnung erreichen.

     3

„Gehen wir heute noch einkaufen?“ höre ich meinen Freund fragen.

„Können wir“, erwidere ich.

„Gibt es um die Ecke den Feinkosthändler noch?“

„Klar, warum?“

„Ich habe da so eine Idee für den Abend.“

Eine Stunde später stehen wir vor der Ladentheke. Mein Freund wählt diverse Antipasti-Sorten und Oliven aus.“

„Führen sie auch einen kräftigen Chianti?“

Der Verkäufer nickt.

„Gut, dann zwei Flaschen bitte.”

Wir verlassen das Geschäft mit dem reichlichen Einkauf beladen.

„Jetzt bist du gefordert. Wo gibt es gutes dunkles Brot?“

„Zwei Straßen weiter gibt es einen Biobäcker, dessen Brot recht gut ist. Ich hoffe, wir bekommen noch dunkles Brot. Um diese Zeit herrscht dort Hochbetrieb.“

„Machen wir uns auf den Weg.“

Wir haben Glück und ergattern eines der letzten dunklen Brote, welchem ein betörender Duft entsteigt.

„Auch eine Art der Verführung“ merkt mein Freund an. Ich nicke zustimmend.

„Bitte, sei mir nicht böse, aber ich muss nachher noch ein paar Kleinigkeiten per Computer erledigen.“

„Nimm dir die Zeit, die du benötigst, aber auch nicht mehr. Ich verziehe mich mit einer Tasse Kaffee auf den Balkon zum Lesen. Behalte im Hinterkopf, der Garten des Epikur harrt deiner Anwesenheit.“

Ich bereite ihm einen Kaffee und er macht sich damit auf den Weg zum Balkon, die Romantik in Buchform unter dem Arm. Murphy‘s Gesetz wirkt auf meine Kleinigkeiten ein. Natürlich brauche ich für sie länger, meine Zeitplanung gerät ins Straucheln. Mein Freund kommt herein als ich mit einem schlechten Gewissen den Laptop zuklappe.

„Na, alles erledigt und geklärt?“

„Ja“, seufze ich.

„Dann ist es Zeit für den Garten des Epikur.“

„Ich wollte dich vorhin schon fragen…“

„Lasse uns die Antipasti, das Wasser und den Wein nach draußen bringen!“

Wir decken gemeinsam den Tisch. Es passen nicht alle Speisen auf den Balkontisch. Die Sonne hat die Gelegenheit genutzt, dem Horizont deutlich näher zu kommen. Hatte ich zu viel Zeit für meine Kleinigkeiten geopfert?

„Mache dir keine Gedanken, der Abend ist noch jung.“

Wir sprechen den Antipasti zu und der Chianti passt hervorragend zum Essen. Ich nehme mir vor, den Feinkosthändler für seine Empfehlung beim nächsten Einkauf zu loben. Es wird ein Lächeln in sein Gesicht zaubern.

„Nun sitzt du mitten in deinem persönlichen Garten des Epikur“, beginnt mein Freund. „Ein einfaches Mahl und philosophische Gespräche, was willst du mehr an einem lauen Sommerabend, den man uns schenkt?“

„Die Antipasti, der Wein für den Abend, das muss ich zugeben, waren eine phantastische Idee“ erwidere ich frohgelaunt.

„Wir sind mitten im Abend drin, ergo ist es immer noch eine phantastische Idee.“ Er nimmt die Flasche zur Hand und gießt in beide Gläser ein. Die Flasche ist leer. „Sorge du für Nachschub. Ich richte derweil die verbliebenen Antipasti an. Und bringe deine Geschichte mit. Du hast gewiss ein ausgedrucktes Exemplar.“

Ich verschwinde im Arbeitszimmer. Dort zieren seit Tagen die Blätter mit der Geschichte den Schreibtisch. Ich nehme sie an mich, wenn auch mit einer gewissen Unruhe. Ich will diese Geschichte öffentlich präsentieren, er soll sie gar für mich vorlesen. Jetzt schon Lampenfieber? Als ich zum Balkon zurückkehre, den geöffneten Wein und die Blätter in der Hand, sitzt mein Freund bereits erwartungsvoll an dem neuerlich gedeckten Tisch. Ich stelle die Flasche ab, reiche ihm die Blätter und setze mich.

„Ich habe mir gerade vorgestellt, dass Epikur uns nun zulächelt. Wer weiß, vielleicht lugt er hinter dem Abendrot hervor“, bricht er das Schweigen. „Du hast Bedenken?“

Ich zucke wortlos ein wenig mit den Schultern. Mein Freund ist bereits in die Lektüre vertieft. Der Wein leuchtet blutrot im Sonnenlicht. Ich nehme einen Schluck und trete mit dem Glas an die Balkonbrüstung. Der Himmel hat eine intensivere Farbe angenommen. Hoch droben ist längst ein halber Mond erschienen, der dem Sonnenuntergang frönt. In der Urbanität sinkt die Sonne hinter Häusern der Horizontlinie entgegen. Man ist eben nicht am Meer.

„Wünscht du dich in diesem Augenblick in jenes Lokal am Strand zurück?“ Mein Freund steht jäh mit seinem Weinglas hinter mir, ohne dass ich ihn vernommen habe.

„Ja, das könnte für den Moment mein Wunsch sein“, beantworte ich seine Frage wahrheitsgemäß.

„Der Wunsch zu erfahren, wie mir deine Geschichte gefallen hat, der ist größer, nicht wahr?“

„Das kann ich ruhig zugeben. Kein Problem. Ist das so offensichtlich?“

„Setzen wir uns wieder und du schenkst noch einmal die Gläser voll“, ist seine knappe Antwort. „Ich habe da zwei Rotweinflecke auf dein Manuskript gezaubert.“

„Wir können das zu jeder Zeit wieder ausdrucken.“ Er wiegelt mit einer kurzen Geste ab.

„Auf keinen Fall. Das wird eine Lesung mit Originalmanuskript. Die Geschichte musste ich gleich zweimal lesen. Sie hat etwas Fesselndes, das ich nicht so genau zu beschreiben vermag. Außerdem muss ich den Text recht gut kennen, wenn ich ihn halbwegs flüssig lesen will und das will ich immer noch.“ Er legt seine Hand kurz auf meinen Arm, eine Geste der Verbundenheit. „Epikur hätte dir in seinem Garten sicher gebannt gelauscht. Schließlich gab es zu seiner Zeit ebenso ein Meer, einen Strand, Segelschiffe und Menschen, die zum Horizont schauen. Mit all dem bist auch du ein Philosoph.“

„Danke“ murmele ich eher leise.

Er erhebt sein Glas und wir stoßen an.

„Salud, mein Freund, auf den morgigen Abend!“

„Salud!“ erwidere ich mit fester Stimme.

Wir reden noch sehr lange über Epikur, seinen Garten, über moderne Philosophie, wie den Existenzialismus. Aber auch darüber, dass sich die Probleme und Sehnsüchte der Menschen seit der Antike gar nicht so verändert haben, wenn man mal von ihrer Verpackung absieht. Morpheus breitet zu später, besser früher Stunde, seine Arme aus. Kein Wunder, nach fast zwei Flaschen Chianti empfängt er uns beide mit wohliger Süße.

     4

Nach einer erholsamen Nacht erwachen wir beide fast gleichzeitig. Der Rausch des Weines ist spurlos vergangen. Ein geruhsames Frühstück tut uns gut.

„Wann fängt die Lesung am Abend an?“ will mein Freund wissen.

„19.30 Uhr liest der erste Autor. Meine Geschichte ist die dritte.“

„Also sind wir so um 19 Uhr vor Ort, richtig?“ Er reibt sich ein wenig die Hände. „Lass uns zum See fahren. Eine Rundfahrt auf dem Wasser oder einfach nur ein langer Spaziergang, ein kleiner Imbiss.“

Ich nicke zur Bestätigung. „Das beruhigt die Nerven und eben das werden wir beide am Abend brauchen können.“

Mein Freund schmunzelt.

Der Tag verläuft genauso, wie er ihn nach dem Frühstück gedanklich skizziert hat. Nicht, weil sich eine Erwartung, ein Plan erfüllt haben, sondern, weil wir beide den Tagesverlauf so gewollt haben, kommt mir am Abend in den Sinn.

Gefühlte Minuten später sitzen wir bereits in der Straßenbahn, die uns zur Veranstaltung bringt. Von der Haltestelle bis dorthin ist es nur ein kurzer Fußweg. Mein Freund schiebt mich sanft durch den Eingang als er mein unterschwelliges Zögern bemerkt. „Bange machen gilt nicht. Dafür ist es eh zu spät“, flüstert er in mein Ohr.

Der Veranstaltungsraum liegt im ersten Stock. Es begrüßt uns ein junger Mann, bei dem ich vor Wochen meine Lesung angemeldet habe.

„Schön, dass ihr kommt. Manchmal verlässt die Hobbyautoren auch der Mut und sie kneifen kurz vor Toresschluss, meint er vielsagend.

Ein paar Stühle sind mit überwiegend Jüngeren bereits besetzt. Publikum oder Autor? Es lässt sich nicht unterscheiden. Alle sind leger gekleidet. Zumeist werden Jeans und T-Shirts getragen. Hier und da lugt ein Tattoo unter der Kleidung hervor. Ich schaue auf meine Uhr. In gut 10 Minuten ist der Beginn der Lesung. Der Raum füllt sich allmählich. Das Publikum scheint mir gemischter zu werden, das trifft auf das Alter und ebenso auf den Habitus der Menschen zu. Einzelne Stühle bieten noch Sitzplätze feil. Eine jüngere Frau nimmt eilig links vor mir am Rande der ersten Reihe einen Platz ein. Der Mann, der uns am Eingang empfangen hat, erklimmt die Bühne für eine Begrüßung. Ich bemerke, dass er sich umgezogen hat. Das T-Shirt ist einem Hemd gewichen, über dem ein knallrotes Jackett sitzt.

„Ein herzliches Willkommen an euch alle. Durch euch wird diese Veranstaltung möglich.“ Er macht eine ausladende Geste, die den Raum überstreicht. „Sie wird ebenso möglich durch den Mut der Autoren, die hier ihre Geschichten präsentieren. Es gibt immer wieder bekannte Gesichter, die den Worten lauschen und es gibt eine Wiederkehr von Autoren. Am heutigen Abend sind alle Autoren neu in dieser Runde. Ich überlasse es ihnen, ein paar Worte über sich zu sagen oder einfach nur ihre Geschichten auf das Publikum wirken zu lassen. Im Nachgang kann ohnehin jeder mit jedem reden. Also, Bühne frei.“

Die Bühne ist eine leichte Erhöhung, auf der ein quadratischer Tisch mit einem Mikrofon steht. Sie wird nun von einem jungen Mann okkupiert. Das Publikum applaudiert ihm. Er stellt sich als Schüler vor, dem sein Deutschlehrer Mut gemacht hat, doch ein paar seiner Gedanken in Worte zu fassen. Seine Geschichte schildert das Verhältnis zwischen zwei Menschen, die sich nicht sicher sind, ob es für sie eine Freundschaft gibt oder ihre Verbindung gar tiefer reicht. Der Autor lässt die Möglichkeit einer gleichgeschlechtlichen Liebe anklingen. Die Erzählung hat kein Happyend. Freundschaft oder gar Liebe deuten sich als mögliche Handlungsstränge nur an. Die Grundintensionen der Erzählung scheinen vielmehr, Kommunikation und das gegenseitige Verstehen zu sein. Das Publikum reagiert mit viel Applaus und der junge Mann verlässt, sichtlich erleichtert, die Bühne.

Auf ihr nimmt eine Frau Platz. Sie mag Mitte Zwanzig sein. Das ist schwer einzuschätzen. Das Leben hat ihr nicht immer wohlwollend mitgespielt. Ihr Gesicht verrät es. Einleitend sagt sie, ohne sich wirklich vorzustellen, dass sie etwas Autobiographisches lesen wolle, um anderen Mensch Mut zu machen. Sie sei überzeugt, sie sei mit ihrem Erleben nicht allein. Ihre Geschichte erzählt von einem Elternhaus, das sehr leistungsorientiert ist. Mutter und auch Vater werden als die üblichen Leistungsträger der heutigen Gesellschaft beschrieben. Natürlich muss sie Abitur machen, natürlich muss sie ein Studium beginnen, welches nach seinem Abschluss ausreichende Karrieremöglichkeiten verspricht. Alles endet mit einem Knall und gipfelt in einem Burnout. Sie schildert ihren Weg, all dem zu entkommen und sie deutet an, dass dieser Weg für sie noch nicht zu Ende ist. Die Geschichte ist faszinierend, hoch emotional und bedrückend zugleich. Das Publikum hält, nachdem die letzten Worte abgeklungen sind, kurz inne, um anschließend die Frau mit einem kräftigen Applaus zu bedenken.

„Danke. Entschuldigt mich!“ sagt sie zaghaft und eilt aus dem Raum. Ich habe sie im Anschluss nicht wieder entdecken können.

Wem die Stunde schlägt, der Gedanke trifft mich wie ein Blitz. Wir sind unweigerlich an der Reihe. Mein Freund betritt mit einem beherzten Schritt die Bühne und nimmt Platz. Er fingert das Manuskript aus der Innentasche des Jacketts, streicht es glatt und lächelt, zu meiner Verwunderung, die junge Frau in der ersten Reihe an.

„Ich muss vorausschicken, dass ich nicht der Autor des Textes bin, sondern nur der Vorleser!“, beginnt er einleitend. „Der Autor sitzt dort unten.“ Mit einer knappen Geste der linken Hand weist er in den Raum. Ich rühre mich nicht auf meinem Stuhl. Sind alle Blicke auf mich gerichtet? Nein, er zieht die Aufmerksamkeit auf sich. „Die Fahrt beginnt“.

 

Das Segelschiff

 

Der Weg am Strand entlang zum Leuchtturm ist immer ein Vergnügen. Es ist gut, dass diese Insel so viele Strände hat, die man erwandern kann. Man nennt sie auch die größte Sandkiste der Welt. Heute braucht der Tourismus Superlative, um Verlockungen zu präsentieren. Links von mir prangen die Zeichen der Urbanität. Gebäude reiht sich an Gebäude und nicht wenige von ihnen scheinen die Felsen des beginnenden Inlandes regelrecht zu erklettern. Der Gehweg vor ihnen und die benachbarte Autostraße, sie sind die Adern pulsierenden Lebens. Menschen suchen Unterhaltung, Einkaufsmöglichkeiten, schwimmen gern in diesem Strom. Ich hingegen bevorzuge den Strand. Natürlich ist man hier nicht allein. Doch er ist weitläufig und jeder findet auf ihm seinen Freiraum. Zu meiner Linken das Urbane und zu meiner Rechten der Ozean mit seiner schieren Weite, ich finde die Kombination faszinierend. Als müsse man nur ein Schiff besteigen, zum Horizont aufbrechen und schon wäre man der Urbanität entkommen.

Ich glaube, alle Inseln vermitteln den Eindruck, dass auf ihnen der Wind von vorn kommt. Das stört mich nicht. Er ist lau und warm und gegen ihn anzulaufen hat seinen Reiz. Zudem bin ich von der Hoffnung erfüllt, in der Strandbar am Leuchtturm einen guten Platz zu ergattern, um einige Zeit dort zu verbringen, dem Ozean zuzuschauen und den Menschen um mich herum aufmerksame Blicke zu widmen. Ein Vergnügen, welches ich mir bereits viele Jahre gönne. Ich stelle mir dann vor, wie die Menschen so sind, die mich umgeben. Was treibt sie um, was verschlägt sie hierher? Kann man es an ihnen ablesen, an ihrer Kleidung, an ihren Gesten, an ihrer Mimik? Ich lege keine Eile an den Tag. Immer wieder mal werfe ich einen Blick auf den Ozean und den Horizont, halte einfach inne – der Strand, eine Zone kurzer Meditation.

Ich bin am Leuchtturm angelangt und biege Richtung Strandbar ein, die sich unmittelbar an seinem Fuße tummelt. Im Grunde eine komische Formulierung, denn ein Leuchtturm hat keine Füße. Vielleicht einen Fußpunkt. Mein Wunsch geht in Erfüllung und ich kann an einem kleinen Tisch, der mit seinen Beinen schon im Sand des Strandes steht, Platz nehmen. Wer hat mich da erhört und den Wusch erfüllt? Die einfachere Erklärung ist, dass sich neben mir ein Sonnenschirmständer emporreckt, aber dem das Wichtigste fehlt, sein Schirm. Mich stört die Sonne nicht, die am Himmel längst ihren Zenit für heute überschritten hat. Die Bedienung erfüllt mir meine weiteren Wünsche nach einem Carrajillo und einem Glas Tropical.

Ich sehe mich um. Die Bar ist gut besucht. Ich trinke den Carajillo langsam aus und widme mich dem Glas Tropical, das durch seinen kalten Inhalt beschlägt. Menschen kommen und gehen. Die einen verweilen etwas länger. Andere legen scheinbar nur eine Verschnaufpause ein. Ein Segelschiff schiebt sich in mein rechtes Blickfeld. Es ist ein Zweimaster, die man nicht so häufig sieht. Im kleinen Hafen von Morro del Jable ankern zumeist nur kleinere Segelboote. Natürlich gibt es ebenso ein etwas größeres Ausflugsboot für Touristen, die ein wenig auf dem Ozean herumschippern wollen. Nein, das hier ist nicht jenes Schiff. Mir sticht ins Auge, dass es nur an einem Mast wirklich Segel gesetzt hat. Ich nippe an meinem Glas Tropical und schaue mich erneut in der Bar um. Das Kommen und Gehen um mich herum hält an.

Das Segelschiff ist immer noch da. Es ist nun links von mir und wirkt jetzt etwas kleiner. Zögert es, Fahrt zum Horizont aufzunehmen? Es pendelt zwischen meinem Links und meinem Rechts. Mit jedem Pendelschwung entschwindet das Schiff ein wenig mehr. Noch immer flattern nur an einem Masten Segel im Wind. Unvermittelt hält es geradewegs auf den Horizont zu. Die Erdkrümmung wird es meinem Blickfeld entziehen. Ich kann mit bloßem Auge immer noch die Masten erkennen. Schade, denke ich, es war ein interessantes Objekt für meine Beobachtung. Wenn ich bis zum Sonnenuntergang bleiben will, dann sollte ich mir noch ein kleines Glas Tropical gönnen. Ich halte nach der Bedienung Ausschau, um ihr meinen Wunsch zu übermitteln

Zu meiner Überraschung wendet das Segelschiff und nimmt Kurs auf den Strand, als wäre da eine Furcht, weiter hinaus zu segeln. Ich bin so verblüfft, dass ich beinah mein „Gracias“ für das bestellte Tropical vergesse. Mag sein, dass der Skipper nur ein wenig kreuzen und Ozean und Wind genießen will. In mir keimt eine andere Gedankenkette auf. Was, wenn da wirklich ein Zögern ist? Was ist wirklich hinter dem Horizont? Das Unbekannte! Für viele Menschen hat es etwas Erschreckendes. Ich stelle mir vor, dass dort draußen eine Art Barriere ist, die ich überwinden müsste. Eine Imagination, die antikem Denken entspringen könnte. Was man heute die Meerenge von Gibraltar nennt war in der Antike das vermeintliche Ende der Welt und ich sitze am Strand einer Sonneninsel, die im Atlantik viel weiter draußen liegt. Wenn die Erde eine Scheibe wäre, dann könnte der Skipper mit seinem Boot ihren Rand erreichen. Was dann? Der Horizont, er ist nur etwas für Furchtlose und Draufgänger, denke ich mir. Wer weiß, vielleicht gehören Skipper und Mannschaft nicht in jene Kategorien. Das Segelschiff kommt recht nah an den Strand heran. Die Segel sind ein wenig schlaff. Es benötigt im Augenblick wohl Motorunterstützung für sein Fortkommen. Das Boot schlägt den Weg nach rechts Richtung Hafen ein und entzieht sich recht schnell meinem Blick.

Ich nehme einen Schluck Tropical. Das Getränk ist in seinem Glas etwas warm geworden. Die Sonne steht recht tief und im Glas leuchtet das Bier auf, wie pures Gold. Gold für die Kehle. Ich muss schmunzeln und nehme einen kräftigen Schluck. Ich begleiche bei der Bedienung schon mal die Rechnung. Die Bar hat sich etwas geleert. Nicht jeder steht auf Sonnenuntergänge und zieht um diese Zeit den Weg zum Hotel vor. Die Sonne nähert sich dem Horizont. Sonne und ein paar Wolken, die sich irgendwie herangeschlichen haben, versprechen ein imposantes Schauspiel am Horizont. Das Segelschiff lässt meine Gedanken nicht los. Hat es mit dem Horizont gespielt oder der Horizont mit ihm? Wird es morgen wiederkommen, um einen erneuten Versuch zu wagen, das Ende der Welt zu finden? Die Sonne hat die Horizontlinie fast erreicht. Es ist der Tag der Wunscherfüllung. Das Schauspiel, das sie bietet, ist imposant. Neben mir hat sich jemand erhoben, um all das auf ein Foto zu bannen. Ich kenne das Spiel, die Emotionen eines solchen Augenblicks lassen sich jedoch nicht auf einer Speicherkarte ablegen oder auf ein Papierbild bannen.

Die Sonne ist abgetaucht und sendet letzte zart rote Grüße. Sie kennt keine Ängstlichkeit und beendet ihre Tagesreise hinter dem Horizont. Die Bedienung räumt bereits auf, fegt den Sand, den die Besucher in die Bar verschleppt haben, wieder hinaus. Man will nach Sonnenuntergang schließen. Die Decke der Abendkühle legt sich über den Strand. Menschen-Leere breitet sich um mich herum aus. Ich gehe zum Wasser und lasse meine Füße umspülen. Der Ozean ist immer in Bewegung. Welle um Welle rollt heran. Kommt sie von weit draußen, von da, wo das Ende der Welt liegen mag oder ein neuer Anfang?

 

Mein Freund hält kurz inne. Es gibt Applaus, der geringer ausfällt als für die Burnout-Story. Gilt er dem Vorleser oder der Geschichte? Wer vermag das zu trennen. Ein ebenso beherztes Hinab von der Bühne und er steht neben mir. Das Publikum zerstreut sich etwas, aber zwei Männer klopfen mir auf die Schulter und gratulieren mir zur guten Geschichte. Man hat mich als Autor identifiziert. Andere winken mir zu. Ich erwidere ihre Geste.

„Du hast den Text großartig gelesen“, äußere ich mein Lob in Richtung des Freundes.

Im Gegenzug legt er den Arm um meine Schulter. „Es gibt hier ganz sicher keinen Carrajillo oder ein Tropical, aber sicher ein Glas passablen Rotweins.“ Ich spüre die schwindende Anspannung in seiner Stimme. „Keine Angst, die Lesung hat mir Spaß gemacht.“ Sein Lachen ist eine kleine Erlösung. Wir wenden uns dem Nachbarraum zu, den man mit ein paar Stehtischen in eine provisorische Bar umgewandelt hatte. Es befinden sich auch ein paar Sitzgelegenheiten im vorderen Teil des Raumes und wir ergattern für uns Plätze. Ich sehe, wie mein Freund lächelt und ich schaue in die Richtung seines Blicks. Jene junge Frau, die die Lesung von der ersten Stuhlreihe aus verfolgt und der mein Freund vom Podium aus ein Lächeln geschenkt hatte, kommt nun auf uns zu. „Darf ich euch ein wenig Gesellschaft leisten?“. Sie setzt sich neben mich, ohne eine Antwort abzuwarten.

„Wir wollten zum Abschluss ein Glas Wein zu uns nehmen. Was darf ich dir anbieten?“ höre ich meinen Freund sagen.

„Das ist lieb von dir. Ich nehme ein Glas Grauburgunder, wenn es ihn gibt oder auch ein Glas Riesling. Und ihr? Rotwein nehme ich an?“

Mein Freund macht eine Geste in unsere Richtung. „Ich hole den Wein und du machst Konversation mit unserem Gast.“

Er wird ein Weilchen brauchen, denke ich. Es hatte sich bereits eine kleine Schlange an der Getränkeausgabe gebildet. Etwas verlegen schaue ich mir die junge Frau an. Sie ist schlank, trägt Jeans und ein recht auffälliges T-Shirt. Ein Gemisch aus Zitaten diverser Kunstepochen und moderner Utensilien, wie Kopfhörer, ist darauf erkennbar. Vielleicht hat das Bild meinen Freund fasziniert. Ich muss für mich zugeben, dass die junge Frau verführerisch hübsch ist. Blonder Haar, das einen leichten Hauch Rot nicht verhehlen kann, rahmt ein einnehmendes Gesicht ein.

„Euer Teil der heutigen Lesung hat mir persönlich am besten gefallen“, bricht sie mein Schweigen und Schauen auf.

„Danke“, sage ich halblaut. „Die Story über den Burnout hat jedenfalls mehr Applaus bekommen.“

Ihre Augen wenden sich mir voll zu. „Es liegt an euren Worten.“

„Sicher…“

Mein Freund kommt mit einem Tablett und drei Weingläsern zurück.“

„Grauburgunder für die Dame, wie bestellt und für uns habe ich einen leichten Roséwein ausgewählt.“

Wir erheben die Gläser, um anzustoßen.

„Auf den gelungenen Abend!“ skandiert er.

„Der Applaus ist nur ein sehr oberflächliches Messinstrument für die Wirkung, die ihr erzielt habt“, sagt unser Gast sanft, aber eindringlich. Sie wendet sich meinem Freund zu. „Du hast diese Geschichte sehr emotional und mit tiefer Verbundenheit zu den Worten gelesen. Der Text ist fabelhaft in seiner Nachdenklichkeit. Jeder im Raum konnte sich vorstellen, selbst an so einem Tisch zu sitzen und so ein Boot zu beobachten. Alle kennen Furcht, gar Angst vor etwas Unbekanntem. Ihr habt die Menschen zusammen tief berührt. Das konnte ich sehr intensiv spüren. Da gibt es keinen donnernden Applaus, da steigt ein Erfühlen empor.“ Es klingt als wolle sie das alles noch tiefer erklären, aber sie bricht hier ab.

Mein Freund beugt sich ungläubig vor, dreht sein Weinglas in den Händen, wohl, um diesen eine Tätigkeit zu geben.

„Gut, ich hatte das Gefühl, dass alles recht gut gelaufen ist. Immerhin lese ich nicht jeden Tag eine Geschichte vor Publikum. Die Worte haben sich da oben gut ineinandergefügt. Ein gewisser Automatismus. Nein, das ist falsch. Ein Vertrauen erfasste mich…“, auch er beendet seine Rede nicht.

Unser Gast nimmt einen großen Schluck vom Wein und blickt uns beide nacheinander an.

„Stimmt. So könnte man es auch beschreiben. Du hast einen Text gelesen, den du nicht hättest schreiben können. Umgekehrt gilt das auch. Der Dichter hätte seinen Text nicht in dieser Form lesen können. Eure Symbiose hat hingegen auf wunderbare Weise funktioniert. Das müsst ihr euch bewahren, weil es etwas Besonderes ist.“

Sie hatte dem Vorlesen meiner Geschichte nicht nur oberflächlich gelauscht. Ein kleines Schweigen drängt sich in den Raum, der voller Menschen ist, die schwatzen und lachen.

„Verrate uns deinen Namen“, drängt mein Freund plötzlich.

Die junge Frau trinkt ihren letzten Schluck Wein. Bedächtig setzt sie ihr Glas ab.

„Es war ein wunderbarer Abend für mich. Mein Dank an euch. Das gilt auch für die Einladung zum Wein.“

Mein Freund nickt leicht. Er legt seine Hände auf den Tisch. Eine Geste der Annäherung?

„Namen sind Schall und Rauch“, fährt sie fort. „Sie sind nicht wichtig. Ich könnte die Jennifer aus der Geschichte mit der Flaschenpost sein. Die Geschichte müsst ihr unbedingt mal in einer Lesung präsentieren. Vielleicht bin ich auch Marie und den Gedanken an sie wäre hiermit Gestalt verliehen. Es gibt viele Wahrheiten…“

Sie nutzt geschickt den Überraschungsmoment, um sich zu erheben, den Raum zu durchqueren und mit einer kurzen Abschiedsgeste durch die Tür zu entschlüpfen. Ich spüre, dass mein Freund ihr nacheilen möchte und ich lege meine Hand auf seinen Oberschenkel.

„Sie hat Recht, es gibt viele Wahrheiten“, ich versuche Sanftheit, gar ein wenig Trost in meine Stimme zu legen. Ich halte mein Glas gegen das Licht. Der Wein schimmert darin. „Sie liegen nur nicht hierin. Lasse uns auf diesen wunderbaren Abend trinken.“
 

© BPa / 06-05-2018

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Bernhard Pappe).
Der Beitrag wurde von Bernhard Pappe auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Mein Parki - Heute / Alltag nach vielen Jahren (Parkinson-Gedichte 2) von Doris Schmitt



Das Buch handelt von Gedichten über Parkinson nach vielen Jahren. Das 1. Buch wurde 2015 veröffentlicht und beschreibt die ersten Jahre mit der Krankheit Parkinson.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Einfach so zum Lesen und Nachdenken" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Bernhard Pappe

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Bootshaus am See von Bernhard Pappe (Besinnliches)
Menschen im Hotel III von Margit Farwig (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Furunkel von Marina Juric (Autobiografisches)