Heinz-Walter Hoetter

Elfiejenne, die zu den Sternen reist

Vor langer Zeit in einem fernen Land, wo die grenzenlos weite Landschaft im Winter für viele Monate noch mit einer dicken, weiß glitzernden Schneedecke überzogen war, da lebte einmal eine alte Frau namens Elfiejenne in einer weit abseits gelegenen Gegend einsam und allein in einer einfachen Holzhütte.


 

Ihr einziger treuer Begleiter war ein Schäferhund, den ihr mal ein zufällig vorbeiziehender Reitersmann vor vielen, vielen Jahre geschenkt hatte, als er in ihrer Hütte wegen eines heftigen Schneesturmes vorübergehend verweilen musste.


 

Nachdem sich der Schneesturm wieder gelegte hatte, zog er weiter und ließ den damals noch jungen Welpen bei ihr einfach zurück. Da sie nicht wusste, wie er hieß, gab sie ihm den Namen Akron und zog ihn mit viel Liebe und Hingabe auf.


 

Als Akron schließlich groß und stark geworden war, nahm sie ihn oft mit auf ihre langen Wanderungen durch die schöne Landschaft, welche durchzogen war von dichten Wäldern, grünen Wiesen und weiten, fruchtbaren Feldern. Es gab auch einige sehr fischreiche Seen, die im Winter mit einer dicken Eisschicht zugefroren waren, sodass man sie von einem Ufer bis ans andere leicht überqueren konnte. Akron war auch immer dabei, wenn Frauchen ein Loch ins Eis schlug um Fische zu fangen, von denen er stets welche abbekam, weil sie so gut schmeckten.


 

So gingen die Jahre wie im Flug dahin und eines Tages dann war Elfiejenne eine alte Frau geworden, die achtzig Sonnenumläufe hinter sich hatte und langsam merkte, dass sie nicht mehr lange leben würde.


 

Eines Abends, als sie wieder einmal in ihrer kleinen Hütte vor dem Kaminfeuer saß , merkte sie, wie ihr Hund Akron plötzlich unruhig wurde. Er rannte aufgeregt zur geschlossenen Tür, lief vor ihr hin und her und bellte dabei laut. Trotz ihrer Zurufe konnte die alte Frau den Hund nicht beruhigen, der wohl etwas gewittert haben musste.


 

Elfiejenne erhob sich schließlich aus ihrem gemütlichen Sessel, zog eine warme Jacke an und ging mit Akron vor die Tür. Kaum war der Schäferhund draußen, sprang er in den tiefen Schnee und lief los. Elfiejenne nahm ihren alten Krückstock und folgte ihm langsam so gut es ging.


 

Es war eine ruhige, eiskalte Nacht. Der Mond war nur eine dünne Sichel und am klaren Nachthimmel blitzten und glitzerten unendlich viele Sterne, sodass die alte Frau trotz der Dunkelheit noch etwas sehen konnte.


 

Als sie so durch den schweren Schnee stapfte, sah Elfiejenne am fernen Horizont plötzlich eine Sternschnuppe herabfallen, die mit rasender Geschwindigkeit direkt auf sie zukam und alsbald am Rande eines nah gelegenen Wäldchens laut zischend im Schnee versank.


 

Akron hatte alles mitbekommen und lief jetzt wie wild geworden zu der Stelle hin, wo die Sternschnuppe niedergegangen war. Die alte Frau hörte ihn in der Ferne bellen und so wusste sie auch, wo sich ihr Hund genau befand.


 

Bedächtigen Schrittes erreichte sie endlich jenen Ort, wo die Sternschnuppe zischend und dampfend in den hohen Schnee gefallen war. Dann beruhigte sie ihren Rüden erst einmal, der immer noch ohne Unterlass bellte und damit nicht aufhören wollte. Endlich hatte sie ihn soweit gebracht, dass er ruhig neben ihr Platz nahm. Dennoch beobachtete der Schäferhund konzentriert jenen Punkt im Schnee, wo schon die ganze Zeit ein kleines blaues Licht flackerte, das von einem weiß dunstigen Nebel umgeben war.


 

Vorsichtig näherte sich die alte Frau dem flackernden Licht, das die Umgebung des nahen Waldrandes ein wenig ausleuchtete. Die ganze Situation sah irgendwie gespenstisch aus. Aber Elfiejenne kannte in ihrem Alter keine Angst mehr, nahm ihren Hund an die Leine und ging einfach weiter auf die bläuliche Lichterscheinung zu.


 

Als sie schließlich die Stelle am Waldrand erreicht hatte, sah sie plötzlich eine Gestalt aus dem blauen Licht hervor treten, das der Erscheinung gleichmäßig folgte. Dann traute Elfiejenne ihren Augen nicht. Sie glaubte zu träumen, als sie das kleine Mädchen erblickte, das barfuß und nur mit einem dünnen Hemdchen bekleidet vor ihr im kalten Schnee stand. Die alte Frau schaute genauer hin und bemerkte, dass das kleine Mädchen gar nicht mit ihren zarten Füßen den Boden berührte, sondern nur wenige Zentimeter darüber hinweg schwebte. Obwohl ihr die Erscheinung doch sehr seltsam und sonderbar vorkam, blieb sie dennoch ruhig und gefasst. Was, so fragte sie sich in Gedanken, könnte ihr schon geschehen auf ihre alten Tage.


 

Elfiejenne hatte auf einmal Mitleid mit dem zarten Geschöpf, das so leicht bekleidet hier draußen in der eiskalten Nacht sicherlich erbärmlich frieren musste. Sie winkte das Mädchen deshalb zu sich und gab ihr die warme Jacke, die sie sich beim Rausgehen in die kalte Nacht übergezogen hatte. Dann reichte sie dem Kind ihre rechte Hand und führte es zu ihrer bescheidenen Hütte.


 

Drinnen loderte das Feuer im Kamin. Das kleine Zimmer war wohlig warm geworden und Akron legte sich auf seinen angestammten Platz gleich neben dem knisternden Feuer auf ein warmes Fell. Er war mittlerweile ganz ruhig geworden und bellte jetzt überhaupt nicht mehr, ließ aber das wundersame Mädchen nicht aus den Augen.


 

Elfiejenne kümmerte sich jetzt rührend um ihren kleinen Gast und bot dem Mädchen sogar etwas zu essen und zu trinken an, das jedoch ohne ein Wort zu erwidern das ihr Dargebotene freundlich in der Art und Weise ablehnte, indem es mehrmals den Kopf verneinend langsam hin und her bewegte. Nach einer Weile setzte sich das Mädchen plötzlich schweigend vor den Kamin und starrte die ganze Zeit in die auf und ab flackernden Flammen, die um die glühenden Holzscheite züngelten. Die ganze Nacht blieb es dort sitzen und tat nichts anderes. Die alte Frau gab sich damit zufrieden, setzte sich in ihren bequemen Sessel und schlief bald ein.


 

Als es draußen schon wieder langsam hell wurde, saß die alte Frau immer noch an ihrem Platz, schlief aber nicht mehr, weil sie sich krank fühlte. Sie hustete die ganze Zeit und bekam hohes Fieber. Das kleine Mädchen hatte mittlerweile den warmen Platz am Kamin verlassen und stand jetzt neben dem alten Mütterchen, das durch den schweren Husten kaum noch Luft bekam. Dann verspürte Elfiejenne plötzlich einen starken Schmerz in der Brust und verlor kurz darauf das Bewusstsein.


 

Als sie endlich wieder die Auge aufschlug, fühlte sie sich so, als hätte sie sehr lange geschlafen. Der Husten war wie weggeblasen, sie hatte auch sonst keine Schmerzen mehr in der Brust und fühlte sich wie frisch geboren. Aber irgendwie kam ihr alles so still und friedlich vor, was eigentlich sehr ungewöhnlich war um diese Zeit, dachte sie so für sich. Dann rief sie nach ihrem Hund Akron, um ihn endlich einmal wieder etwas zu kraulen. Obwohl dieser nicht weit weg von ihr träge auf dem Fell vor dem Kaminfeuer lag, schien er sie nicht zu hören, was ihr mehr als eigenartig vorkam. Sie ahnte instinktiv, dass hier etwas nicht stimmte.


 

Sie sah nach dem kleinen Mädchen und schaute es fragend an, das jetzt wieder leicht zu schimmern begann. Immer stärker wurde das weiß blaue Licht, das sie bald wie ein riesiger Lichtkranz von Kopf bis Fuß umhüllte. Schließlich sah Elfiejenne an sich herab und bemerkte, dass auch sie von einem schimmernden Lichtkranz umhüllt war.


 

Sie schaute vorsichtig in ihrem kleinen Zimmer herum und erst jetzt fiel ihr auf, dass ihr eigener Körper noch immer im Sessel saß, obwohl sie bereits aufgestanden war.


 

Sie erschrak etwas und während sie sich selbst anstarrte, kam das kleine Mädchen auf sie zu und reichte ihr die Hände. Die alte Frau nickte auf einmal bedächtig mit dem Kopf, weil sie plötzlich verstand, was mit ihr geschehen war. Sie war für immer eingeschlafen.


 

Das kleine Mädchen und Elfiejenne verließen darauf hin die einsam da liegende Holzhütte, um in den Himmel aufzusteigen. Noch ein letztes Mal hielt Elfiejenne inne, um zu fragen, was denn aus ihrem Hund Akron würde, den sie allein zurücklassen musste.


 

Das Mädchen aber deutete mit dem ausgestreckten rechten Arm auf einen Mann vor der Hütte, der gerade ein Pferd bestieg und davon ritt. Es war der gleiche Reiter, der damals vor langer Zeit während eines heftigen Schneesturmes bei ihr in der Holzhütte Schutz gesucht hatte.


 

"Er hat dich in den vielen zurück liegenden Jahren stets wachsam beschützt hier draußen in der abgelegenen Einöde. Es trieben sich immer wieder böse Räuber in der Gegend herum, die er aber stets von deiner kleinen Hütte fernhielt, indem er sie durch seine Magie einfach unsichtbar machte. Niemand konnte sie danach sehen. Jetzt reitet er weiter, um nach einem neuen Zuhause da draußen in der weiten Welt zu suchen, ein Zuhause, wo er wieder einen einsamen, lieben Menschen beschützen kann. Akron ist in Wahrheit ein Zauberer, der schon seit einer Ewigkeit unter den Menschen weilt, um sie vor den bösen Mächten zu schützen. Er kann die Gestalt eines Hundes annehmen und sucht auf seinen langen Reisen nach einem friedlichen Zuhause. Wenn er einen guten Menschen gefunden hat, der ihn zu sich nimmt und fürsorglich behandelt, bleibt er sein ganzes Leben bei ihm und hält alles Böse von ihm fern. Stirbt die Person, so ruft er nach mir, und ich nehme die unsterbliche Seele des verstorbenen Menschen mit zu den Sternen, wo neue, fantastische Welten auf sie wartet.“


 

Nach diesen erklärenden Worten stiegen das kleine Mädchen und Elfiejenne als leuchtende Lichtpunkte hinauf in den unendlich weiten Sternenhimmel, wo sie bald nicht mehr zu sehen waren.


 

ENDE


 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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