Manfred Bieschke-Behm

Chaos im Kleiderschrank

Ohne zu übertreiben, lässt sich behaupten, dass im Kleiderschrank von Leni und Paul Chaos herrscht. Seit sich beide vor knapp zwei Jahren zusammengetan haben, teilen sie sich einen Kleiderschrank. Für einen zweiten Schrank ist kein Platz in der Wohnung. Bis vor wenigen Tagen gab es für beide keine Schwierigkeiten das richtige Kleidungsstück zu finden. Neulich allerdings griff sich Paul nicht seine, sondern die Lenins Jeans in ihm natürlich nicht passte. „Hier muss sich was ändern“, schimpfte er.Leni hörte Pauls Fluch nicht. Sie war zum shoppen in die Stadt gefahren. Weil die Schranktüren nicht ganz geschlossen waren hörten die Kleidungsstücke Pauls Jammern. Sofort machte sich im Schrank Unruhe breit.

Pauls grüne Winterjacke war die Erste, die sich zu Wort meldete. „Was hat das für uns zu bedeuten?“, fragte die Jacke die Kleidungsstücke, die links und rechts von ihr hingen.

Nichts Gutes“, vermutete Lenis rote Hose die sich ganz fest an Pauls kariertem Jackett schmiegte.

Ein bisschen eng ist es ja schon hier im Schrank“, stellte Lenis geblümte Sommerbluse selbstkritisch fest, als sie versuchte einmal tief durchzuatmen. „Ich wäre schon dafür, dass unter uns aufgeräumt wird?“, teilte sie den andern mit, nachdem ihr Versuch tief durchzuatmen wegen der Enge misslang.

Wie meinst du das?“,erkundigte sich das längs gestreifte Kleid und sah, so weit es möglich war, an sich hinunter.

Na gerade so, wie ich es gesagt habe“, erklärte die geblümte Sommerbluse.

Ich lebe nicht gerne im Chaos. Da wo ich ursprünglich herkomme, herrscht Ordnung. Da hängen alle Kleidungsstücke fein sortiert, mit Abstand zu einander“, erzählte der Übergangsmantelund sah mit Fassungslosigkeit auf seine Knitterfalten.

„Ich finde“, erklärte die curryfarbene Cordhose, dass wir hier auf der Stange viel zu eng hängen. Manchmal würde ich am liebsten ausbrechen. Man kann sich ja kaum noch bewegen. Ich brauche Freiheit.“

„Mir geht es genauso“, quengelte der lange schwarze Rock mit dem Seitenschlitz an der Seite.

Wenn es nach mir ginge“, empört sich der Minirock, der neben dem schwarzen Rock mit dem Seitenschlitz hing, „hätte ich dich schon längst aussortiert.“

„Wieso willst du gerade mich aussortieren?“, ereiferte sich der lange schwarze Rock mit dem Seitenschlitz.

„Na weil du schon ewig hier hängst, und nicht getragen wirst.“

Der schwarze lange Rock mit dem Seitenschlitz ist entsetzt. Wenn er keinen Schlitz besäße, wäre er geplatzt.

„Ich gehe davon aus“, erklärte der Minirock, dass du der Leni überhaupt nicht mehr passt.“

„Und du“, keift der lange schwarzeRock mit dem Seitenschlitz, „du glaubst, du gefällst der Leni noch. Schau dich doch mal selbstkritisch an. So etwas wie dich, trägt heute keiner mehr. Du bist unmodern ...“

„Könnt ihr dahinten mal aufhören euch zu streiten“, forderte die schwarze Lederjacke, die keine Lust hat den Streithähnen weiter zuzuhören. Der schwarzen Lederjacke ging das Gezeter schlicht auf den Kragen.

Wer in den Schrank hineingehört bestimmten nicht wir, sondern ganz allein Leni und Paul. Und die entscheiden wer von uns rausfliegt und wer nicht“, ereiferte sichdas dünne türkisfarbene Jäckchen.

„Da muss ich dir recht geben“, bestätigte die grüne Winterjacke.„Wir haben kein Mitspracherecht, wir haben nicht einmal Duldungsrecht.“

Die weiße Bluse, die keine Lust hatte, sich an der Diskussion zu beteiligen hatte aufmerksam zugehört hatte dachte:‚Ich fliege bestimmt nicht raus. Schließlich hat mich Leni vor drei Tagen frisch aufgebügelt.Und das hätte sie bestimmt nicht getan, wenn sie sich von mir zu trennen wollte.’

Die Kleidungsstücke redeten sich immer mehr in Rage. Wut, Angst, Verzweiflung und Hoffnung waren nicht zu überhören. Insgeheim gönnte kein Kleidungsstück dem anderen einen Platz auf der überfüllten Kleiderstange.

Plötzlich, wie aus dem Nichts meldete sich das karierte Jackett vom anderen Ende der Kleiderstange: „Ich ahne Fürchterliches“, klagte das karierte Jackett. „Bestimmt bin ich eines der ersten Kleidungsstücke, das entsorgt werden wird.“

„Warum ausgerechtet du?“, erkundigte sich der dunkelrote Blazer, der mit ansehen musste, wie sein Nachbarkleidungsstück heftig anfing zu zittern.

Soweit ich mich erinnern kann“, erklärte der dunkelrote Blazer, „wurdest du und ich die ganze Saison über nicht angezogen.“

„Das stimmt“,bestätigte das karierte Jackett, „aber im Gegensatz zu mir bist du zeitlos.Deine Überlebenschance schätze ich dadurch tausendmal höher ein, als meine. Schau mich doch an. Ich bin so was von unmodern. Kein Mann trägt heute Jacken mit goldenen Knöpfen spazieren. Hinzu kommt, das meine Karos nicht dem Zeitgeschmack entsprechen“. Das karierte Jackett legte eine kurze Pause um anschließend fortzufahren:„Dabei erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen, wie Paul mich auf einem Bügel hängend vor sich hielt und lange überlegte. Er war unschlüssig, ob er mich kauft oder nicht. Du musst wissen“, erklärte er dem dunkelrotem Blazer, „ich war nicht billig. Keine Massenware. Letztendlich hatte Pauls damalige Freundin, ich glaube sie hieß Paula, ihn überredet, mich zu kaufen. Er war so happy, und ich auch. Und heute? Heute hänge ich ohne Beachtung im überfüllten Kleiderschrank. Das macht mich unendlich traurig“

„Nun heul mal nicht!“, forderte die Regenjacke, dessen Reißverschluss klemmt, das karierte Jackett auf. „Vielleicht kommt deine Zeit noch mal wieder. Ich mache mir keine Gedanken über Zukunft und solch Gedöns. Mir hatte irgendwann ein Regenschirm erklärt, dass nichtsauf der Welt, für die Ewigkeit geschaffen wird. Ja, das hatte mir ein Regenschirm gesagt, der umgeknickt auf nassem Boden lag. Bevor der Schirm vom Wind weg geweht wurde rief er mir zu: „Ich hatte eine schöne Zeit, und nur das zählt“.

„Das ist eine schöne Geschichte Regenjacke“, bekannte sich Pauls alte Jeans.„Was wäre ich froh, könnte ich wie der Regenschirm denken. Ich mache mir oft Gedanken über Vergänglichkeit. Und wenn ich die zwei neuen Jeans betrachte, die neben mir hängen, ist mir klar, welche Jenas Paul bevorzugen wird.“

„Sei dir da mal nicht so sicher“, warf Lenis Lieblingshose, ein. „Die heutige Jugend trägt gerne abgewetzte Klamotten.“

„Na dann habe ich ja vielleicht doch noch ein Chance, angezogen zu werden“, freute sich das karierte Jackett mit den goldenen Knöpfen.

Selbstkritisch stellte Lenis Jacke mit dem Kunstfellkragen fest, dass ein paar Abnutzungserscheinungen an ihr nicht zu übersehen sind und das sie deshalb in der Beliebtheit hinten ansteht. Nachdem was sie eben gehört hatte, war sie zuversichtlich. ‚Vielleicht findet mich Leni im kommenden Winter attraktiv und trägt mich spazieren“, mutmaßte die Jacke mit dem Kunstfellkragen und gab sich zufrieden.

„Hätte, Wenn und Aber, alles papperlapapp“, ereiferte sich die rote Hose ohne Bügelfalte. Fest steht, dass so, wie wir momentan hängen, nicht länger hängen bleiben werden. Ich denke, dass unsere Besitzermit uns in den nächsten Tagen Tabula rasa machen werden. Wir sollten uns schon heute darauf einstellen, das einige von uns auf nimmer wiedersehen aus dem Schrank verschwinden werden.“

Der letzte Satz von der roten Hose ohne Bügelfalte hatte gesessen. Augenblicklich war es Muksmäuschen still im Kleiderschrank. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Nach einer kurzen Zeit der absoluten Stille war stöhnen und leichtes schluchzen zu hören. „Ich möchte bei euch bleiben.“ „Ich möchte nicht auf den Müll geworfen werden.“ „Ich kann mich ja noch ein bisschen dünner machen, damit ich den anderen weniger Platz wegnehme.“ Diese und andere Klagesätze fügten sich wie ein Kanon zusammen.

Pauls helle Sommerhose bereitete dem Gejammer ein jähes Ende: „Hört endlich auf zu wimmern und zu klagen. Damit erreichen wir überhaupt nichts. Lasst uns lieber überlegen, wie wir einen Rausschmiss verhindern können.“

„Wie denn?“ „Mir fällt nichts Vernünftiges ein.“ „Hat doch alles keinen Sinn.“ Erneut entstand im Kleiderschrank einheilloses Durcheinander.

„Mir platzt gleich der Kragen“,schrie das Hemd, dessen Besonderheiten sein schwarzer Kragen und seine schwarze Knöpfe sind. „Die Sommerhose hat Recht“, behauptet das Hemd. „Wir solltenuns eine Strategie überlegen, die uns alle überleben lässt und uns nicht selbstbemitleiden.“

Totenstille im Kleiderschrank.

„Ich hab’s“, erklärte Lenis beigefarbene Hose. „Ich schlage vor, wir hängen uns so um, dass Leni und Paul ohne Mühe erkennen, wem die einzelnen Sachen gehören. Und wenn wir es dann noch schaffen, uns nach Sommer und Wintergarderobe zu sortieren, haben wir alle, so meine Meinung, eine reelle Chance zu überleben.“

„Wie sollen wir das denn machen?“, fragte verängstigt das orangefarbige Blouson, das anfing an Farbe zu verlieren, und bis jetzt noch gar nichts gesagt hatte.

Das weiß ich im Moment auch noch nicht“, erklärte Lenis Sommerhose. „Aber irgendwie müssen wir es schaffen.“

Am nächsten Tag standen Leni und Paul vor ihrem geschlossenen Kleiderschrank. Paul hatte Leni informiert, dassdas Durcheinander im Kleiderschrank aufhören muss und das sie, wollen sie nicht im Chaos ersticken, Ordnung schaffen müssen.

Ich trenne mich unschwer von meinen Sachen“, beklagte sich Leni, und kurz davor Tränen zu vergießen.

„Mir fällt nichts anderes ein“, erklärte Paul, als das wir uns von Klamotten trennen müssen. In dem Chaos macht es zumindest mir keinen Spaß zu suchen.“

Seine Freundin stimmte Paul kleinlaut zu:„Meinst du mir macht es Spaß?“

Leni öffnete vorsichtig beide Türen des Kleiderschrankes. Beide sahen hinein und trauten ihren Augen nicht. Sie sahen sich ungläubig an und rangen nach Worten. Sie blickten erneut in den Kleiderschrank. Dort hingen ihre Kleidungsstücke sortiert auf der Kleiderstange. Rechts ihre Sachen und links seine.

„Ein Wunder ist geschehen“,rief Leni und rieb sich die Augen.

Das kann doch nicht sein’, dachte Paul und kniff sich. Er wollte prüfen, ob er träumt, oder wach ist.

Hast du aufgeräumt?“,fragte Leni ihren Paul.

„Ich nehme an, du hast aufgeräumt Leni.“

Beide schütteln sie ihre Köpfe. Beide waren davon überzeugt, dass einer von ihnen heimlich für Ordnung im Kleiderschrank gesorgt hatte und den anderen überraschen wollte.

„Ich glaube“,sagte Leni zu Paul, „es gibt keinen Grund sich von Kleidungsstücken tu trennen.“

„Das ehe ich genauso“, begeisterte sich Paul.

Obwohl die Schranktüren geschlossen waren, bekamen die Kleidungstücke die Zufriedenheit der beiden mit. Alle waren glücklich und zufrieden. Leni und Paul weil ihnen durch Ordnung schaffen (wer auch immer dafür gesorgt hatte) eine schwierige Aufgabe erspart geblieben ist, und die Kleidungstücke, weil keines von ihnen den Schrank verlassen musste.

Dass einige Sachen neue Nachbarn bekamen, störte nicht im Geringsten. Alle Vorwürfe, Anzweiflungen und Verlustängste waren vergessen. Zufrieden schmiegten sich die Kleidungstücke aneinander und freuten sich gemeinsam mit ihren Besitzern, dass das Chaos im Kleiderschrank ohne Verluste beendet werden konnte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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