Matthias Neumann

Heureka

Als Archimedes aus dem Palast trat und die breiten Stufen hinunterging, war er sich unsicher, wie er das eben Erlebte bewerten sollte. Diesmal hatte Hieron ihm eine wirklich harte Aufgabe gestellt.

Wieder einmal ging es um militärische Konflikte, aber diesmal sprach der König nicht über neue Kriegsapparate. Das war bereits ungewöhnlich. Willst du den Frieden, musst du dich für den Krieg rüsten, sagte er immer. Doch angesichts der gegenwärtigen Lage hatte der Herrscher über Syrakus Zweifel daran, den anrückenden Truppen etwas entgegensetzten zu können. Er wollte sich der Gunst der Götter versichern und ein Opfer bringen. Einen Kranz aus purem Gold wollte er ihnen darbringen. Doch er fürchtete im Falle eines Betrugs, dass der erhoffte Segen ausbleiben könnte. Darum bat er Archimedes festzustellen, ob es sich tatsächlich um reines Gold handelte und kein billigeres Metall beigemischt wurde.

Eigentlich hätte sich der Philosoph mit Enthusiasmus der Herausforderung zugewendet, doch dieses Mal war ihm nicht wohl zumute.

Das blieb auch seinem Sklaven Philemon nicht verborgen. „Du machst dir nicht zu Unrecht Sorgen. Diese seltsame Bitte wird sich schnell herumsprechen und Aufmerksamkeit erregen.“

Fürchtest du, man könnte meine Fähigkeiten infrage stellen, wenn ich es nicht schaffe?“

Du weißt, wie die Leute sind. Denk nur an Thales.“

Thales! Der Erste und größte aller Weisen. Archimedes bewunderte ihn. Gegen ihn sind wir nur Menschen, die auf die Schatten an einer Höhlenwand starren. Doch wie wurde seiner gedacht? Mit Spott. Selbst viele ungebildete Menschen kannten ihn, aufgrund einer überlieferten Geschichte, in der er in einen Brunnen gefallen sein sollte, weil er immer nur nach oben in den Himmel schaute, um seine Berechnungen der Gestirne anstellen zu können.

Die Leute sind so einfältig, man könnte ihnen sogar weiß machen, die Erde sei eine Scheibe; man müsste es nur mit genügend Autorität und lange genug postulieren.

Ruhm bringt Spott“, setzte Philemon hinzu. Er schien nicht um seinen Herrn besorgt zu sein, sondern auch noch Gefallen daran zu finden, seine Sorgen zu nähren.

Besonders bei den untersten Schichten der Bevölkerung.“ Archimedes schritt aus, um sich auf den Heimweg zu machen.

Das würde ich nie wagen, größter aller Könige.“

Diesen ironischen Titel hatte er Archimedes verliehen, als dieser die Syrakusia ins Wasser gezogen hatte. Als er, nach der Erklärung des Prinzips des Seilzugs, gefragt hatte, was denn das maximale Gewicht sei, das ein einziger Mensch auf diese Art bewegen könnte, hatte sein Herr geantwortet: „Es sollte keine Obergrenze geben, wenn man nur genug Rollen dazwischen setzt. Theoretisch könnte man die ganze Erde anheben, wenn man nur einen festen Punkt außerhalb von ihr hätte.“

Philemon hatte sich theatralisch auf den Boden geworfen und ausgerufen: „Du bist wahrlich mächtiger als alle Könige der Welt zusammen.“

Damit hatte er wieder eine weitere Möglichkeit gefunden, um Archimedes aufzuziehen. Er wusste genau, dass er keine Strafen zu befürchten hatte.

Wenn du so weitermachst, verkaufe ich dich noch. Dann kannst du in den Höhlen mit den anderen Sklaven Steine klopfen“, drohte Archimedes. Vergebens, wie er sofort erkannte. Seine Mutter war ebenfalls eine Sklavin gewesen, darum hatte er ein anderes Verhältnis zu ihnen.

Zumindest hatte Philemon die Güte, für den Rest des Weges zu schweigen.

 

Archimedes ging ungeduldig auf und ab. Er hatte Phileon schon vor über einer Stunde losgeschickt um Wasser zu holen, doch er war immer noch nicht zurückgekehrt. Wieder eine weitere Verzögerung.

Seit Tagen wollte er sich mit dem Kranz befassen. Er hatte ihn und die angegebene Menge Gold wiegen lassen. Der Wert war exakt gleich. Doch das war nutzlos, solange er keine Möglichkeit hatte, das Volumen des Kranzes zu bestimmen. Die einzige Möglichkeit wäre, ihn wieder einzuschmelzen. Das war ausgeschlossen.

Anstatt aber weiterhin auf eine andere Methode zu sinnen, ließ sich Archimedes ständig ablenken. Selbst die unbedeutendsten Dinge brachten ihn wieder aus seinen Überlegungen. Es war fast so, als wollte er sich gar nicht damit befassen und ergriff jede sich bietende Gelegenheit, um sich selbst vorzumachen, dass es im Moment nicht möglich sei.

Wie etwa, wenn kein Wasser im Haus war. Durstig kann man sich schließlich nicht konzentrieren. Gleichzeitig machte ihn die daraus resultierende Tatenlosigkeit ungeduldig. Diesmal stellte ihn Phileon auf eine zu große Probe. Er hielt es nicht mehr in den eigenen Wänden aus und wanderte ziel- und gedankenlos durch die Stadt.

Erst als er am Hafen ankam, stoppte er seine Schritte. Er merkte erst jetzt, wie erschöpft er war und setzte sich, um etwas auszuruhen. Mit Bewunderung beobachtete er das Treiben auf dem Wasser.

Es wurde wieder ein Schiff zum Export bereit gemacht. Die Syrakuser waren von jeher großartige Schiffsbauer, unter Hieron hatte diese Tätigkeit jedoch ihre volle Blüte erreicht. Er war geradezu besessen von ihnen.

Leider nahm der Handel mit ihnen zunehmend ab, immer mehr Ressourcen gingen in die Rüstung. Es gab keine Möglichkeit mehr, sich aus dem Weltgeschehen herauszuhalten. Syrakus war eine hellenische Kolonie, lag aber zwischen den verfeindeten Reichen Rom und Karthago, wie zwischen zwei Mühlsteinen.

Selbst die ausladendsten Handelsschiffe wirkten klein, gegen die Vehikel der Flotte. Archimedes hatte für jegliche Form der Gewalt nichts übrig. Er spürte den kindlichen Drang in sich, die Kriegsschiffe nach unten ins Wasser zu drücken.

Sein Hang zu Gedankenexperimenten setzte wieder ein. Er durchsuchte sein in Alexandria angesammeltes Ingenieurswissen, ob man dafür nicht eine Maschine bauen könnte. Eine Art Haken, der feindliche Schiffe greifen und ziehen könnte. Was für Kräfte wären dafür erforderlich, welche Widerstände müssten überwunden werden?

Plötzlich kam ihm eine Idee, die allerdings mit einer ganz anderen Sache zu tun hatte. Seinen Gedanken festhaltend, schritt er konzentriert nach Hause, als trüge er eine Schüssel voll Wasser, von dem er nichts verschütten wollte.

Dort angekommen ignorierte er Philemons spöttische Begrüßung und begab er sich direkt in sein Planetarium. Von den herumliegenden Kugeln sammelte er einige von verschiedener Größe und Material ein. Mit vollen Armen begab er sich zum nächsten Brunnen. Systematisch versenkte er eine Kugel nach der anderen im Wasser.

Kurze Zeit später kam er zurück und wendete sich umgehend an seinen Sklaven. „Geh zum Palast und melde uns für morgen an!“, forderte er emotionslos.

Gibst du etwa auf?“

Nein. Ich habe die Lösung gefunden.“

 

Durch Verdrängung von Wasser?“

Ja, mit großen Schüsseln.“ Philemon stand auf der Agora und war von Menschen umringt.

Wie ist er denn auf diese Idee gekommen? Wahrscheinlich ist er zum Baden in ein Becken gestiegen und hat den Umfang seines Bauches unterschätzt.“

Phileon genoss es, im Mittelpunkt zu stehen. Ihm gefiel es, wie die Zuhörer an seinen Lippen hingen. Er merkte, je wilder seine Geschichten wurden, umso begeisterter wurde auch sein Publikum.

Tatsächlich war es so gewesen. Plötzlich sprang er heraus und rief: Heureka. Nackt lief er auf die Straße. Ich sofort hinterher, um ihm etwas zum Überziehen zu reichen, aber ich konnte ihn nicht einholen. Um ihn nicht zu blamieren, tat ich so, als wäre er ein Athlet und ich sein Trainer. Ich ermahnte ihn sogar noch schneller zu rennen.“

Das war für alle die unterhaltsamste Geschichte seit Jahren, darum zog sie auch niemand in Zweifel.

Dabei war es vorher so schwierig, ihn überhaupt zu einem Bad zu bewegen. Wenn Archimedes in seine Berechnungen vertieft ist, vergisst er alles um sich herum, nicht nur die Körperpflege. Er würde verhungern, wenn ich ihn nicht zum Essen zwingen würde.“

Diese Erzählung machte schnell die Runde und verbreitete sich in ganz Syrakus. Vor allem dadurch, dass Archimedes seine Erkenntnis dem König vorführte und den Schmied von jedem weiteren Verdacht befreien konnte. Er hatte korrekt gearbeitet, der Kranz entsprach genau der angegebene Menge Gold. Doch auch darüber hatte Philemon eine eigene Geschichte zu erzählen.

 

Tage später ging auch Archimedes zur Agora. Dabei fiel ihm auf, wie ein Händler sich damit abmühte, seine Waren auf einen Karren zu laden. „Mit einem Hebel wäre es einfacher“, klärte er den Unwissenden auf.

Oh, vielen Dank für den Hinweis, aber leider habe ich meinen Hebel zu Hause liegen lassen.“

Diese Bemerkung hätte glatt von Phileon stammen können.„Kein Grund, gleich so abweisend zu reagieren. Ich versuche bloß, es leichter für dich zu machen.“

Bist du vielleicht ein Philosoph? Tut mir leid, ich habe dich gar nicht erkannt in deiner Kleidung.“

Archimedes verstand nicht den Inhalt der Aussage, wohl aber deren Intention. Durch seinen Sklaven war er darin hinreichend geschult.

Ich versuche bloß, dir zu erklären...“

Tatsächlich, ein waschechter Philosoph. Und er lässt uns an seiner Weisheit teilhaben. Gebt alle Acht, gleicht reißt er sich die Kleider vom Leib.“

Erst in diesem Moment bemerkte Archimedes, dass die Umstehenden ihn unverhohlen beobachteten. In vielen Gesichtern zeigte sich ein spöttisches Grinsen. Offenbar amüsierten sie sich über ihn.

Nun lasst ihn doch nicht so hilflos dastehen“, reif jemand aus der Menge. „Gebt ihm doch endlich einen Schwamm, damit er besser nachdenken kann.“

Archimedes entfernte sich unter dem Gelächter der Masse. In einem Punkt hatte er sein Idol Thales uneinholbar übertroffen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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