Angie Pfeiffer

Von Bierfallen und anderen Mordmethoden

Ich liebe meinen Garten. Hier kann ich entspannen, relaxen, Ruhe finden. Es gibt nichts Schöneres als den Blick über ein Blumenbeet schweifen zu lassen, in dem es grünt und blüht. Das beruhigt und beglückt ungemein. Wenn dann noch der erste zarte Salat sprießt, schlägt mein Gärtnerherz im Dreivierteltakt.
Nun gibt es aber ein Problem, das ich mit einem Wort benennen kann: Schnecken, noch genauer Nacktschnecken. Diese schleimigen, wurmartigen, fiesen Wesen können eine passionierte Gärtnerin in einer Nacht an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringen. Am Abend hat sie liebevoll und vorsichtig die winzigen, filigranen Blätter der jungen Kohlrabi Pflanze gegossen, hat die blühende Pracht der Petunien und der Tagetes bewundert. Am nächsten Morgen muss sie feststellen, dass von allem nur noch Stängel vorhanden sind, die sich ihr sowohl anklagend als auch traurig entgegenrecken. Bei diesem Anblick wird der friedlichste Mensch zum Schnecken Terrorist.
Auch ich litt also unter der Heimsuchung. Da sich zu allem Überfluss ein Bach malerisch durch unser Grundstück schlängelt, wurde mein Garten von einer ziemlichen Menge Schnecken kahlgefressen. In meiner Not wandte ich mich an meinen Cousin, einen passionierten Kleingärtner.
„Das ist doch ganz einfach“, erklärte er mir wohlwollend. „Du legst ein paar Bierfallen, indem du Behälter mit Bier in deinen Garten stellst. Da klettern die Schnecken rein, weil sie verrückt nach Bier sind, und wupps bist du sie los.“ Er erklärte mir in einem einstündigen Vortrag haarklein, was es damit auf sich hatte und ich schritt zur Tat.
Hierbei wurde ich misstrauisch von meiner besseren Hälfte beäugt.
„Sag mal, musst du mein Bier hier im Garten verschwenden? Soll das eine neue Art von Dünger sein, oder was?“, fragte Alan verblüfft.
Ich musterte ihn kühl. „Stell dich bloß nicht so an, wegen der paar Flaschen Bier. Die brauche ich zur Schädlingsbekämpfung. Du isst ja auch ganz gerne mal Gemüse frisch aus dem Garten.“
Er trollte sich kopfschüttelnd, wobei ich ihn vor sich hin murmeln hörte. „Damn, Gemüse, Bier zur Schädlingsbekämpfung. Das Weib ist übergeschnappt.“

Mir war es egal, was er grummelte. Euphorisch legte ich jede Menge Bierfallen aus und war sicher, dass Schneckenproblem ein für alle Mal aus der Welt geschafft zu haben.
In der nächsten Zeit fischte ich regelmäßig ertrunkene Schnecken aus den Fallen und erneuerte das Bier, vorzugsweise nach einem wohltuenden Landregen. Doch obwohl ich Massen von Schnecken entsorgte, blieben immer noch genug übrig, um den Garten kahlzufressen. Des Rätsels Lösung fand ich, als ich mich mit meiner Nachbarin unterhielt. „Merkwürdig“, stellte sie fest. „In diesem Jahr gibt es gar keine Schnecken. Wo die wohl alle abgeblieben sind. Der Winter war doch gar nicht so streng, dass sie aller erfroren sind.“ Auch andere Nachbarn bestätigten, dass in ihren Gärten wenig bis gar keine Schnecken vorkamen. Als ich eines Morgens ein paar der schleimigen Gesellen von der Terrassenscheibe klauben musste, entsorgte ich klammheimlich und sehr frustriert die Bierfallen. Ich hatte wirklich Angst, dass ich irgendwann in der Frühe einer betrunkenen Schneckenhorde gegenüberstehen würde, die Arm in Arm, beziehungsweise Leib an Leib schunkelnd „Bier her, Bier her oder ich fall’ um“ sang.
Nach dieser Niederlage holte ich mir im Gartenmarkt meines Vertrauens professionellen Rat. „Kein Problem. Kaufen sie einfach Schneckenkorn“, riet der Fachmann mit beeindruckender Sicherheit. „Ich gebe Ihnen gleich die Mega - Magnum Packung mit. Damit kommen sie wunderbar über den Sommer. Die Schnecken fallen einfach tot um und sie entsorgen sie dann.“
„Aber ich habe Haustiere“, wisperte ich schaudernd.
„Egal, das macht denen nichts. Dieses Schneckenkorn ist zudem umweltverträglich. Sie können ganz unbesorgt sein. Übrigens: Warum sollte ihr Haustier Schneckenkorn fressen?“
„Vielleicht frisst der Hund das Korn nicht, aber die Schnecken, wenn sie tot herumliegen“, erklärte ich verlegen.

Der Gartenfachmann maß mich mit einem mitleidig überheblichen Blick. „Ihr Hund frisst Schnecken? Ja bekommt er denn nicht genug Futter? Überhaupt sollten Sie besser aufpassen, was Ihr Hund zu sich nimmt.“
Derart gemaßregelt griff ich mir die Mega- Magnum Packung Schneckenkorn und schlich zur Kasse.
„Was liegt da für ein fieses blaues Zeug in unseren Beeten herum? Das ist doch genauso wenig Dünger, wie mein Bier?“, erkundigte sich meine bessere Hälfte. „Ich habe einen Großteil davon weggeharkt, weil es unmöglich aussieht.“ Alarmiert machte ich eine Runde durch den Garten und stellte fest, dass er tatsächlich das meiste Schneckenkorn entfernt hatte. Meine Erklärung, dass ich mithilfe der kleinen blauen Würmer die Schnecken vergiften wolle ließ ihn schaudern. „Ich fand es schon nicht gut, dass du mein Bier für die Schneckenfallen verschwendet hast, aber wenigsten sind die Tiere glücklich gestorben. Aber Gift im Garten zu streuen, das geht gar nicht. Was spielst du? Den Schnecken Terminator? Und die Leichen liegen dann überall im Garten herum? Stell dir mal vor die Hunde fressen die vergifteten Schnecken.“
„Das macht denen nix, hat jedenfalls der Typ im Gartenmarkt gesagt“, erklärte ich kleinlaut. „Ich finde ja auch, dass das keine Ideale Lösung ist, aber irgendwie muss ich mich doch gegen die Viecher wehren. Wenn sie Löwenzahn oder Giersch fressen würden, dann wäre mir das egal, doch sie lassen einzig das Unkraut stehen, alle anderen Pflanzen fressen sie.“
Alan nickte. „Du hast ja Recht, ich ärgere mich auch über die Schneckenplage. Weißt du was, wenn du auf das Schneckenkorn verzichtest, dann finde ich eine Lösung, das verspreche ich dir.“ So entsorgte ich das Schneckenkorn und hoffte auf meinen Problemlöser.
Eine Woche später brachte der Briefträger mir ein Päckchen, das ich neugierig öffnete. Der Inhalt verblüffte mich. Ich fand, in einem großen Netz verpackt und mit Stroh umgeben, 24 Weinbergschnecken. Schnell schloss ich das Paket wieder und wartete auf meinen Mann, der mich am Abend strahlen aufklärte: „Ich habe recherchiert. Die Weinbergschnecke ist der natürliche Feind der Nacktschnecke. Sie frisst deren Gelege, so werden wir auf lange Sicht einen schneckenfreien Garten haben. Na ja, jedenfalls nacktschneckenfrei“, fügte er sicherheitshalber hinzu. „Et voilá – hier hast du eine natürliche Lösung des Problems. Übrigens verschmähen Weinbergschnecken deine Pflanzen weitgehend.“
Das hörte sich gut an und so setzte ich die Weinbergschnecken hoffnungsvoll im Garten aus.

Das ist ein Jahr her. Tatsächlich gibt es kaum noch Nacktschnecken in unserem Garten. Doch dafür treiben die Weinbergschnecken, trotz Alans Naturkundevortrag, ihr Unwesen, denn auch sie haben einen gesunden Appetit auf Grünzeug. Neulich fand ich ein besonders fettes Exemplar, das sich unter meinen blattlosen Sonnenblumen räkelte.
„Musstest du denn gleich alle Blätter fressen?“ Behutsam klopfte ich an. Die Schnecke erschrak sichtlich, zog sich aber nicht in ihr Häuschen zurück. Ich denke, es ist ihr zu eng geworden. Sie wird über ein größeres Haus nachdenken müssen.
© by Angie

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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