Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 26

Der Gang beschrieb eine Kurve und führte an einer Gittertür vorbei, hinter der ein zotteliger Gefangener verblüfft unseren Aufmarsch verfolgte. Der Länge seines Bartes nach zu urteilen, mußte er bereits kurz nach der Errichtung der Burganlage hier eingesperrt worden sein.

Holt mich hier raus“, krächzte er mit einer Stimme, die geradewegs aus den Abgründen der Gruselschlucht in den fernen Nebelbergen zu kommen schien.

Was haste denn ausgefressen?“, fragte Mikesch neugierig.

Das schlimmste Verbrechen, das man begehen kann“, flüsterte der Zottelige mit Grabesstimme.

Du hast einen Kater überfahren“, ächzte Mikesch entsetzt, wich unwillkürlich einen Schritt zurück und trat prompt in das stinkende Rinnsal. Während der Kater ausgiebig fluchte, schüttelte der Zottelige sein Haupt.

Schlimmer“, ächzte er. „Ich habe meine Steuern nicht bezahlt.“

Das ist in der Tat übel“, stimmte Hilly zu.

Versteh ich nicht. Ich hab‘ noch nie Steuern bezahlt“, bekundete Mikesch verdutzt, der die schmutzige Pfote diskret am Bein des Trolls abwischte.

Das Dämonenreich scheint gar nicht so übel zu sein“, staunte der Zottelige, der den Kater als finsteres magisches Wesen aus einer anderen Welt einordnete. „Laßt mich hier heraus, dann komm ich mit dir, oh Dämon.“

Sachte im Schachte, du Catweazle-Immitat“, zischte der Kater finster, der sich momentan in seiner Rolle als vermeintlicher Dämon ganz wohl zu fühlen schien. „Leistung gibt es nur Zug um Zug. Du singst uns jetzt mal hübsch was von den örtlichen Gepflogenheiten vor, dann bringt dir die Dumpfbacke neben mir den Schlüssel zu deinem Appartement. Rappelt es da im hohlen Köpfchen?“

Der Zottelige nickte, dann sprudelte es förmlich aus ihm heraus. Ein paar Minuten später wußten wir alles, was wir brauchten. Das war allerdings nicht erbaulich. Glaubte man dem Zotteligen, wurde Bärbeiß sorgsam im finstersten Kerker dieses Gewölbes festgehalten, vor dem sich stets eine ebenso schlecht gelaunte wie gut bewaffnete Wache aufhielt. Sie galt es auszuschalten, bevor sie Alarm schlagen konnte.

Wir versprachen dem Zotteligen, ihn hier herauszuholen, nachdem wir Bärbeiß befreit hatten. Dann hielten wir Kriegsrat. Mein Vorschlag war genauso wahnwitzig wie genial. Ich würde versuchen, Gorgus unsichtbar zu machen, damit dieser sich an die Wache heranschleichen konnte. Da die klappernden Sandalen des Trolls, die er sich angesichts des schlüpfrigen Bodenbelags weigerte auszuziehen, das Unterfangen allerdings erschweren würde, sollte Hilly für die richtige Ablenkung sorgen.

Gibt es eigentlich viele Fälle von Schwachsinn in deiner Familie?“, fragte Mikesch, nachdem ich den Plan vorgestellt hatte.

Hast du eine bessere Idee?“, zischte ich zurück.

Nein, dafür aber eine ziemlich konkrete Vorstellung, wie dein Plan funktionieren wird.“

Ich ignorierte den Zynismus des Katers und nickte statt dessen den anderen aufmunternd zu. „Wird schon klappen“, versuchte ich Optimismus zu verbreiten.

Plan spaßig“, antwortete Gorgus, mit dem für ihn typisch sonnigen Gemüt, während Hilly nur entschlossen nickte. Ich blickte noch ein letztes Mal in die Runde meiner bunten Truppe, dann schlichen wir mit höchst unterschiedlichem Optimismus tiefer in das finstere Gewölbe hinein. Ein Blick zurück bestätigte mir, daß der Kater mißmutig als Schlußlicht folgte. Ich vermutete, daß er das nur tat, um nicht zu verpassen, wie unser großartiger Plan in einer Katastrophe endete. Mit dem untrüglichen Gefühl, daß der Kater mit seiner Vermutung Recht behalten dürfte, bewegte ich mich leise, dicht gefolgt von den Gefährten, eine schlüpfrige Wendeltreppe hinab. Nach den Schilderungen des Zotteligen endete diese in einem Wachraum, von dem vier Zellen abgingen. In einer sollte Bärbeiß die Gastfreundschaft des Sheriffs genießen. Auf halben Weg hinab hielten wir an, und ich machte mich an die Arbeit.

Spiegleinspiegleinanderwandniemandsiehtdichindiesemland“, murmelte ich mit höchster Konzentration und stellte erfreut fest, daß die Konturen des massigen Trolls nach und nach verblaßten, bis er tatsächlich verschwunden schien. Das Problem war nur, daß ich nicht sagen konnte, wie lange das so bleiben würde. Da es mangels Alternative sinnlos war, darüber nachzudenken, konnten wir uns genauso gut ins Abenteuer stürzen.

Los jetzt“, flüsterte ich, worauf Hilly die letzten Windungen der Treppe hinab eilte, gefolgt von den klappernden Latschen des unsichtbaren Trolls. Mikesch und ich blieben zurück.

Du kommst zu früh“, ertönte von unten eine schlecht gelaunte Männerstimme, offenbar in dem Fehlglauben, die Wachablösung wäre auf dem Weg zu ihm.

Das will ich nicht hoffen“, flötete Hilly mit heiserer Stimme, als sie das Ende der Treppe erreichte und in den schmuddeligen Wachraum trat. „Na, mein Süßer, so allein hier unten“, hauchte sie, wobei sie sich Mühe geben mußte, beim Anblick der schmuddeligen Wache nicht zu deutlich zusammen zu zucken. Strähniges, fettiges Haar quoll unter einer speckigen Lederkappe hervor, das gut zu dem zernarbten, unrasierten Gesicht nebst Augenklappe paßte. Dem Gestank nach zu urteilen, den die Wache verströmte, schien sie mit Vetter Grumbatz verwandt zu sein. Leider war der Wächter aber auch durch und durch Realist, was seine Chancen bei der Damenwelt anbelangte, und reagierte dementsprechend mißtrauisch auf Hillys Werben.

Was willst du?“, knurrte er mit gefährlich leiser Stimme, während er mit einem sirrenden Geräusch sein Schwert zog. Die Spitze zielte auf Hillys Körpermitte. Die gab sich unbeeindruckt.

Ich bringe dir eine Überraschung mit“, flötete sie.

Was für eine Überraschung?“

Gorgus.“

Was beim Buckel des Henkers ist ein Gorgus?“, fragte der Wächter mit deutlicher Verärgerung in der Stimme. Dann realisierte er, daß plötzlich irgend etwas mit der Luft rechts von ihm nicht stimmte. Er ächzte entsetzt, als einen halben Meter über ihm aus dem Nichts ein Gesicht wie aus einem Albtraum erschien und ihn bösartig angrinste.

Gestatten, Gorgus“, sagte es zum Entsetzen der Wache, dann gingen die Lichter aus.

Gut gemacht“, lobte Hilly den inzwischen wieder vollständig sichtbaren Troll, der die bewußtlos geschlagene Wache an der Gangwand deponierte und deren Schlüsselbund an sich nahm.

Hilly? Gorgus?“, erklang eine krächzende, ungläubige Stimme aus einer der Zellen. Im fahlen Fackelschein entdeckten die Gefährten eine kleinwüchsige, verdreckte Gestalt, deren Kopf nur aus Haaren und Bart bestand. „Das muß ein Traum sein.“

Eher ein Alptraum, Kumpel“, maunzte Mikesch, der gemeinsam mit mir als letzter den Wachraum betrat. „Der Zimmerservice läßt hier wirklich zu wünschen übrig. Du solltest dich beschweren.“

Der Zwerg wich bei den Worten des Katers erschrocken zurück. „Du hast dir einen Dämon zuhilfe geholt?“, ächzte er.

Kater“, korrigierte Mikesch, worauf Hilly seufzte.

Ich erkläre es dir später. Gorgus, sei Bärbeiß bitte behilflich.“

Gerne“, brummte der Troll und bog die Zellenstäbe auseinander, als bestünden sie nur aus biegsamen Holz. Mit erstaunlicher Flinkheit zwängte sich der Zwerg durch die Lücke. „Und wer bist du?“, fragte er mich.

Mein schlecht funktionierender Ersatzdosenöffner“, teilte Mikesch ihm mit, bevor ich die Gelegenheit hatte, den Mund aufzumachen.

Später, wir müssen los“, zischte Hilly, als ich gerade ansetzen wollte, mich ins rechte Licht zu rücken. Verärgert fügte ich mich der Notwendigkeit und schlich gemeinsam mit den Gefährten den Weg zurück, den wir gekommen waren. Als wir die Unterkunft des Zotteligen erreichten, riß Gorgus die Zellentür der Einfachheit halber aus den Angeln anstatt den passenden Schlüssel zu suchen und drückte dem Zotteligen anschließend die Zellenschlüssel in die Hand. Dieser verkündete sogleich erfreut, die anderen Insassen befreien zu wollen. Allerdings beabsichtigte er, den Schlüsselbund zu verwenden. Dankbar für jede Ablenkung begrüßten wir sein Vorhaben und sahen zu, daß wir von dannen kamen, während hinter uns die Revolte ausbrach.

Zum Glück war der Abort noch immer der zur Zeit beliebteste Platz in der ganzen Stadt, so daß wir ohne große Zwischenfälle die Stadtgrenze erreichten. Die wenigen Wachen, die es auf dem Weg dorthin gewagt hatten, uns anzusprechen, saßen nach der handfesten Antwort des Trolls nun weggetreten grinsend am Straßenrand und stellten für längere Zeit keine Bedrohung mehr dar. Nach einer kurzen Diskussion mit den Wachen am Stadttor hinsichtlich der Überlassung ihrer Pferde, befanden wir uns dank der Überredungskunst des Trolls nun im glücklichen Besitz zweier kräftiger Reittiere, die uns mit ausgreifenden Schritten westwärts trugen. Dort lag irgendwo weit jenseits des Grünwalds das unbedeutende Städtchen Versmas am Poetensee. Ein Ort der Dichter und Denker und nach Auskunft von Bärbeiß das Ziel Nobelines. Jedenfalls hatte der Zwerg diese Äußerung Nobelines aufgeschnappt, bevor man ihn erwischt hatte. Zwar war der Zwerg, der gemeinsam mit dem Troll auf dem kräftigeren der beiden Pferde ritt, alles andere als begeistert, ausgerechnet diejenige zu suchen, der er den ganzen Ärger zu verdanken hatte. Auf der anderen Seite war das Wort „Belohnung“ etwas, was ein Zwerg schlichtweg nicht überhören konnte. Mikesch hatte zwar protestierend gemaunzt, als ich versprach, die Belohnung weiter aufzuteilen. Auf der anderen Seite sah aber selbst der Kater ein, daß wir ohne Hilfe aufgeschmissen waren. Trotzdem schmollte er seitdem vor sich hin. Mir war das egal. Alles was ich wollte, war, endlich wieder zur Normalität zurückzukehren, wenngleich ich mir eingestehen mußte, daß ich mit dem derzeitigen Zustand ganz gut leben konnte, ritt ich doch mit Hilly auf dem anderen Pferd und hatte das Vergnügen, sie in meinem Rücken zu spüren. Ihre Arme schlossen sich um meinen Brustkasten und ihren Kopf lehnte an meiner Schulter. Das Ganze wäre ja ganz schön gewesen, gäbe es da nicht die leise Stimme in meinem Unterbewußtsein, die mir hartnäckig zuflüsterte, daß der eigentliche Ärger gerade erst begann. Mein Blick fiel auf den Kater, der mit ausgreifenden Schritten noch immer schmollend neben den Pferden herlief.

Wie siehst du das Ganze?“, fragte ich ihn. Die grünen Kateraugen sahen mich daraufhin mitleidig an.

Gut, daß ich neun Leben habe. Mein sechster Sinn sagt mir, daß ich sie bald gebrauchen werde“, kommentierte Mikesch düster die neueste Entwicklung.


 

Liebe Leser,

ab der nächten Folge wird es Zeit, die Geschichte von einer anderen Seite zu beleuchten. Ihr werdet Nobeline kennenlernen, die dem Kater in nichts nachsteht und sogar Drachen das Fürchten lernt. Der Kater wird aber erst später wieder in Erscheinung treten. Bin gespannt, ob es euch gefällt. Freue mich über Kommentare.


 

Viel Spaß


 

Klaus-Peter Behrens

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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