Heinz-Walter Hoetter

Der ungebetene Besucher

Als die kleine Angelika am Sonntag morgen aufwachte und sich noch ganz verschlafen in ihrem Kinderzimmer umschaute, war alles ganz anders als sonst. Sie hatte das komische Gefühl, das irgend etwas nicht stimmte, nur was, das konnte sie im Moment nicht sagen.
 
Gegenüber von ihrem Bett stand ein Regal mit vielen schönen Stofftierchen, die sie dort selbst aufgereiht hatte.
 
Moment mal! Gestern Abend saßen die doch noch ganz anders.
 
Angelika wurde stutzig. Sie rieb sich die Augen und schaute nochmals auf die Reihe der Stofftiere. Einige lagen unten auf dem Boden. Irgend jemand muss sie verschoben oder von dort oben herunter gestoßen haben.
 
Doch wer?
 
Angelika verließ das Bett und ging zu dem Regal hinüber.
 
"Na sowas," kam es ihr über die Lippen, "da liegen ja richtig viele Papierschnitzel vor meinem Bett. Das habe ich aber nicht gemacht", sagte sie verwundert laut zu sich selbst.
 
Schnell zog sie sich an. Das konnte sie schon perfekt. Immerhin war sie mittlerweile fast sieben Jahre alt. Dann rannte sie nach unten in die Küche, wo ihre Mutter den morgendlichen Tisch deckte.
 
"Schön, dass du schon aufgestanden bist, Angelika. Ich wollte dich gerade wach machen. Das Frühstück ist bereits fertig. Komm, setz dich an den Tisch!"
 
Angelika nahm Platz. Dann schaute sie ihre Mutter an.
 
"Du Mutti, ich glaube, jemand war gestern in meinem Zimmer. Hast du etwas bemerkt?"
 
"Was meinst du damit?" fragte ihre Mutter erstaunt.
 
"Ich weiß nicht so genau", antwortete Angelika nachdenklich, "aber jemand muss meine Stofftiere verstellt haben. Einige sind sogar aus dem Regal gefallen und liegen unten auf dem Boden herum. Außerdem befinden sich vor meinem Bett ein ganze Menge Papierschnitzel, die ich da nicht hingeworfen habe. Ist das nicht seltsam?"
 
Die Mutter dachte eine Weile nach, meinte dann aber, sie würde nichts gehört und auch nichts gesehen haben. Sie hätte zudem sehr gut geschlafen. Doch vielleicht wüsste ja Papa ja etwas darüber.
 
Als Angelikas Papa am Frühstückstisch saß, fragte sie ihn sofort, ob er in der Nacht vielleicht außergewöhnliche Geräusche gehört hätte, da ja das Elternschlafzimmer direkt neben ihrem Kinderzimmer liegt.
 
"Nein", antwortete der Vater, "eigentlich habe ich auch nichts gehört. Nach einer kurzen Pause jedoch sagte er plötzlich: "Doch! Da war so ein komisches Geräusch, das mich mal kurz geweckt hat. Es hörte sich so an, als wäre jemand in deinem Zimmer leise hin und her getrappelt. Komisch, ich dachte zuerst, dass unsere Katze Maja dort herum gelaufen ist. Aber wie ich jetzt weiß, hat sie die ganze Nacht in unserem Schlafzimmer direkt unten vor dem Bett auf dem flauschigen Teppich geschlafen. Sie kann es also nicht gewesen sein."
 
Nach dem Frühstück ging Angelika wieder auf ihr Zimmer zurück. Sie hatte so ein mulmiges Gefühl im Bauch. Plötzlich bemerkte sie etwas, dass blitzschnell hinter dem Regal hervor huschte und in Richtung Fenster lief, das sie aber erst vorhin geschlossen hatte.
 
Was das wohl war?
 
Vor lauter Schreck lief sie wieder raus, machte die Tür hinter sich zu und rief ganz laut: "Papa, in meinem Zimmer läuft etwas herum. Komm' doch bitte schnell rauf und sieh mal nach! Ich weiß nicht, was es ist."
 
Ihr Vater war auch sofort zur Stelle, öffnete die Tür und schaute ganz vorsichtig in Angelikas Kinderzimmer.
 
Und da sah er es am Fenster sitzen.
 
Ein Eichhörnchen!
 
"Wir haben ein Eichhörnchen im Haus!" rief er durchs ganze Haus. Das habe ich gestern schon gesehen, wie es an unserer Mauer mit dem wilden Wein hochgeklettert ist. Irgendwie muss es dann in Angelikas Zimmer rein gekommen sein, obwohl das Fenster nur leicht gekippt offen stand."
 
"Jetzt weiß ich auch, wer meine Stofftiere aus dem Regal gestoßen hat. Das Eichhörnchen muss auch einige Seiten von meinem Schreibblock zu Papierschnitzel zerbissen haben. Es ist die ganze Nacht in meinem Zimmer gewesen und ist da herum gelaufen", sagte Angelika zu ihrem Vater. Sie fand den Gedanken, ein Eichhörnchen in ihrem Zimmer zu haben, auf einmal doch irrsinnig aufregend.
 
Als ihre Mutter rauf kam, sagte sie zu Angelika: "So ein Eichhörnchen ist kein Kuscheltier. Es ist die Freiheit gewohnt. Vater wird deshalb gleich das Fenster deines Zimmers öffnen, damit es wieder ungehindert nach draußen kann. Ich denke, es hat deine frischen Nüsse gerochen, die oben auf dem Regal in einer Holzschale stehen, die es jedoch nicht erreichen konnte. Dann muss es wohl Angst bekommen haben und ist in der Dunkelheit hin und her gelaufen, bis es müde geworden ist. Tja, zwar ist es durchs gekippte Fenster rein gekommen, doch hinaus kam es nicht wieder. Vor so einem Tierchen brauchst du aber keine Angst zu haben. Das sind eigentlich sehr scheue Gesellen, doch fressen sie einem manchmal auch aus der Hand, wenn man ihr Vertrauen gewonnen hat."
 
Kurz darauf öffnete ihr Vater vorsichtig das Kinderzimmerfenster, damit das Eichhörnchen wieder nach draußen konnte, das sich ängstlich ganz weit hinter dem dicken Vorhang versteckt in eine Ecke verzogen hatte. Dann machte Angelikas Vater hinter sich die Tür leise zu und alle drei gingen nach draußen in den Garten, um zu sehen, wann das Eichhörnchen heraus kam.
 
Und wirklich! Etwas später huschte das putzige Tierchen durchs Fenster hinaus ins Freie, kletterte flink am wilden Wein runter bis auf den Boden und lief wie der geölte Blitz durch den Garten hinüber in ein nah gelegenes Tannenwäldchen.
 
Alle drei mussten herzlich lachen, weil so eine seltsame Sache nicht alle Tage passierte.
 
Angelika holte etwas später die Schale mit den Nüssen aus ihrem Zimmer und stellte sie unten an den Gartenzaun, damit das Eichhörnchen sie beim nächsten Besuch ungestört mitnehmen konnte.
 
Das Fenster ihres Kinderzimmers blieb allerdings fortan zu. Dafür ließ sie lieber die Tür etwas offen stehen.
 
ENDE

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