Manfred Bieschke-Behm

Schaf trifft Schildkröte

Ich werde euch jetzt eine Geschichte erzählen, die ihr so noch nicht gehört habt. Die Geschichte spielt auf einer saftigen grünen Wiese Anfang Mai. Eigentlich spielt der Monat keine Rolle. Für Toni schon. Toni ist das Schaf mit den zwei schwarzen Ohren. Toni ist richtig genommen noch kein richtiges Schaf. Toni ist ein Lämmchen, das sich auf der Maiwiese, wenn man so sagen will, sauwohl fühlt. Das frische, saftige Gras ist genau nach seinem Geschmack. Wenn Toni nicht gerade schläft, oder bei seiner Mutter Milch trinkt, zupft er Stängel für Stängel Gras und findet es komisch, wenn ein Grashalm seine Nase berührt und ihn kitzelt.Wenn Toni mit fressen beschäftigt ist, interessiert nicht, was links und recht von ihm passiert. Tonis Schwester und Brüder, Tanten, Onkels, Cousinen und Cousins, Mutter und Vater weiden am anderen Ende der Wiese. Er fühlt sich nicht als Herdentier. Er ist so etwas wie ein Einzelgänger. Toni hat auch nicht das Gefühl, vermisst zu werden. Wenn ihm danach ist, spätestens, wenn er Durst verspürt, hoppelt er hinüber zu den anderen, wo er eine Weile bleibt. Obwohl er noch so klein ist, hebt er sich von den anderen ab. Keiner, nur er, ist nicht nur weiß gefärbt, und das macht ihn stolz.

‚Hier noch einen Grashalm’, denkt er’, und da noch einen Halm. Und den da hinter verschlinge ich auch noch.’ Plötzlich hält Toni inne. ‚Was ist denn das da?’,denkt er. Toni sieht etwas, das wie ein Pilz aussieht. Toni hat noch nie in seinem Leben Pilze gesehen und im Mai gibt es auch keine zu entdecken. Vorsichtig nähert er sich dem großen Unbekannten. Mit gespreizten Vorderfüßen bleibt er vor dem Ding stehen und denkt nach. Ihr müsst wissen, Nachdenken ist Tonis Stärke nicht. Er gehört mehr zu den Einfältigen eben zur Familie Schaf. Aber egal. Wenn er auch nicht der Hellste ist, so ist er sanftmütig und geduldig.Gebannt schaut er auf das, was vor ihm liegt. Vorsichtig frisst er um das Ungetüm herum. ‚Hat sich das Ding gerade bewegt?’, überlegt er, ‚oder habe ich mich geirrt?’ Schnell hat Toni den Moment des Überlegens vergessen und grast weiter. Toni könnte, wenn er wollte, nur einen Schritt zur Seite treten und hätte kein Hindernis vor sich. Aus welchem Grund er das nicht tut, bleibt sein Geheimnis. Toni nimmt seine ganzen Mut (und davon hat er nicht viel) zusammen und stupst mit seiner Nase das große Unbekannte an. Die Oberfläche ist nicht weich. Ganz im Gegenteil. Die Oberfläche ist stumpf und rau. Seiner Nase hat es überhaupt nicht gefallen, dass sie so unsanft berührt wurde. „Das ist ein Stein“, sagt Toni. „Wenn auch ein außergewöhnlicher, ist es ein Stein. Was soll es denn sonst sein, was sich mir in den Weg gelegt hat?“

Plötzlich bewegt sich der „Stein“. Toni erschrickt. Er erschrickt so heftig, das er sich für einen Moment vom Boden abhebt. Jetzt wird Toni misstrauisch. Vorsicht läuft er um den sich „bewegenden Stein“ herum. Wagemutig gibt er dem „Stein“ erneut einen Stups. Plötzlich kommt vorne aus dem „Stein“ so etwa wie ein Kopf heraus. ‚Ein Stein mit Kopf?’, davon hat ihm noch niemand berichtet, dass es so etwas gibt. ‚Dann bin ich wohl der Erste, der ein Stein mit Kopf sieht’, triumphiert Toni. Er verspürt große Lust seine Entdeckung, den anderen Schafen zu zeigen. Aber wie soll er das anstellen? Aus Erfahrung weiß er, dass ein Hinüberblöcken nichts bringt. Schon oft hatte er in der Vergangenheit versucht seine Familie mit Blöcken herüberzulocken, noch nie hat das zum Ziel geführt. Zwar schauen einige Schafe blöd zu Toni hinüber, mehr aber auch nicht. ‚Dann werde ich heute Abend meinen Verwandten von meiner Begegnung berichten’ denkt Toni. ‚Vielleicht tue ich es auch nicht. Die anderen Schafe glauben mir doch so wie so nicht. Die meine, ich wäre das schwarze Schaf der Familie. Dabei habe ich doch bloß zwei schwarze Ohren.

Plötzlich bewegt sich der „Stein mit dem Kopf“. Rechts uns links entdeckt Toni jeweils zwei Füße, wenn es denn Füße sind. Toni sieht sich seine Füße an und stellt fest, dass die „Steinfüße“ ganz anders aussehen. Sie sind viel kürzer, haben keine Hufe dafür Krallen. „Das kann kein Stein sein’,denkt Toni. ‚Wenn ich auch einfältig bin, weiß ich doch, dass Steine nicht laufen können’.

„Sag, wer bist du“, erkundigt sich Toni ganz vorsichtig.

Toni erlebt keine Reaktion. ‚Also doch ein Stein’, bestimmt er und gibt sich damit zufrieden. Er entdeckt ein Büschel Gras, an dem er noch nicht gezupft hat. Irgendwie lässt ihm der unbekannte Gegenstand keine Ruhe. ‚Ich versuche es noch einmal’, überlegt er und fragt ein zweites Mal: „Sag, wer bist du?“ Diesmal hat Toni Glück. Völlig überrascht erfährt Toni, dass es sich bei dem „Stein“ um eine Schildkröte handelt.

„Du bist eine Schildkröte?“,fragt Toni ungläubig nach.

„Ja, ich bin eine Schildkröte“,bestätigt die Schildkröte.

„Ich habe Kröten im Teich gesehen“,erklärt Toni. „Die sehen ganz anders aus, als du. Die quaken ständig Bist du eine solche Kröte?“, will Toni wissen.

„Nein, eine solche Kröte bin ich nicht“,belehrt die Schildkröte. Toni Ich bin eine Schildkröte. Siehst du nicht meinen Panzer auf meinem Rücken?“

Natürlich sieht Toni den Panzer auf dem Rücken der Schildkröte. ‚Für wie dumm hält die Schildkröte mich eigentlich’, überlegt Toni und ist ein wenig eingeschnappt. „Natürlich sehe ich deinen Panzer“, erklärt Toni ein bisschen wütend. In der Hoffnung nicht wieder eine blöde Frage zu stellen, erkundigt sich Toni, wozu die Schildkröte einen Panzer benötigt.

Ich brache den Panzer, um mich vor Angriffen zu schützen“, erklärt die Schildkröte.

„Was ist denn ein Angriff“, will Toni wissen.

„Das kann ich dir ein anders mal erzählen. Dafür ist heute die Zeit zu knapp. Ich muss mich langsam auf den Weg machen, wenn ich noch vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein will. Du musst wissen, ich bin nicht so schnell. Ich bin sehr, sehr, sehr langsam dafür werde ich viel, viel, viel älter als du. Ich bin bestimmt jetzt schon dreißig Mal so alt als wie du:“

Toni staunt. Er kann mit dreißig Mal so alt überhaupt nichts anfangen. Aber so, wie die Schildkröte es ihm erzählt hat, muss das etwas Gewaltiges sein. Toni ahnt, dass er eine Wahnsinnsentdeckung gemacht hat. Er ist ganz aufgeregt. Er fragt: „Sehen wir uns morgen wieder und darf ich dich Freund nennen?“

„Ja, wir können uns gerne wiedersehen und Freund darfst du mich auch nennen. Endlich habe ich einen Namen. Bisher nannten mich alle nur Schildkröte.“ Wie heißt du denn eigentlich?“, fragt die Schildkröte das Schaf.

„Mein richtiger Name ist Schaf, aber alle nennen mich Toni.“

„Also Toni, dann bis Morgen“, erklärt die Schildkröte die von heute an den Namen Freund trägt.

Da freue ich mich drauf“,begeistert sich Toni. „Ich möchte doch noch so viel von dir wissen, Freund.“

„Ich freue mich auch Schaf, ich meine Toni“, bekundet die Schildkröte.

„Dann bis Morgen Freund. Ich bin Morgen an der gleichen Stelle, zur selben Zeit“, teilt Toni der Schildkröte mit und hüpft vor Freude hin und her.

„Gut, dass ich das weiß“, erklärt die Schildköte. „Dann muss ich morgen früh losgehen, um pünktlich zu sein.“

Die Schildkröte dreht sich um, und schleicht im Schneckentempo davon. Toni sieht ihr nach und denkt: ‚Gut, dass ich hier bin und nicht bei den anderen. Ich hätte niemals Freund getroffen, wenn ich ein Schaf unter vielen wäre.’

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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