Wolfgang Küssner

Ein Boheme

Der Vollmond strahlt heute besonders intensiv vom wolkenlosen Himmel. Einzelne Palmen werfen deutlich sichtbare Schatten. Er sitzt in dem kleinen Restaurant am Strand. Dort, wo er schon so viele Male zuvor gesessen hatte. Flackernde Kerzen erleuchten den Tisch. Er beobachtet genau. Kaum etwas entgeht seinen nahezu alles registrierenden Blicken. Konzentriert schaut er hinaus aufs Meer, in die Finsternis, als würde er etwas suchen. Sein Kopf ist leer, wartet auf Inspiration. Gedankenlos gehen seine Blicke in die unendlich scheinende Dunkelheit. Die seichten Wellen spielen mit dem Licht des Mondes, lassen tausend kleine Spiegelchen auf dem Wasser tanzen. Von See her weht eine leichte Brise, bringt etwas Abkühlung. Luftiges T-Shirt, große Latzhose lassen den Wind an seinen Koerper. So ist die Wärme  erträglich. Er moechte rauchen. Kaum angezündet, erlischt das erste Streichholz in der sommerlichen Luft. Ein zweiter Versuch, hinter schützender Hand, ist erfolgreicher. Die Zigarette wartet zwischen seinen Lippen auf den Moment des feurigen Kontaktes. Dann glüht sie endlich.

Er inhalliert tief. Diese Zigarette ist nicht seine erste. Die grauen Barthaare zeigen deutliche Nikotinspuren. Das qualmende Tabakroellchen wird gekonnt zwischen den Spitzen von Daumen und Zeigefinger gehalten. Ein weiterer Zug des leicht süßlichen Rauchs; vom Qualm verschwindet das Licht des Mondes wie hinter einer kleinen Nebelwand, die funkelnden Wasser wirken für einen Moment in Schleier gehüllt. Mit seinem kleinen Finger schlägt er geübt die Asche ab. Doch der Wind treibt sie nicht in den Becher, sondern auf seinen Schoß. Er hat – wie immer - Rotwein geordert. Vom kräftigen, australischen Shiraz. Gaumen und Geschmacksnoten befinden sich in bester Harmonie. Manchmal darf es auchTempranillo von der Iberischen Halbinsel oder Shiraz vom Kap der Guten Hoffnung sein. Er schlürft genüßlich am Glas, gibt so ein wenig Sauerstoff an den Rebsaft. Im Abgang streicheln fruchtige Brombeer-Aromen seinen Gaumen. Ja, das liebt er. Er nennt sie kleine Augenblicke großen Glücks. Die linke Hand greift um Kinn und Bart, dann durch das vom Wind zerzauste, lange, volle, fast weiße Haar. Seine Augen sind leicht zusammengekniffen, als wollte sich der Blick gerade auf etwas ganz spezielles konzentrieren. Hinter der Nickelbrille wirken seine Augen mit den buschigen Brauen jetzt besonders klein. Ober- und Unterkiefer sind fest aufeinander gepreßt. Der Blick geht aufs Meer hinaus. Er denkt nach; sucht. Nein, nicht die abendliche Romantik. Ein schlürfender Schluck aus dem Glas; ein tiefer Zug aus der Zigarette. Denken, suchen, denken.

Sein Blick fällt auf die eigenen Hände mit seinen kleinen, viel zu kurzen Fingern. Er erinnert sich an Treffen, Begegnungen mit einem berühmten Dirigenten, Pianisten. Wie konnten dessen kleine Hände so große Interpretationen moeglich machen? Er hat die Leistungen des Musikers immer bewundert. Er erinnert sich an ein Dinner mit einer jungen, virtuosen Violinistin, die derart kurze Finger hatte, daß er sich fragte, wie man damit überhaupt den Steg umfassen, so virtuos spielen konnte. Es war moeglich. Die Geigerin hatte es ihm demonstriert. Es gehoerte viel Technik und Übung dazu. Bei ihm war das nicht erforderlich, das mit der Technik. Seine eigenen Finger? Nun, knochig, schlank, kurz – so hacken sie immer über die Tastatur, um Ideen, Fantasien, Texte zu fixieren. Genau genommen sind es der linke Mittelfinger, der Zeigefinger und Daumen der rechten Hand. Schnell, blind, geübt, eingeübt, bedienen sie das Tastenfeld. Jetzt, hier am Strand, liegen, einer Herausforderung ähnlich, Notizheft und Bleistift vor ihm. Doch trotz später Stunde und Vollmond, trotz Wein und Nikotin und Glitzer und Glanz und Tanz der Wellen, will ihm die Muse keinen Kuss schenken. Er ordert ein weiteres Glas vom Roten, inhalliert intensiv, doch Inspiration will sich nicht einstellen.

Die linke Hand streicht erneut über seinen Kopf, verweilt kurz hinter dem linken Ohr. Der Blick fällt auf Notizblock und Stift. Alles wirkt ein wenig hilflos. In Gedanken versunken verschwinden die Gäste an den Nebentischen mehr und mehr aus seiner Wahrnehmung. Er schaut auf das Meer, nimmt das Spiel der glitzernden Wellen aber nur noch verschwommen wahr. Die nächste Zigarette, das nächste Glas vom kräftigen Shiraz lassen Zeit und Ort und Ort und Zeit langsam vergessen. Schaffen einen neuen, hoffentlich kreativen Raum.

Er spürt leicht den lauen Sommerwind. Alles andere scheint weit weg, entfernt, verschwommen, in Schleier gehüllt. Er sucht. Wartet auf eine Eingebung. Irgendetwas muß doch moeglich sein. Ein Essay, eine Novelle, etwas Lyrisches vielleicht. Nun, eine Novelle wäre optimal. Die Geldmittel gehen zur Neige. Er braucht in Kürze neue Einkünfte. Nur so ist sein Überleben abgesichert. Zeilenhonorar. Das wäre gut. Eine Novelle; aber kein leeres Gerede, keine Nichtigkeiten, Zeilenfüller. Das bisher gute Honorar hatte mit seinen Leistungen, mit dem erarbeiteten, bekannten Namen zu tun.

Erste Themen beginnen in seinem Kopf zu kreisen; nehmen langsam Fahrt auf. Hoffentlich blockieren sie sich jetzt nicht gegenseitig. Konzentration auf einen, den einen ersten Text, das wäre wichtig. Input, Themen, Beobachtungen hatte es eigentlich ausreichend gegeben. Nur die finale Inspiration war bisher ausgeblieben. Die leeren Zeilen seines Notizblocks empfindet er langsam als Provokation. Doch was soll er schreiben. Muse, hier bin ich, komm, komm - küss mich!

Die nächste Zigarette; das nächste Glas. Er blickt vom Papier auf; will einen Blick aufs immer noch glitzernde Meer werfen. Seine kleinen Augen entdecken ploetzlich vor dem Spiel der Wellen die Konturen eines jungen Mannes. Er will instinktiv den Arm nach ihm ausstrecken. Die Erloesung? Die Muse? – Doch die Distanz ist viel zu groß. Soll er ihn ansprechen, anrufen? Es verschlägt ihm die Sprache. Es kommen keine Worte über seine Lippen. Er muß an Aschenbach und Tadzio im „Tod in Venedig“ denken. Ist er jetzt in der Rolle des Schriftstellers Gustav von Aschenbach; der schoene Knabe Tadzio die Verführung? Erinnerungen an den alten Fischer Santiago werden in seinem Kopf wach. Santiago, der nach 84 erfolglosen Tagen endlich einen großen Marlin an der Angel hat. Warum muß er gerade jetzt an Hemingway´s Novelle „Der alte Mann und das Meer“ denken. Es beginnt sich etwas zu entwickeln. Da keimt eine Idee auf.

Der Aschenbecher quillt längst über. Noch ein Glas vom edlen Wein. Hatte er überhaupt genug Geld dabei? Was soll´s. Es wird schon werden. Ein kräftiger Zug aus der Zigarette. Konzentriert hebt er leicht seinen Kopf. Tiefes Einatmen. Noch einmal. Er wirkt wie verwandelt. Er kannte dieses Prozedere von Schauspielern, die kurz vor dem Bühnenauftritt einmal kräftig durchatmen, um so in die zu spielende Rolle zu schlüpfen, ihr eigenes Ich hinter der Bühne zurückzulassen. Jetzt nimmt er diesen kleinen Sprung in die andere Rolle. Noch ein kurzer Blick aufs Meer. Nein, da ist jetzt kein Zoegern mehr. Keine Zurückhaltung. Es geht los. Noch ein Schluck vom fast schwarzen Roten; die rechte Hand hat bereits den Stift ergriffen. Unter dem Tisch wippen die Füße, als müßten sie einen Dynamo speisen, darauf achten, daß der Energiefluß in Schwung bleibt. Er verharrt wenige Sekunden über dem Notizpapier. Eine finale Überlegung; die Suche nach den ersten, richtigen Worten. Er beginnt zu schreiben:

Alles hat seine Zeit. Biblische Weisheit, oft, zu oft ignoriert. Die vergangene Zeit? Verklärt, ein Parkplatz für Versäumnisse, für Vorwürfe. Die kommende Zeit? Beladen, befrachtet mit Träumen, Hoffnungen, Wünschen, beabsichtigten Korrekturen. Das kann nicht gutgehen. Die kommende Zeit – so erwartungsschwanger - droht einfach zu erstarren, zu kollabieren. Permanentes Reflektieren läßt den Moment, den Augenblick, den Bruchteil einer Zeiteinheit recht klein erscheinen. Dabei geht es um die Gegenwart. Schon vergessen? Die Loesung des Problems, die häufig auftretende Angst vorm Älterwerden liegt im Jetzt, im Hier und Heute. In der Gegenwart. Auch dieser heutige Tag hat seine Zeit. Seine Zeit zum Leben, zum intensiven Leben. Wir müssen die Zeit nutzen. Intensiv? Doch was ist intensiv? Die Antwort korrespondiert mit der erlebten Vergangenheit, mit der geplanten, individuellen Zukunft. Warum mußte Aschenbach auf die zufällige Begegnung mit Tadzio warten? Hätte er nicht selbst aktiv werden koennen? Und unsere Wünsche? Unser Warten? Unser Zoegern?.....“

Das Eis ist gebrochen. Der Anfang gemacht. Der volle Mond zieht am nächtlichen Himmel seine Bahn. Es ist spät geworden. Die Palmen werfen den Schatten längst in eine andere Richtung. Beim Schein der Kerzen haben sich mehr und mehr Seiten seines Notizblocks gefüllt. Ein zufriedenstellendes Ergebnis. Die Feinarbeit steht später an. Ruhig und weinselig lehnt er sich langsam zurück. Anspannung und Konzentration weichen. Die Welt hat ihn wieder. Die Reihen haben sich gelichtet. Er hoert noch schwach, wie vom Tisch nebenan ein Pärchen aufsteht und sie zu ihrem Partner sagt: „Der Mann dort vorn wirkt auf mich wie – wie ein Boheme.“

 

März 2017 / überarbeitet Mai 2018

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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