Ingo R. Hesse

Ich auch!

Aktion gegen visuelle Belästigung und seelische Geißelung von Männern

 

Es passierte nicht zum ersten Mal. Auch nicht zum ersten Mal so massiv, bedrängend und bedrückend. Vielleicht noch nicht einmal so schamlos dreist wie oft zuvor.

 

Aber an jenem Abend, vor ein paar Jahren, in der Straßenbahn Linie 041 in Richtung Krefeld und nachhause, reichte es mir. Sollte ich aussteigen? Einfach an der nächsten Haltestelle raus und auf die nächste Tram warten, und mich damit auch gleich am Bahnhof eine Stunde länger aufhalten müssen? Vielleicht die mildere Variante? Einen anderen Sitzplatz suchen?

 

Zu diesem Gedanken hätte ich gar nicht erst ansetzen sollen. Wo doch klar war, dass ich beim Ensteigen den einzig freien Platz besetzt hatte. Man sollte eben nicht zur Rush-Hour ein Date beenden! Auch diese Erkenntnis half mir im Moment überhaupt nicht weiter. Denn den Sitz, der zwei Haltestellen danach frei geworden war, einer dieser von mir so begehrten Einzel-Sitzplätze, den hatte soeben Miss Overknee zu einer Mischung aus Thron, Catwalk und Frisiertisch erkoren.

 

Und nun hatte ich ein Problem.

 

Den etwa vierzig Jahre alten, leicht gespreizten, endlosen, fast weißen, glatt rasierten und mit Feuchtigkeits-Creme gut in Schuss gehaltenen Beinen, hatte ich zunächst ausweichen können. Zwei Reihen weiter am äußeren Platz eines Zweier-Sitzes, zum Gang hin, aus einem kaum Rock zu nennenden, grellrot glänzenden Gebilde lugten, nein schrien sie mich an. „Schau gefälligst her, Du mir hilflos ausgelieferter Mann! Vielleicht zeige ich Dir meinen Slip! Oder sogar …! Aber lass Dich ja nicht erwischen! Denn Stieren und Gieren geht ja gaaar nicht!“

 

Ja, ich war dankbar, dass die im Gang stehenden Männer mir immer nur für kurze Momente diesen Anblick geradezu aufdrängten. Als wollten sie mir verzweifelt zurufen „Bitte, tu es! Tu es für uns! Wir können nur darauf schauen. Aber Du, Du hast den Jackpot-Platz! Und nun auch noch die Overknee-Studentin gegenüber! Was für ein Glückspilz Du bist!“

 

Volltrottel! Diese Männer. Alles Volltrottel. Immerhin hatten sie nicht links neben sich auf Augenhöhe, das papageifarbene, weit ausladende, scheinbar in eine vertikal zweigeteilte Leggins laminierte Hinterteil einer Mitfahrerin aus Togo zu ignorieren.

 

Inzwischen hatte ich meine Nase Richtung Außenscheibe dirigiert. Obwohl das bei mir ein bisschen knarrt und klemmt, habe ich das voll im Griff. Nicht so meine Augen. Sie sind irgendwie fremd-gesteuert. Ich muss das mal in einer Fachklinik abklären lassen. Nicht, dass sie sich überhaupt nicht den Befehlen meines Ehrenmann-Ichs fügen würden. Nein! Aber es ist wie ein Tremor im Nano-Sekunden-Bereich, mit extrem großem Radius. Gefühlte 180 Grad. Ich weiß, das klingt übertrieben. Ist es vielleicht auch. Aber geschätzte 120 bis 140 Grad, zwischen den Beinen eines Anstreichers und denen eines Landstreichers hindurch, hinüber zu dem glänzenden Pseudo-Rock, das kann ich beschwören.

 

Was also nun tun? Die Tram rollte weiter. Die Studentin, mit der dezent blond-flaumigen Pfirsichhaut unter dem breiten, mausgrauen Gürtel und den chaotisch gelochten, gelben Overknees, war vom Frisieren zum Eincremen ihrer Oberarme übergegangen. Mit Bewegungen, die eleganter und erotischer, .. ich schloss meine Augen! Das habt ihr nun davon! Die Lider gehören und gehorchen immer noch mir!

 

Aber was, wenn die Leggins inzwischen einer Mama mit Kinderwagen gewichen ist, deren Dekolletee ebenso weit ausladend und überhaupt nicht laminiert ist. Und außerdem hellbraun mit einem klitzekleinen Leberfleck, geeenau zwischen, ..nein doch eher an der linken … .

 

Ich wollte das alles nicht sehen! Und ich war dankbar, als die Straßenbahn gnädig in Bahnhofs-Nähe hielt und ich aus dieser massiven Belästigungs-Orgie in die Freiheit entlassen wurde.

 

Doch damals, ..es gab die mee-too-Kampagne noch nicht, damals habe ich darüber nachgedacht, das zum Thema einer groß angelegten Aktion zum Wohle derart gequälter Männer zu machen!

 

Und letzens, ich war gerade wieder einmal sehr dreist von einer aus einem Sportwagen steigenden, Schlitzkleid tragenden 11 (10 wäre ihr nicht gerecht geworden) belästigt worden, hatte ich mich wirklich aufgerafft und mich eigens dafür bei twitter angemeldet.

 

Aber, was soll ich sagen, ..nicht ein einziger Mann wollte sich mit mir solidarisieren. Wie gesagt, alles Volltrottel, diese Männer!

 

Ich habe mich da wieder abgemeldet. Und ich feile jetzt an einer neuen Strategie. Einfach mal hinschauen. Dreist! So dreist, wie sie sich präsentieren.

 

Aber das fällt dann sicher schon unter mee-too.

 

Das Leben als Mann ist schon nicht leicht. Aber als ich, hat man es wirklich noch schwerer!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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