Jonas Lehn

Das Gefühl


Mit zitternden Beinen und diesem penetranten, unangenehmen Gefühl, das ich nicht wirklich erfassen konnte, schritt ich den nebligen Pfad entlang. Der Nebel war so dicht, noch nie zuvor hatte ich so etwas gesehen. Die feucht, kalten Wintertage in unserem Dorf, das an einem idyllischen See inmitten eines hügligen Waldgebiets lag, waren für ihr hohes Nebelvorkommen bekannt. Doch dieser Nebel war nicht natürlich ... er konnte es einfach nicht sein. Nicht mehr als ein paar Meter weit konnte ich sehen, alles danach war nur eine dunkelgraue, unwirkliche und alles verschlingende Masse. Wie ein Leichentuch hatte sich der Nebel über unser Dörfchen gelegt. Die Bäume die den Pfad auf dem ich ging umgaben, erschienen mir als bloße Umrisse, die sich nach und nach aus dem düsteren Nebelmantel befreiten – und da war – dieses befremdliche Gefühl in mir, es war mein ständiger Begleiter, es saß mir immer im Nacken. Dabei begann alles so unscheinbar, so harmlos.

Es war mal wieder einer dieser Wintermorgen gewesen, der Nebel war dicht, hellgrau und hüllte das gesamte Dorf ein. Ganz normal also. Diese Tage waren für mich immer trüb, bedrückend und schlichtweg grau. Allerdings hatte der Nebel auch immer eine beruhigende Wirkung auf mich, er gab mir das Gefühl von Geborgenheit, ein grauer – aber warmer Mantel – der sich schützend über unser Dorf legte. Furcht brachte mir der Nebel nie bei. Etwas war da jedoch – eine Ausnahme – es gab da einen Waldhügel, er erhob sich über all die anderen Hügel, die sich rings um das Dorf zerstreut befanden. Doch dieser Hügel war nicht nur der größte von allen, ihm haftete auch eine beängstigende und erdrückende Finsternis an. Ich lebte seit meiner Geburt in dem Dorf und so kam es natürlich, dass ich mit den Traditionen der Dorfgemeinschaft also Festen, Veranstaltungen, Sagen und auch der Geschichte der Gemeinde bestens vertraut war. Während des 18. Jahrhunderts waren okkulte Gruppierungen in der Gegend unseres Dorfes besonders aktiv und viele Treffen der Gruppen fanden genau auf diesem einen Hügel am Dorf statt. Die Dorfbewohner hielten sich von den Treffen stets fern, immer wieder tönten merkwürdige Laute, Gesänge und manchmal auch schreckliche Schreie vom Hügel in das Dorf hinab. Selbst wenn der Hügel von jeder Menschenseele verlassen war... man blieb immer auf Abstand. Einige wenige konnten ihre Neugier jedoch nicht unter Kontrolle halten und machten sich auf den Weg um zu sehen, ob die Okkultisten irgendetwas Besonderes hinterlassen hatten. Sie wollten herausfinden was auf dem Waldhügel vor sich ging. Der Respekt der Dorfleute den sie dem geheimnisvollen Hügel zollten wurde schlussendlich, durch diese wagemutigen Personen, jedoch weiter genährt. Alle die jemals den Treffpunkt der zwielichtigen Gruppen auskundschafteten, wurden nie wieder erblickt, keine Leichen, keine Spuren, ! keine Ge rüchte vom Verbleib der Vermissten ... NICHTS. Es blieb nur noch dieses bedrängende Gefühl das unser Dorf überschattete. Niemand sprach über die Treffen, der Hügel samt seinen düsteren Geheimnissen wurde hinweg geschwiegen. Doch jeder spürte die Präsenz des Hügels... zu jeder Zeit.
So entwickelte sich das Schweigen, über den mysteriösen Waldhügel, zu einer Art Tradition innerhalb der Gemeinde. Bis zum heutigen Tage bestand diese Tradition, ein Schwur den Hügel aus der Gedankenwelt der Dorfbewohner zu bannen. Selbst nachdem sich der Anschein verbreitete, dass die Versammlungen der Geheimorganisationen, auf dem Hügel, nicht mehr stattfanden, da die unheilvollen Klänge von der Hügelspitze ausblieben, wurde der Respektabstand zum Hügel und Stillschweigen zu dem gesamten Thema gewahrt. Das vereinnahmende Gefühl, das vom Hügel und seinem Mysterium ausging, sollte jedoch in den Dorfleuten fortleben. So trug auch meine Generation diese schwere Last mit sich. Der Dorfalltag erweckte einen normalen Anschein, doch er war nicht normal ... höchstens öde und eintönig... Durch mein Zimmerfenster hatte ich immer einen guten Blick auf den Hügel gehabt. An den nebeligen Tagen schaute ich nur selten aus den verschiedenen Fenstern im Haus. Es gab außerhalb des Hauses ja eh nicht gerade viel, bis auf eine undurchdringliche Wand aus schleierhaftem Hellgrau, zu sehen. Aber eine Kleinigkeit war da doch. Immer wieder starrte ich durch mein Fenster auf den im Nebel eingehüllten Waldhügel. Immer wieder sah ich den, dicht um die Hügelspitze herum, wabernden dunklen Nebel. Das Nebelgewand der Spitze des Hügels war viel finsterer und dunkler, als der restliche Nebel der über dem Land lag. Ich ... musste einfach ... immer wieder zu diesem letzten Zeugnis der Okkultisten aufschauen. Dieser Konzentrationspunkt der Dunkelheit hatte mich, meine Familie, meine Freunde – das gesamte Dorf – mithilfe dieses verfinsternden Gefühls, stahlhart im Griff. Dennoch wurde so getan als ob der Hügel nie existiert hätte. Die vernebelte Landschaft hatte für mich also nichts Schlimmes an sich, ganz normale Wetterverhältnisse... Nichts Besorgniserregendes... Jedes Mal wenn ich diese Zelle der Dunke! lheit am Hügelspitz erneut erblickte, wurde ich jedoch daran erinnert, dass es eben nicht so war. Es war als wohnte dem Nebel ein winziger Krankheitskeim inne. Der Keim war nur noch nicht aufgegangen und über die Nebelmassen sowie das Dorf hergefallen. Mit diesen Gedanken flammte das Gefühl in mir immer und immer wieder auf. Die Vorstellung was passieren könnte, falls sich dieser tiefdunkle Nebel ausbreiten würde. Die Vorahnung auf nahendes Verderben, ausgehend von diesem winzigen und unscheinbaren Zentrum der Dunkelheit. Diese Gedanken und dieses Gefühl waren im gesamten Dorf verwurzelt. So schaute ich also an diesem einen Morgen wie gewohnt aus meinem kleinen Zimmerfenster. Ich bekam ein fast astreines, hellgraues Bild zu Gesicht. Da ich mit meiner Familie am Rande des Dorfes lebte, hatte ich aus meinem Fenster freie Sicht auf den See. Ein paar Bäume am Ufer konnte ich durch den dichten Nebel sehen. Jedoch gab es wie immer an solchen Tagen nicht viel zu erblicken. Lediglich die Kiefern, Fichten und Buchen am Seeufer ragten, vom Nebel verschont, einsam in die Höhe. Alles andere war vom Nebel unkenntlich gemacht worden. Die von den Nebelmassen verschleierten Umrisse, des hügeligen Waldgebietes, bestimmten das Aussehen der Landschaft. Mein Blick wanderte wie hypnotisiert weiter über die verhüllte Gegend. Und plötzlich stieß ich auf etwas Ungewohntes, obwohl ich es schon so oft gesehen hatte, erfasste mich, bei jedem Blick darauf, ein dominant und durchdringend verunsicherndes Gefühl. An den Nebeltagen wirkte die Landschaft immer astrein und gleichmäßig. Natürlich war die Nebeleinöde mit allerlei Umrissen und vereinzelten Bäumen durchzogen, aber das Gesamtbild war ganz einfach grau und geschliffen. Ein – echter – Makel existierte jedoch und er schien meine Augen immer wieder aufs Neue magnetisch anzuziehen. Jedes Mal während ich meinen Blick aus dem Fenster schweifen ließ, durchkämmte ich di! e Nebelw üste mit dem Wissen, dass ich nichts zu sehen bekommen würde, nur um genau DIESEN Irrglauben immer und immer wieder zerstört sehen zu müssen. Denn bei jedem Fensterblick wurde ich aus diesem tranceartigen Augenschweifen gerissen und auf den Boden der Tatsachen gestürzt. Mein Starren war voll der Gewissheit über die Normalität und Regularität des Bildes das sich mir bot, aber jedes Mal wurde diese beruhigende Selbstlüge durch die Wahrheit ... durch das Gefühl ... zerstört. Zwischen den öden und schlichten Nebelmassen fand mein Blick stets seinen Weg zum mythenhaften, Sünden verbergenden Waldhügel und somit zu dem finsteren Nebelpunkt, der eine so unnatürliche, verunsichernde und entmutigende Ausstrahlung hatte. Und genau dieser Makel, im harmlosen, wenn auch langweilig ordnungsgemäßen Bild der Nebellandschaft, war der einzige Grund aus dem ich unaufhörlich meine Blicke aus dem Fenster warf. Eigentlich hätte dieses Detail, angesichts der ständigen Fensterblicke, längst zu etwas normalem werden sollen. Aber es blieb befremdlich und anziehend. Es war im Kopf aller Dorfleute verankert, wodurch niemand davon ablassen konnte. Gleichzeitig aber wurden dieser Keim der Finsternis und alle Geschehnisse darum totgeschwiegen... Der kleine, dunkle Nebelfleck beeinflusste das Dorf auf eine krankhafte Weise... Doch an diesem nebeligen Morgen sollte sich alles verändern. Ich starrte auf die anormale Nebelzelle, die in mir das Gefühl von Unsicherheit, Ungewissheit und Verstörung, nicht gerade durch den unwirklich dunklen Nebel, sondern aufgrund ihrer schieren Existenz und Macht auslöste. In tiefem Bedauern dieser eigentlich grundlos eintönigen Lage meines Lebens, der Leben der anderen und unseres gesamten Dorfes, schlug ich meine Augen nieder, wandte mich vom Fenster ab und griff nach dem vollgekrümelten Teller, der auf meinem Schreibtisch stand. Das halbvolle Glas Multivitaminsaft danebe! n leerte ich zügig. Meine Mutter hatte mir früh am Morgen, während ich noch halb verschlafen im Bett lag, zwei Marmeladebrote und etwas zu trinken, als Frühstück ins Zimmer gestellt. Sie wusste dass ich mich schlaff und antriebslos fühlte ... so ging es nun mal allen von uns. Alle waren wir niedergedrückt und in einer Stimmung, uns jeder Zeit für alles rechtfertigen zu müssen, immer in Erwartung auf etwas Schreckliches das uns ergreifen, erfüllen und verzehren würde. Und genau das war das fundamental Verkehrte am gesamten Dorf, die dunkle Nebelzelle existierte lediglich und das auch schon seit vielen, vielen Jahren ... mehr nicht. Es gab keinen Grund sie als Gefahr anzusehen ... und dennoch taten wir es. Meine Mutter erwartete gar nicht, dass ich in
die Küche oder ins Wohnzimmer herunter kam. Sie ließ mich allein und in Frieden frühstücken. Wenn ich dazu bereit war, konnte ich herunter kommen. Schließlich raffte ich mich auf und verließ das Zimmer. Mit dem Teller und dem nun leeren Glas in den Händen, ging ich die Treppe ins Wohnzimmer hinunter. Unten angekommen begrüßte mich meine Mutter so freundlich wie sie nur konnte. Ihr netter Empfang erwärmte mir das Herz, auch wenn er, wie so vieles in unserem Dorf, zwanghaft war, spürte ich die Liebe und Fürsorge die darin steckte. Auch wenn wir ... immerwährend, durch das Geheimnis des Waldhügels, "vergiftet" waren, konnten wir das Leben in unserer Gemeinde recht gut ertragen ... es konnte auch schön sein. Gerade an den klaren Tagen, ohne Nebel, war die Trübsal weniger beherrschend. Es gab also auch Gutes. Dieser Gedanke spendete mir etwas Kraft, neugierig schaute ich zu meiner Mutter. Sie saß am Wohnzimmertisch und las das Gemeindeblatt des Dorfes. Die Titelseite war äußerst bunt gestaltet. Ein Bild verschiedener Gemeinderatsmitglieder der Siedlung, die entschlossen und zuversichtlich Seite an Seite, mit einem Lächeln in den Gesichtern, zusammenstanden, bedeckte das Hauptblatt. Die Abbildung wurde von farbigen Kreisen, Sternchen und anderen Formen umrandet. Im oberen Teil des Titelblattes, über dem Versammlungsbild, thronte der elegant geschriebene Titel. Eine Erscheinung als wäre unser Dorf ein sorgenloser und mutiger Ort gewesen... Meine Kraft und Freude schwand. – Die gesamte Frontseite war ein Zeugnis der ständigen Verdrängung und Ignoranz die wir lebten. – Ich versuchte mich auf etwas anderes zu konzentrieren und dachte, während ich das Frühstücksgeschirr in die Küche brachte, an meinen Vater. Er hatte das Haus schon sehr früh am Morgen, um angeln zu gehen, verlassen. Ich freute mich auf die gebratene Forelle, die es immer wieder ! zu Abend gab wenn mein Vater angeln ging. Nebeltage bevorzugte er zum Angeln, an solchen fiel, seiner Meinung nach, der Fang großzügiger aus. Ich spürte wie sich mein Gemüt wieder erheiterte, die Vorfreude auf ein feines Abendessen tat mir gut. Einfache und schöne Dinge im Leben waren es, die in mir für Erholung, Erleichterung und vor allem ... für pure Ablenkung sorgten. –Aber war es wirklich nur Ablenkung? – Plötzlich begann ich zu zweifeln. Versteckte ich mich vor der Tatsache, dass unser Dorf unter einer düsteren und schweren Last litt? Tat ich das Richtige? War es denn in Ordnung, diesen dunklen Einfluss einfach zu vergessen? –War es vielleicht doch eher Verdrängung? – Tat ich vielleicht sogar das Falsche? War es Unrecht diese Bürde, die wir alle mit uns trugen, einfach zu vergessen? Ich verhielt mich doch feige und schwach oder etwa nicht?! Ich musste dem finsteren Schandfleck unseres Dorfes mehr Aufmerksamkeit widmen! Aber konnte ich das überhaupt? Ertrug ich das überhaupt? Ich musste es können, ich musste mich damit auseinandersetzen, ich musste es ertragen, ich durfte es nicht ... ignorieren.
–War es also doch ... Ignoranz? – Mit einem Mal verschlug es mir den Atem. Ich verspürte etwas Vertrautes und dennoch neues. Es fühlte sich intensiver denn je an. Aggressiver denn je. Ich schaute zu meiner Mutter, sie saß starr wie eine Tote am Wohnzimmertisch. Das Mitteilungsblatt lag aufgeschlagen auf dem Tisch, sie hatte es fallen lassen. Ich riss meinen Blick von ihr los und fand mich selbst, als wäre ich in Winterstarre gewesen, vor der Spüle wieder. Zu meinen Füßen lagen die Scherben des Frühstückgeschirrs. Ich fühlte mich ungemein kalt und war zutiefst erschüttert. Diese Situation war anders. Das Gefühl ... war anders. Eine Flut brach über mich herein. Eine Flut die ich nicht beschreiben, einordnen oder auf sonstige Weise kategorisieren konnte. Eine Flut die langsam begann mich zu ertränken. Ich schaute wieder zu meiner Mutter, sie hielt nach wie vor inne und presste dabei ihre Arme auf den Tisch. Sie sah aus wie ich in diesem Moment wahrscheinlich auch aussah, unglaublich erschrocken und erschüttert. Ich spürte wie sich das Gefühl in mir, stechend und beherrschend, erneut aufbäumte und ausbreitete. Es war als verlangte es etwas von mir, nein es war ... als zwang es mich zu etwas. Ich hielt dem Druck nicht länger stand und rannte hoch auf mein Zimmer. Das Gefühl trieb mich dort hin. –War die Stunde der Abrechnung nun gekommen? – Wurden wir nun für unsere Ignoranz zur Rechenschaft gezogen? Schließlich erreichte ich mein Zimmerfenster. Gefesselt begann ich, wie schon so oft, den dunklen Nebelfleck zu ... beachten. Ich durfte nicht länger ignorant sein. Ich musste mich dieser grauenvollen Anomalie endlich stellen, ja ich ... musste es. Die Ausstrahlung des Mysteriums erwartet es von mir. Der Waldhügel erwartete es von mir. Das in mir nun stärker denn je gewordene Gefühl erwartete es. Während ich auf die schwärzliche Nebelzelle starrte, ! um diese m Zwang, den ich nicht erklären konnte, nachzukommen, vereinnahmte und durchdrang mich das Gefühl schleichend, leise und dennoch mit einer so unheimlichen Wirkungskraft, dass die psychische Kälte, die Besitz über mich gewonnen hatte, nun von Geist und Verstand, weiter auf meinen Körper um sich griff. Eine ungekannte Gänsehaut begann mich zu durchrütteln, sie war so unnatürlich und fremd. Und plötzlich kam mir noch etwas anders vor –der Nebel– der ganz normale Nebel, begann sich zu verändern, begann sich zu ... verdunkeln... Das konnte nicht sein. Warum? Brach das Elend nun endgültig über uns herein? Begann nun die Abrechnung?! Der Nebel wurde verseucht! Der Krankheitskeim sollte nun also doch aufgehen ... der Nebelmantel um uns herum wurde langsam aber sicher zerfressen. Das Gift breitete sich, von seinem dunklen Zentrum ausgehend, schlussendlich tatsächlich aus ... und wandelte den ehemals warmen Mantel zu einer Zwangsjacke, die uns ersticken sollte. Für einen kurzen Moment konnte ich mich überraschenderweise von meinen eisig fesselnden Gedanken befreien. Draußen stand ein Mann, regungslos verharrte er vor einer Bank und blickte in Richtung des dunklen Nebelflecks. Er musste der Obsthändler unseres Dorfes gewesen sein, der Obstverkäufer spazierte des Öfteren, auf dem Weg zum See, an unserem Haus vorbei. Egal bei welchem Wetter. Er
war sehr lebensfroh, jedes Mal wenn ich für mich und meine Eltern in seinen Laden ging, um neue Obstvorräte zu besorgen, schwärmte er begeistert davon wie gesund und toll Obst sei. Jeden Tag einen Apfel essen, das sollte mindestens drinnen sein. Das Obst sei Energie- wie auch Vitaminlieferant, wunderbare Allrounder waren die Früchte. Zudem erzählte er oft genug, wie schön er den Waldsee fand. Auf die Bank am Rand des Kiesweges zum See, setze er sich so gut wie immer. Stets ließ er dann seinen Blick über den Waldsee schweifen ... und wie ich vermutete ... über die Nebelzelle. Bestimmt war das der einzig wirkliche Grund, für seine ständigen Spaziergänge an unserem Haus, zum See, vorbei. –Es war der einzig wahre! – Und wieder war ich unter dem Joch des Gefühls, der immer dunkler werdende Nebel, versetze mich in große Sorge. Die drohenden Vorahnungen auf Abrechnung hatten sich manifestiert und waren nun auf dem Weg um uns alle heimzusuchen. Der Obstverkäufer stand immer noch still da. Er wurde von einer unsichtbaren Macht festgehalten, dazu gezwungen genau dieser unbegreiflichen und grauenhaften Kraft, während sich alles in ihm dagegen sträubte, Aufmerksamkeit zu schenken und sie niemals außer Acht zu lassen. Oder waren es doch die vollkommen unbekannten Geschehnisse, die einst auf dem Hügel stattfanden, die beachtet werden wollten?! Oder war es dieser finstere Nebelfleck?! Es war alles das Selbe! Wie aus dem Nichts spürte ich eine weitere, schreckliche Verstärkung ... des Gefühls. Der Nebel hatte inzwischen eine ungekannte Dunkelheit angenommen. Ich konnte sehen wie der Obstverkäufer zu zittern anfing. Gleichzeitig spürte ich eine weitere und immer stärker werdende Kältewelle, die mir durch Körper und Geist fuhr. Bis ins Mark war ich durchzogen von Hilflosigkeit, Ungewissheit, Gewissensbissen und einfach eben diesem ... Gefühl! Der Obsthändler wurde ! gnadenlo s durchschüttelt und fiel schließlich auf die Bank, er war unglaublich fassungslos und gelähmt. Nun wurde er wieder von einer Starre erfasst, jedoch riss er seinen Kopf hin und her, schaute sich wild und überwältigt um. Es war die Dunkelheit, die nun auch in den normalen Nebel eingedrungen war. Auf einen Schlag wurde ich von Verunsicherung und entsetzlicher Mutlosigkeit übermannt. Das Gefühl erfüllte mich und trieb mir Tränen in die Augen. In diesem Augenblick verkrampfte sich urplötzlich der Hals des Mannes. Zumindest sah es für mich, mit meiner Sicht aus dem Fenster, so aus. Er hielt den Kopf starr und entsetzt zum Waldhügel gerichtet. Dann sah es so aus, als würde er sich wieder entspannen ... doch genau in diesem Moment begann ihn ein, immer dicker und dichter werdendes, Nebelgewand zu umhüllen. Langsam aber stetig verschwand er in der dunkelgrauen Nebelmasse. Der Nebel verschluckte ihn ... und schließlich wurde aus dem dunklen Nebelgewand eine schwarze Wolke. Meine seelische und physische Kälte zwang mich auf ein Neues Tränen zu vergießen. In diesem Moment verwandelte sich die finstere Wolke, in ein stechendes und gleißendes, helles Licht. Das war der Augenblick, in dem das Gefühl in mir, den Zenit seiner Vereinnahmung erreicht hatte. Die absolute Erstickung jeglicher Unbeschwertheit, Reuelosigkeit, Freiheit ... jeglicher Lebensfreude. Auf diesem totalitären Zenit, auf diesem mächtigen und vollkommenen Höhepunkt der geistigen Fesselung, brach das Gefühl jedoch abrupt zusammen und verstummte. –Ich spürte nichts. Einfach nichts. Das Nichts. – Schließlich schwand das überwältigende Licht ins Nichts und erlosch, der dunkelgraue Nebel war alles, das übrig blieb. Der Obstverkäufer, der Mann, der freudige Mensch den ich ein paar Augenblicke zuvor noch aus Fleisch und Blut, als lebendiges Wesen, als ein Etwas sehen konnte er ... war verschwund! en. Er w ar in das Nichts übergegangen, er war zum Nichts geworden... Aus diesem Nichts erwuchs in mir, das gerade erst erstorbene Gefühl erneut. Das Echo des Gefühls begann mir leise durch Kopf und Leib zu hallen. Es wurde lauter und lauter. Ich musste etwas tun, ehe es mich abermals in seinen gestaltlosen Fängen einsperrte. Plötzlich schoss mir der Waldsee durch den Kopf. Lief man den Weg weiter, an der Bank vorbei, kam man zu einem Angelsteg. Dieser Steg war ein beliebter Anglerplatz innerhalb der Dorfgemeinschaft. Mein Vater war an diesem Tag auch dort... Mein Vater war dort... DORT ... draußen –im Nebel–. Ich rannte herunter ins Wohnzimmer und stürmte in Richtung Haustür. Meine Mutter saß nach wie vor am Esszimmertisch, auf dem Tisch vor ihr lag die nahezu heuchlerische Zuversicht und Fröhlichkeit unseres Dorfes, das Mitteilungsblatt. Sie hatte diese Eigenschaften fallen lassen ... das Gefühl hatte ihren Händen diese Illusion entrungen und zwang sie dazu das verlogene Mitteilungsblättchen abzustoßen. Nun wurden ihre Augen mit gnadenloser Gewalt geöffnet, sie wurde aus ihrem Traum gerissen und in das eiskalte Wasser der Realität, der Tatsachen, geschleudert. Die Frage war nur: Würde sie darin erfrieren oder ertrinken? Würden wir –ALLE– darin erfrieren oder ertrinken? Wahrscheinlich beides... Wir würden in diesem Ozean unserer eigenen Ignoranz und Verdrängung, unserer eigenen Selbstlüge, untergehen und verschwinden. Nein. –Wir GINGEN bereits unter–. –Wir VERSCHWANDEN bereits–. Versenkt wurden wir von der tief in uns begrabenen Wahrheit, die sich nun selbst aus ihrem Grab schaufelte und in unsere Herzen bohrte. Meine Mutter schaute mich mit weit aufgerissenen Augen an. Ihr Blick folgte mir, während ich in Richtung der Haustür an ihr vorbeizog. Ohne zu blinzeln starrte sie mir nach, als wollte sie mich aufhalten, voll Sorge, Schrecken, Entsetzen und! Bedauer n. Sie konnte es aber nicht, sie blieb machtlos am Tisch gekettet. Von dem Gefühl vereinnahmt. Mein Vater aber war da draußen ... im dunklen ... verschmutzen Nebel. Schließlich rannte ich den Kiesweg entlang. Ich rannte und rannte, versuchte mich auf jede einzelne meiner Bewegungen zu konzentrieren, auf jeden Muskel der sich abwechselnd verhärtete und entspannte. Der Schweiß begann meinen Körper herabzurinnen. Ich wusste nicht ob ich aus Panik oder Anstrengung schwitze. In Bewegung zu bleiben half dabei, das an mir nagende Gefühl ein Stück weit auszublenden. Als ich die Bank passierte spürte ich kurz, wie sich die befremdliche und dennoch langweilig vertraute Kälte und Niedergeschlagenheit, weiter aufzubäumen versuchte. Aggressiver denn je rannte ich weiter. Mit jedem Schritt der mich von der Bank und dem verschwundenen Obstverkäufer fortbrachte, entfernte sich auch das Gefühl von meinem Geist. Während ich den Weg entlang sprintete, zog ich mich so weit wie nur möglich in meine Gedankenwelt zurück. Jeden Moment hätte ich stolpern können, wie ein Wahnsinniger preschte ich weiter zum Anglersteg, ohne Rücksicht darauf was um mich herum geschah. So raste ich im ohnmächtigen Rausch den Kiesweg dahin. Wahrscheinlich stürmte ich an einigen leblos wirkenden Baumstämmen, deren Erscheinungsbilder sich nur noch als schattenhafte und unglückliche Umrisse im Nebel abzeichneten vorbei. Ich war in einer Trance. Von Zeit zu Zeit begleitete ich meinen Vater auf seine Angelausflüge. Wir gingen meistens zu Fuß an die Angelstelle, der Weg nahm in der Regel zwanzig bis dreißig Minuten in Anspruch. Bei meinem fluchtartigen Geschwindigkeitslauf, an diesem bitteren und gnadenlosen Tag, rechnete ich jedoch damit, schon bei einem Viertel der normalen Zeitspanne den Anglersteg zu erreichen. Langsam bremste ich meine Raserei ab und musste somit auch mein Versteck, meinen Geistesbunker verlassen. Sch! lie&szli g;lich kam ich zum Stillstand. Eine Welle der mentalen Erschöpfung, der tonnenschweren Depression, der Schuldgefühle und Unsicherheit schlug sogleich, einmal mehr, auf mich nieder. Desillusioniert und erschüttert nahm ich meine Umgebung in Augenschein. Einige Meter vor mir sah ich den Steg. Der Anglersteg war, wie alles andere auch, vom unwirklichen, dunkelgrauen Nebel umschlungen. Er wirkte wie ein Pfad ohne Ende, ein Pfad ins Nichts ... in ein ewiges Nichts. Der Weg in einen Sumpf der endlos beherrschenden Bedenken, ein Weg hin zu einer granitfesten Bindung mit dem Stillstand, zur ewigen Hemmung... Trotzdem musste ich mich nun auf diesen Weg begeben, ich musste meinen Vater finden. Meine Beine taten ein wenig weh, allerdings war der Schmerz keineswegs negativ oder besorgniserregend. Der Schmerz war leicht, erträglich, eigentlich nicht mal ein wirklicher Schmerz, es war eben einfach das Gefühl müder Beine. Dieses Empfinden erinnerte mich daran, dass ich lebte, dass ich mich bewegte, dass ich schwitzte, dass ich etwas tat, ein süßer und milder Schmerz. Ich lief los, setzte langsam aber sicher einen Fuß vor den anderen, der Steg war fast erreicht... In gewohnter Grauenhaftigkeit und dennoch mit einer neuartig fremden und schockierenden Wesensart, näherte sich mir nicht nur der Steg, sondern auch das ... Gefühl. Ich trat vorsichtig auf den Steg. Schritt für Schritt näherte ich mich dem Grauen. Es war so still, keine Lebenszeichen, keine Geräusche die auf meinen Vater hinwiesen. Ich lief etwas schneller weiter, nur noch ein kleines Stückchen und ich hätte meinen Vater mit der Angel, dem Weidenkorb für die Fische und einer kleinen Vesperbox, auf dem Steg sitzend sehen sollen. Je weiter ich den Steg beging, desto erbarmungsloser stieg der Druck und ich konnte nicht mehr nach vorn sehen, ich senkte meinen Kopf und betrachtete die Holzplanken. Mit jedem Weiterschritt zogen ein Duzend Stegbretter, unter meinen Füßen! , an mir vorbei. Wie betäubt und ausgesaugt lief ich weiter und beschaute die unterschiedlichen Farbtönungen der Stegplanken ... mal ein etwas helleres Braun, mal etwas dunkler. Mein Blick haftete auf dem Steg. Ich begann zu frieren und zitterte, meine Atmung beschleunigte sich. Plötzlich bemerkte ich, dass ich schweißüberströmt war. –Wahrscheinlich wegen dem Sprint. – –Der Rennrausch musste der Grund gewesen sein. – Gemeinsam mit dem Schweiß, begann die morgendliche Kühle nun ihren Tribut zu fordern. Die erneut über mich gekommene Kälte breitete sich jedoch abermals auch in meinem Verstand, meiner Seele, meinem Geist und meinem Herzen aus ... und fror mich ein. –Also doch nicht nur mein schweißtreibender Lauf, doch nicht nur der Schweiß. – Es war wieder vollends da... Das Gefühl hatte mich unterdrückt und gebeugt, ich war geknechtet. Plötzlich schaute ich in ein Antlitz. Es bewegte sich wellenförmig auf und ab, ein bläuliches, sich immer wieder leicht verzerrendes Bild. Ich starrte das ausdruckslose und erkaltete Gesicht an, mein Blick drang tief in die leer wirkenden Augen ein. In der Leere der Augen begann ich mich zu verlieren, ich tauchte endlos tief in die bodenlosen Abgründe der Bestandslosigkeit, die in der Leere lag ab. Ich glitt durch diese gestaltlose Dimension und durchquerte das Nichts. Während ich dahinschwebte, begann inmitten der Leere jedoch etwas hervorzustechen, eine Besonderheit in der farblosen Masse, ein Etwas. Ich näherte mich diesem Etwas, ich flog zielstrebig darauf zu, ich wollte es erfahren, es erleben. Schließlich erreichte ich es ... und auf einen Schlag wurde ich aus dieser abgrundlosen Matrix gerissen ... befreit. Erneut erblickte ich das gleichmäßig und wellenartig bewegte Antlitz ... mein Antlitz –auf der Wasseroberfläche des Sees–. Ich befand mich auf Knie gesunken am Ende des Steges und schaute ins Seewasse! r ... ic h sah nur mich selbst. Um mich herum lagen eine Angel, ein Weidenkorb von dem ein intensiver Geruch ausging und eine Vesperbox. Im Korb mussten sich wohl gefangene Fische befunden haben. Doch ich war allein ... nur ich war auf dem Steg. Mein Vater... Er war nicht da. Weg... Panisch und voller Entsetzen rannte ich los, trat dabei versehentlich die Vesperbox ins Wasser und machte auf dem Kiesweg halt. Ich schaute mich hastig und desorientiert um. Ein tiefreichender Schrecken hatte mich einmal mehr unter Kontrolle. –War mein Vater nun auch verschwunden? – –Wurde er etwa auch ... aufgelöst?! VERNICHTET?!– Obwohl ich wusste, dass ich durch den dichten Nebel nichts zu sehen bekommen würde, richtete ich meinen Blick zum Dorf. Die öde, dunkle und verschlingende Nebelwand schien undurchdringlich zu sein. Alles war gleich und farblos. Inzwischen der farbarmen Nebelmassen bemerkte ich jedoch etwas Ungewöhnliches. In dieser riesigen Dunkelheitsfestung verbarg sich etwas helles ... vielleicht etwas Hoffnung? Ich ging einige Schritte weiter in Richtung des Dorfes, langsam aber sicher konnte ich immer mehr Helligkeit inmitten des dunkelgrauen Nebelgewandes erkennen. Tatsächlich war in all dieser Finsternis Licht verborgen. Das Dorf musste voll, von hell scheinenden und prächtig leuchtenden Lichtern, gewesen sein. Während ich das vom Nebel noch unterdrückte Licht beobachtete, wurde es plötzlich intensiver und stärker ... es war wunderbar. Die Lichter begannen sich aus der Ferne, im Kontrast zum tiefdunklen Nebel, in helle Lichtpunkte zu verwandeln. Schließlich war das Dorf von duzenden Lichtflecken überstreut. Es sah aus, als ob ein Schwarm gigantischer Glühwürmchen das Dorf besuchte. In vollkommen hingebender Trance lief ich langsam auf mein Heimatdorf zu. Am Ende des Kiesweges, im Dorf erwartet mich Geborgenheit. Helligkeit hatte endlich die Waldsiedlung erwärmt und aufgetaut, ich spürte eine sorgenfreie Atmosph&au! ml;re, e ine Aura die mich zu den Lichtpunkten zog. Voller Vorfreude nahm ich das Knirschen, der kleinen Kiesel unter meinen Schuhen, gar nicht mehr wirklich wahr. Ich war glücklich... Aber was war das? Unerwartet und urplötzlich schwand die warme Ausstrahlung dahin. Das düstere und befremdliche Gefühl sprießte abermals, jedoch mit einer nie dagewesenen Kraft, in die Höhe. Kurz daraufhin musste ich mit ansehen, wie die stolzen und wärmenden Lichter ihren angenehmen Schein Stück für Stück verloren. Sie nahmen eine kalte und stechende Helligkeit an. Eiskalt lief es mir den Rücken hinunter, die Lichter wurden unerbittlich hart, gleißend weiß und was mir längst hätte auffallen sollen, drängte sich mir nun schlagartig auf... Der Obstverkäufer war genau von solch einem Licht, wie es sich in diesem Moment zahlreich im Dorf befand, verschlungen worden. Während mir dieser Gedanke durch den Kopf fuhr, löste sich mit einem mal einer der glühend hellen Lichtpunkte auf. Drei weitere Lichter folgten indem sie zeitgleich verschwanden. Dann erlosch wieder eins, wieder eines und wieder eines... So gingen sie weg... So gingen die Dorfbewohner weg! Mein Atem stockte und mein Herz begann zu rasen. An den Augenlidern rannen die Tränen herab. Die kalte Luft peinigte meinen, mittlerweile auch von Angstschweiß überzogenen Körper. Meine Seele versank in einem Eismeer... Dem Dorf wurde das Leben ausgesaugt, die Bewohner mussten vom Erdboden verschwinden... Überfordert stolperte ich den Weg zurück. Ich wollte rennen, konnte es aber nicht ... ich war zu schwach. All meine Nachbarn, die anderen Dorfbewohner, meine Mutter, sie wurden in diesem Moment zur Rechenschaft gezogen und vernichtet... Aber das konnte doch nicht sein, es musste einen Weg geben um diese schreckliche Abrechnung irgendwie zu verhindern, sie zu beenden ... zu umgehen. Aber das wäre, wie schon so oft, ignorant und feige gewesen ... wir a! lle soll ten gerichtet werden... Aber musste es wirklich so kommen?! Ich wusste es nicht... Wut quoll in mir auf, eine von Furcht und Wehrlosigkeit gespeiste, verzagte Wut. Dieser innere Unfrieden brachte eine verzweifelte Kraft mit sich, ich konnte wieder rennen ... und ich rannte! Erneut stürmte ich hilflos den Kiesweg entlang. Meine Beine trugen mich fort vom Dorf, fort von den verdorbenen Hoffnungslichtern, die sich und somit die Hoffnung die sie verbreiteten auslöschten. Jeder Schritt, der mich weiter von der Siedlung entfernte, entfernte auch ein Stück weit das grausame Gefühl von mir. Ich lief mich frei. Weiter und weiter. Durch meinen Lauf war die dominante und vereinnahmende Grauenhaftigkeit schlussendlich zurückgewichen. Ich verlangsamte mein Tempo und blieb schließlich stehen, meine Gedanken mussten in größtmöglicher Ruhe geordnet werden. Noch bevor ich in mich kehren konnte, um etwas Frieden und Ruhe zu finden, wurde mir jedoch vom Gefühl, auf ein Neues, eine Eisklinge in die Magengrube gerammt... Augenblicklich drehte ich mich um. Ich erblickte den Steg ... den leeren Steg ... ohne jede Menschenseele ... ohne meinen Vater. Eine Tatsache die mir bereits beim ersten Aufenthalt auf dem Steg klar wurde, die ich aber nicht wahrhaben wollte, zwang sich mir nun auf und durchflutete mich ... mein Vater musste ebenfalls, genau wie das gesamte Dorf, büßen und verschwinden. Er hatte gebüßt ... und war verschwunden. Er
war nun auch Teil des ... Nichts. Ich wusste nicht, ob noch irgendjemand anderes am Leben –oder in welchem Zustand wir uns auch immer befanden– war. Diese Ungewissheit über die aktuelle Situation des Dorfes, meiner Mitmenschen, ja sogar über meine eigene Lage ... diese Hilflosigkeit, all das versetze mich in Panik, Schrecken, Verzweiflung, Furcht, Trübsinnigkeit. Gleichzeitig aber bäumte sich in mir ein tobender Zorn auf, eine Wut darüber, dass wir alle zum Richtblock, zur Schlachtbank geführt werden sollten ... und vor allem eine Wut darüber, dass ich nicht wusste ob dies gerecht oder schlicht bösartig war. Die Wut fing aber auch damit an, meine Entschlossenheit zu wecken. Ich musste einfach etwas tun, weiter gehen, weiter machen, weiter suchen. Es musste eine Möglichkeit geben diese Abrechnung zu verstehen und sie damit vielleicht sogar zunichte zu machen, sie zu durchschauen. Ich war derjenige der dieses erstickende Gefühl konfrontieren musste ... nicht es mich. Es war an der Zeit, mich dem vernichtenden Joch zu stellen. Das Verdrängen, Abwarten und die Selbstlüge mussten ein Ende finden ... bevor das Ende mich fand. Ich musste mich zum Kern, zum Ursprung, zum Grund ... zum Keim begeben. Der Samen der Verderbtheit war mein Ziel. Die Giftquelle im geschwächten Körper, die sich nun über die Organe ausschüttete und den Körper schleifend dahinraffte, war mein Ziel. Wieder drehte ich mich um, aber nicht zurück in Richtung des Dorfes, dieses Mal wendete ich mich dem weiteren Weg zu. Entschlossen lief ich am Steg vorbei. Meine Schritte waren langsam und fest. Der Kiesweg führte mich weiter durch den allesverschluckenden Nebel. Zu meiner Rechten konnte ich nach wie vor das Seeufer sehen. Die vereinzelten Bäume links von mir, wurden mit dem Zurücklegen der Wegstrecke zahlreicher. Außerdem merkte ich wie der Weg anstieg, ich bewegte mich bergauf. So wandelte ich durch die, ohnehin schon d&u! uml;ster en und nun auch vom Nebel umnachteten, Wirren der Waldhügel. Immer weiter dem Quell dieser farblosen Flut der Hoffnungslosigkeit entgegen. Jeder Schritt der mich näher an den Quell brachte, brachte mich auch näher an das ... Gefühl. Doch nicht nur ich bewegte mich auf das Gefühl zu ... auch das Gefühl machte sich auf den Weg zu mir. Ich war auf einem psychischen Kollisionskurs. Es kam mir näher und näher, und kroch mir unter die Haut, durchströmte mich, machte sich daran meine Gedankenwelt zu übernehmen, zu bestimmen, zu beherrschen. Ich kollidierte mit dem Gefühl, prallte auf eine kalte Stahlwand, die sich um mich herum erhob und meinen Geist, mein Ich, gefangen hielt... Mein Ich gefangen hielt und quälend langsam zerquetschte... Ich musste diesem Gefängnis entfliehen und verfiel erneut in einen rasenden Rennrausch. Zahllose karge Bäume, deren Ausstrahlung und jegliches Leben, das in ihnen steckte gestohlen worden war, zogen an mir vorbei. Unzählige, dunkle Umrisse der Baumstämme glitten durch mein Sichtfeld. Ich konnte die Baumarten nicht mehr erkennen, sie waren allesamt zu Schatten ihrer einstigen, lebhaften Kraft und Natürlichkeit geworden... Nach und nach wurde der gefrierende Griff des Gefühls sanfter und weicher. Die stählerne Hand begann sich von meinem Herzen zu lösen und wollte sich entfernen.
Doch während ich rannte, merkte ich wie sich ein grauenvolles Echo, ein vergessener Albtraum, in meine Gedanken brannte ... als sollte ich erinnert werden. Mit dem Echo, das mir immer lauter durch den Verstand schallte, kehrte auch die harte Hand zurück, krampfhaft, gierig, faltig und kalt. Die Hand des Gefühls gierte nach meinem Herzen, nach meiner Seele, nach mir. Und plötzlich wurde ich aus meiner wahnhaften Flucht gerissen. Trotz meines Spurtens verspürte ich, wie das Gefühl alles in und an mir ergriff und mich mit einer undefinierbaren und unbegreiflichen Macht zum Stehen brachte. Ich fühlte mich, als würde ich mich jeden Moment übergeben müssen, meine Knie waren weich, Tränen strömten mir die Wangen hinab und der tiefdunkle Nebel schlang sich enger um mich. Die erdrückenden Nebelmassen riefen in mir pure Platzangst hervor ... und ich wurde mit dem schrecklichen Gefühl Eins. Die Atmosphäre war verstörend und widerlich, mir war schlecht. Auf geistiger wie auch körperlicher Ebene, wurde ich von Kälte durchgerüttelt. Das Frieren wurde nun von allem möglichen erzeugt: Angstschweiß, Übelkeit, Unsicherheit, Panik, Gnadenlosigkeit, Härte, Trostlosigkeit, Farblosigkeit, Depression, Hoffnungslosigkeit, Ungewissheit, Verwirrtheit, Schrecken, Krankhaftigkeit, abgrundlose, unendliche Leidenstiefen und noch vieles, vieles mehr ... nein eigentlich nur eines, eines und dennoch alles, nämlich ... das Gefühl. Es übergoss mich mit Eisregen. Und plötzlich realisierte ich, dass ich vor einem kleinen und unscheinbaren Waldweg stand. Der Weg zweigte ab vom Kiesweg und schlängelte sich um Baum für Baum, er führte weiter nach oben auf die Hügel ... weiter nach oben ... weiter ... auf DEN Hügel! Ein Weg ins Verderben?! Vielleicht... Ich erinnerte mich an meine Suche nach dem Ursprung, nach der Quelle dieses Übels. Nein ich erinnerte mich an meine Entscheidung d! iesem Ke im zu begegnen und ihn ... wenigstens zu verstehen. Das war die einzige Hoffnung dieses Elend zu beenden. Wenn ich in diesem Moment kehrtmachte, würde sich nichts ändern ... es würde alles gleich bleiben und irgendwann würde ich, genau wie all die anderen, im Nichts untergehen... So betrat ich also den Pfad.

Es war nicht mehr weit entfernt. Es. Was ich auch immer finden würde, lag nicht mehr fern. Ich kam der Hügelspitze immer näher. Ich kam der Erkenntnis, der Auflösung, der Erklärung ... der Beruhigung immer näher. Zumindest hoffte ich das. Ich hatte mir alles was bis hier her geschehen war noch einmal durch den Kopf gehen lassen und nach wie vor konnte ich nichts davon erklären, nichts davon bestimmen, es lauerte noch im Dunkeln. Ich musste auch ins Dunkle gehen um dieses Etwas zu begreifen und es zu sehen, es durfte die Dunkelheit nicht verlassen und mich überfallen. Ich hoffte darauf ... dies zu schaffen. Auf meinem Weg zu diesem Mysterium hatte ich jedoch gelernt, dass Hoffnung verging und sich veränderte, schließlich sogar verdarb und zu etwas anderem wurde. Sie wurde zu Verzweiflung, zu Panik, Unsicherheit, Bösartigkeit und zu all den anderen scheußlichen Dingen, zu all diesen Gefühlen ... zu DEM Gefühl. Zu dem Gefühl das mich in diesem Moment beherrschte und so unglaublich klein und schwach werden ließ. So wandelte ich also zitternd und bedrängt auf meinem nebeligen Weg. Der Pfad zur Hügelspitze hatte mich durch unwegsames Gelände geführt. Es ging stetig bergauf, mal dicke, mal dünne Wurzeln streckten sich über den Weg. Immer wieder war der Pfad uneben und ich hätte abrutschen können. Die Verwitterung ließ mir keine Chance zu rennen, ich musste mich quälend langsam auf den Hügel schleppen. Und vor allem musste ich das Gefühl, das auf meinen Schultern lastete, auf den Hügel schleppen. Ich schritt über eine dicke Wurzel und gab auf den Waldweg acht. Die nächsten paar Meter schienen wurzelfrei zu sein, ich schaute vom Pfad auf und blickte einmal mehr zur Hügelspitze. Sie erhob sich zwischen dem einschüchternden Nebel und all den leeren Baumumrissen, auf der Spitze befand sich ihre schwarze Krone... Ich senkte meinen Blick wieder. Aufmer! ksam ach tete ich auf den Boden und begann mich etwas schneller vorwärts zu bewegen. Ich wusste nicht ob ich froh darüber sein sollte, mein Ziel beinahe erreicht zu haben. Der Zustand in dem ich mich befand, verneinte dies ... meine Kräfte waren vollkommen aufgebraucht, heftig wurde ich von dem Zittern erschüttert, unbeschreibliche Kälte hielt mich fest und obwohl ich so viel fühlte, so viele Gefühle verspürte, war ich emotionslos und ausgelaugt. Ich wurde von dem Gefühl überrollt, überrumpelt, überschwemmt, ich wurde gänzlich überlastet. Die Kälte war unerträglich und mit jedem Schritt auf die Spitze zu, wurde sie stärker, vereinnahmender, herrschsüchtiger. Dieses tiefgreifende Unwohlsein, diese seelische Beschmutzung stammte aus meinen dunkelsten geistigen Abgründen, aus der Verlorenheit die mit eiserner Hand ihre Regentschaft über mich –in mir– festigte und mich dominierte. Von außen peitschte die kalte Morgenluft auf meinen schweißgebadeten Körper ein. Mein Herz raste, eine unerbittliche Panik ergriff Besitz von mir und dennoch blieb ich standhaft und hielt weiter auf mein Ziel zu. Tatsächlich schaffte ich es schließlich zur Hügelspitze und blieb vor ihr stehen... Ein Ort der vieles gesehen hat, der verborgen hat, der ... verborgen wurde. Jahrzehnte lang befand sich kein Mensch mehr auf dieser Hügelspitze. Mit diesem Gedanken bemerkte ich die urige und erschreckend verheißungsvolle Stille. Auf meinem Weg zum Spitz hörte ich wie der Wind durch den Wald rauschte, vereinzelte Krächzer von Raben begleiteten mich ebenfalls. Doch nun war es vollkommen still, unnormal still. Keine Geräusche. Meine Umgebung war zu einem abscheulichen Stummfilm geworden. Ich befand mich an einem ... verlassenen ... Ort. Was während der belebteren Zeit des Hügels an diesem Platz geschah, blieb immer eine Ungewissheit. Ich blickte an den Hängen der Spitz! e empor und wie schon bei so unendlich vielen Malen zuvor ... sah ich den tiefdunklen Nebelpunkt. Was auf dem Hügel passiert sein könnte und wie uns sein bösartiger Schlangenkopf, die Nebelzelle, beeinflusste, musste hingegen nicht immer im Ungewissen liegen bleiben ... doch es wurde verdrängt, man wollte es nicht wahrhaben, man wollte es nicht wissen. Konnte man das überhaupt? Die Verdrängung wurde mir schnell verständlicher. Jetzt wo ich den Nebelpunkt aus nächster Nähe betrachten konnte, war er kein einfacher dunkler Fleck mehr. Ich wurde abermals von der absurden Unnatürlichkeit dieses Etwas, das sich da vor mir auf dem Spitz befand durchdrungen. Das war kein Nebel! Dieses Ding war etwas surreales, etwas immer noch düstereres als die bereits verdunkelten Nebelmassen. Lautlos schwebte es auf der Hügelspitze, eine mir unbekannte dunkle Materie. War das ein schwarzes Loch?! Nur eine Halluzination?! Eine Falle?! Was war das!? Es war einfach da und existierte auf irgendeine Weise und es war lautlos, still, ruhig. Es war leblos, kalt, bitterlich. Grauenvoll, widerlich, verstörend. Furchteinflößend, verunsichernd, erschütternd. Mysteriös, vereinnahmend, beherrschend, lähmend, hypnotisierend, unwirklich ... unnatürlich ... krank ... verdorben ... sündhaft ... zornig ... DAS GEFÜHL!!! Das Gefühl stürzte sich mit einer unsäglichen Brutalität auf mich, mit einer dominanten Macht. Mein Herzrasen verstärkte sich und meine Atmung beschleunigte sich unkontrolliert. Mein Herzschlag wurde schneller und schneller, ich bebte und fühlte mich als würde ich einem gnadenlosen, millionenfach intensivierten Schüttelfrost ausgesetzt sein. Als würde man mich auf einem elektrischen Stuhl dahin schmoren. Mein Herzschlag gab mir das Gefühl, dass es so schnell werden würde bis es abrupt zusammenkrampfen und stehen bleiben würde. Immer mehr, immer schneller, immer stärker! und sch ließlich vollkommener Stillstand... Es musste etwas passieren. Das war meine letze Chance! Ich schaute mich hektisch um und lief mit wackligen Beinen an den Hängen der VERDAMMTEN Erhebung, dieses Sündenhorts entlang. Ich suchte nach einer Möglichkeit die Spitze zu besteigen und in diese unnatürliche Schwärze einzutreten, um ihr Wesen zu sehen und sie zu verstehen, SIE zu vernichten. Denn das Gefühl, das von dieser Dunkelheit ausging, war dabei MICH zu vernichten, mir blieb nicht mehr viel Zeit. Ich musste nach oben ... ich musste es einfach. Und plötzlich konnte ich sehen wie sich eine Treppe aus dem Nebel hervortat. Sie war seitlich an die Hügelspitze angebaut worden und führte direkt zu dem für Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte, unerklärt gebliebenen Mysterium. Sie führte zu meiner letzen oder meiner ersten Handlung. Entweder ich würde dort oben mein Ende finden, wie die anderen vor mir, oder ich würde mit der Erkenntnis über den Aufbau, der Art dieser Anomalie, mit dem Durchschauen des Spiels, das es mit mir trieb, einen Schritt hinein in etwas neues wagen, einen allerersten Schritt. Ich hoffte und spürte auch irgendwie, dass ich die Welt, diese farblose und dennoch überflutende und verkommene Welt, nach meinem letzen Kampf mit dem Gefühl in eine andere Welt, eine neue Welt gewandelt haben würde. Die Treppe fest im Blickfeld, setzte ich einen Fuß vor den anderen, ich musste dort hoch. Es war an der Zeit das Gesicht dieses Phänomens zu enthüllen, es mir selbst zu offenbaren. Diese schwarze Materie, was sie auch immer war, konnte nicht real sein. Sie war so surreal, unwirklich, unecht ... unmöglich. Ich musste ihre Unwirklichkeit akzeptieren und sie mit dieser Akzeptanz zerstören ... das Gefühl damit zerstören... Aber dieses Ding war doch überhaupt nicht unwirklich, es war da, es hatte Einfluss auf die Realität genommen und war ... etwas, und ich mach! te mir v or es einfach ignorieren und verdrängen zu können ... es verschwinden lassen zu können. Ich war wütend auf mich selbst und noch viel verheerender ... das Gefühl, es ließ seinen Zorn immer intensiver und vernichtender auf mich niederfahren. Dennoch ... trotz des Gefühls, das einen zerberstenden Druck auf mich legte, hatte ich die Treppenstufen fast erreicht. Schließlich wollte ich den rechten Fuß auf die erste Stufe setzen, da wurde ich ... gebrochen. Meine Beine gaben nach und ich fiel hin. Ich fühlte mich leer, ausgesaugt und ausgebeutet. Beinahe leblos. Mit irgendeiner Kraft, die ich noch geradeso aufbringen konnte, richtete ich mich jedoch wieder auf. So befand ich mich, wie schon zuvor, auf Knien. Da fiel mir auf, dass ich meine Füße nicht mehr richtig spürte. Ich verspürte nur noch ein leichtes Kribbeln in den Füßen, meine Waden hinauf wurde es immer stärker und endete schlagartig kurz vor den Kniekehlen, meine Schenkel blieben unberührt. Zuerst dachte ich meine Füße seien eingeschlafen, doch das war etwas anderes. Mir kam es vor, als ob meine Beine erfroren. Aber das konnte nicht wirklich sein und fühlte sich bestimmt anders an... Wahrscheinlich war einfach ICH es der erfror, ICH der ruhiggestellt und zu Nichts gemacht wurde... Ich verdrängte diesen Gedanken, ich musste lediglich noch die Treppe erklimmen, ich war fast da! Die Entschlossenheit kehrte wieder in mir ein. Ich streckte den rechten Arm aus und legte meine Hand auf die Treppe. Danach folgte mein anderer Arm und ich stütze mich auf die Treppenstufen. Mit letzter Kraft wuchtete ich meine Beine auf die Stufen, woraufhin ich mit den Knien aufkam und nach oben krabbelte. Während ich dieses allerletze Hindernis überwand, fiel mir auf wie schlicht und normal die Treppe aussah. Ich hatte geheimnisvolle Gravuren und Symbole auf oder um die Treppe herum erwartet. Doch sie wies keinerlei künstlerische Steinmetzarbe! iten auf . Die Treppe war sehr kantig und glatt, nahezu perfekt waren die Treppenstufen aus dem Gestein geschlagen worden, ohne jeden Makel. Ohne jede Rundung oder Unebenheit, schockierend hart und präzise. Die okkulten Gruppen hatten nichts hinterlassen, nichts außer dem ... Gefühl. Obwohl es eine gewöhnliche Treppe war, übte sie in ihrer nichtssagenden Eintönigkeit und Normalität beunruhigenden Druck auf mich aus. Die Treppe war verstörend. So wie alles an diesem Ort. Es lag an mir der einzigen Hinterlassenschaft endlich ins Auge zu blicken und mit dem Gefühl fertig zu werden. Ein Ende zu setzen. So schleppte ich mich weiter die Treppe hoch. Die Treppe ins Nichts? Die Treppe zum Neuanfang? Die Treppe zum Gericht? Die Treppe zur Bestrafung? Die Treppe zur Erleuchtung? –Sollte ich sie wirklich erklimmen?!– Und so flammte der Kampf in mir stärker denn je auf, der Kampf zwischen dem Gefühl und der Entschlossenheit. Zwischen dem Beachten und der Verdrängung. Keine der beiden Seiten schien es zu schaffen die Oberhand zu gewinnen, der Kampf, die Schlacht tobte weiter. Die Schlacht tobte weiter und zerfraß das Schlachtfeld auf dem sie ausgetragen wurde... Zerfraß mich. Zerfraß mein Ich wie eine ätzende Säure, pures Gift. Trotzdem schleifte ich mich weiterhin die Treppe hinauf. Trotzdem schleifte ich meinen Körper weiter. Trotzdem war ich noch da. Am Leben. Der Kampf, die Schlacht die mich so gnadenlos folterte, mich quälte, mir die leidvollsten Schmerzen bereitete und mich beherrschte und mein Ich übernahm um es aufzulösen, um es zu zersetzen, genau diese Schlacht war meine letze übrige Motivation, die mich unaufhörlich weitertrieb. Denn es musste irgendwann einen Sieger geben, eine Entscheidung, einen Abschluss. Daran glaubte ich, darauf vertraute ich und darauf hoffte ich. Wer der Gewinner des Kampfes werden würde war mir egal. Ich wollte einfach ein Ende des Elends erleben, eine Bef! reiung a us den Wirren meines inneren, geistigen Krieges. Dazu musste ich aber auch den Anfang erkennen, nur noch diese grausam schwere Treppe trennte mich von diesem Anfang. Zwei Stufen lagen noch vor mir. Erneut streckte ich meine Arme aus und fasste in die Bodenerde hinter der Treppe. Das war der Grund auf dem ich das Mysterium endlich auflösen würde. Ich nutzte meine Arme als Stützen und wollte mich nach vorn, über die letzen beiden Stufen ziehen. Dabei stieß ich mir ein Knie an, in Erwartung des Schmerzes fuhr ich leicht zusammen, doch es kam kein Schmerz an. Ich konnte meine Beine nicht mehr spüren, als wären sie abgefallen gewesen. Beide Beine befanden sich aber noch an mir. Ich spürte trotzdem nichts, gar nichts. Meine Nerven mussten sich aufgelöst haben, meine Gefühle in den Beinen waren hinweg geschwunden. Ich begann mich zu zersetzen, obwohl ich physisch nach wie vor existent war, löste ich mich auf. Was dachte ich da nur ... aber was war das denn sonst?! Vor allem allerdings ... warum überhaupt?! Teile meines Rücken kribbelten nun auch, genau wie die Beine zuvor. Ich hatte jedoch nicht einmal mitbekommen wie sich die Taubheit auf meine Oberschenkel ausgeweitet hatte, irgendwie ist es einfach passiert und ich habe es nicht registriert. Würde das auch bei meinem Rücken, bei meinem restlichen Körper geschehen? Nein. Das konnte ich nicht zulassen, ich versuchte irgendwie aufzustehen, es gelang mir aber nicht. Ich wurde von einem Krampfanfall, der mit schrecklichem Zittern durchzogen war und immer wieder von einer kalten Totenstarre unterbrochen wurde, zurück auf die Stufen geworfen. Und obgleich ich nichts in meinen Beinen spürte, fühlte ich durch die Beine eine vereisende Kälte, die Kälte der Steintreppe. Es war als ob meine Beine mit der Treppe verschmolzen, mit der Kälte der Treppe. Meine Finger froren ebenfalls, sie steckten noch immer in der Erde der Hügelspitze, nun kribbelten diese ab! er auch. Sie ... lösten sich auch auf. Ich musste endlich weiter, ich durfte nicht so kurz vorm Ziel scheitern. Das Gefühl nagte an mir, es verlangte nach mir, es wollte mich auffressen. Ich musste dem gierigen Rachen des Gefühls entkommen solange ich noch die Möglichkeit dazu hatte. Es nagte an mir, hatte aber noch nicht all meine Gliedmaßen aufgefressen. Ich riss mich mit aller Kraft nach vorne, meine Hände wurden immer lahmer, ich musste weiter, weiter, weiter ... weiter! WEITER!!! WEITER!!! WEITER!!! Ich wusste nicht ob ich dieses Wort nur in mich hinein brüllte oder ob ich tatsächlich schrie. Aber ich wusste, dass ich weiter musste, in die Freiheit. Ich schrie mir den Schmerz von der Seele, ob ich es lediglich in meinem geplagten Geist tat, war mir gleich. WEITER!!! WEITER!!! WEITER!!! WEITER!!! WEITER!!! WEIT... Plötzlich verstummte ich. Aber nicht freiwillig, ich wurde zum Schweigen gebracht. Eine unsichtbare, kalte, maschinelle Hand legte sich um meinen Hals. Es war die krankhafte Hand des Gefühls. Ich sah mich um und ... sah nur schwarz. Ich sah das Schwarz, das ich vorher nur von außen gesehen hatte. Jetzt war ich mitten in dieser Schwärze. In dieser Schwärze die eigentlich gar keine Schwärze war, sie entsprach nicht dem Wesen der gewohnten Schwärze, sie entsprach dem Nichts. Inmitten dieses Verhängnisses befand ich mich. Ich hatte mein Ziel erreicht... Unvermittelt drückte die Maschinenhand mit ihrer Maschinenkraft zu. Das Gefühl würgte mich, mein Atem stockte und von Kälte erfüllt vergoss ich Tränen. Tränen des blanken Horrors. Des Horrors der mich ergriff nachdem ich die Erkenntnis erlangt hatte ... die Erkenntnis darüber, dass ... das Gefühl den Krieg gewonnen hatte. Jedoch ... nur den Krieg gegen die Entschlossenheit, bisher war es mir nicht in den Sinn gekommen aber nun griff das Gefühl NUR mich an und zwar endgültig. Meine Entschlossenheit war gefallen, der let! zte Schu tzwall zwischen meinem Ich und dem vernichtenden Gefühl wurde eingerissen. Nun wurde ich von dem Gefühl erwürgt, im Eismeer ertränkt, erstickt, eliminiert, ausgeschaltet, bestraft, exekutiert, von all der Leere zerquetscht, ich wurde zu dieser Leere gemacht, zu diesem NICHTS. Mein Herz hörte auf zu schlagen, die Zeit stand still. Ich spürte nichts als das Gefühl. Eiszapfen durchbohrten mir Herz und Seele, froren beides ein, verwandelten beides in Eis und die höllischen Fegefeuer des Gefühls zerschmolzen das Eis, ließen Stück um Stück von mir verschwinden. Ein Vernichtungsschlag. Ich musste diesen letzen Schlag bekämpfen ... mithilfe von Fragen. Was hatten die Okkultisten hier nur geschaffen?! Ich stürzte immer weiter ins Nichts, immer tiefer in den Schlund des Gefühls. Immer tiefer in ... das Gefühl. Wie konnte das sein?! Das hier konnte nicht real sein, ich musste es als surreal annehmen und in mir aufnehmen!!! Ich hatte dem Schandfleck des Dorfes doch endlich meine Aufmerksamkeit, meine Beachtung geschenkt!!! Was die okkulten Gruppen auch immer getan haben, ich war heute hier auf dem Hügel! Ich habe aufgehört die Augen zu verschließen! Ich wollte es herausfinden! Und jetzt wurde ich von dem was ich sah überwältigt und ausradiert. Doch was sah ich? Was? Sah ich die Kreation der Geheimorganisationen? Langsam begann ich es zu erahnen und während ich das tat erhellte sich die Schwärze um mich herum, die Schwärze wurde heller und heller. Die Helligkeit, das Licht beleuchtete die finale Erkenntnis die ich bisher nur im Schatten der Unsicherheit und Ungewissheit sehen konnte. Ich lies mich fallen und flog der Antwort zu. Das Licht wurde jedoch noch einmal stechend hell. Ein weiteres Mal wurde ich aufs brutalste in die Magengrube geschlagen, gestochen, ich wurde drangsaliert, gepeinigt, mit der verdrängten Wahrheit konfrontiert. Ich versuchte Luft zu schnappen doch die stählerne H! and des Gefühls drückte mir die Luftröhre zu. Tränen fluteten aus meinen Augenlidern. Ich hatte den Tiefpunkt des Eismeeres erreicht, Eisregen prasselte auf mich nieder und zerschnitt meine Haut. Das Licht war unvorstellbar hell. All meine Schmerzen unvorstellbar groß. Die Schmerzen ließen mich jedoch das Gefühl allmählich verstehen, sie zeigten mir die intensivsten und reinsten Facetten des Gefühls, es wurde alles klarer. Alles wurde deutlicher. Schärfer. Und das Licht machte alles heller. Immer heller, ich konnte endlich sehen. Ich erkannte was die Okkultisten erschaffen hatten, sie hatten ... sie hatten ... nichts ... NICHTS erschaffen... Es war einzig und allein das Gefühl, das sie in die Herzen der Menschen gepflanzt hatten. Dieses Gefühl das uns immer verfolgte, von dem wir uns alle kontrollieren ließen, manipulieren ließen, beherrschen ließen, erfüllen ließen. Doch das war nun vorbei. Mit grenzenloser Leichtigkeit veränderte ich mein komplettes Verhalten, ich versuchte nicht mehr nach Luft zu schnappen, ich öffnete meine Augen so weit wie möglich und ließ die Tränen ungehindert fließen, kämpfte nicht dagegen an ... ich hörte auf dem Gefühl einen Kontrahenten zu bieten. Ich nahm dem Gefühl den Grund, ich zog meinem Peiniger den Boden unter den Füßen weg. Und so konnte ich das Gefühl gänzlich alleine sehen. Ich erkannte es und vertrieb es. Es lockerte seinen Griff und entfernte die Hand, ich wurde aus dem Eismeer gezogen und in eine wärmende Decke gewickelt, der Eisregen wurde zu einem wundervollen Frühlingsregen, all die Schläge, Stiche und Bedrohungen ließen nach und verschwanden schließlich, meine Besessenheit, Unsicherheit und die Krankhaftigkeit wandelten sich zu Freiheit, Frieden und Gesundheit und all die schlechten Gefühle änderten sich ins Positive ... das Gefühl veränderte sich, es lie&szli! g; seine Maske fallen. Ein Schatten all des schlechten, der auf einem jeden von uns lag. Ein Schatten namens ... ANGST. Nun durchdrang ICH dieses Gefühl, ICH verstand es endlich und fürchtete es nicht mehr, schließlich leuchtete das Licht noch einmal mit prachtvoller Stärke auf und ... erlosch. Mit dem Erlischen des Lichts verschwanden der schwarze Nebelfleck ... Ich verschwand und das Werkzeug der Okkultisten verschwand ... das Gefühl ... die ANGST verschwand.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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