Heinz-Walter Hoetter

Futter für Murphy

Der ganz normale Horror

 

Der 82jährige Pensionär Mr. Harry Brixon machte eine längere Pause, sog die ganze Zeit an der dicken Zigarre herum und sagte dann zu seinem Fox Terrier „Murphy“ resigniert: „Als Frauchen noch lebte, Gott sei ihrer armen Seele gnädig, ging es mir ehrlich gesagt besser. Jetzt muss ich leider alles selbst machen. Nun, was soll’s. - Tja, schade, dass sie eines gewaltsamen Todes sterben musste. Aber eigentlich hat sie das Schicksal doch selbst heraus gefordert – oder? Was meinst du Murphy?“

Der glatthaarige Hund mit dem Rasse bedingten hoch aufgerichteten Schwanz, der ihn immer angriffslustig erschienen ließ, und dem braun weiß gescheckten Fell, stand seitlich neben Mr. Brixon, drehte seinen schlanken Kopf herum, betrachtete sein ziemlich moralisch deprimiertes Herrchen aus intelligent drein blickenden Augen und bellte zweimal kurz: „Wau, wau!“

„Jaaa, ist schon gut mein Bester. Ich weiß, ich weiß. Du bist völlig unschuldig an der ganzen Sache. Frauchen hat dich meistens schlecht behandelt und oft grundlos verprügelt, weil sie dich gehasst hat. Glaubst du vielleicht, mir wäre das nicht aufgefallen? Hab’ ich dich denn nicht jedes Mal rechtzeitig von ihr weggenommen, dich gleich nach ihren brutalen Schlägen liebevoll gestreichelt und, damit du dich beruhigen konntest, sofort Gassi geführt – Murphy?“ redete Mr. Brixon auf seinen Hund ein und tat so, als ob dieser ihn verstünde.

Der wachsame Fox Terrier knurrte plötzlich böse und kratzte aufgeregt mit den Vorderpfoten im weichen Wiesenboden herum, sodass der Dreck nur so nach hinten wegspritzte. Murphy beruhigte sich erst wieder, als Herrchen mit der rechten Hand energisch auf eine freie Stelle der hölzernen Parkbank klopfte und ihn mit knappen Worten befahl: „Hoch mit dir, Murphy, leg’ dich hier hin und sei brav! Glaub’ mir, alles wird wieder gut.“

Der Fox Terrier gehorchte sofort, sprang mit einem einzigen Satz neben sein Herrchen auf die Bank, nahm Platz, streckte die Vorderpfoten weit von sich, um schließlich den schlanken Kopf mit dem kräftigen Scherengebiss in bequemer Stellung darauf abzulegen. Als Herrchen ihn streichelte, war Murphy bald in einen tiefen Hundeschlaf gefallen.




Ein Jahr vorher.

Mrs. Agathe Brixon war zwei Jahre älter als ihr Mann Harry gewesen und von fettschwammiger, untersetzter Körperstatur. Sie war ungewöhnlich hässlich. Und wenn sie überhaupt mal mit anderen Menschen aus der Umgebung in Kontakt kam, machten diese in der Regel einen weiten Bogen um sie herum, weil Mrs. Brixon eine zänkisch-bösartige Natur besaß, die niemand auf Dauer ertragen konnte. Und weil das so war, wollte mir ihr niemand etwas zu tun haben.

Auch ihr Ehemann Mr. Brixon, und ganz besonders der Fox Terrier Murphy, waren Tag für Tag den aggressiven Launen der alten Gewitterziege wehrlos ausgesetzt. Manchmal schlug sie sogar mit einem harten Teppichklopfer auf das Tier ein, wenn Murphy aus Versehen irgendwas Dummes angestellt hatte und Herrchen sich gerade mal nicht im Haus aufhielt. Der Fox Terrier war nun mal ein temperamentvoller Hund und hatte einen ziemlich stark ausgeprägten Bewegungstrieb.

Mr. Brixon war eigentlich schon immer ein sehr geduldiger und gutmütiger Mensch gewesen. Aber eines Tages rastete er total aus, als Mrs. Brixon den armen Hund wegen einer unbedeutenden Sache wieder einmal so heftig schlug, dass dieser vor Schmerzen laut zu jaulen anfing und vor lauter Schreck unter die breite Wohnzimmercouch kroch, um sich dort zu verstecken. Das machte die alte Frau nur noch rasender vor Wut. Sie wollte den völlig verängstigten Hund unbedingt da rausholen, schob mit laut schimpfender Stimme das schwere Möbelstück zur Seite und trat mit den Füßen nach dem zitternden Tier, das sich nur noch weiter in die Ecke verkroch.

Schon die ganze Zeit beobachtete Mr. Brixon mit einer gewissen Fassungslosigkeit von der Küche aus das schlimme Getue seiner zänkischen Alten, die jetzt wie eine wild gewordene Furie den armen Hund fortwährend traktierte. Er war davon überzeugt, dass jeder Schlag und jeder Fußtritt auch ihm galt, weil er den Fox Terrier damals aus dem Tierheim geholt und sich seit der Zeit liebevoll um ihn gekümmert hatte.

„Ich muss endlich was unternehmen, jetzt reicht es!“, murmelte Mr. Brixon drohend vor sich hin, „diesmal ist sie zu weit gegangen.“

Reflexartig nahm er wie in Trance das große, blitzende Brotmesser aus der Tischschublade, lief hinüber ins Wohnzimmer und stach wie von Sinnen auf Mrs. Brixon ein, die kurz darauf blutüberströmt zusammenbrach und am Boden regungslos liegen blieb. Die alte Frau röchelte noch ein paar Mal und sackte kurz darauf wie ein alter Blasebalg in sich zusammen. Dann war sie tot.


2 Tage später nach der Bluttat.

Das Haus der Brixons stand auf einem einsamen, gut eingezäunten Grundstück draußen vor der Stadt in der Nähe eines weitläufigen Parks. Hier ging der Rentner mit seinem Hund Murphy oft spazieren oder saß mitunter stundenlang auf einer der zahlreich vorhandenen Parkbänke und schaute dem Fox Terrier beim Spielen zu. Mr. Brixons Ehe war kinderlos geblieben. Er ging schon lange nirgendwo mehr hin und besaß auch sonst keine Freunde. Dafür liebte er seinen Hund über alles, der jetzt sein einziger Kamerad war.

Nach dem Mord an seiner eigenen Frau hatte er die Leiche in den Keller gebracht, sie in der großen Eistruhe ordentlich verstaut und die Wohnung peinlich gesäubert. „Niemand würde sie vermissen“, dachte sich der Rentner. Er verspürte nicht die geringste Reue über sein Verbrechen, sondern empfand zum ersten Mal in seinem Leben wieder so was wie innere Ruhe und Frieden. Wenn er den Keller verließ, schloss er jedes mal gewissenhaft die schwere Holztür hinter sich zu.


-.-

Draußen wurde es langsam dunkel. Die Nacht brach herein. Mr. Brixon war neben seinem Hund auf der Parkbank eingenickt. Sein Fox Terrier lag immer noch treu neben ihm, mittlerweile allerdings hellwach. Keinen Zentimeter war er von seinem Herrchen gewichen.

„Na, was ist mein Guter?“ fragte Mr. Brixon seinen Hund und fuhr fort: „Wir beide haben wohl ausgiebig geschlafen, nicht wahr? Jetzt wird’s aber Zeit, dass wir nach Hause gehen Murphy und dir etwas zu fressen geben! Du siehst ziemlich hungrig aus, mein Freundchen. Also, auf geht’s! Frauchen wartet schon auf dich, auch wenn von ihr nicht mehr viel übrig geblieben ist.“

Mit freudig wedelndem Schwanz sprang Murphy von der Holzbank, bellte mehrmals laut und kräftig an seinem Herrchen hoch, der sich jetzt mit bedächtigen Schritten auf den Heimweg machte und darüber nachdachte, wie lange Mrs. Brixon wohl noch als Hundefutter für Murphy reichen würde.



 

Ende


©Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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