Klaus Stoll

Blick zurück in die Zukunft

Blick zurück in die Zukunft

 

Kein Mensch hat je daran gedacht, die Stadt Hamburg und die Stadt Damaskus irgendwie mit einander zu vergleichen. Ich möchte einen Versuch unternehmen. Die Hansestadt an der Elbe ist etwa 800 Jahre alt, die syrische Stadt am Flüsschen Barada ist seit über 3000 Jahren von Menschen besiedelt.

Der Jungfernstieg in Hamburg ist über die Grenzen der Stadt nur wenigen Menschen bekannt. Die „Gerade Straße“ in der syrischen Hauptstadt kennen zumindest all‘ die, die die Bibel aufmerksam gelesen haben. Vom Jungfernstieg geht der Witz, dass das Pflaster mit den Glocken jeder der fünf Großkirchen mit Stahlseilen verbunden gewesen sei und diese zum Läuten gebracht wurden, wenn eine Jungfer dort lustwandelte. Die Seile verrosteten mit der Zeit, ein Breitbandkabel hätte länger gehalten. Auch in der „Geraden Straße“ gab es keine digitale Verbindung; es gab auch noch keine Glocken. Nur Synagogen, in denen vor über 2000 Jahren ein Mann namens Paulus, der begnadete PR-Manager, den Zuhörern etwas über Christus erzählte und damit die Welt veränderte. Weder dem Erfinder der Atombombe noch dem Facebook-Gründer ist das so gründlich gelungen.

Eine Krähe, die von Hamburg nach Damaskus fliegen würde, müsste 4032 km zurücklegen und ermüdet ankommen. Für Bomber und Raketen der Neuzeit sind Entfernungen kein Problem. Das haben sie bei Luftangriffen auf Hamburg vor 75 Jahren und vor ein paar Tagen in Syrien wieder bewiesen.

Bei einer Geschäftsreise 1962 nach London war mir in einer Buchhandlung ein Buch mit dem Titel „The Night Hamburg Died“ in die Hände gefallen, das mir bei meiner Rückkehr nach Damaskus sehr gelegen kam. Die Stadt war in kriegerischer Stimmung. Man wollte Israel angreifen. Auch meine Studenten waren Feuer und Flamme und diskutierten enthusiastisch über alle möglichen Angriffsarten. Bis ich ihnen die zahlreichen Fotos meiner fast gänzlich zerstörten Heimatstadt zeigte. Der Stadtteil Hamm bestand nur noch aus rauchenden Trümmern, der Jungfernstieg war verschont geblieben. Heute, 56 Jahre später, ist bei den Luftangriffen auf den Damaszener Stadtteil Ost-Ghuta auch die „Gerade Straße“ mit dem Schrecken davon gekommen. In Hamburg sprangen die in brennenden Phosphor gehüllten Menschen in die Kanäle, jetzt in Damaskus, wurde Kindern mit Gartenschläuchen das Chlorgas aus den Augen gewaschen.

Meine Studenten von damals sind heute alte Herren, Ob sie sich beim aktuellen Anblick der Ruinen ihrer Stadt an mein Buch erinnern? Und sich fragen, was sich seither geändert hat? Vielleicht sollte ein Mann wie Paulus noch einmal zu den Menschen sprechen und sie daran erinnern, um was es beim christlichen Glauben eigentlich geht. Der Blick in die Zukunft ist jedenfalls verschleiert.

 

© Klaus Stoll, April 2018

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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