Matthias Neumann

Aus den Aufzeichnungen eines Kellners

Was soll aus dir einmal werden?“

Diese Frage hatte mir mein Vater unzählige Male an den Kopf geworfen. Es war nicht nötig darauf zu antworten. In Wirklichkeit war es gar keine Frage, er meinte nicht: „Was willst du einmal werden?“ Nein, in seiner Formulierung war die Antwort schon in Form eines Vorwurfs enthalten: gar nichts. Die Verpackung als Frage sollte mich bloß dazu bringen, beim Aussprechen selbst zu begreifen, wie lächerlich meine Vorstellungen waren. Für mich hingegen war nur seine Ignoranz lächerlich.

Ich wollte Fotograf werden. Dieser Tätigkeit galt sowieso mein ganzes Interesse, ich beschäftige mich mit kaum etwas anderem in meiner Freizeit. Warum es nicht zum Beruf machen?

Weil man mit Passbildern und Bewerbungsfotos kein Geld verdienen kann.“

Das war seine Vorstellung. Dabei sind wir überall von Bildern umgeben: auf allen Verpackungen und Konserven, durch Werbung in allen Arten von Druckerzeugnissen, in Zeitschriften Katalogen. Daneben gibt es Fotografen für besondere Veranstaltungen, Journalisten, Verfasser von Reiseberichten, Herausgeber von Bildbänden, oder freischaffende Künstler. Ich kenne keine Tätigkeit mit mehr Ausprägungen.

Aber es ist keine richtige Arbeit.“

Seine Vorstellungen von Arbeit sind mir ein Grauen. Meine Vater wurde in der Auffassung erzogen, dass der Wert eines Berufs sich danach bemisst, wie anstrengend er ist. Mit seinen neununddreißig Jahren klagte er bereits unaufhörlich über körperliche Beschwerden. Gleichzeitig war er stolz darauf. Das Geld war gar nicht so wichtig, solange es zum anspruchslosen Leben reichte. Die Lebensleistung zeigt sich nicht durch das erreichte Gehalt oder die Stellung im Betrieb, sondern anhand der Ansammlung ärztlicher Dokumente. Und daran, wie gut man die Befunde ignorieren und immer so weiter machen konnte.

Ich ließ mich davon nicht beirren. Es tat schon weh, immer nur abwertende Worte zu hören, doch von meinem Weg konnten sie mich nicht abbringen. Dennoch stand ich zum Ende meiner Schulzeit ohne Perspektive da, es befand sich keine Anstellung als Fotograf in Aussicht. Vielleicht lag es gerade an der Vielzahl der Möglichkeiten, am Fehlen einer Spezialisierung und dem Anstreben einer genauen Richtung. Ich hatte keine Ahnung, wo es für mich hingehen sollte. Über eine Ausweichmöglichkeit hatte ich nie nachgedacht. Für mich gab es kein erst einmal eine Ausbildung machen, um etwas in der Tasche zu haben. Ich glaubte nämlich, diese Haltung entfernt die Menschen letztendlich von ihren Zielen. Zu schnell gewöhnt man sich an den eingeprägten Tagesablauf und vergisst irgendwann seine früheren Träume. Die wenigen, die sie doch noch einmal erreichen, schaffen es erst nach Jahrzehnten, und dann bleibt es doch immer nur eine Nebentätigkeit.

Mein Vater hätte mich niemals aus der elterlichen Wohnung geworfen, auch nicht mit meinen einundzwanzig Jahren. Dazu bemängelte er mich viel zu gern. Doch für mich war es einfach nicht länger auszuhalten. Jeden weiteren Tag nach meinem Abschluss sah er sich nur noch mehr bestätigt, mit allem, was er mir vorgeworfen hatte. Ich musste ausziehen, egal wohin, egal unter welchen Bedingungen. Eine Arbeit musste her.

Was macht ein Ungelernter zur Überbrückung? Er geht kellnern.

 

Ich glaube, ich war ein furchtbarer Kellner. Von mir gab es keinen herzlichen Empfang, kein freundliches Lächeln, weder für Gäste noch für Kollegen. Es war aber auch nicht nötig, es gab keinen Anreiz daran etwas zu ändern. Die Gäste aßen sowieso alles, was man ihnen vorsetzte, und der Qualität der Gerichte nach zu urteilen, hielt ich meine Bedienung für das geringste Problem. Die Deutschen sind wirklich gut erzogen. Genauso wie sie eine Ewigkeit an einer roten Ampel auf einer nicht befahrenen Straße warten, lassen sie in einem Restaurant alles über sich ergehen. Es ist immer noch etwas Besonderes und man will sich nicht bloßstellen. Egal wie schlecht mein Tag war, und wie sehr ich es den Gästen zeigte, es gab immer Trinkgeld. Niemand würde diesen Tabubruch wagen und es mir verweigern.

Selbst das Einpacken von Übriggebliebenem ist selten. Es ist ihnen peinlich, egal wie viel auf dem Teller bleibt. Die meisten essen jedoch bis es weh tut. Ein bekannter Koch hat einmal im Fernsehen gesagt, dass es doch viel besser ist, in ein Restaurant zu gehen, anstatt sich in Fast-Food-Läden den Bauch mit schweren Speisen vollzuschlagen. In Wirklichkeit ist genau das Gegenteil der Fall. An einem Imbiss essen die Leute nur ihre Currywurst mit Pommes. In einem Restaurant will man etwas für sein Geld erhalten und stopft sich bis oben hin voll.

Es ist mir heute peinlich, aber ich glaube, das Verhalten der Gäste hat mich sogar angestachelt, mich von meiner schlechtesten Seite zu zeigen. Ich wollte die Situation ausreizen und sehen, wie weit ich gehen konnte. Doch all das änderte sich auf einen Schlag.

Schon von Anfang an kam mir dieser eine Gast seltsam vor. Er stach heraus, wirkte an diesem Ort deplatziert. Es lag nicht nur an seiner vornehmen Kleidung. Er hatte einen Hut, aber es gab keine Möglichkeit ihn irgendwo anzuhängen, weshalb er ihn auf einen Stuhl neben sich legte. Seinen Mantel ließ er an der Garderobe, darunter trug er ein Jackett, das er anbehielt. Es war offen und gab den Blick auf eine Weste frei. Ich hatte aber nicht den Eindruck, dass er sich besonders fein gemacht hatte, wie es nur zu besonderen Anlässen geschieht. Nein, ich ging davon aus, dass er immer diese Art von Kleidung trug. Er erschien mir anachronistisch, nicht nur am falschen Ort, sondern in der falschen Zeit. Sein gesamte Erscheinung weckte in mir die Erinnerung an alte Fotos aus dem neunzehnten Jahrhundert, als die abgelichteten Menschen noch regelrecht posierten, das Bild auf einer Metallplatte festgehalten wurde und zur Belichtung Schwarzpulver entzündet wurde. Er sah aus, als wäre er einer Daguerreotypie entsprungen.

Doch es gab noch viel mehr an ihm, das für mich, in Anbetracht der Umgebung, befremdlich wirkte. Seine Art sich zu bewegen, wie behutsam er aß, sogar wenn er nur still saß, ließ mich darüber wundern, wie er sich ausgerechnet an diesen Ort verirren konnte. Ich verband mit solchen Manieren eher Menschen, die möglichst hohe Summen für besonders kleine Portionen zahlen.

Ich dachte schon etwas abfällig über ihn, aber vermutlich, weil sein Auftreten tatsächlich Eindruck auf mich machte. Ich fühlte mich eingeschüchtert. Entgegen meiner Gewohnheit gab ich mir Mühe bei der Bedienung. Ich war es nun, der sich unter Umständen mit seinem Verhalten blamieren konnte. Ich dachte abwertend über die Gäste, die sonst in diesem Haus aßen, und wollte vor diesem Herrn, obwohl ich seine Anwesenheit als störend empfand, nicht den Eindruck erwecken, auch zu ihnen zu gehören.

Seine Wahl überraschte mich. Ich hatte selbstverständlich angenommen, dass er nur von dem Teuersten nimmt. Doch seine Bestellung wäre selbst für Leute, die im Auslandsurlaub ein Schnitzel wollen, zu banal gewesen.

Irritiert notierte ich die Nummer auf meinem Notizblock. Unbeabsichtigt drückte ich den Stift so fest auf das Papier, dass ich mehr ritzte als schrieb. Der Fremde machte mich nervös. Er entfaltete auf mich eine Autorität, die mir unbekannt war. Ich hatte nur Erfahrung mit verlangter Unterordnung von Menschen wie meinem Vater, die von sich dachten, alles zu wissen, was es zu wissen gibt und die genau verstanden hatten, wie die Welt funktioniert; die bewusst nach Fehlern suchten, damit sie etwas hatten, das sie einem vorwerfen konnten. Doch nun war ich auf einmal in eine Situation geraten, die mich tatsächlich unter Druck setzte.

Als ich den fertigen Teller aus der Küche entgegen nahm, taten sich in meinem Kopf ungewollte Fantasien auf. Was konnte nicht alles auf dem Weg zum Tisch schief gehen. Schon wenn ich mit dem Daumen in die Soße geraten wäre, wäre das für mich genau so schlimm gewesen, wie zu stolpern und alles zu verschütten, am besten noch direkt auf den Gast. Beim Gedanken daran sah ich auf meine Finger und empfand meine Nägel als viel zu lang. Bestimmt würde ihm das auffallen. Hoffentlich ekelte er sich nicht davor. Ich überlegte, ob ich den Teller nicht irgendwie anders halten konnte, so das ich nicht die Oberseite berührte. Ich war hochkonzentriert und gerade dadurch unachtsam. Mit dem Blick auf dem Teller ging ich trotzdem weiter und wäre um ein Haar tatsächlich gestolpert, als ich eine Türschwelle übertrat. Doch gleichzeitig war es jetzt zu spät, um stehen zu bleiben und sich noch Gedanken zu machen. Wenn es zu lange dauerte, würde das Essen zu sehr abkühlen. Das konnte ich unmöglich auf die Küche schieben.

Als ich auf den Tisch zu ging, sah er mich nicht an. Sein Blick war auf den leeren Platz vor sich gerichtet, der von Besteck und Glas eingerahmt wurde. Einerseits war ich erleichtert, weil er so mein ungeschicktes Herannahen nicht beurteilen konnte. Jedoch war dadurch seine Aufmerksamkeit viel stärker auf das Abstellen des Tellers gerichtet. Ich konnte mir gar nicht ausmalen, was ich dabei alles falsch machen konnte, weil ich mich überhaupt nicht mit solchen Dingen auskannte. Ich hatte keine Ahnung, worauf kultivierte Menschen beim Servieren Wert legen. Ich überlegte, ob ich noch etwas sagen sollte, hatte aber zu große Angst, genau das Unpassende zu wählen und verdrückte mich stumm.

Als ich im weiteren Verlauf andere Gäste bediente, sah ich immer wieder verstohlen zu ihm hinüber. Er ließ sich nichts anmerken, es war nicht zu erkennen, ob er zufrieden war oder etwas sein Missfallen erregte. Gerade dadurch hatte ich den Eindruck, er würde das Essen und auch unweigerlich mich beurteilen - als wäre er allein dafür gekommen. Wer sucht, der findet, schoss es mir durch den Kopf. Jemand der tatsächlich nur zum Essen kommt, sieht über kleine Unzulänglichkeiten hinweg. Wer hingegen mit der Absicht einer Beurteilung erscheint, wird wohl kaum gute Noten verteilen; schon gar nicht in diesem lausigen Restaurant. Die Frage war, wie vernichtend sein Urteil ausfallen würde.

Eigentlich hätte es mir egal sein können. Ich war es bereits von meinem Vater gewohnt, unablässig heruntergemacht zu werden. Wenn dieser seltsame Gast sich beschwert hätte, mich eventuell sogar beleidigt, hätte das zu keiner Regung in mir geführt. Warum war ich also so nervös, wie schaffte er es, solch ein Unbehagen in mir auszulösen? Was konnte er schon anrichten? Es war mir ein Rätsel, das ich erst viele Jahre später lösen sollte.

Durch meine angestrengte Beobachtung merkte ich sofort, wann er fertig war. Er setzte sich wieder in seine vorherige Haltung und verharrte regungslos. Ich ging zu ihm und brachte ihm die fertige Rechnung. Ich fragte erst gar nicht, ob er noch etwas bestellen wollte. Das hätte ich nicht durchgestanden, ich wollte nur noch, dass er endlich verschwand.

Seine Miene zeigte keine Regung, nichts an ihm gab auch nur den kleinsten Anhaltspunkt einer Einschätzung. Er legte etwas Geld auf den Tisch und erhob sich. Ohne Umschweife zog er sich seinen Mantel an, verließ das Lokal und erlöste mich.

Erst als sich hinter ihm die Tür schloss, war ich wieder zu einer Regung fähig. Erst in diesem Moment wendete ich mich dem Geld zu. Es gab kein Trinkgeld, er hatte den Betrag auf den Cent genau abgezählt.

Noch bis in die Nacht wurde ich von diesem Mann weiterverfolgt. War er wohl unzufrieden mit mir gewesen, oder machte er das immer so? War er etwa nur geizig? Aufgrund seiner Kleidung hatte ich ihn als wohlhabend eingeschätzt. Vielleicht war das der Grund, warum er überhaupt in ein Restaurant mit so niedrigen Preisen gekommen war. Oder wollte er mir etwas mit seinem Verhalten mitteilen? Warum gab er mir das Geld genau? Wollte er mir die Peinlichkeit ersparen das Wechselgeld abzuzählen, oder wäre es ihm selbst peinlich gewesen?

War er denn nun eigentlich zufrieden gewesen oder nicht?

 

Die Mietkosten verzehrten fast das gesamte Gehalt. Die Wohnung war zwar schon sehr heruntergekommen, aber genau so verhielt es sich mit dem Restaurant in dem ich arbeitete. Es blieb also nicht viel übrig. Schon lange hatte ich vor, mir Zubehör für meine Kamera zuzulegen, um die Resultate meiner Fotografien aufzuwerten. Aber das musste erst einmal warten. Es gab etwas Wichtigeres für mich, das ich nicht aufschieben wollte. Es war eine einschneidende Ausgabe, aber ich ging davon aus, später größeren Nutzen daraus zu ziehen.

Ich machte einen Wochenendkurs, um ein besserer Kellner zu werden. Es war zwar bloß eine temporäre Beschäftigung, nur zum Übergang, bis ich meinen Berufswunsch verwirklichen konnte, das musste jedoch nicht bedeuten, dass ich es nicht vernünftig machen konnte. Die Episode hatte mich verändert, mir etwas bewusst gemacht – sie hatte meinen Ehrgeiz geweckt. Ich wollte in einem richtigen Restaurant arbeiten; einem, in dem nach jedem Kunden die Tischdecke gewechselt wird, in dem man als Gast zuvorkommend behandelt wird.

Also wechselte ich meinen Arbeitgeber. Von gehobener Küche zu reden, wäre vermessen gewesen. Doch unbestreitbar hatte der Inhaber einen gewissen Anspruch, sowohl an die Speisen, als auch an das Personal. Die Kleidung wurde gestellt und gereinigt, damit die vorgeschriebene Ordnung auch garantiert eingehalten wurde. Täglicher Wechsel war Pflicht.

Dennoch waren die Vorschriften an die Kellner nicht all zu streng. Zum Beispiel beim Verteilen der Speisekarten, achtete ich darauf, wie ich es gelernt hatte, sie zuerst den Frauen zu geben und sich dabei auch noch nach dem Alter zu richten. Soweit ich es mitbekam, haben die anderen das niemals getan und sind einfach reihum gegangen.

Ich merkte schnell, dass ich im Vergleich zum restlichen Personal etwas zu ambitioniert war. Es stellte sich mir auch die Frage, warum ich es mir eigentlich selbst so umständlich machte. Es ergab sich doch daraus kein Vorteil, das Trinkgeld wurde unter allen aufgeteilt. Mehr als ein Dankeschön wäre für mich nicht zu erreichen.

Ich wurde unzufrieden, weil ich nicht wirklich zeigen konnte, zu was ich fähig war. Doch meine Gelegenheit sollte kommen.

Zu Weihnachten kam eine große Gruppe, es waren ungefähr zwanzig Personen. Es war gar nicht mein Tisch, ich hatte also nichts mit der Bestellung zu tun. Aber ich half beim Austeilen der Speisen. Unweigerlich kam es zu Verwechslungen. Ein Gast hatte eine großes Getränk bestellt, der andere ein kleines, welche miteinander vertauscht wurden. Außerdem blieb am Ende ein Gericht übrig, das niemand bestellt zu haben schien.

Ich weiß gar nicht, wie die Situation endete, ob der Irrtum aufgeklärt wurde. Ich war schon längst in Überlegungen vertieft. Fest stand, dass man dem Personal in diesem Fall keine Schuld geben konnte. Die Gäste hatten sich geirrt, die Kellner haben ihnen nur etwas gegeben, wenn sie sich beim Aufruf gemeldet hatten. Das Problem lag im Vorgang an sich. Einige Gäste waren sich eine halbe Stunde nach der Bestellung unsicher, wie der genaue Name ihres bestellten Gerichts lautete, besonders bei ausländischen und bei uns weniger geläufigen Namen. Um daran etwas zu ändern, musste man ihnen diese Aufgabe entziehen. Im gewissen Sinn lag es doch an uns Kellnern. Für mich war dieser Abend jedenfalls höchst unangenehm und ich wollte um jeden Preis ein erneutes Erlebnis dieser Art vermeiden.

Bereits bei den ersten Gästen des nächsten Tages erprobte ich mein neues System. Ich schrieb doch sowieso nur die Nummern auf, außer es gab Sonderwünsche. Es gab also viel Platz auf dem Notizzettel. Bei den vier Personen vor mir war es einfach, jedem einzelnen eine Ecke auf dem Papier zuzuteilen. Somit wusste ich mit einem kurzen Blick genau, welcher Platz was bestellt hatte. Ich musste gar nicht erst nachfragen und konnte die Gläser und Teller sofort vor der richtigen Person abstellen.

Es war ein voller Erfolg. Jedenfalls für mich. Ich glaube, die Gäste haben den Unterschied gar nicht bemerkt. Trotzdem war es für mich ein Erfolgserlebnis, ich machte es nur noch auf diese Art. Im Gespräch mit einem anderen Kellner erzählte ich einmal von meiner neuen Methode. Ich stieß auf Desinteresse. Das konnte ich nicht verstehen. Die Durchführung war doch nicht umständlicher. Im Gegenteil, es vereinfachte und verkürzte den ganzen Vorgang und Missverständnisse waren damit ausgeschlossen. Es gab auf beiden Seiten nur Vorteile. Warum fehlte bei meinen Kollegen jeder Wille zur Verbesserung? Es wurde alles einfach so gemacht wie bisher, so wie es schon immer war und immer bleiben sollte. Wie ich im weiteren Verlauf meines Lebens feststellte, war das nicht nur bei den Kellnern so, sondern scheint eine generelle Haltung der Menschen in allen Lebenslagen zu sein. Der Aufwand einen Vorgang zu verbessern, scheint für sie größer zu sein, als eine mögliche Erleichterung hinterher.

Ich kam mir plötzlich einsam vor und entfremdete mich von den anderen Mitarbeitern. Um so mehr wendete ich mich den Gästen zu und holte mir von ihnen die erhoffte Bestätigung.

 

Irgendwie hing ich fest, alles wurde schon bald zur Gewohnheit. Um mir wenigstens eine Herausforderung zu schaffen, begann ich zu trainieren, mir so viele Punkte der Bestellung wie möglich zu merken. Ich musste sie zwar aufschreiben, um den Zettel in der Küche abzugeben, aber beim Servieren versuchte ich auf einen Kontrollblick zu verzichten. Die Anzahl, die ich schaffte, stieg schnell an.

 

Es mussten erst einige Monate vergehen, bis ich mich endlich beweisen konnte. Wieder kam eine Gruppe, zehn Personen, aber alles Einzelzahler. Sie schienen etwas zu feiern, wohl ein besonderes Ereignis in ihrer Firma, und langten richtig zu: Vorspeise, Hauptgericht, Dessert, verschiedene Getränke. Ich servierte in bewährter Weise. Ich hätte mir Hilfe anfordern können, aber ich wollte es allein bewältigen. Die anderen hätten nur etwas durcheinander gebracht.

Der große Moment kam jedoch erst zum Schluss. Die Gäste wollten zahlen. Ich entschuldigte mich für einen Moment. Alle anderen Kellner hätten jetzt jeden einzelnen Gast noch einmal gefragt, was er alles bestellt hatte. Dann wären sie nach vorn zur Kasse gegangen um eine Rechnung auszudrucken und hätten den nächsten gefragt. Ich habe das oft genug erlebt, so etwas dauert endlos. Ich hingegen war vorbereitet.

Als ich wiederkam machten sich die Gäste schon bereit auf das erwartete Geduldsspiel, doch zu ihrer Überraschung legte ich, ohne ein Wort zu sagen, jedem einzelnen seine eigene Rechnung vor. Sie wussten im ersten Moment gar nichts damit anzufangen. Ratlos sahen sie zum Vergleich auf den Zettel ihrer Nachbarn, um sich zu vergewissern, einen unterschiedlichen erhalten zu haben. Dann lasen sie ihn sorgfältig durch, bevor ihnen endlich aufging, dass auf jedem nur das stand, was am jeweiligen Platz bestellt wurde. Ich kam mir vor wie ein Zauberer, der einen besonders komplizierten Trick vorgeführt hatte.

Es dauerte sehr lange, bevor sie wirklich begriffen, was eben geschehen war. Ich entfernte mich und ließ sie staunend zurück. Das tat ich nicht ohne Grund. Sie ließen das Geld auf dem Tisch zurück, als sie gingen. Dadurch, dass sie es mir nicht persönlich geben konnten, mussten sie selbst den Betrag wählen, ohne etwas zurück zu erhalten. Das Trinkgeld fiel so großzügig aus, dass ich es auf einmal war, der staunte.

 

Zum ersten Mal seit meinem Auszug besuchte ich meinen Vater. Aus meiner Sicht gab es viel Herausragendes zu berichten. Seine Reaktion hingegen war die gleiche immer. Es hätte keinen Unterschied gemacht, wenn ich einen anderen Weg gegangen wäre. Wahrscheinlich fand er, dass es mir einfach zu gut ging. Ich hatte nicht den Ernst des Lebens kennengelernt, wie er ihn verstand und hochhielt. Mein Eintritt in das Berufsleben war nicht geprägt von Mühe und Stress. Es muss eine Ungerechtigkeit für ihn gewesen sein, dass ich nicht genau so leiden musste wie er. Sein gezeichneter Körper sprach eine deutliche Sprache. Eigentlich war er zu bemitleiden, doch sein freudloses Leben war kein Grund, anderen ihr Glück zu missgönnen. Ich sah ihn nie wieder.

 

Meine Zufriedenheit währte nicht lange. Sobald ich etwas erreicht hatte, musste schon wieder eine neue Herausforderung her. Doch ich sehe darin nicht ein selbst gemachtes Problem, wo eigentlich keines sein müsste. Meine Haltung war die richtige, das sollte sich schon in Kürze zeigen.

Ich hatte das Gefühl zu stagnieren und sogar die Befürchtung, in meinem Eifer nachzulassen. Wieder einmal ging ich meiner gewohnten Tätigkeit nach, als er wieder das Lokal betrat. Ich erkannte ihn sofort, es war der Mann, der alles ausgelöst hatte, der Gast, der kein Trinkgeld gab: Monsieur Daguerre. Schlagartig kam die Anspannung zurück.

Ich glaube nicht, dass er mich erkannte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich bei unserer ersten Begegnung einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte. Das wollte ich jedoch dieses Mal ändern.

Ich zeigte alles, was ich gelernt hatte. Trotzdem befiel mich wieder die Angst zu versagen. Dabei rechnete ich nicht damit, einen wirklich groben Fehler begehen zu können. Ich hatte sogar die Gewissheit, ein besserer Kellner zu sein, als alle anderen in diesem Restaurant. Ich konnte nicht einmal sagen, wovor ich mich fürchtete.

Das Ergebnis war dasselbe. Doch dieses Mal zahlte er nicht passend. Er zahlte mit einem Schein und ließ mich den Restbetrag herausgeben – ohne Trinkgeld.

Wieder versetzte mich sein Verhalten in langanhaltende Grübeleien. War diese Veränderung nun eine Verbesserung oder das Gegenteil? Oder war war es nur eine Ausnahme, weil er das Geld nicht passend dabei hatte? Wollte er mir etwas mitteilen? War er unzufrieden?

Jedenfalls war das der nötige Ansporn zur Veränderung. An diesem Ort hatte ich alles erreicht, es musste ein Wechsel her. Ich brauchte eine neue Herausforderung.

 

Ich wollte in einem Restaurant arbeiten, in dem ich auch gefordert war, in dem hohe Ansprüche an das Personal gestellt wurden. Für mich kam nur eines mit Sterneauszeichnung infrage.

Das erwies sich als schwerer, als gedacht. Ich hatte keine Ausbildung und auch nicht vor eine zu machen. Meine Erfahrungen in dem Beruf waren auch nicht gerade zum Vorzeigen zu gebrauchen. Ich versuchte es trotzdem, bekam aber nur Ablehnungen. Nach langem Suchen ergab sich doch noch die Möglichkeit eines Probetages.

Ich hatte mich minutiös vorbereitet, mein Erscheinungsbild an dem Tag war makellos. Die beiden vorherigen Tage, die mir bis zum entscheidenden Termin blieben, hatte ich genutzt, um das Eindecken mit verbundenen Augen zu üben. Alles lief hervorragend, ich sah mich schon den Arbeitsvertrag unterschreiben. Nichts hätte mich aus der Ruhe bringen können, außer einer einzigen Sache. Außer einer einzigen Person!

Vor Schreck blieb mein Herz für einen Moment stehen, als ich ihn den Raum betreten sah: Daguerre. Das konnte doch kein Zufall mehr sein. Dieser Kerl verfolgte mich, er musste es aus irgendeinem Grund auf mich abgesehen haben, eine andere Erklärung konnte es nicht geben. Ich hätte ihn am liebsten konfrontiert, bevor er sich überhaupt hätte hinsetzen können. Leider war mir das in diesem Moment nicht möglich. Ich wollte unbedingt diese Stelle haben und konnte mir kein Aufsehen erlauben. Ich stand unter Beobachtung und durfte keinesfalls negativ auffallen. Also bediente ich ihn, als sähe ich ihn zum ersten Mal in meinem Leben, als wäre er ein Gast wie jeder andere.

Abermals wiederholte er sein Spiel, ließ sich die ganze Zeit nichts anmerken, zeigte keine Regung, ließ mit versteinerter Miene alles über sich ergehen.

Mir hingegen erging es ganz anders. Ich fühlte mich unbeholfen und war unkonzentriert. Wie es nach außen wirkte, konnte ich nicht einschätzen. Ich war mir aber sicher, dass meine Nervosität Folgen hatte, in Form von Fehlern, die mich als Anfänger hatten dastehen lassen.

Als ich Daguerre die Rechnung brachte, zitterten meine Hände. Wieder reagierte er auf eine Weise, die mich verwirrte und einschüchterte. Er steckte sich die kleine Mappe, in der die Rechnung überreicht wurde, in die Jackentasche, stand auf, ohne mich eines Blickes zu würdigen, und ging zu den Personalräumen. Ich hätte ihn gern am Kragen gepackt und hinausgeworfen, stattdessen lief ich zu den Toiletten und schloss mich ein.

Nachdem ich mich halbwegs beruhigt hatte, kam ich wieder heraus. Mein erster Blick ging zu der Garderobe. Daguerre war bereits gegangen. Ich brachte den Abend so gut wie es mir noch möglich war hinter mich. Die Anstellung schrieb ich ab. Zu meiner Überraschung wurde ich genommen.

 

Von meinem ersten Gehalt bezahlte ich einen Umzug. Vom zweiten leistete ich mir maßgefertigte Schuhe. Mit Konfektionsschuhen ist man nur ein halber Mensch, wer nie eine Spezialanfertigung getragen hat, weiß nicht, was laufen ist.

Mit meinem dritten Gehalt wusste ich nichts anzufangen. War da nicht früher etwas gewesen? Mir fiel auf, dass genau das geschehen war, was ich immer befürchtet hatte. Die persönlichen Interessen waren hinter dem Beruf verloren gegangen. Doch nun konnte ich es mir leisten und legte mir eine Fotoausrüstung zu, die keine Wünsche übrig ließ. Meine gesamte Freizeit widmete ich meiner alten Leidenschaft. Ich glaubte, mir nun meine Träume erfüllen zu können.

Einige Wochen später saß ich in meiner Wohnung und starrte mehrere Tage hintereinander an die Wand. Ich konnte mich nicht dazu durchringen, irgendetwas zu unternehmen. Ich verstand mich selbst nicht mehr. Was war bloß geschehen? Der Traum war ausgeträumt. Fotografie hatte auf einmal jede Bedeutung verloren.

Ich nahm mir einen tiefen Teller, füllte ihn mit Wasser, färbte es mit Paprikapulver ein und ging damit durch meine Wohnung. Das Ziel war es, so schnell wie möglich zu laufen, ohne dass die Flüssigkeit sich bewegt und den Rand des Tellers verfärbt.

Ich war zu einem Kellner geworden.

 

Mein neuer Arbeitsplatz erforderte meine gesamte Aufmerksamkeit. Seltsamerweise warf mich das zuerst etwas zurück. Ich musste so viele neue Dinge beachten, dass ich eine Weile gar nicht dazu kam, die Abläufe genau zu beobachten und zu verbessern. Ein paar Überstunden waren normal, ich blieb jedoch oft solange, dass ich wiederholt zum Gehen gedrängt wurde. Diese erzwungene Freizeit verbrachte ich mit weiteren Übungen und Gedächtnistraining.

Trotz größter Aufmerksamkeit konnte ich keine wirkliche Unstimmigkeit in den Arbeitsabläufen entdecken. Es gab keine Herausforderung, an der nur ich allein arbeiten konnte, durch die ich mich von den Anderen in ihrem gewohnten Trott hervorheben konnte. Das änderte sich, als mir Nicole auffiel.

Ich arbeitete hin und wieder mit ihr zusammen, wenn größere Gruppen kamen. Gewöhnlich galt meine ganze Aufmerksamkeit den Gästen, aber irgendwann bemerkte ich, dass sie manchmal ungefragt Wasser nachschenkte und andere Male wieder nicht, obwohl das Glas leer war. Dieses Verhalten war nicht willkürlich, sie ging nach bestimmten Kriterien vor, die ich jedoch, trotz genauester Beobachtungen, nicht feststellen konnte.

Ich wollte es allein herausfinden, doch irgendwann wurde ich zu ungeduldig und sprach sie darauf an. Ich hatte die Befürchtung mich zu irren, ihr Verhalten falsch interpretiert zu haben. Glücklicherweise bestätigte sie sofort meinen Verdacht. Was also war ihr Geheimnis? Sie erklärte mir, sie könne daran erkennen, wie die Gäste auf ihre Gläser schauten, ob sie noch etwas mehr haben wollten. Genauso gab es eine bestimmte Art das Glas zu leeren, wenn es in der Absicht des letzten Schlucks geschah.

Ich erzählte ihr von meiner Art der Bedienung. Es war das erste Mal, dass mir jemand aufmerksam zuhörte. Von da an brachten wir uns gegenseitig unsere Erfahrungen und Techniken bei. Wir waren keine Konkurrenten, versuchten nicht, uns gegenseitig zu übertrumpfen. Wir ergänzten uns und profitierten voneinander.

Wir überlegten uns ein Spiel. Ein Tisch wurde komplett eingedeckt, als würden sich im nächsten Moment die Gäste hinsetzen. Zusätzlich baute sie ein paar kleine Fehler ein. Dann wurde ich blind herangeführt. Ich musste die Augen geschlossen halten, durfte aber nicht stehen bleiben. Auf ein Zeichen durfte ich die Augen öffnen und im Vorbeigehen einen kurzen Blick auf den Tisch werfen. Der Kopf durfte dabei nur leicht bewegt werden, es war nicht erlaubt ihn richtig zu drehen. Ziel war es, in diesem kurzen Moment festzustellen, was fehlte, was nachgefüllt oder erneuert werden musste. Nach der Auswertung tauschten wir die Rollen.

 

Ich hatte immer eine Gabel und einen Löffel in meiner Jackentasche. Sobald ich einen Moment lang unbeschäftigt war, nahm ich sie in die Hand und versuchte so schnell wie möglich zwischen Grundgriff, Zangengriff und Spreizgriff zu wechseln.

 

Nirgendwo sonst wird mit so viel vermeintlicher Kompetenz geprahlt wie beim Wein. In dieser Angelegenheit versuchten regelmäßig die Gäste uns Kellnern etwas vorzumachen und unverhohlen zu belehren. Ich ließ es immer schweigsam über mich ergehen.

Das Besondere am Weintrinken habe ich nie verstanden. Ich habe mir aber durch meine Praxis beim Ausschenken eine ganz andere Fähigkeit angeeignet, die ich jedoch nie jemandem erzählt habe. Obwohl sie meiner Meinung nach schwieriger ist und den Sinnen mehr abverlangt, wird sie jedem anderen wohl unbedeutend erscheinen. Ich kann durch Betasten des Korkens das Alter des Baumes erkennen, von dem er stammt, und ob die Ernte in ausreichendem Abstand zur vorherigen erfolgt ist.

Eine andere Fähigkeit, die ich mir zwangsweise aneignen musste, ist das Bestimmen der genauen Temperatur durch bloßes berühren einer Flasche. Alle Getränke benötigen für den optimalen Geschmack eine bestimmte Temperatur. Weicht sie einmal von der vorgeschrieben Höhe ab, bemerken es die Gäste gar nicht. Die einzige Ausnahme war der Wein. Es gab hin und wieder Beschwerden von einzelnen Experten, die auf ein Servieren bei Zimmertemperatur bestanden. Dabei darf Wein nur maximal achtzehn Grad warm sein, es können sogar bis zu fünf Grad weniger werden. Das ist dem heutigen Empfinden nach viel zu niedrig. Dieses Missverhältnis ist historisch bedingt. Unsere Weinkultur stammt von den Mönchen des Mittelalters. In Klöstern ist es allgemein etwas kühler.

 

Robert war das genaue Gegenteil von mir. Er war talentiert, aber er wollte es unter Beweis stellen, er versuchte aufzufallen. Wenn ich ihm zusah, wie er mit den Gästen redete, kam er mir vor wie der Moderator einer Abendshow im Fernsehen. Darin wäre er sicherlich ausgezeichnet gewesen. In einem Restaurant hielt ich jedoch so ein Verhalten für deplatziert.

Es kam oft zu Spannungen zwischen uns. Ich wollte ihnen nicht nachgeben, denn ich wusste, dass er genau das erreichen wollte. Eines Abends konnte ich mich aber nicht zurückhalten.

Die letzten Gäste waren gegangen, wir räumten die Tische ab. Plötzlich kam er dazwischen und drängte uns weg. Er griff den Rand der Tischdecke mit beiden Händen und zog daran. Ich erschrak, in der Erwartung gleich ein lautes Scheppern zu hören. Doch nichts geschah, das Geschirr blieb auf dem Tisch, selbst die Gläser standen noch aufrecht. Robert tat so, als wäre nichts besonderes geschehen und faltete routiniert das Tischtuch zusammen.

Ich konnte nicht widerstehen, diese Herausforderung musste ich annehmen. Als wir fertig waren, gab ich vor, allen einen Aperitif zu spendieren. Ich reihte ein paar Gläser dicht vor mir auf. Ich öffnete eine Flasche und sah Robert direkt in die Augen, als ich ein Glas nach dem anderen füllte. Ich hatte auch ein paar kleine Tricks geübt, ich kann die Füllhöhe genau am Geräusch erkennen. Ich musste nicht auf die Gläser sehen, ich erkannte im erstaunten und gleichzeitig verärgerten Blick von Robert, dass sich in allen Gläsern exakt die gleiche Menge befand.

Ich nahm eines, prostete ihm zu und leert es in einem Zug. Dann drehte ich mich um und ließ ihn allein die stille Bewunderung der anderen Kellner „genießen“.

 

Ich ging regelmäßig in die Küche und ließ mir einzelne Gerichte vorkochen. Es war mir wichtig, über alles Bescheid zu wissen, angefangen bei den Inhaltsstoffen, über die Zubereitung, bis hin zum Anrichten. Die Fragen der Gäste kamen nämlich zu mir. Selbst diejenigen, die praktisch jeden Tag im Restaurant essen, kennen nicht alle Begriffe der gehobenen Küche. Montieren, legieren, poelieren – eigentlich sind diese Dinge nicht besonders kompliziert, die Köche drücken sich bloß gerne umständlich aus. Es reicht auch nicht, es einfach nachzulesen. Darum ließ ich mir alles genau zeigen und erklärte es dann in eigenen Worten. Meine schlimmste Vorstellung war, einem Gast sagen zu müssen, dass ich erst nachfragen muss und ihn wartend am Tisch zurücklasse.

Etwas, für das ich keine Begeisterung aufbringen konnte und mich sogar davor drückte, war das Zubereiten von Speisen am Platz. Flambieren, Filetieren, Tranchieren – für mich sind das nur ausgelagerte Küchentätigkeiten und haben nur einen reinen Schauwert. Ich verspüre keinen Drang danach, die Kunstfertigkeit eines Vorschneiders zu erlangen. Ihr Können war ohne Frage großartig, aber sie mussten auch auf Knien bedienen.

 

Das Restaurant, in dem ich arbeitete, war Teil einer Kette eines berühmten Kochs. Das muss nicht viel bedeuten. Sein Name steht an der Tür und auf der Speisekarte, mehr aber auch nicht. Er arbeitete nicht bei uns, ließ sich nur selten für einige Minuten blicken. Wahrscheinlich arbeitete er überhaupt nicht mehr als Koch, außer bei seinen vielen Fernsehauftritten.

Einmal kam er zu uns um zu essen. Wie ein normaler Gast setzte er sich an einen Tisch, studierte die Karte und bestellte. Obwohl ich ihn bediente, erkannte ich ihn nicht. Ich habe nie etwas auf Prominenz gegeben. Vielleicht war das sogar mein Glück, das mich vor Fehlern bewahrte. Für mich war er ein Gast wie jeder andere und erfuhr dieselbe Behandlung. Eine, mit der er hochzufrieden war, wie sich hinterher herausstellte.

Noch während der Arbeitszeit wurde ich in das Büro des Filialleiters gebeten. Als ich dort den vermeintlichen Gast wiedererkannte, dachte ich, dass etwas geschehen sein musste; etwas, das eine Beschwerde über mich zur Folge hatte. Ich war mir keiner Schuld bewusst und ließ mich nicht aus der Ruhe bringen. Ein erneuter Glücksfall, denn der Koch deutete es wohl als Gelassenheit, als Professionalität.

Unsicher wurde ich erst, als er sich erfreut zeigte. Er stellte sich nicht vor, nahm selbstverständlich an, dass ich ihn kannte. Dass ich ihm die gewohnte Verehrung verweigerte, beeindruckte ihn nur noch mehr. Wenn er sich normalerweise mit dem gewöhnlichen Personal seiner Restaurants unterhielt, konnten diese sich nicht so diszipliniert zurückhalten und himmelten ihn an. Von Anfang an war ich ihm darum aufgefallen, er war beeindruckt von meinem Service, und wollte mir darum ein Angebot machen.

Er plante die Eröffnung eines neuen Etablissements, aber keines, das für die Öffentlichkeit zugänglich war. Es würde nur Gäste auf Bestellung annehmen, ausschließlich in geschlossener Gesellschaft. Die Kunden wären nur aus den elitärsten Kreisen und würden die höchsten Ansprüche stellen. Ich sollte ebenfalls zum Personal dazugehören.

Für mich war dieses Angebot zwar überwältigend, aber ich musste nicht einen Moment lang nachdenken, um eine Entscheidung zu treffen. Ich scheute die Verantwortung nicht, sondern sah darin die Möglichkeit, meine Tätigkeit noch weiter zu vervollkommnen. Trotzdem sagte ich nicht sofort zu. Ich dachte an Nicole. Ohne sie wäre ich nicht so weit gekommen wie bisher, erst zusammen entwickelten wir neue Ideen, auf die ich allein nie gekommen wäre. Ich wollte mich für sie stark machen, sie weiterhin an meiner Seite wissen, wenn ich die Stelle antrat. Doch ich war unsicher, wie ich es vermitteln sollte. Befand ich mich in der Position Forderungen zu stellen? Würde eine Erklärung ihrer Bedeutung für mich als Verringerung meiner Fähigkeit angesehen werden können?

Ich kannte den Koch nicht, hatte nie seine Sendungen gesehen, und konnte seinen Charakter nicht einschätzen. Von dem kurzen Gespräch hatte ich allerdings den Eindruck, dass er zwar hohe Ansprüche stellt, solange diese erfüllt werden es jedoch nicht allzu streng mit den Umgangsformen nimmt. Er war eindeutig jemand, der den Auftritt vor einem Publikum benötigt, jemand, der das Herz auf der Zunge trägt.

Ein gutes Gericht braucht nicht unbedingt viele Zutaten, erklärte ich ihm. Aber einige von ihnen entfalten ihre volle Wirkung nur in Verbindung mit ganz bestimmten anderen. Ein gutes Gericht kann auf einige Zutaten einfach nicht verzichten. So ging es auch mir. Ohne Nicole wäre mein Service sicherlich genauso gut, aber irgendetwas würde fehlen, das den Genuss schmälern würde.

Ich hatte Erfolg, wir wurden beide genommen.

 

Der Koch hatte nicht zu viel versprochen, die Kundschaft war tatsächlich elitär. Egal ob aus Politik, Wirtschaft, Adel oder Erben, es kamen nur die höchsten Vertreter ihres Standes.

Dadurch, dass es immer nur eine Gruppe an Gästen gab, änderten sich die Anforderungen komplett, es war eine vollkommen andere Art des Servierens notwendig. Oftmals gab es gar keine Bestellung, das Menü war vorgeschrieben. Somit erfüllten wie eine ganz andere Aufgabe als bisher.

Nicole und ich berieten uns und arbeiteten weiter an uns selbst. Wir verstanden unsere neue Aufgabe darin, so unsichtbar wie möglich für die Gäste zu sein. Die Anzahl der Gänge zum Tisch und die Dauer unserer Anwesenheit, sollte auf ein Mindestmaß reduziert werden. Unser Spiel kam uns dabei zu Hilfe, wir hatten immer sofort einen Überblick über den Bedarf. Trotzdem gab es eine neue Herausforderung. Wir hätten immer erst aus dem Raum oder in eine entfernte Ecke gehen müssen, um uns etwas mitzuteilen. Ein Gespräch am Gueridon wollten wir vermeiden, da wir nicht wollten, dass die Gäste mitbekamen wie wir uns über etwas austauschten. Darum überlegten wir uns eine Zeichensprache. Sie sollte jedoch unauffällig sein, nicht so wie Gebärdensprache. Die Arme blieben dabei an der Seite oder angewinkelt vor dem Bauch, wenn wir etwas tragen mussten.

Wir wurden nur sehr selten direkt von den Gästen angesprochen, aber für diesen Fall übten wir täglich alle in Möglichkeit kommenden Begriffe in den gängigsten Fremdsprachen.

Jeden freien Moment nutzten wir zum Beobachten der Gäste. Es galt herauszufinden und augenblicklich zu erkennen, worauf ihre Aufmerksamkeit gerichtet war. Sobald sie einen Moment vom Essen abgelenkt waren, konnten wir schnell etwas an ihrem Platz ändern, ohne dass sie es mitbekamen.

Es ging nur noch um den reibungslosen Ablauf des Abends, Präsenz war zu vermeiden. Ich hatte früher auch schon einmal mit einer Suppentasse serviert. Der Gast muss sich bei der Prozedur vorgekommen sein wie ein König. Doch einige unsere jetzigen Gäste standen weit über Königen. Sie wollten mit normalen Menschen nichts mehr zu tun haben.

 

Ich macht einmal zur Abwechslung Urlaub. Ich fuhr auf eine kleine unbewohnte Insel im Pazifik, ich konnte es mir ohne zu überlegen leisten. Nur meine Frau und ich in einem Haus am Strand. Für alle anderen wäre es das Paradies. Ich hingegen hatte mich noch nie so leer gefühlt.

Ich bin verheiratet. Dass ich sie bisher noch nicht erwähnt habe, sagt wohl einiges über unsere Beziehung. Jedenfalls aus meiner Sicht. Das liegt nicht an ihr, ich glaube, sie ist genauso wundervoll wie die Insel, auf der wir waren. Nur mir bedeutet sie nichts. Mir bedeutet überhaupt nichts irgendetwas. Ich habe nur meinen Beruf.

Der Mensch, mit dem ich am meisten Zeit verbringe, ist Nicole. Ich genieße die Zeit mit ihr, aber wir reden nie über etwas Privates. Ich würde sie auch nicht außerhalb der Arbeit treffen wollen.

 

Gibt es eigentlich berühmte Kellner? Hat irgendwann einmal einer von sich reden machen lassen? Wurde vielleicht einmal einer in einem Film porträtiert? Gibt es einen Roman, in dem einer als Persönlichkeit vorkommt, und nicht bloß als Nebenfigur? Jedes Mal, wenn ich einen Kellner in einem fiktiven Werk erlebe, dann nur innerhalb von Komödien. Als Witzfigur.

 

Es gab nichts mehr für uns zu erreichen, wir waren am absoluten Höhepunkt angekommen. Nicole schien zufrieden damit zu sein, aber ich empfand schon wieder Stagnation. Ich war stolz auf das, was ich erreicht hatte, ich erkannte es in seinem vollen Wert an. Deshalb kam mir der Gedanke, es anderen beizubringen. Im Restaurant hatten wir eine Führungsposition und konnten den anderen Kellnern einige Vorschriften machen. Aber das war es eben auch, bloß ein Zwang, eine Pflicht. Es lag keine Wertschätzung darin. Ich glaube, was mich wirklich glücklich gemacht hätte, wäre es gewesen, meine Erfahrungen jemandem beizubringen, der es auch will. Vielleicht in einer Art Schule. Doch es war vergeblich. Es herrschte kein Verständnis für diese selbst auferlegte Arbeit.

Ich fühlte mich wieder wie auf der Insel. Einsam und leer.

Nicole sah auch keine Verbesserungsmöglichkeiten mehr. Sie schien jedoch nicht darüber enttäuscht zu sein. Vielmehr genoss sie das Gefühl, etwas bis zur Perfektion gemeistert zu haben. Sie war in der Lage, sich darauf auszuruhen.

Bei uns beiden nahm das Interesse an der Arbeit im Restaurant ab. Wie sie damit umging, unterschied sich von mir fundamental. Sie nahm eine neue Stelle an, als Hausangestellte bei einem englischen Adligen, der seine Wurzeln Jahrhunderte zurückverfolgen konnte. Er lebte auf einem unübersehbar großen Stück Land, in einem Schloss mit absurd vielen Zimmern. Es war wie ein Klischee, ich hätte nie vermutet, dass es so etwas heute noch gibt.

Nicole hatte mir einmal geschrieben. Sie war glücklich dort.

 

Ich war am Ende. Ich hatte mich in eine Sackgasse manövriert. Was mir nicht aufgefallen war: im Verlauf meiner Karriere und der Perfektionierung meiner Tätigkeit, gab es immer weniger Bestätigung. Ich entfernte mich immer mehr von den Gästen, trat zunehmend in den Hintergrund. Keine Freundlichkeit mehr, kein Kontakt.

Ich dachte daran zurück, wie alles angefangen hatte. Ein nicht gezahltes Trinkgeld hatte alles ausgelöst. In meinen Kreisen wurde gar nicht mehr im Restaurant bezahlt, sondern im Vorfeld ein fester Betrag überwiesen. Es war mir aber auch bewusst, dass ich nicht mehr zurück konnte, nie wieder in einem normalen Restaurant arbeiten. Die Unterforderung würde mich ersticken.

In einer freien Woche fuhr ich voller Nostalgie in meine Heimatstadt. An meinen Vater verschwendete ich damals keinen einzigen Gedanken, ich rechnete gar nicht mehr damit, dass er überhaupt noch lebte. Nein, ich hatte nur ein einziges Ziel: das Restaurant, in dem alles angefangen hatte. Tatsächlich existierte es noch, während alle andern in der Umgebung, wenn sie überhaupt noch genutzt wurden, den Besitzer und somit oft auch sogar die Nationalität gewechselt hatten.

Mit freudiger Erwartung betrat ich das Lokal – und traf wieder ihn: Monsieur Daguerre. Er sah mich direkt an, sein Blick blieb an mir haften. Es war, als ob er mich erwartet hatte. Ich ging zu seinem Tisch, diesmal jedoch ohne nervös zu werden. Ich war sogar froh ihn zu sehen. Alt war er geworden, hatte aber nichts von seiner vornehmen Haltung verloren. Innerlich musste ich lachen. Mir war es nie richtig aufgefallen, der Beruf hatte es einfach mit sich gebracht, aber inzwischen sah ich schon fast genauso aus wie er und benahm mich auch ähnlich. Genau das war es, was in mir die Erkenntnis auslöste.

Ich setzte mich zu ihm.

Ich wollte immer wissen wieso.“

Er lächelte mich freundlich an.

Nun wusste ich es, aber diese Gewissheit war bedrückend. Er war mir Jahre voraus, vielleicht konnte er mir meine Sorgen nehmen.

War es das jetzt auch für mich? Gibt es kein Weiterkommen mehr? Kann sich nicht doch noch ein weiterer Weg auftun?“

Er deutete ein Kopfschütteln an. Genau so niedergeschlagen wie ich mich fühlte, hörte sich seine Stimme an.

Wir bleiben immer einsam. Für uns gibt es keinen Ruhm, keine Bekanntheit zu erlangen. Wenn wir aufhören, ist es, als hätte es uns nie gegeben. Niemand ist an unserer Erfahrung interessiert. Jeder neue Kellner fängt das Handwerk wieder ganz von vorn an, als wäre er der erste in der Geschichte der Menschheit. Darum werden sie auch immer auf dem selben Niveau bleiben.

Nur manchmal gibt es Ausnahmen, hin und weder taucht eine einzelne Person auf, die den Beruf in neue Dimensionen führt. Doch werden sie immer allein und unbekannt bleiben. Mit ihrem Verschwinden geht alles was sie erreicht haben verloren.“

Daguerre war auch ein Kellner wie ich gewesen. Er hatte es genauso ernst genommen, hatte den selben Lebensweg hinter sich. Und er war ebenfalls am Ende angelangt. Aber er hatte in mir das Talent erkannt, hatte es herausgefordert. Wahrscheinlich hatte er mich all die Jahre beobachtet und meine Fortschritte verfolgt. Doch nun hatte ich auch alles erreicht.

Ich wusste, er war nicht ohne Grund hier. Das war unsere letzte Begegnung. Einmal musste er mich noch wiedersehen, weil er noch etwas für mich bereithielt. Schon dreimal war er in mein Leben getreten, um es entscheidend zu verändern. Nun, am Ende seines Planes, würde er mich nicht einfach so dem Schicksal überlassen. Er hatte noch etwas für mich übrig.

Was mache ich jetzt?“

Jetzt gibt es nur eine Möglichkeit: einen weiteren Begabten zu finden und ihn auf die richtige Bahn zu leiten.“

Wird es mir dadurch besser gehen?“

Es ist nicht das selbe, wie einen direkten Schüler zu haben. Aber es hilft zumindest. Es macht jedenfalls nicht glücklich. Doch es war angenehm, alles noch einmal mitzuerleben.“

Wir aßen zusammen und unterhielten uns über unsere Erfahrungen, ohne uns wirklich etwas zu sagen. Der Kellner brachte die Rechnung. Ich betrachtete ihn eingehend, wägte die Möglichkeiten ab. Ich gab ihm das Trinkgeld. Er war nicht der Richtige, für ihn hatte das Leben schon einen anderen Plan. Sollte er das Geld haben, er konnte es brauchen. Vielleicht würde aus ihm ja einmal ein begabter Fotograf.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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