Wolfgang Küssner

Der Schraubenbaum

An einem Feigenbaum wachsen nicht die Feigen (Singular: Der Feige), sondern sonnenverwoehnte, süße, samtweiche und in dunklem Aubergine gehüllte Feigenfrüchte. Fleischige, saftige, dunkelrote Kirschen reifen am Kirschbaum; der Olivenbaum, auch Echter Oelbaum genannt, beschert uns oelträchtige, schwarze oder grüne Oliven. Leuchtende, fruchtige Orangen gedeihen am Orangenbaum. So üppig kann die Natur sein. Doch Ernüchterung: Am Granatbaum wachsen keine Granaten. Welch ein Glück! Und am Schraubenbaum reifen keine Schrauben heran, weder aus Holz noch aus Metall.

Einer Ballade von Theodor Fontane folgend, stand bei derer von Ribbeck zu Ribbeck im Havelland einst ein Birnbaum im Garten. Der Liedermacher Franz-Josef Degenhardt lud seine Freunde 1973 mit den Worten ein: „Kommt an den Tisch unter Pflaumen-bäumen, der Hammel ist gar überm Lauch....“. Und ein deutsches Sprichwort meint, „Der Apfel fällt nicht weit vom Baum.“ Eine Variante besagt allerdings, der Apfel würde nicht weit vom Ross fallen. Nun gut. Dort, wo Äpfel für den Markt reifen, im Alten Land, in der Haseldorfer Marsch, am Bodensee und anderso, hält man die Bäume niedrig. Das erspart bei der Ernte einen zeitraubenden Einsatz von Leitern. Doch was hat das alles mit dem Titel dieser Geschichte zu tun? Mit dem Schraubenbaum? Also – hm, ehrlich gesagt, nicht viel. Es geht um einen Baum, einen ganz speziellen.

Am Strand des Indischen Ozeans sitzend, den Blick auf das weite Meer gerichtet, dem Rauschen der Wellen lauschend, den milden Wind genießend, habe ich mein schattenspendendes Plätzchen unter Schraubenbäumen gefunden. Eine Kasuarine hätte es sein koennen, doch die lassen leider viele Sonnestrahlen durch; es würden sich auch verschiedene Palmenarten zum Verweilen anbieten, deren Schattenangebot ist aber eher gering; und es gäbe die an gigantische Gummibäume erinnernden Barringtonias, doch sie stehen nicht immer in vollem Blattwerk. Auf den Schraubenbaum dagegen ist Verlaß. Der ist immergrün.

Der Schraubenbaum gehoert (wer hätte das gedacht) zur Familie der Schraubenbaumgewächse (Pandanus) und hat nichts mit Mangroven zu tun, obwohl einige der gut 600, andere Quellen wissen sogar von 855 verschiedenen Baumarten zu berichten, wie Mangroven Stelzwurzeln bzw. Luftwurzeln bilden. Manchmal moechte man meinen, die Bäume befänden sich auf einer sehr langsamen Wanderschaft. Wohin moegen sie wandern wollen?

Die Pandanusgewächse sind sehr alt. Vor gut 96 Millionen Jahren (gab es damals überhaupt schon Schrauben?) sollen sie auf dem Gondwana-Kontinent entstanden sein. Der ist bekanntlich längst auseinandergedriftet. Irgendwie sehen die Bäume heute im Afrika südlich der Sahara, auf dem Indischen Subkontinent, in Süd- und Südost-Asien und im Norden Australiens auch so aus, als hätten sie schon viele Jahre auf dem Buckel. Die Berührung mit den bis zu 20 Zentimeter dicken Baumstämmen sollte man allerdings besser vermeiden, sie sind dornig. Die bis zu zwei Meter langen Blätter wachsen an den Spitzen der Äste spiralfoermig. Daher der Name Schraubenbaum. Und da der Baum nur an den Spitzen Blätter trägt, wird er auch als palmartig bezeichnet. Die Blätter tragen an beiden Seiten leicht gekrümmte Dornen, als müßten sie sich wehren. Selbst bei Kontakten im trockenen, abgestorbenen Zustand koennen sie noch für Schmerzen sorgen. Diese Dornen führen dazu, daß die vertrockneten Blätter sich meistens in den Ästen verfangen, nicht zu Boden fallen und so das vor Sonne schützende Dach zusätzlich verdichten.

Aus den Blättern werden Koerbe und Matten geflochten, Dächer gedeckt. Die Früchte einzelner Arten koennen verzehrt werden, aus einigen Blattarten wird ein Tee hergestellt, andere dienen als Geschmacksgeber – zum Beispiel für ein schmackhaftes Thai-Gericht mit in Pandanusblättern eingewickeltem Hühnerfleisch (Gai Ho Bai Toey). Die Schraubenbäume koennen Hoehen bis etwa 8 Metern erreichen. In Europa gibt es die Pandanus als Topfpflanze. Die schattenspendenden Flächen sind allerdings überschaubar, und andererseits: Wer nimmt freiwillig unter einer Topfpflanze Platz?

Der Schraubenbaum sorgt nicht nur für Schatten, er gibt auch einigen Tieren Lebensraum. Schmetterlinge taumeln und Libellen surren zu bestimmten Jahreszeiten um die Bäume herum und suchen Schutz vor sie verfolgenden, gefrässigen Voegeln. Die kleinen Spatzen nutzen das Geäst zur Zwischenlandung, bevor sie auf dem Strand um kleinste Essenreste zwitschernd balgen oder ein kurzes Sandbad nehmen. Der zur Familie der Sperlinge gehoerende Hirtenmaina findet die Äste als Beobachtungsplatt-form ideal, um das beste von Badegästen offerierte Nahrungsangebot ausfindig zu machen, sich darauf zu stürzen. Wer meint, Holzbienen würden – wie man anhand des Namens rückschließen koennte - statt Nektar, Holz sammeln, liegt leider daneben. Diese schwarzen, brummenden, großen Insekten bohren Loecher in das Holz und richten sich dort – mit Zugang von unten - häuslich ein.

Mehrfach habe ich in den grünen Blättern des Schraubenbaums eine kaum sichtbare Smaragdnatter entdecken müssen. Keine große Gefahr. In anbetracht der vielen Dornen muß es für sie eine beachtliche Leistung sein, sich durch das dornige Blätterwerk zu schlängeln. Doch vermutlich ist die Brut des Bülbül zu verlockend. Der heißt wirklich so. Der Bülbül ist ein kleinerer Sperlingsvogel, der im Geäst sein Nest baut. Die hier heimische Art trägt ein eher bescheidenes, von verschiedenen Grau- und ganz leichten Brauntoenen gemustertes Federkleid mit besonders flauschigen, leicht gelben Federn am Unterbauch. Das Wort Bülbül kommt aus dem Persischen und bedeutet soviel wie Nachtigall. Zurecht, der Bülbül singt nachtigallisch schoen.

Jetzt muß ein Vierbeiner Erwähnung finden. Mangels Eichen und wegen ihres grauen Fells heißen sie nicht Eich- sondern Grau-hoernchen. Diese possierlichen Tiere springen, turnen in ihrer vollen Lebensfreude durch die Schraubenbäume und warten auf den großen Moment der Fruchtreife. Auf den ersten Blick erinnern die Früchte ein wenig an leicht groeßere Ananas. Es sind Stein-Früchte, Sammelfrüchte. Wenn diese nun im Reifestadium Gelb-Rot-Orange leuchten, gibt es für die flinken Grauhoernchen keine Zurückhaltung mehr, dann wird gefressen, was die Gewächse hergeben.  

Bis zu diesem Zeitpunkt koennte sich der im Schatten weilende Gast mit den Grauhoernchen anfreunden. Das geht ganz einfach: Ein bißchen Fleisch der Kokosnuss, eine reife Banane, Mango-Scheiben oder ein Stückchen Wassermelone  – die Vierbeiner wissen es zu schätzen. Für den eigenen Verzehr an den Strand mitgebrachte Früchte sollte man allerdings im Auge behalten; jede Gelegenheit werden Grauhoernchen nutzen, um sich über diese Leckereien herzumachen.

Was wächst am Baum der Erkenntnis? Süße und verführerische Früchte? Im Buch der Genesis der Bibel lesen wir von Gut und Boese. Hätte er Boesbaum geheißen, wäre die Sache doch viel einfacher gewesen. Damals. An einem Christbaum wachsen auf jedenfall keine Christen heran. Ein Flammenbaum eignet sich schlecht zur Nachrichtenübermittlung dank Rauchzeichen. Ein Schlagbaum teilt normalerweise keine Schläge aus, doch beim Verweilen darunter ist Vorsicht geboten. Am Pandanusbaum – das hat diese kleine Geschichte gezeigt – wachsen weder Nüsse (Nus im Singular gibt es bekanntlich nicht) noch wachsen dort niedliche Pandabären. - Warum ist das mit den Bäumen so kompliziert? Augen auf! Es gibt viel zu entdecken. Überall, und wie hier das  Beispiel zeigt, im Schatten unterm Schraubenbaum.

 

April 2017
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