Christa Astl

INSELTAGEGUCH Ausschnitte 1

 

 

Anreise

 

Endlich! Immer klarer schält sich die Insel aus dem diffusen Grau der allmählich einsetzenden Dämmerung.

Seit sechs Stunden bin ich unterwegs. Zuerst die lange Bahnfahrt von vier Stunden im voll besetzten Zug mit nur wenig Bewegungsfreiheit. Steif vom langen Sitzen steige ich aus, gehe mit Füßen wie Blei den Bahnsteig entlang. Die beiden Rucksäcke liegen gut auf den Schultern, trotzdem halte ich mich am Geländer fest. Was wäre, wenn ich aus irgendeinem Grund stolpere? Ein Sturz, den ich mit dem Gewicht auf  dem Rücken wohl kaum auffangen könnte. Ein Armbruch oder Schlimmeres schon am Beginn des Urlaubes wäre leicht passiert?

Die Fahrt mit dem Bus zum Hafen dauert nur 6 Minuten. Eine gute halbe Stunde habe ich Zeit, bis das Schiff anlegt, noch ist es gar nicht zu sehen. Die Kasse hat bereits geöffnet, ich besorge mir das Ticket. „Einfach oder Hin- und Zurück?“ Welche Frage! Gern würde ich ja bleiben. Immerhin gilt es ein halbes Jahr, doch ich kann nur eine Woche bleiben.

Der nächste Weg führt zu den „Fischbrötchen“. Heute entscheide ich mich für ein Aalbrötchen, mit dem ich wieder zur Anlegestelle zurück gehe. Gar nicht leicht, unterwegs das überdimensional belegte Brötchen mitsamt seinem Inhalt zu bändigen. Ein Stück des Räucheraals fällt hinunter, zur Freude der ewig hungrigen Möwen und Krähen. Den letzten Rest noch in der einen Hand, mit der anderen die Fahrkarte suchend, begebe ich mich aufs Schiff. Wieder ist es nur schwach besetzt. Ich bestelle was zu trinken, dann schreibe ich die versprochenen Ansichtskarten. Die nützlichste Beschäftigung während der anderthalb Stunden dauernden Fahrt. Der Ausblick ist gelinde gesagt langweilig. Links und rechts Wasser, in der Ferne grünende Schilfränder, kaum Wind, also ist die Fahrt sehr ruhig.

„Sehr geehrte Fahrgäste, in etwa zehn Minuten erreichen wir unseren ersten Ort Neuendorf.“

Auch diese Minuten gehen vorbei, die Rucksäcke sind geschnürt und bald geschultert. Fast zaghaft ist das erste Auftreten. Ein anderes Land, anderer Boden, Sand, Gras, kein Asphalt wie gewohnt.

Ich ziehe meinen kleinen Inselplan aus der Tasche, nur zur letzten Orientierung, so ungefähr kenne ich mich ja schon aus. Trotzdem bin ich froh, als mich die Vermieterin anruft und sagt, ich soll auf sie warten. Gleich darauf radelt sie mit dem Schwung ihrer jungen Jahre um die Ecke. Meine Rucksäcke darf ich in den Fahrradanhänger legen, nun könnte ich fast fliegen!

Die üblichen Fragen nach dem Woher, dem Reiseverlauf sind schnell beantwortet, meine Blicke nehmen das Ortsbild auf. Die weiß gekalkten kleinen ebenerdigen Häuser, die dunklen Dächer, viele mit Reet gedeckt, rundum Wiesen, sie sich um das erste Grün mühen. Der Weg dauert kaum fünf Minuten, dann öffnet sich die Haustüre meines Domizils für eine Woche – Nur eine Woche? Leider –

Über eine schmale Stiege klettere ich in den ersten Stock, unters Dach. Das Zimmer ist klein, ein schmales Bett – hoffentlich falle ich nicht hinaus, wieder bestünde die Gefahr eines Unfalls - Den Gedanken schiebe ich energisch zur Seite.

Neben dem Bett eine kleine Ablage mit einer Lampe, kaum Platz für Brille und Buch. In der Ecke steht der Kühlschrank, daneben Wasserkocher, Kaffeemaschine und Mikrowelle, darunter ein kleiner Schrank fürs Geschirr. Platz für meine Lebensmittel ist auch genügend vorhanden, morgen früh muss ich einkaufen, ich habe nicht mal Kaffee! Ein kleines Tischen mit einem Korbsessel davor vermittelt Strandatmosphäre.
Dann kommt in der nächsten Ecke für viele wohl das Wichtigste: der Fernseher. Soll ich ihn einschalten? Nein, ich verzichte auch dieses Jahr darauf, mich berieseln oder unterhalten zu lassen! Ich werde auch diesmal meine Unterhaltung selber finden. Ich decke ihn gleich mit einem bunten Tuch zu. Ein Stück freier Platz bleibt, der vom großen Rucksack beansprucht wird. Dann kommt der Kleiderschrank, zwar mit einer Stange, aber zu wenig Regalen, um meine Pullis und T-Shirts übersichtlich zu ordnen. Zum Aufhängen habe ich außer meinen zwei Hosen und dem Anorak nichts. Die Schuhe kommen daneben in die Nähe der Türe. Meist sind sie doch voll Sand, sodass ich sie gleich ausziehe. Im Zimmer habe ich die warmen Socken, die mir eine Freundin vor Jahren gestrickt hat.

Soll ich noch eine Runde gehen? Nein, es wird schon gleich finster, und etwas Zeit zum Orientieren brauche ich doch. Also mache ich es mir mal gemütlich, nasche wieder einmal von meinen Trockenfrüchten, was anderes habe ich nicht. Und bald begebe ich mich zur Ruhe, gleite im Hinüberdämmern ganz auf „mein Inselchen“, mein endlich wieder erreichtes Wunschtraumland, und bin angekommen.

 

Die Woche des Alleinseins, des Fernbleibens von Menschen, wie wird sie sein? Bin ich mir als Partner, Freund, Gesellschaft genug? Aber brauchte ich hier überhaupt menschliche Gesellschaft? Ich habe die Natur, die mich aufnimmt, die ich in mich aufnehme, mit der ich mich verbinde. Ich freue mich auf diese Momente und den morgigen Tag....

 

 

ChA 20.05.18

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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