Manfred Bieschke-Behm

Raum 711

Raum 711 (insperiert nach dem Gemälde "Conference at Night" von Edward Hopper (1949)

Ungewollt betrete ich das Büro Raum 711. Eigentlich wollte ich zum Kollegen, der im Zimmer 712 seinen Arbeitsplatz hat, um mit ihm einen Sachverhalt zu klären.
Im Raum 711 hat Michael Wennebach sein Büro. Mit ihm verbindet mich eine langjährige Freundschaft. Gewöhnlich sitzt er korrekt gekleidet, das heißt mit Schlips und Kragen und Jackett hinter seinem Schreibtisch von einer Zigarettenwolke eingenebelt und bearbeitet Akten.Heute sitzt mein Freund ohne Jackett dafür mit hochgekrempelten Ärmeln auf der vorderen Kante seines Schreibtisches. Vor ihm steht seine Frau Sabine. Daneben ein mir unbekannter Herr. Michael scheint aufgewühlt zu sein. Leicht nach hinten gebeugt stützt er sich mit seiner rechten Hand auf der Tischplatte ab. Mit seiner linken Hand fuchtelt er durch die Gegend, als würde er ein Insekt verscheuchen. Seine Frau Sabine, die ziemlich nah vor ihm steht, trägt ein körperbetontes nachtblaues Kleid mit atemberaubendem Dekolleté, dazu passende schwarze Schuhe mit hohem Absatz
Will sie ihren Mann abholen?’, überlege ich.’ Vielleicht ist sie mit ihm zum Essengehen verabredet und er hat den Termin vergessen?’, geht es mir durch den Kopf. ‚Aber wer ist der Mann mit dem grauen Hut und welche Rolle spielt er?
Ich schaue auf Sabines Hände, die wie zum Gebet gefaltet sind. Ihr Busen bäumt sich auf und senkt sich wieder. Sie scheint beunruhigt zu sein. Ihre blonden Haare, die sie meist offen trägt, hat sie heute zu einer strengen Frisur aufgetürmt. Irgendwie erscheint mir Sabine heute eine andere zu sein, als die, die ich kenne.
Zu dem Mann mit Hut kann ich nicht viel sagen. Vielleicht trägt er seinen Hut ein wenig zu sehr nach hinten geschoben.Seine hohe Stirn lässt mich vermuten, dasser schütteres Haar hat. Sein Gesicht zeigt sich mir nur im Profil. Mir fällt sein breites Kreuz auf und, seine zu Fäusten geballten Hände, die er in den Taschen seines Mantels vergraben hat. Die Mantelfarbe passt perfekt zu Sabines Kleid. Ich unterstelle, dass sie sich bei der Wahl der Garderobe abgesprochen haben.
Durch das große Fenster, das sich hinter dem Schreibtisch befindet, dringt trügerisches Licht in den Raum. Das lässt die kahle graue Rückwand gut zur Hälfte auffallend hell erscheinen. Ich stelle mir vor, dass die drei Personen durch einen Beleuchter von hinten angestrahlt werden und ich Zeuge beim Dreh einer Filmszene bin. Einem Film ohne Happy End, wie sich herausstellen wird.
Michael sagt zu seiner Frau: „Du hast mich angelogen“
Die Stimme meines Freundes klingt aufgekratzt gleichzeitig brüchig. Ich versuche in Michaels Augen zu sehen. Sie wirken erschöpft. Glasig, wirken sie und fiebrig. Seine Wagen glühen. Schweißperlen bedecken seine Stirn. Schlagartig wird mir klar, dass hier keine Filmszene gedreht wird, sondern, dass sich Realität abspielt. Ich entschließe mich das Büro möglichst geräuschlos zu verlassen, weil ich der Meinung bin, das ich hier nichts zu suchen habe. Rückwärts gehend trete ich aus dem Türrahmen. Lägst hatte mich Michael im Türrahmen stehend wahrgenommen. „Du kannst ruhig hierbleiben Manfred“, sagt er mit einem nach Hilfe schreienden Unterton zu mir, ohne mich anzuschauen.
„Du wirst gerade Zeuge einer sich auflösenden Ehe.
Bitte bleib“, sagt meinen Freund zu mir. „Vielleicht brauche ich dich als Zeuge“, fügt er hinzu und schaut resigniert auf seine Frau und ihren Begleiter.
Michael wiederholt seine Anklage gegenüber Sabine. „Du hast mich belogen.“
„Welche meiner Lügen meinst du
?“, fragt seine Frau mit versteinertem Gesichtsausdruck.
Der Mann mit dem Hut dreht sich im Zeitlupentempo zu mir um. Ihm scheint unangenehm zu sein, mich hinter sich zu wissen, ein Zeuge eines unappetitlichen Vorgangs. Unsere Augen treffen sich ohne, dass ich daraus etwas herleiten kann. Der Mann dreht mir wieder seinen Rücken zu. Noch fehlt mir die Bestätigung, für das, was ich vermute. Ich bin fassungslos über das Drama, das sich im Raum 711 abspielt und über die Rolle meines Freundes. Bis noch vor wenigen Minuten glaubte ich, dass Michael und Sabine eine glückliche Ehe führen würden. Nie hat mir mein Freund von irgendwelchen Eheschwierigkeiten erzählt. Ganz im Gegenteil. Ständig gaukelte er mir Zufriedenheit vor. Michaels Ehe schien, im Gegensatz zu meiner perfekt zu sein. Wenn ich ihm gelegentlich von Belastungen in meiner Ehe erzählte, hatte Michael stets einen gut gemeinten Rat für mich. Er wusste wie ich es anders oder besser machen könnte.In der letzten Zeit hatte ich es vermieden, ihm von meinen Ehealltag zu erzählen. Mir war es ihm gegenüber peinlich einzugestehen, dass ich nicht der perfekte Ehemann bin, der er zu sein schien.
‚Wenn ich es richtig durchdenke, betreiben wir eine Freundschaft in der es an Offenheit und Ehrlichkeit fehl., Was für eine Freundschaft ist das, in der einer alles von sich preisgibt und der Andere sich in Schweigen hüllt?’, frage ich mich und merke, wie sich Enttäuschung in mir breit macht. Je intensiver ich versuche über diese Fragen nachzudenken, desto mehr stelle ich unsere Freundschaft infrage.
Michael fragt mit klangloser Stimme: „Wie lange geht das schon?“
Ob Weil Michael mit keinen der beiden Blickkontakte aufnimmt, kann ich nicht sagen, ob er die Frage seiner Frau gestellt hat oder dem Mann mit dem Hut. Mein Freund und ich warten vergebens auf eine Antwort.
Keiner von beiden reagiert. Michael sieht sich genötigt, seine Frage zu wiederholen: „Wie lange geht das schon?“
„Eine ganze Weile“,
erklärt Sabine gefühlskalt. Sie entfaltet ihre Hände Hände auf und lässt beide Arme an sich heruntergleiten. Ich sehe, wie sich ihre rechte Hand bemüht, nach der linken Hand ihres Begleiters zu greifen. Sie greift ins Leere. Der mir unbekannte Typ begreift. Er nimmt seine noch immer zur Faust geballte linke Hand aus der Manteltasche und überlässt sie seiner Geliebten.
„Geht es auch ein bisschen konkreter“,fragt Michael innerlich aufgewühlt. Ich bin mir nicht sicher, ob er eine Antwort von seiner Frau erwartet oder von dem Mann mit Hut. Beide schweigen. Michael macht eine abwehrende Handbewegung. Er scheint auf eine Antwort zu verzichten, was mich überrascht. Vermutlich denkt er, dass er keine ehrliche Antwort bekommt und keine Lust hat, sich weiter belügen zu lassen.
Mir ist das Ganze unheimlich. Von Minute zu Minute ärgere ich mich mehr darüber, dass ich mich in der Bürotür geirrt habe. Ich hätte auf alles, was ich bisher erlebt habe, gut verzichten können. Andererseits, so meine Vermutung, hätte mir mein Freund nie vom Ende seiner Ehe erzählt. Er hätte mir wahrscheinlich weiterhin eine glückliche Verbindung vorgegaukelt.
Falscher Freund’, denke ich.Michael gibt mir keine Gelegenheit über meinen zerstörenden Gedanken nachzudenken. Mit kräftiger und lauter Stimme möchte er von seiner Frau wissen, was sie damit gemeint hat, als sie sagte: „Welche meiner Lügen meinst du.“
Erstmalig öffnet Sabines Begleiter seinen Mund. Der Mann erklärt mit einer tiefen gefestigten Stimme, dass sie seit gut einem Jahr ein Paar sind, und die Absicht haben, zusammenzuziehen. Sie wollen dem quälenden Versteckspiel und der ewigen Lügerei ein Ende bereiten, erfährt mein Freund und ich als Zuhörer. Beide zucken wir zusammen. Beide hören wir, was wir nicht hören wollen, aber als schmerzhafte Wahrheit wahrnehmen müssen. Michael sieht mich flehend an. Ich weiß nich, wie ich ihm helfen könnte. Das Einzige, was ich in der Lage bin zu tun, ist ein sich wiederholendes Achselzucken. Michael scheint von meiner Hilflosigkeit enttäuscht. Entnervt schaut er auf seine Hände, die er kraftlos in seinem Schoß abgelegt hat.
Susanne und der Mann mit dem Hut nehmen sich bei der Hand und verlassen mit erhobenen Häuptern Raum 711. Um beiden die Gelegenheit zu geben, das Büro verlassen zu können, muss ich aus dem Türrahmen treten., Der Mann mit dem Hut verlässt, ohne mich eines Blickes zu würdigen, zuerst das Büro. Bevor Sabine ihm folgt, schenkt sie mir ein gequältes Lächeln, dass sie sich hätte sparen können. In letzter Sekunde erfahren wir von ihr, dass Michael von ihrem Anwalt hören wird, und dass sie ihre persönlichen Sachen in den nächsten Tagen abholen lässt. Michael und ich sind von Sabines Gefühlskälte geschockt. Langsamer, als üblich schließe ich die Bürotür hinter mir zu.Eine brutale unwirkliche Stille füllt den Raum. Weil die Sonne an Strahlkraft verloren hat, hat sich, ohne dass wir es bemerkt haben, das Zimmer verdunkelt. Nur noch ein ganz schmaler heller Streifen lässt die graue Rückwand vergessen.
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich weiß auch nicht, ob Michael überhaupt etwas von mir hören will. Ihn zu bemitleiden, würde mir im Moment wegen der Enttäuschung was unsere Freundschaft betrifft, schwerfallen. Auch Michael scheinen Worte verloren gegangen zu sein. Wie versteinert starrt er auf die Bürotür. Möglicherweise hofft er, dass sich die Tür öffnen würde und Sabine ohne Mann mit Hut kehrt zu ihm zurück. Sie bittet um Verzeihung und gelobt ewige Treue.
Die Tür bleibt geschlossen.
„Kann ich etwas für dich tun Michael“,frage ich und durchbreche damit die kaum auszuhaltende Stille und hoffe, er sagt „nein“
Ja kannst du Gerald“
„Und was?“,
erkundige ich. Ich gehe auf meinen Freund zu, der noch immer wie ein Häuflein Elend auf der Schreibtischplatte sitzt.
Sag mir Gerald, dass ich das hier alles nur geträumt habe.“
„Das kann ich nicht Michael. Das hier war kein Traum, das ist die nackte Wahrheit.“

Michael erhebt sich und geht zum Fenster. Mit kräftiger Handbewegung öffnet er das sich in der siebten Etage befindliche Bürofenster so weit es geht. Er tritt ganz nah an den Fensterrahmen heran. Seine Hände stützt er auf dem Fensterbrett ab. Feuchte Kälte dringt in das überheizte Büro. Ich fange an zu frieren. Nicht nur wegen der Kühle die mich erreicht, sondern auch wegen meiner grausamen Gedanken. Michael beugt sich weit nach vorne. ‚Er wird doch nicht’, denke ich und sehe mich zu ihn eilend, ihn zu greifen und von seinem Vorhaben abzuhalten.
„Komm her“,fordert mich Michael auf.
‚Was verlangt er von mir’,denke ich.
„Komm her“,fordert mich Michael ein zweites Mal auf.
Gegen meine Überzeugung folge ich Michaels Befehl.
Er zwingt mich mit ihm gemeinsam, in die Tiefe zu schauen.
Tief unten sehen wir Michaels Frau und den Mann mit dem Hut die Zugangsstraße entlang gehen. Der Mann hat seinen rechten Arm um ihre Schulter gelegt. Die linke Hand steckt wieder oder immer noch in der Manteltasche. Allmählich verschwinden beide im Häuserlabyrinth. Michael fängt an zu weinen. Hemmungslos. Ich reiche ihm ein Taschentuch, ziehe ihn vom Fester weg, schließe es und nehme meinen Freund in den Arm. Gemeinsam schauen in einen sich verdunkelnden Himmel. Schwere Wolken ziehen sich zusammen und lassen Regen niederprasseln. Erst sind es vereinzelte Tropfen die auf die Fensterscheibe trommeln dann sind es Sturzbäche, die einen freie Sicht verhindern. Im Himmel scheinen sich Schleusen geöffnet zu haben.
„Lass uns gehen“, sagt Michael zu mir und löst sich aus meiner Umarmung.
„Wollen wir nicht erst das Ende des Regens abwarten?“
„Nein. Lass uns gehen.“

Michael zieht sich, auf mich abwesend wirkend, sein Jackett an und schnappt nach seiner Aktentasche. Wir verlassen sein Büro. Im Fahrstuhl sagt Michael zu mir: „Du glaubst gar nicht, wie ich es bedaure, dass ich dir nicht schon längst von meinen Schwierigkeiten mit Sabine erzählt habe. Ganz bestimmt hättest du mir den einen oder anderen Rat geben können, der vielleicht meine Ehe hätte retten können. Aber ich war zu stolz. Ich wollte nicht, dass du von meinen Problemen erfährst. Ich weiß, ich spielte ein fieses Spiel mit dir. Ich danke dir und dem Zufall, dass du versehentlich bei mir gelandet bist und dadurch das Ende meiner Ehe miterlebt hast. Ich glaube kaum, dass ich dir davon erzählt hätte. Ich bin kein guter Freund. Lieber würde ich sagen, ich war kein guter Freund. Unsere Freundschaft bedeutet mir viel. Ich würde mich freuen, wenn du mich weiterhin Freund nennst.
Der Fahrstuhl erreicht das Erdgeschoss. Wir verlassen das Bürogebäude und stören uns nicht an dem Regen, der an Stärke nachgelassen hat.
„Willst du heute bei uns übernachten?“,frage ich Michael.
Michael zögert mit der Antwort. Schließlich sagt er: „Wenn ich dir und Monika nicht zur Last falle, nehme ich dein Angebot gerne an.
„Dann komm.“
Wir fahren mit meinem Wagen zu mir nach Hause. Der Regen hat an Intensität wieder zugenommen. Die Scheibenwischer schaffen es kaum, eine freie Sicht zu gewähren. Wir stehen vor einer roten Ampel und warten, bis sie grün zeigt. Michael hat offensichtlich nichts zu sagen. Ich nutze die Zeit und denke über den Fortbestand unsere Freundschaft nach.
Die Ampel schaltet auf Grün.
Ich fahre los.
Michael sagt zu mir; „Was bin ich froh, dich als Freund zu haben.“
Ich biege um die Ecke und finde genau vor unserm Haus einen Parkplatz.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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