Ingrid Baumgart-Fütterer

Graue Maus in Menschengestalt -


Graue Maus in Menschengestalt -
Wechseljahre: Hitziges Auf und Ab

In ihrem Inneren loderte ein Feuer, das sie zu verschlingen drohte. Hitzewallungen, die nicht nur tagsüber sondern auch nachts urplötzlich auftraten, begleitet von Schweißausbrüchen und Rötungen im Gesicht, Hals- und Schulterbereich, machten ihr das Leben schwer. Schweiß perlte über Stirn und Wangen, Kinn und Hals, ließ ihr Gesicht glänzen und verklebte ihre Haarsträhnen. In solchen Momenten fühlte sie sich wie durchs Wasser gezogen. Wachte sie schweißgebadet auf, blieb ihr nichts anderes übrig als sich zu duschen, Bettwäsche samt Nachthemd zu wechseln und am weit geöffneten Fenster nach Luft schnappend, ihren Körper auf „Wohlfühl-temperatur“ abzukühlen. Während der Hitzewallungen schlug ihr Herz schnell und unregelmäßig und ihre Atembeklemmung jagte ihr Angst ein. Nach diesen „hormonellen Gleichgewichtsstörungen“ fühlte sie sich tagsüber wie gerädert und hundemüde.
Auch nach der morgendlichen Körperhygiene und dem Ankleiden wurde sie oft von Hitzewellen überrollt und schon wieder klebte ihr die Wäsche am Leib. Um der Bildung von Schweißrändern und unangenehmen Körpergerüchen so gut wie möglich vorzubeugen, wechselte sie an manchen Tagen mehrmals Unterwäsche und
Oberbekleidung.
Es kam des Öfteren vor, dass sie bei Minustemperaturen neben dick vermummten Menschen leicht bekleidet an der Straßenbahnhaltestelle stand, ohne im Geringsten zu frieren. Da sie sich wie ein fleischgewordenes Heizkraftwerk fühlte, machte ihr in öffentlichen Verkehrsmitteln die für ihr Empfinden zu hoch eingestellte Temperatur zu schaffen. In Sekundenschnelle schien ihr Leib erneut in Flammen zu stehen,
Schweiß brach ihr aus allen Poren, zudem machten ihr Kurzatmigkeit und Kreislaufstörungen mal wieder zu schaffen.
Als ihr Hormonhaushalt außer Rand und Band geriet, lernte sie die Unberechenbarkeit „zyklusgestörter“ Monatsblutungen kennen. Ihr Konsum an Slipeinlagen und Tampons stieg stetig an, da sie sich ohne entsprechende Vorkehrungen nicht mehr aus dem Haus getraut hätte.
Infolge des sich zuspitzenden hormonellen Chaos nahm sie an Gewicht zu, obwohl sie sich häufiger bewegte und weniger aß als zu schlankeren Zeiten, als ihre Welt, was die Hormone betraf, noch wohlgeordnet war. Jedenfalls schienen die über-
flüssigen Pfunde allen Abmagerungsbemühungen zu trotzen. Die einstige „Sanduhr-
form“ ihrer Taille war nur noch mit Phantasie auszumachen. Ihr sich ausdünnendes Haar färbte sich allmählich grau. Auch ihr Teint wurde blass-gräulich. Als Knitter-
fältchen sich in Runzeln verwandelten, der Mund über dem Doppelkinn schmallippiger wurde und sich unter erschlaffenden Lidern der Glanz ihrer Augen trübte, verhärteten sich ihre Gesichtszüge und verliehen ihr ein verdrießliches
Aussehen. Zu allem Überfluss wuchsen bei ihr an bisher glatten Körperstellen Haare und der Flaum über ihrer Oberlippe verwandelte sich in einen veritablen Bart. Kein Wunder, dass sie sich vorkam wie eine graue Maus in Menschengestalt.

Stimmungsschwankungen suchten sie heim. Erst himmelhoch jauchzend, dann zu Tode betrübt, fühlte sie sich an ihre Pubertät erinnert, aber auch daran, wie schnell die Zeit verrinnt und Schönheit und Gestalt irreversiblen Schaden nehmen. Im Herbst des Lebens stehend, wurde ihr erst richtig bewusst, dass sie die ihr verbleibende Zeit vor allem dazu nutzen sollte, intensiver als bisher im Einklang mit sich selbst zu leben. So gesehen birgt die Krise der Wechseljahre in sich die Aussicht auf ein Leben auf einem höheren Bewusstseinsniveau, auf dem Selbstakzeptanz mehr denn je angesagt ist und die Anerkennung der inneren Schönheit.

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