Gertraud Widmann

Schmunzel-Geschichten 1

Die Zwillinge

Es war vor langer Zeit, als meine Oma in einem kleinen Dorf im Bayerischen
Wald Zwillinge bekommen hatte - ein Deandl und einen Buam. Theresia (Resi)
und Alfons sollten sie heißen. Sofort waren die beiden Tagesgespräch in dem
Ort, denn Zwillinge waren hier schon lange nicht mehr zur Welt gekommen.
Mein Großvater nahm das Ganze mit Gelassenheit, war`s doch bereits das
neunte und zehnte Kind. Aber dennoch musste er dieses Ereignis gebührend
feiern. Also zog er sein Sonntagsg`wand an und machte sich auf den Weg ins
zwei Kilometer entfernte Wirtshaus.

Grad wie`s so richtig zünftig gewesen war und alle meinen Opa immer wieder
hoch leben ließen, da fiel`s ihm plötzlich ein, dass er ja noch zum Bürgermeister
musste, um die Geburt seiner Kinder ins Melderegister eintragen zu lassen. Er
schob sein Bier zur Seite, murmelte
   »I kim glei wieda! « und wankte nach draußen.
Mit dem alten Radl seines Spezls fuhr er querfeldein in den Nachbarort - und
dort schnurstracks zum Rathaus ...

Am nächsten Morgen wurde er äußerst unsanft aus dem Schlaf gerissen. Sein
Schädel brummte sakrisch, als ihn seine Frau heftig wachrüttelte. Ja, die Oma
war damals eine resolute und robuste Person. War sie doch so kurz nach der
Geburt der Zwillinge schon wieder voll im Einsatz.
Mit vor der Brust verschränkten Armen und einem Gesichtsausdruck, der nix
Gutes verhieß, stand sie vorm Bett ihres Ehemannes.
   »Wo ist denn die Geburtsurkunde von der kloana Resi? « fragte sie, besser
gesagt, zischte sie. »In der Kuchl liegt nur die vom „Alfons“? «
Opas kleine grauen Gehirnzellen kamen gaaanz langsam in Schwung. „War ich
denn so besoffen, dass ich nur „Alfons“, nicht aber die „Resi“ angemeldet hab?
Ja, es musste so gewesen sein", sinnierte er vor sich hin.
Und so blieb ihm nix anderes übrig, als so schnell wie möglich wieder ins vier
Kilometer entfernte Rathaus zu gehen!
   Der zuständige Beamte, der auch am Tag zuvor Dienst gehabt hatte, grinste,
als mein Opa seine Geschichte erzählt hatte. Aber er konnte (oder wollte?) das
Geburtenregister dennoch nicht ändern ...
   »So genau werd`s do net geh - oder?«
Mein Großvater nickte anscheinend nur und so wurde die Geburt der kleinenn
Theresia einfach einen Tag „verschoben“. Somit war sie zeitlebens einen Tag
„jünger“ als ihr Zwillingsbruder Alfons!
  
                                                            *****
Der Badeanzug

Ich war vielleicht vierzehn Jahre alt, da schickte mir meine Cousine aus Amerika
einen blauen, aus ganz feinem Garn gestrickten (!), Badeanzug. Der war aber
anscheinend nicht für`s Wasser geeignet, eher für`s Sonnenbad am Swimmingpool.
Ja du lieber Himmel, wer hatte denn in dieser Zeit schon einen Pool? Jedenfalls,
sobald dieser „Badeanzug“ nass wurde, leierte er sich dermaßen aus, dass er wie
ein Putzlumpen an mir dran hing. Außerdem war er durch das ewige hochziehen
mit der Zeit oben herum arg porös geworden und hatte kleine Löcher bekommen.
   Aber dieses „gute“ Stück wegwerfen kam ja gar nicht in Frage. Und schon hatte
ich eine Idee: Ich schnitt aus einer, von meiner Mutter abgelegten, weißen Bluse
zwei passende Dreiecke heraus. Diese nähte ich dann mühsam von Hand auf das
Oberteil und schnitt den löchrigen Stoff drunter vorsichtig heraus.
Gut, eigentlich hätt`s ein Schmetterling werden sollen, sah aber jetzt so aus, als
säße auf meiner Brust ein großer weißer Vogel - aber was soll`s.

Als ich mit diesem „aufgepeppten“ Teil das erste Mal im Müllerschen Volksbad in
München aus dem Wasser stieg, hatte sich der weiße Stoff etwas „verändert“.
Da kam auch schon der Bademeister in seinen Schlappen daher geschlurft und
schrie:
   »Du da, zieh dir sofort etwas über dein durchsichtiges(!) Oberteil, da kann man
ja ALLES seh`n! «

Ja du lieber Himmel, was wird man denn bei mir schmalbrüstigem Deandl schon
gesehen haben? Zwei „Gaudinockerl“ halt.

                                                             *****
Verflixte Theorie

Meine Gesellenprüfung zur Schneiderin legte ich mit 15 Jahren im März 1957 in
der Bekleidungsfirma von „Willy Bogner senior“ in München ab. Samstag, acht
Uhr morgens war`s, als wir Prüflinge uns in einer großen Halle mit an die vierzig
Arbeitsplätzen - sprich vierzig Nähmaschinen - versammelten. Aufgeregt warteten
wir, dass man uns einen Platz zuwies. Und die ganze Zeit hampelte ein Bub, etwa
in meinem Alter, in kariertem Hemd und kurzer Lederhose zwischen uns herum.
Er pfiff und schnitt Grimassen - mein Gott, wie dieser Kerl nervte ...
Es war Willy Bogner Junior!
Übrigens, drei Jahre später war er einer der besten deutschen Skirennläufer!
Später wurde er als Designer und Filmemacher bekannt.

Die Warterei hatte schließlich ein Ende und ich wurde zur theoretischen Prüfung
aufgerufen.  Eigentlich wie war ich die Ruhe selbst, als ich vor en langenTisch tratt
hinter dem vier Prüfer und Willy Bogner sen. saßen.
Und es lief wie am Schnürchen. Ich hatte alle Fragen richtig beantwortet, bis ... ja
bis mich Herr Bogner sen., der sich die ganze Zeit zurückhielt, ansprach:
   »Eine Frage noch, welche Bestandteile sind in der Wollfaser enthalten? «
Ich zählte alle auf - bis auf einen ... Aus war`s! Meine grauen Gehirnzellen gaben
nichts mehr her, aber gleich gar nichts mehr ... null ... nix ... niente. Vorbei war`s
mit der Gesellenprüfung!? Da baute mir Herr Bogner ganz ruhig eine „Eselsbrücke“:
   »Was gibt es bei dir zum Frühstück? «
»Ein Marmeladenbrot! «
   »
Nein, was gab`s bei Dir sonntags? «
»Ein Stück Marmorkuchen! «
   »
Nein, gibt es bei dir nicht mal etwas Besonderes? «
»Nein, nicht ... ich weiß nicht ...«
  
»Gibt es bei dir zum Frühstück nicht mal zwischendurch ein Ei? «
Endlich fiel der Groschen! Ja freilich,
»Eiweiß - äh, Keratin - ist noch in der Wollfaser enthalten! « schrie ich ihnen
förmlich ins Gesicht.
Alle lachten ... Und ich? Ich hatte zwar ein feuerrotes Gesicht, aber immerhin
meine Gesellenprüfung in Theorie standen!
Übrigens, die praktische Prüfung stellte kein Hindernis mehr dar und ich bekam
meinen Gesellenbrief ...
                                                          
                                                          *****

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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