Paul Theobald

Die Christel von der Post

Mit richtigem Namen hieß sie Karola Hilbradt, aber alle kannten sie als „Die Christel von der Post.“ Sie war eine sehr sozial engagierte Frau. So lange sie konnte, war sie bei der Arbeiterwohlfahrt Frankenthal tätig. Im Strandbadferienlager der Stadt Frankenthal (Pfalz) führte sie in der Küche das Kommando. Sie war klein von Statur, aber ein richtiges Energiebündel. Wenn Sie mit dem Kochlöffel auf einen Deckel schlug oder die Glocke ertönte, dass man es durch das ganze Strandbad hören konnte, dann wussten die Kinder, dass sie zum Mittagessen kommen mussten. Dann rannten sie alle, um so schnell wie möglich bei der „Tante Christel“ zu sein. Sie war fest davon überzeugt, dass der demokratische Sozialismus die Staatsform ist, in dem die Menschen leben müssen. So war sie über viele Jahre hinweg Mitglied der SPD. Das bedeutete für sie aber nicht, die Partei als Sprungbrett für eine Kariere zu benutzten, wie das bei manchen Politiker/inne/n der Fall ist, sondern sich für seine Ideale zu engagieren.
Am 21. März 1945 war in der Stadt Frankenthal (Pfalz) das 1000jährige Reich, das 12 Jahre lang dauerte, zu Ende. An diesem Tage wurde diese Stadt in der Vorderpfalz von den Amerikanern besetzt. Die Besatzungskommandantur suchte eine/n Postzusteller/in, der/die Post von ihr verteilte bzw. ihr brachte. Auch Karola Hilbradt wurde zur Vorstellung gebeten.
Der amerikanische Kommandeur war mit ihrer Vorstellung zufrieden und so war man bereit, sie einzustellen. Aber es gab noch ein Problem. Der Chef der Kommandantur sprach zu ihr: „Niemand darf erfahren, wie sie heißen. Wenn das bekannt wird, könnte es sein, dass sie in ihrer Wohnung aufgesucht werden und man ihnen etwas antut. Auch unterwegs könnte ihnen etwas passieren. Deshalb beantworten sie mir die Frage: Was antworten sie, wenn sie nach ihrem Namen gefragt werden?“
Karola Hilbradt kannte die Operette „Der Vogelhändler“ und das Lied „Die Christel von der Post“, das darin vorkommt, und so antwortete sie: „Mein Name ist: Ich bin die Christel von der Post.“
Mit dieser Antwort war die Besatzungsmacht zufrieden und Karola Hilbradt wurde als Briefträgerin eingestellt. Auf ihrem Weg, die Post zuzustellen, sang sie:
„ Ich bin die Christel von der Post,
Klein das Salär und schmal die Kost.
Aber das macht nichts, wenn man noch jung ist -
Wenn man nicht übel, wenn man im Schwung ist.
Ohne zu klagen
Kann man’s ertragen.
Wenn man dabei
Immer lustig und frei!
Bin ja die Christel von der Post!“
Und damit gab sie nach dem 2. Weltkrieg der Bevölkerung auch den Rat, wie sie sich verhalten soll, damit sie das schwere Los ertragen kann. Und so wurde sie nicht mehr, wenn sie jemandem begegnete, mit ihrem richtigen Namen angesprochen, sondern sie hieß nur noch: „Die Christel von der Post.“
Als sie alt geworden war, bedauerte sie sehr, dass sie im Strandbadferienlager nicht mehr tätig sein konnte. Sie hatte es gern mit Kindern zu tun und so freute sie sich sehr, wenn ihr Kinder begegneten, die sie noch von früher kannten.
Zuletzt wohnte sie in einem Wohnblock auf der linken Seite in der Mörscher Straße, zwischen Pilgerstraße und Schlachthausweg. Als sie starb, hatte die Stadt Frankenthal (Pfalz), die Arbeiterwohlfahrt Frankenthal und der Ortsverein Frankenthal der Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) eine Frau verloren, von denen es heute zu wenige gibt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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