Monika Jarju

Blauer Mohntag

Die Häuser sind alt, beinahe schwarz, von ihnen geht eine Dunkelheit aus, die alles Licht verschluckt. Der raue Verputz bröckelt, hellere Schichten treten darunter hervor wie Geschichten aus einer früheren Zeit. Im Gemüsegeschäft brennt ein gelbes Licht. Niemand ist im Laden, es ist still. Äpfel, blauer Mohn, lese ich und starre einen Augenblick lang verwundert auf die schwarze Tafel, auf der mit weißer Kreide schwungvoll steht: Blauer Mohn. Es ist Montag, Montagabend. Die Straße ist schummrig. Sie liegt verschwiegen, ihre Geheimnisse verbergend. Die Laternen geizen mit Licht. Eine Straßenbahn rumpelt durch den Abend, erhellt ein paar Meter weit den Gehweg, hinterlässt eine tiefere Schwärze, eine Ungewissheit unter den Füßen. Niemand ist ausgestiegen, keiner stieg ein. Da ist nur die Dunkelheit der leeren Straße gegenüber. Blauer Mohn. Auf einmal beginne ich zu träumen. Mohnkuchen, verführerisch duftend, nah und noch warm.

„Haben Sie Wünsche?“, flüstert lockend eine Fistelstimme. Ein kleiner Mann löst sich aus dem dämmrigen Hauseingang, kommt gebeugt auf mich zu, er blinzelt. Was will er?

Plötzlich flammt vor mir ein Feld auf, leuchtendrote Mohnblüten, schwankend im Wind, Rauschen in der Luft, betörend der Duft, mir wird schwindlig.

„Haben Sie Wünsche?“, wiederholt er. Ich höre kaum, was er sagt. Ein Zauberer steht vor mir und ich habe Wünsche frei. Sicher ist der kleine Mann ein verhexter Prinz. Oder nur ein Betrunkener? Will er mir etwas schenken oder mich bekehren? Abwartend steht er da, sein Gesicht erkenne ich nicht. Unsinn oder Illusion, ich weiß es nicht, aber die Tafel ist echt. Ich könnte ins Geschäft gehen und Mohn kaufen, ich könnte sogar einen Mohnkuchen backen, feucht und schwer, ein bisschen klebrig und sehr süß.

Er blinzelt wieder, eine Hand steckt in seiner Manteltasche, die andere umfasst lose eine Bierflasche. „Wohnen Sie hier?“, fragt er. „Nein.“ – „Ich habe Sie hier noch nie gesehen. Ich wohne nämlich hier“, er strahlt mich an und deutet mit der Flasche auf das Haus. Sein Gesicht wird erhellt vom Schaufenster, nur das Haus liegt im Dunkeln und ist viel älter als er. Er hält mir seine Bierflasche entgegen und fordert mich zum Trinken auf. Ich lehne ab. Der Zauber ist gebrochen. Ich schaue umher, nach oben, zur Seite, aber er ist weg.

„Wohin fahren Sie? Was machen Sie hier?“, fragt er und zieht mich am Ärmel zum Hauseingang, dort soll ich trinken. Aber ich mag nicht, mir ist unwohl.

„Wie alt bin ich?“, will er begierig wissen. Verwundert frage ich mich, was das alles soll.

„So alt wie Sie sich fühlen“, antworte ich leicht gereizt. „Oh, ich fühle mich noch sehr jung, sagt er lachend und streicht mit seiner runzligen Hand über einen imaginären Fleck auf meinem Mantel. „Ich fühle mich gut mit meinen einundachtzig Jahren.“ Er hebt die Flasche wie zum Gruß und nimmt einen kräftigen Schluck.

Meine Straßenbahn rattert heran, erleichtert springe ich hinein. Doch ich bin verstimmt, ich fühle mich betrogen. Hat er mir nicht ein berauschendes Mohnfeld versprochen, dieser Zwerg? Ein Rot, das bis hinter meine Augen lodert, einen Mohnkuchen so blau wie das Innere der Flammen? Er hat es weggezaubert, einfach so. Ich schaue zurück, doch es ist, als ob hinter mir alles mit der Dunkelheit verschmilzt, verschwindet, gar nicht existiert hat.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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