Heinz-Walter Hoetter

Hui Pedo, der außerirdische Gasschnüffeldrache

Man schreibt gerade das Jahr 2075, als eine der außergewöhnlichsten Rettungsaktionen der Welt ihren Anfang nahm.

***

In einem kleinen verträumten Städtchen irgendwo in Deutschland, wo sich Fuchs und Hase noch „Gute Nacht“ sagten, lebte auch Hui Pedo, der ein so genannter „Gasschnüffeldrache“ vom Planeten O-dell I war, mitten unter den Menschen.

 

Diese seltsame Rasse ernährte sich neben Schokolade und Gummibärchen, fast ausschließlich von den biologischen Abgasen der Kinder, den so genannten Darmwinden oder Furzen.

 

Die bevorzugten Furze dieser außerirdischen Tiere waren, wie schon gesagt, die Kinderfurze, da diese ein besonders zartes Aroma hatten und noch nicht so verdorben waren, wie die Furze der Erwachsenen. Genau aus diesem Grund waren auch die „Gasschnüffeldrachen“ auf die Erde gekommen und ließen sich häufig dort nieder, wo es Kinder in großer Zahl gab. Die Kinder ahnten jedoch oft nichts davon, wenn ein solcher Drache bei ihnen lebte, der sich wegen seines ansonsten unförmigen Aussehens häufig als kuscheliges Stofftier tarnte.

 

Gasschnüffeldrachen“ sind in etwa so groß wie ein kleiner Schimpanse und haben auch ein ebenso weiches Fell. Die Farbe des Felles ist hellbraun, gesprenkelt mit großen und kleinen schwarzen Punkten, die manchmal sogar hell aufleuchten konnten, wenn es irgendwelche besonderen Vorkommnisse gab.

 

Die großen plumpen Füße waren in der Regel ebenfalls hellbraun. Die außerirdischen Drachen besaßen kurze Arme, mit winzigen Händchen. Auf dem Rücken befanden sich meist durchsichtige Flügel mit glitzernden Schuppen darauf.

 

Hui Pedo war allerdings etwas anders. Er war nämlich ein besonders komisches Exemplar seiner Gattung. Er hatte zwei unterschiedlich große schwarze Knopfaugen und lange, federnde Fühler auf dem Kopf. Aus seinem Mund ragten zwei spitze, weiße Eckzähne, die vorne überstanden. Das auffälligste Merkmal war aber die große rote Nase, die ihn lustig aussehen ließ.

Nun, das knuddelige Aussehen der Drachen und ihre liebenswürdige gutmütige Art machten sie schon bald sehr beliebt bei den Kindern. Deshalb vermehrten sie sich auch nach ihrer Ankunft auf der Erde schon nach wenigen Jahren so stark, dass sie bald überall auf der Welt anzutreffen waren.

 

Trotz ihrer unauffälligen Tarnung als Stofftiere fanden die wissbegierigen und stets skeptischen Erwachsenen bald heraus, dass diese außerirdischen „Gasschnüffeldrachen“ unter ihnen lebten. Die kleinen Drachen mussten nämlich immer dann ihre Tarnung aufgeben, wenn es irgendwo zu stinken begann, sobald Kinder furzten.

 

Da diese „Gasschnüffeldrachen“ aber eigentlich nur von den Kindern gesehen werden konnten, und zwar immer dann, wenn sie stanken, dachten die dummen Erwachsen sofort, dass die Stofftiere eigentlich für den widerlichen Gestank verantwortlich waren, was dazu führte, dass sie aus diesem Grund rücksichtslos entfernt, vernichtet und entsorgt wurden.

 

Was die fantasielosen Erwachsenen aber nicht wussten, war die Tatsache, dass die „Gasschnüffeldrachen“ mittlerweile sehr wichtig für das biologische Gleichgewicht in der Natur geworden waren, denn sie wandelten die Abgase der Kinder umgehend in reinen Sauerstoff um. Die saubere Luft tat besonders den Kleinen gut, was man auch an ihren stets roten Bäckchen erkannte.

***

Hui Pedo war wohl noch der einzige „Gasschnüffeldrache“, der allein auf der Erde lebte. Wahrscheinlich war er der letzte seiner Art. Man wusste es aber nicht so genau.

Er lebte bei seiner besten Freundin, der siebenjährigen Marianne, direkt unter ihrem Bettchen in einem großen Karton. Seine Mitbewohner und besten Freunde waren die Silberfische Karli und Mero. Der Drache konnte übrigens mit allen Tieren reden, so auch mit Kindern, die ihn besonders gerne hatten.

 

Eines Tages passierte etwas, was das friedliche Leben der drei Freunde völlig durcheinander brachte. Hui Pedo, Karli und Mero wurden beim Reinigen des Kinderzimmers von Mariannes Opa im Karton entdeckt.

 

Dieser war allerdings sehr überrascht, denn seit über 60 Jahren, seit er selber sieben Jahre alt gewesen war, hatte er keinen „Gasschnüffeldrachen“ mehr gesehen. Sein eigener war ihm damals irgendwie abhanden gekommen. Wahrscheinlich wurde er wohl von seinen Eltern einfach entsorgt und auf den Müll geworfen.

 

Als er Hui Pedo sah, freute er sich riesig. Er nahm ihn auf den Schoß und fing sofort an zu erzählen, wie es vor sechzig Jahren war, noch bevor das grausame Morden an den kleinen Drachen begann. Mariannes Opa erzählte seine Geschichte allerdings auch draußen weiter, dass bei seiner Enkelin noch ein „Gasschnüffeldrache“ lebte.

 

Das bekam auch ein 85ähriger Nachbar mit, der sich mit einem Trick den Drachen von Mariannes Eltern zeigen ließ, um ihn mit seinen eigenen Augen sehen zu können.

 

Er war ein pensionierter ehemaliger „Gasschnüffeldrachentöter“ aus jener internationalen Spezialeinheit, die seinerzeit eigens wegen der damaligen „Drachenplage“ ins Leben gerufen worden war. Er alarmierte sofort das zuständige Amt für Sicherheit und Ordnung, doch der Beamte teilte ihm mit, dass sein Anliegen nicht mehr in ihr Zuständigkeitsbereich fallen würde. Außerdem seien die Gasschnüffeldrachen alle ausgestorben bzw. vernichtet worden. Der Alte ließ sich trotzdem nicht beirren und rief seinen früheren kommandierenden General an, der inzwischen einhundert Jahre auf dem Buckel hatte. 

 

Der General trat sofort wieder in Bereitschaft und trommelte seinen ehemaligen „Anti-Stink-Stab“ (kurz ASS genannt), zusammen, zumindest jene, die davon noch übrig geblieben waren. Für seinen bösen Plan brauchte er weniger als zwei Wochen Ausarbeitungszeit. Dann wollte er den Gasschnüffeldrachen Hui Pedo zur Strecke bringen.

 

Das sprach sich natürlich auch unter den Tieren wie ein Lauffeuer herum. Deshalb hatten die Silberfische Karli und Mero ihrem Drachen im Karton einen Vorschlag gemacht, den Rintintin, der Langhaardackel, der öfters bei ihnen schlief, zusammen mit Hui Pedo verwirklichen sollte.

 

Sie machten den Vorschlag, doch für den bekannten Sender „Welt-TV“ eine Dokumentation über Hui Pedo zu drehen, um die Menschen über das friedliche Leben des wohl letzten Gasschnüffeldrachen auf der Erde aufzuklären. Die Dokumentation müsste aber noch vor dem Angriff des ASS des Generals ausgestrahlt werden. Leider kam es nicht mehr dazu, denn zwei Tage vorher wurde der kleine Drache von den bösen Mitarbeitern des Generals in einer „Nacht- und Nebelaktion“ entführt.

 

Es war Hui Pedos Glück, dass Rintintin diesmal nicht wieder schlafend im Karton lag. So konnte er die Silberfischchen Karli und Mero losschicken, damit sie ihren Freund retten sollten.

 

Was der Langhaardackel Rintintin allerdings dabei nicht bedacht hatte, war die Tatsache, dass die beiden viel zu klein für eine derartige Rettungsaktion waren, denn Silberfischchen sind ja nun mal außerordentlich winzige Tierchen, wie man weiß.

 

Mittlerweile hatte auch Marianne bemerkt, dass ihr kleiner Drache entführt worden war. Durch eine verschlüsselte Telefonbotschaft rief sie ihre Freundinnen zusammen und gemeinsam überlegten sie, wie sie Hui Pedo aus den Händen des ASS befreien konnten.

 

In der Zwischenzeit wurde im Versteck des ASS der Beschluss gefasst, den Gasschnüffeldrachen Hui Pedo vorläufig am Leben zu lassen. Der General wollte wissen, ob es noch andere überlebende Drachen gab. Deshalb folterten seine Leute Hui Pedo auf die schlimmste Art und Weise, die ihnen dazu einfiel: durch Kitzeln an der großen roten Nase des kleinen Drachens.

 

Doch dies hatte fatale Folgen.

Hui Pedo musste bald anfangen zu lachen und das Lachen von „Gasschnüffeldrachen“ ist total ansteckend, sodass man sich bald vor lauter Lachen nicht mehr bewegen konnte. Nur bei Kindern wirkte das nicht. Und so kam es dazu, dass sowohl der General, als auch alle seine ASS-Leute, laut lachend auf dem Boden lagen und keiner mehr in der Lage war, die Kitzelmaschine, die sich an der Nase des Gasschnüffeldrachens Hui Pedo befand, wieder abzuschalten.

 

Als die Rettungseinheit der Kinder im Versteck der Gasschnüffeldrachentöter eindrang (die Tiere hatten es ihnen verraten), waren sie sehr überrascht über den Anblick der sich vor Lachen auf dem Boden kringelnden alten Männer. Marianne und die übrigen Kinder schalteten die Kitzelmaschine ab und der Gasschnüffeldrache Hui Pedo hörte auf zu lachen – und damit auch der General und seine Leute.

 

Mittlerweile hatten Mariannes Eltern die Polizei gerufen. Sie waren in großer Sorge um ihre Tochter gewesen, die von Zuhause weggelaufen war, um Hui Pedo, ihren kleinen Drachen, zu retten.

 

Das Versteck des ASS wurde schnell gefunden. Es befand sich im Haus des Generals.

 

Die Beamten nahmen den alten Haudegen und seine ehemaligen ASS-Leute fest und beglückwünschten die Kinder zu ihrem tollen Abenteuer, von dem sie nun ihren späteren Enkeln erzählen konnten. Marianne schloss ihren süßen Gasschnüffeldrachen Hui Pedo liebevoll in die Arme.

 

Dieser wunderte (und freute) sich über seine geglückte Rettung so sehr, dass seine Fühler knallrot zu leuchten begannen. Auch die schwarzen Punkte auf seinem braunen Fell wurden heller und heller.

 

Drei Tage später erschien im Fernsehen eine Dokumentation über die knuddeligen Gasschnüffeldrachen, und wie konnte es anders sein: Die niedlichen Drachen, als Stofftiere getarnt, wurden danach auf der ganzen Welt immer häufiger gesehen. Alle wollten auf einmal wieder einen dieser putzigen Drachen haben, auch die Eltern der Kinder.

 

Und dies war nicht zuletzt auch ein Verdienst des Langhaardackels Rintintin und der beiden Silberfischchen Karli und Mero gewesen, die inzwischen schon selbst wieder Nachwuchs bekommen hatten. Die ganze Familie lebte in dem Karton, der sich unter Mariannes Bettchen befand, den sie sich mit Hui Pedo, dem Gasschnüffeldrachen, teilen mussten, deren außergewöhnliche Rasse beinahe auf der Erde des Menschen ausgestorben wäre.

 

Doch jetzt war die Welt wieder in Ordnung und die kleinen Gasschnüffeldrachen konnten weiterhin ihren wertvollen Beitrag zum allgemeinen Umweltschutz leisten, indem sie jeden Kinderfurz umgehend in reinen Sauerstoff umwandelten.

Ja, wenn das nicht allen Kinder gut tut - oder?

 


ENDE

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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