Angie Pfeiffer

Krise in der Hölle

„Cool!“ Entzückt nahm Luzifer die Sonnenbrille ab und drehte sich einmal um die eigene Achse. „Das ist ja noch abgefahrener, als ich es erwartet hatte!“
Er fühlte sich in dem düster - dunklen Gang sofort heimisch, erinnerte der mit seinen hohen Decken ihn an ein Grabgewölbe. Auch die abgestandene, nach altem Schweiß, Existenzängsten und Beamtenmief riechende Luft sagte ihm mehr als zu. „Mensch, diese Location könnten wir unten prima gebrauchen, dann wäre endlich mal wieder Leben in der Bude“, murmelte er begeistert.

„Du musst eine Nummer ziehen.“
Erst jetzt nahm Luzifer die ätherisch wirkende Gestalt wahr, die sich unter das einzig, etwas Tageslicht spendende Oberlicht gesetzt hatte. „Du? Hier? Was treibt dich um?“, stammelte er verblüfft.
„Die Frage gebe ich zurück: Was willst du denn hier?“, war die ebenso erstaunte Antwort.
„Na ja, es ist eben alles nicht mehr so, wie es einmal war, das weißt du doch selbst ganz genau.“

„Wie wahr, wie wahr.“ Gott nickte zustimmend. „Die guten alten Zeiten sind unwiederbringlich vorbei.“
„Eben und ich vermute, dass ihr da oben ähnlich gelagerte Probleme habt wie wir. Es gibt kaum noch Kunden, die sich wirklich fürchten. Sie haben scheinbar alle schon die Hölle hier auf der Erde hinter sich. Mit der Vorhölle brauchen wir gar nicht erst anfangen, darauf reagieren die überhaupt nicht. Die schwereren Geschütze, wie das Fegefeuer und die ewige Verdammnis, können auch nicht mehr so richtig schrecken. Meine Gehilfen bekommen reihenweise Depressionen. Sie stürzen sich selbst ins Feuer, weil sie mit dieser unhaltbaren Situation nicht klarkommen.“
„Das hast du gut erkannt“, Gott redete sich in Rage. „Bei uns sieht es ähnlich aus. Kein Mensch ist dankbar dafür, die ewige Glückseligkeit zu erhalten. Sie meckern und jammern, wollen ein Animationsprogramm, statt der immerwährenden Ruhe. Wollen Fitness und WLAN, statt einfach auszuschlafen. Mein erster Gehilfe Michael ist in einen Warnstreik getreten. Er weigert sich, überhaupt noch eine Seele zu uns hoch zu befördern. Selbst Gabriel, den sonst nichts aus der Ruhe bringt, ist ein nervliches Wrack.“
Jetzt war es an Luzifer, zustimmend zu nicken. „Deshalb suche ich Veränderung, dazu ist man nie zu alt. Letztens hatte ich eine rabenschwarze Seele zur Läuterung. Wie ich bereits erwähnte, haben wir im Moment einen akuten Personalmangel, deshalb habe ich selbst Hand angelegt. Um es kurz zu machen: Diese Seele ließ sich einfach nicht läutern. Was, sagte sie, ihr wollt mir Angst machen? Na dann geht doch mal ins Sozialamt von Notarm und beantragt Hartz IV. Dabei könnt ihr Höllenqualen erleben, dagegen ist das hier ein Spaziergang.“

„Hartz, Hartz …“ nachdenklich kratzte sich Gott den Kopf. „Den Namen kenne ich irgendwoher. Ja, stimmt, der hat doch Hausverbot bei uns.“

„Genau“, pflichtete Luzifer bei. „Auch mir kam der Name gleich bekannt vor. Hartz steht auf meiner VIP-Liste. Wenn der mal bei uns einfährt, dann ist er mit höchster Priorität zu behandeln. Jedenfalls schaue ich mich jetzt hier in Notarm einmal um und frage gegebenenfalls nach einem Job in gehobener Position. Was ich hier so sehe gefällt mir wirklich gut.“ Er musterte seinen gegenüber misstrauisch. „Du hast doch wohl nicht vor, mir den Job wegzuschnappen, oder?“
In diesem Moment klickte ein uhrartig aussehender Automat und zeigte eine neue Zahl an. Gott erhob sich umständlich. „Ich bin dran, wenn du willst, kannst du gleich mitkommen.“

Bald saßen die beiden einem Beamten gegenüber, der sie genervt musterte.„Ah-ha, die Herren laufen gleich zu zweit auf. Was wollen sie genau?“
Gott lächelte ihn gewinnend an. „Ich bin mit meiner jetzigen Tätigkeit nicht ausgelastet und möchte mich außerdem verbessern. Aus diesem Grunde bin ich bereits beim Arbeitsamt vorstellig geworden. Dort habe ich die Auskunft erhalten, dass ich nicht genügend qualifiziert und deshalb schwer zu vermitteln bin. Ich kann über meine bisherige Tätigkeit keine ausreichenden Zeugnisse beibringen, jedenfalls nicht in der schriftlichen Form, die von Ihnen bevorzugt wird. Ich hatte ein Buch über mein Wirken vorgelegt, doch das wurde leider nicht akzeptiert. Deshalb hat man mich zu ihnen geschickt, sie sollen mir weiterhelfen.“
Er wurde unwirsch unterbrochen. „Sie können keine Zeugnisse beibringen? Sie haben keine Unterlagen? Sie haben wohl nicht gearbeitet, was! Wie soll man denn da vernünftige Berechnungen anstellen?“

„Mein Sohn, ich möchte nicht berechnet werden, ich suche Arbeit.“
An dieser Stelle räusperte sich Luzifer dezent. „Wenn ich kurz unterbrechen darf: Auch ich suche ein neues Tätigkeitsfeld. Das Klima hier bei ihnen würde mir außerordentlich zusagen. Ich fühle mich gleich wie zu Hause und wäre deshalb wie geschaffen für eine Karriere in ihrer Behörde. Ich habe leider auch keine schriftlichen Zeugnisse, könnte allerdings einige eloquente Seelen dazu bringen, mir eine entsprechende Empfehlung auszusprechen, vielleicht auch in schriftlicher Form. Wenn sie Referenzen von Cato dem Älteren und Perikles akzeptieren würden? Oder doch lieber von Lenin und Harry S Truman?“
Der Beamte stutzte einen Moment, dann polterte er los. „Passen sie mal auf, verarschen können sie sich allein. Ich bin weder ihr Sohn“, ein argwöhnischer Blick in Gottes Richtung, „noch habe ich Zeit für ihr schizophrenes Gesabbel!“. Diese lautstarke Bemerkung ging an den verdutzten Luzifer. Wutschnaubend zog der Beamte einen Packen Papier aus seiner Schreibtischschublade. „Hier, diese Formulare füllen sie mir sorgfältig, ich wiederhole, sorgfältig! aus und dann können sie sich erneut hier einfinden, aber bitte einzeln! Guten Tag.“ Er wies mit der ausgestreckten Hand auf die Ausgangstür.

„Verflixtes helles Licht“, murmelte Luzifer und setzte sich die Sonnenbrille wieder auf. Er schaute unschlüssig auf die Formulare, die er immer noch in der Hand hielt. „Diese Aktion ist ja wohl ziemlich in die Hose gegangen, was.“
„Hab dich nicht so, Luzi.“ Gott schlug ihm aufmunternd auf die Schulter. „Wenigstens haben wir es versucht. Übrigens, du kannst mich Gottfried nennen.“
„Du hast Recht, mein lieber – ähm - Gottfried. Ich denke, dieser Menschheit ist nicht mehr zu helfen. Sie schafft sich ihre Hölle ganz von allein. Vielleicht sollte ich über meinen Ruhestand nachdenken. Gehst du noch einen mit mir trinken, oder musst du gleich wieder nach oben?“
Gott grinste ihn fast diabolisch an. „Auf ein paar Jahrhunderte mehr oder weniger kommt es mir nicht an. Also lass uns etwas trinken gehen.“

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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