Heinz-Walter Hoetter

Die kurze Geschichte vom Ende der Zeit

Man schrieb das Jahr 2049.

 

Die Weltregierung in New York hatte gerade in den USA eine sog. "Time Police" ins Leben gerufen, die nun Schritt für Schritt überall auf dem Planeten Erde eingeführt wurde.

 

In Deutschland nannte man sie schon bald ganz einfach nur "Die Zeitpolizei".

 

Seit die Menschen nämlich die Zeit kannten, wurde diese im Laufe der vielen Jahrhunderte immer knapper. Bald hatte man deswegen an vielen Orten so gut wie keine Zeit mehr.

 

Viele Menschen hetzten deshalb nur noch durchs Leben, als wären sie immerfort auf der Flucht, weil sie stets eine Menge Termine zu erledigen hatten.

 

Besonders in den hochgezüchteten Zivilisationen wurde die Zeit schon bald ein äußerst beschränktes Gut, sodass sich die Weltregierung dazu gezwungen sah, den Zeitverbrauch der Menschen allgemein zu überwachen bzw. zu kontrollieren.

 

Das führte schließlich zur Gründung der "Time Police" durch die Weltregierung, die in den USA mehrere Jahre im Testbetrieb lief, bevor man sie schließlich im ganzen Land einführte.

 

In Deutschland gab es schon die Sittenpolizei, die Schutzpolizei, die Kriminalpolizei, die Wasserschutzpolizei, die Bundespolizei und nun auch noch die sog. "Zeitpolizei", die schon bald ihre überwachende Funktion aufnahm, um Zeitsünder aller Art, wie z. B. Zeitverschwender, rigoros das Handwerk zu legen.

 

Nicht selten wurden diese schrägen Typen zu empfindlichen Geldstrafen verurteilt oder erhielten sogar Gefängnisstrafen, wenn sie sich nicht einsichtig zeigten und mit der Zeit, trotz aller Mahnungen, weiterhin extrem verschwenderisch umgingen.

 

In islamischen Ländern bekamen Zeitsünder die doppelte Anzahl der Schläge bei Auspeitschungen, als bei anderen Vergehen gegen die Gesetze der Scharia. Die Grundlage dafür fand man im Koran, der sowieso schon zeitlos war, wie man dazu segensreich feststellte.

 

Nun ja, wie auch immer.

 

Am Anfang hatte niemand auf der Welt dem Problem der Zeitknappheit auch nur irgendeine Bedeutung beigemessen. Als aber dann der Zeitverbrauch immer weiter anstieg und es in einigen Ländern, meist in den hoch industriellen, zu erheblichen Zeitausfällen und gravierenden Zeitverlusten kam, musste die Weltregierung handeln, um den Rohstoff "Zeit" zu schützen, denn keine Zeit mehr zu haben, das hätte mit Sicherheit fatale Auswirkungen auf alle Bereiche der Gesellschaft gehabt.

 

Trotzdem fing die Weltregierung in New York damit an, die Zeit in einigen Ländern vorsorglich zu rationieren.

 

Man startete auch Versuche mit technisch raffiniert ausgeklügelten "Zeitraffern", die es möglich machten, die Zeit potenziell zu verlangsamen bzw. zu dehnen, damit man sie nach Belieben länger nutzen konnte, was sich letztendlich jedoch als äußerst schwierig herausstellte, derartige Verfahrensweisen in der Praxis umzusetzen.

 

Wenn man z. B. ein Jahr auf zwei, drei oder vier Jahre verlängerte, dann gingen die Menschen plötzlich alle in Zeitlupe, wodurch sich gewissermaßen auch zwangsläufig die Sprache in die Länge zog und niemand mehr den anderen Gesprächspartner so richtig verstehen konnte.

 

Das Experiment „Zeitraffer“ wurde deshalb nicht weiter verfolgt und auch bald wegen „Undurchführbarkeit“ ganz eingestellt.

 

Einige Zeitwissenschaftler dachten schließlich ernsthaft darüber nach, die Zeit generell einfach abzuschaffen.

 

Sie meinten nämlich, wenn es keine Zeit mehr gäbe, dann würde ganz real gesehen automatisch ein Zustand der Zeitlosigkeit eintreten und alle Probleme mit der Zeit wären für immer gelöst.

 

Gesagt, getan. Zuerst wurde die Zeitlosigkeit in Deutschland eingeführt.

 

Und siehe da, plötzlich wurde alles ganz anders. Die Bürgerinnen und Bürger hatten auf einmal wieder Zeit füreinander, denn es gab ja keine Zeit mehr.

 

Die Zeitlosigkeit veränderte innerhalb kürzester Zeit alle Gesellschaften in jedem Staat der Welt.

 

Es schien paradox zu sein. Weil es keine Zeit mehr gab, hatten auf einmal alle wieder Zeit in Hülle und Fülle. So trat bald ein Zustand von echt gefühlter Ewigkeit ein, was in der Tat revolutionäre Auswirkungen auf Körper, Geist und Seele aller Menschen hatte. Sie wurden ruhiger, zufriedener, gefühlvoller und gingen plötzlich wieder aufeinander zu.

 

Das Leben ohne Zeit war die Sensation im Jahre 2049.

 

Schon bald wurden dann auch die Uhren abgeschafft und kurz danach sogar jedwede Begriffe in den Sprachen aller Völker auf der Erde, die etwas mit der Zeit zu tun hatten oder sie auf irgendeine andere Art und Weise zum Ausdruck brachten, denn man wollte mit der Zeit überhaupt nichts mehr zu tun haben. Man schaffte sie deshalb überall zügig ab.

 

So gab es auch in der deutschen Sprache bald keine verschiedenen Zeitstufen mehr. Das Verb wurde in seiner Funktion stark eingeschränkt. Es zählte nur noch die Gegenwart der Jetztzeit als einzig verbliebene Zeitform, die man geschickt als "Ewigkeit" bezeichnete, was letztendlich ja auch "Zeitlosigkeit" bedeutete. Vergangenheit und Zukunft wurden getilgt. Beide Zeitformen gab es nicht mehr und damit verschwanden auch ihre Vollendungen.

 

Das Ende der Zeit war gekommen.

 

Es lebe die Ewigkeit!

 

ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter


 

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