Heinz-Walter Hoetter

Die Legende vom blauen Planeten

Es war ein gigantisches Raumschiff mit gewaltigen Sonnensegeln, die so groß waren wie dreihundert Fußballfelder zusammengenommen. Mit diesen riesigen Segeln absorbierte der intergalaktische Sternenkreuzer „Centaurus A“ noch zusätzlich das schwache interstellare Licht zwischen den weit entfernten Galaxien.

 

Durch einen komplizierten Vorgang wurde das eingefangene Licht in Energie umgewandelt und nach innen ins Raumschiff geleitet, um es auf seinen extrem langen interstellaren Flügen zusätzlich mit genügend Strom versorgen zu können.

 

Außerdem besaß die „Centaurus A“ noch eine Reihe von hochleistungsfähigen Fusionstriebwerken, die immer dann abgeschaltet wurden, wenn es lautlos durch die eisige Schwärze des Universums segelte.

 

Dieses unvorstellbar große Sternenschiff wurde von Wesen gesteuert, die im Verhältnis zur Körpergröße des Menschen echte Riesen waren. Ihre Lieblingsbeschäftigung war das Schlafen, denn die Reise durch Raum und Zeit währte nicht selten Äonen. Wenn sie endlich wieder aus ihrem Tiefschlaf erwachten, hatten sie Entfernungen überbrückt, die für uns Menschen nahe der Unendlichkeit lagen.

 

Sie waren auf der Suche nach einem unbekannten Planeten irgendwo da draußen in den stillen Weiten des Alls. Die Suche allerdings gestaltete sich äußerst schwierig, weil die Riesenwesen nicht wussten, an welcher Stelle sich im All der unbekannte Planet genau befand.

 

Aber es gab ihn. Davon waren sie felsenfest überzeugt.

 

Die uralten Legenden berichteten nämlich davon, dass vor undenklichen Zeiten eines ihrer Raumschiffe irgendwo in den grenzenlosen Weiten des Universums mit einem vorbeirasenden Meteoriten kollidiert war und dabei fast völlig zerstört wurde. Es geriet kurz danach in den Schwerkraftsog einer gleißend hellen Sonne und hilflos musste die überlebende Besatzung mit ansehen, wie ihr einstmals so stolzes Raumschiff steuerlos dahintrieb, bis es schließlich in der unbarmherzigen Höllenglut des Sterns nach und nach verbrannte.

 

Den sicheren Tod schon vor Augen machten sie dennoch völlig überraschend eine sensationelle Entdeckung.

 

Noch bevor ihr Raumschiff endgültig verglühte, rasten sie an einen Planeten vorbei, der aussah wie eine wunderschöne blaue Kristallkugel, die einsam dahin schwebte und offenbar genau jene Sonne umkreiste, von deren unwiderstehlicher Gravitation die Reste ihres havarierten Sternenschiffes gnadenlos angezogen wurden.

 

Einige ihrer immer noch intakten Außensensoren registrierten überraschend primitives Leben auf dem blauen Planeten, was sie dazu veranlasste, mit der verbliebenen Energie ihrer Solarbatterien noch eine allerletzte Nachricht mit dem Hinweis auf dieses unglaubliche Wunder hinaus in die sternenübersäte Unendlichkeit zu senden, in der Hoffnung, dass die Information von einem ihrer anderen Raumschiffe irgendwo da draußen in den Sphären der Ewigkeit aufgefangen würde.

 

Und tatsächlich, die Nachricht kam an und wurde von einer sehr, sehr weit gelegenen Außenstation ihrer Rasse aufgefangen, aber sie war mittlerweile schon so schwach gewesen, dass es fast unmöglich schien, sie zu entschlüsseln.

 

Nur ein paar beschädigte Fragmente des Funksignals waren übrig geblieben. Die gesendeten Koordinaten waren zerstückelt und so gut wie unbrauchbar geworden. Einzig und allein der Hinweis auf den unbekannten blauen Planeten konnte einwandfrei rekonstruiert werden. Aber das genügte den Riesenwesen, sodass sich bald eine Legende um diesen geheimnisvollen, unbekannten Himmelskörper herum rankte und irgendwann begannen sie damit, nach ihm zu suchen.

 

Ein anderer Grund dafür war der, dass ihr eigenes Zuhause dem baldigen Untergang geweiht war. Ihre lebensspendende Sonne lag im Sterben. Sie dehnte sich immer weiter aus und wurde sukzessive zu einem Roten Riesen, der ihr ganzes Planetensystem nach und nach in sich verschlang. Sie hofften daher, dass sie eines fernen Tages einen neuen Platz im unendlichen Raum finden würden, auf dem es vielleicht Wasser, Pflanzen und anderes Leben gab.

 

Den alten Überlieferungen zufolge kam eben auch jener Planet infrage, den einst vor ewig langer Zeit eines ihrer Raumschiffe, sich schon im Todeskampf befindend, durch puren Zufall entdeckt hatte. Dort wollten sie hin und dafür nahmen sie jede Unannehmlichkeit des Reisens durch Raum und Zeit in Kauf.

 

Deshalb hatte man viele Sternensegler in alle Richtungen losgeschickt. Den Männern und Frauen war dabei klar gewesen, dass wohl nur wenige ihr Ziel – falls sie es überhaupt so weit schafften – erreichen würden. Trotz der immensen Leistungsfähigkeit ihrer gewaltigen Raumschiffe waren diese Ungetüme nicht für die Ewigkeit konstruiert. Es gab immer wieder lebensbedrohliche Störfälle und nicht selten endete eine Reise in einer fürchterlichen Katastrophe und jeder an Bord starb.

 

Keines der Besatzungsmitglieder auf der Centaurus A wusste, ob sie mittlerweile nicht doch schon die letzten Suchenden waren. Der Funkverkehr mit den anderen Sternenschiffen war schon lange abgebrochen.

 

Hier und da fing man zwar immer wieder vereinzelte Notsignale auf, die aber nur davon kündeten, dass der eine oder andere Sternensegler irgendwo da draußen in der Unendlichkeit gestrandet war. Dann hörte man bald nichts mehr von ihnen, außer das gleichmäßige Hintergrundrauschen des Universums.

 

Dieser Umstand erfüllte die Besatzung mit tiefer Trauer und auch bei ihnen machte sich langsam Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit breit, dass sie diesen sagenhaften Planeten überhaupt jemals finden würden.

 

Sie waren einer Legende gefolgt, und sie suchten weiter. Es blieb ihnen ja nichts anderes übrig.

***

 

X-Thursen, der Kapitän des Raumschiffes Centaurus A, trug eine eng anliegende, lederartig aussehende Uniform, die im Licht des Steuerpultes matt glänzte. Mit konzentriertem Blick überprüfte er die angezeigten Werte auf den in der Konsole eingebauten Bildschirmen. Seine Gesichtszüge verfinsterten sich. Er war innerlich unruhig und irgendwie angespannt. Außerdem hatte er schon seit einiger Zeit nicht mehr geschlafen.

 

Ludor, was glaubst du, wann unsere Energie am Ende sein wird?“

 

Hm, schlecht zu sagen, Käpitän“, räusperte sich der Angesprochene mit nachdenklicher Miene. „Die Sonnensegel absorbieren zwar immer noch Licht, aber was da reinkommt ist einfach zu wenig, um unsere stromspeichernden Batterien ausreichend damit zu laden. Die Brennstäbe der Fusionsreaktoren gehen auch langsam zur Neige. Sie sind fast durchgebrannt. Wir werden wohl bald die gesamten Energievorräte verbraucht haben. Dann sind wir ausschließlich auf die Energie der Sonnensegel angewiesen, was wohl auf Dauer zu wenig sein wird.“

 

Und das bedeutet, dass wir den Verbrauch im Schiff noch weiter einschränken müssen und die Energie der Sonnensegel auf die primären Lebenserhaltungssysteme konzentrieren müssen.“, sagte Kapitän X-Thursen zu seinem Steuermann, der gerade auf ein paar blinkende Tasten drückte. Dann leuchteten plötzlich mehrere rote Warnlichter kurz hintereinander auf.

 

Sehen Sie mal, Kapitän! Die Notstromversorgung der Tiefschlafboxen hat sich eingeschaltet. Die Tiefschlafboxen mit ihren Kühlsystemen sind die reinsten Energiefresser. Sie haben sich automatisch runter geschaltet, weil zu wenig Hauptstrom fließt. Ich glaube, wir müssen die übrige Besatzung wecken, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Wir erreichen mit Sicherheit nicht die nächste Galaxie, wenn wir die Kühlung nicht ganz abschalten.“

 

Wecke sie alle! Das ist ein Befehl, Ludor“, antwortete der Kapitän resolut und nickte mit dem Kopf in Richtung der Decks mit den Tiefschlafsälen, wo die einzelnen Kühlkammern mit den Schlafboxen untergebracht waren.

 

Aye, aye, Kapitän! Wird sofort gemacht. Ich habe die Weckfrequenz bereits in Gang gesetzt. Haben Sie noch weitere Befehle?“

 

Vorläufig nicht, Ludor“, antwortete Kapitän X-Thursen, drehte sich um und stellte sich mit grübelnder Mine vor das abgedunkelte Panoramafenster des Steuerraumes auf der Hallen ähnlich konstruierten Brücke seines Sternenschiffes.

 

X-Thursen wusste nur zu gut, was die zu erwartende Energieknappheit bedeuten würde. Ohne Energie für die Lebenserhaltungssysteme stünde ihnen allen entweder ein qualvoller Kältetod bevor oder er müsste die finale Selbstzerstörungssequenz in Gang setzen. Ein schrecklicher Gedanke, der ihm einen Schauer des nackten Entsetzens über den Rücken jagte. Schnell dachte er an etwas anderes.

 

Müde rieb sich X-Thursen die trocken gewordenen Augen. Dann erinnerte er sich daran, wie alles begonnen hatte. Was sie getan haben, war ein äußerst mutiges Unterfangen gewesen. Das wusste er und seine Besatzung nur zu gut.

 

Trotz der Gefahren, die überall auf sie lauerten, hatten sie die Hoffnung nie aufgegeben ihr Ziel zu erreichen. Im Gegenteil! Erst diese Hoffnung hatte sie in den weiten Raum getragen und immer weiter und weiter suchen lassen. Ihre Langstreckensensoren tasteten unablässig die leuchtenden Sterne des Universum und ihre dazu gehörigen Planetensysteme ab. Fast alle waren in der Regel lebensfeindliche Konstellationen gewesen. Deshalb kam es der Crew manchmal so vor, als suchten sie nach der berüchtigten Stecknadel im Heuhaufen, der ihnen so groß wie ein Berg vorkam. Das Leben schien nicht gerade ein willkommener Gast im Universum zu sein. Es war in der Tat eine Seltenheit.

 

X-Thursen spielte mit dem Gedanken, ob sie nicht bereits jetzt schon am Ende waren. Noch einmal blickte er zu seinem Steuermann hinüber, der konzentriert auf die Raummonitore der einzelnen Schlafboxen starrte und über die interne Sprechanlage Anweisungen durchgab, wenn sich einer der Giganten regte. Eine Weile würden die Männer und Frauen müde und desorientiert nach dem langen Tiefschlaf sein, doch das gab sich relativ schnell.

 

Dann wandte er sich wieder dem getönten Panoramafenster zu. Die Aussicht war fantastisch. Vor ihm lag ein von unzähligen Sternen übersäter Kosmos. Unendlich weit entfernt pulsierten sterbende Sonnen oder es entstanden neue. Der ganze Kosmos war eine grandiose Bühne des Werdens und Vergehens. Große und kleine Galaxien funkelten wie leuchtende Diamanten. Hier und da zog einsam ein Komet mit langem rotglühendem Schweif an der Centaurus A vorbei. Doch der Planet, den sie suchten, war nirgends zu sehen.

 

X-Thursen dachte darüber nach, dass sie bisher nur einer Legende gefolgt waren, die von einer Welt sprach, die offenbar ihrer eigenen weitestgehend ähnelte. Dort gab es frische, sauerstoffreiche Luft und auch hohe Berge, die weit in den Himmel ragten, wie auf ihrem vom Untergang bedrohten Planeten, der vielleicht schon gar nicht mehr existierte. Und wahrscheinlich gab es da sogar alle möglichen Tiere, schöne Seen und weite Meere mit vielen abgelegenen Inseln. Ja, und wenn es Wasser gab, dann gab es auch Regen und Sonne, kurzum, alles was man zum Leben brauchte, dachte er so versonnen vor sich hin.

 

Doch träumen war jetzt nicht angesagt. Der Kapitän war verantwortlich für das Schiff und seine Besatzung. Es war daher eine seiner vordringlichsten Aufgaben, der Besatzung die schreckliche Nachricht vom nahenden Ende zu offenbaren, das wohl unausweichlich auf sie zukam.

 

Plötzlich öffnete sich mit einem leisen Surren das schwere Eingangschott zur Brücke.

 

Als erster trat Bergelmir und seine Frau ein, dann folgte kurz danach, noch etwas benommen vom Schlaf, der Riese Jötunn und Snorri. Etwas später folgten Ymir, Aegir und Mimir und die Riesinnen Thjazi, Idun, Sif, Thrudr und Freyja.

 

Als alle auf der Brücke versammelt waren, drehte sich X-Thursen auf der Stelle langsam herum und blickte jeden einzelnen von ihnen nacheinander in die Augen. Ja, lange waren sie ihm gefolgt, und sie vertrauten ihm. Als ahnten sie, was jetzt kommen würde, machte jeder von ihnen ein betrübtes Gesicht.

 

In X-Thursens Kehle schien ein Kloß zu stecken. Nach ein paar Minuten des Schweigens räusperte er sich und schüttelte diese verdammte Verkrampfung ab. Einfach war es nicht für ihn, die schreckliche Nachricht verlautbaren zu lassen. Sie alle, die hier standen, waren die letzte Generation von Giganten, die während des Äonenfluges wie zu einer richtigen Familie zusammen gewachsen waren. Das Schicksal hatte sie zu engen Freunden, ja fast schon zu Brüdern und Schwestern werden lassen.

 

Der Kapitän machte es kurz.

 

Das Ende naht. Es wird bald vorbei sein mit uns. Wir können diesen blauen Planeten nicht finden“, krächzte er mit hohler Stimme in die Runde. Das lange Redenhalten lag ihm nicht. Er war ein Mann der knappen Sätze. Es gab ja auch nicht viel zu sagen. Die prekäre Situation war selbstredend.

 

Nach einer kurzen Pause fuhr er fort.

 

Es gibt zwei Möglichkeiten, die wir jetzt noch haben. Entweder wir finden den blauen Planeten, was immer unwahrscheinlicher wird, weil uns die Zeit davonläuft oder wir müssen am Ende unserer Reise die Selbstzerstörungssequenz einleiten. Die Energievorräte der Centaurus A schwinden zusehends. Die Suche muss deshalb wohl schon bald abgebrochen werden. Die Sonnensegel können einfach nicht genug Licht einsammeln, um damit den hohen Energiebedarf des Raumschiffes dauerhaft zu decken. Etliche Sonnensegel wurden zudem auf unserer langen Reise von vorbeifliegenden Kleinstmeteoriten beschädigt. Sie haben große Löcher. Die effektive Leistungsfähigkeit der Licht aufnehmenden Absorber-Oberfläche hat dadurch bedrohlich nachgelassen. Das kommt noch dazu.“

 

Der Kapitän schwieg nach diesen Worten.

 

Er dachte darüber nach, dass letztendlich jeder mit sich selbst ausmachen müsste, wie er darüber dachte. Der Tod war all diesen mutigen Männern und Frauen nicht unbekannt, aber das bevorstehende Ende der gesamten Besatzung verursachte trotzdem bei ihm ein flaues Gefühl in seiner Magengegend.

 

Dennoch fand er einen gewissen Trost darin, dass, nach Ablauf der Selbstzerstörungssequenz, die vorhandene Restenergie der Fusionsreaktoren frei gesetzt und Bruchteile von Sekunden später dann die daraus flutende Energie das Sternenschiff in einer gewaltigen Explosion restlos pulverisieren würde. Der Tod käme unglaublich schnell und war daher absolut schmerzlos.

 

Der Riese Bergelmir trat zögernd aus der Reihe der umstehenden Besatzungsmitglieder hervor und stellte sich in die Mitte der Runde. Dann schaute er zu X-Thursen, seinem Kapitän, hinüber.

 

Kapitän! Wir haben seit Anbeginn unserer langen Reise nichts unversucht gelassen, der Legende vom blauen Planeten zu folgen. Wir hatten gehofft, ein Land der Wunder zu finden, ein Land in dem wir unsere Hoffnungen und Sehnsüchte verwirklichen wollten. Das blieb uns versagt. Diese Tatsache macht mich tieftraurig, wie alle, die hier stehen. Traurig auch deshalb, weil unser eigenes Zuhause, der Planet Marduk dem Untergang geweiht war und möglicherweise schon nicht mehr existiert. Wir können sowieso nicht zurück. Der Weg nach Hause liegt Äonen hinter uns. Aber der Selbstzerstörungsmechanismus sollte erst in Gang gesetzt werden, wenn wir die Saat des Lebens freigesetzt haben. Alle versiegelten Container im Lagerraum, in denen sich die Sporen des Lebens unseres alten Planeten befinden, sollten wir vorher abstoßen. Die Sporen des Lebens in den versiegelten Containern können eine Ewigkeit überdauern, jedenfalls viel länger als wir. Und wer weiß, vielleicht trägt sie der Sonnenwind hin zu diesem blauen Planeten oder auf eine andere Welt. Dort wird Leben entstehen oder sich das vorhandene Leben verändern. Etwas wird von uns immer bleiben. Jeder Container führt Artefakte von uns mit und dort, wo sie von intelligenten Lebewesen gefunden werden, werden sie sich fragen, wer wir waren. Sie werden uns möglicherweise sogar für Götter halten, wenn sie sich noch auf einer frühen Entwicklungsstufe befinden. Andere wiederum werden uns verleugnen, wenn sie schon selbst über eine fortgeschrittene Zivilisation verfügen. Die Herrscher der meisten Welten streben, wie fast alle intelligente Kreaturen im Universum, nach ihrem eigenen Machterhalt und tun so, als seien wir nur Götter oder Riesen aus irgendwelchen märchenhaften Sagen- oder Mythenwelten. Sie mögen uns nicht, weil wir ihnen gefährlich werden könnten. Wie auch immer, meine Freunde, wir wissen, dass wir gewissermaßen Götter sind, denn wir bringen das Leben auf fremde Planeten, wenn sie die entsprechenden Voraussetzungen dafür haben.“

 

Kapitän X-Thursen nickte mit dem Kopf, ging zum Riesen Bergelmir hinüber und legte seine rechte Hand auf seine mächtige Schulter. Er war sein bester Kybernetiker und 2. Steuermann.

 

Ich danke dir für diese wohltuenden, aufmunternden Worte, mein Freund. Mit Tränen in den Augen trat Bergelmir zurück zu den anderen, die ihn alle betroffen anschauten und seinen Worten andächtig gelauscht hatten.

 

Der Riese Jötunn, der Schiffskoch auf der Centaurus A, war der nächste, der seine Stimme erhob und sich in den Mittelpunkt des Kreises stellte.

 

Ja, Bergelmir hat recht. Es ist wie ein Wunder. Wir kommen von weit her, haben unsere geliebte Heimat verlassen und streuen neues Leben in das unendlich weite Sternenmeer. Das Schicksal spülte uns an diesen Ort, und alles, was wir mit uns tragen an Sporen aus unserer alten Welt, werden wir vor unserem Tod hinausschicken in die Unendlichkeit von Raum und Zeit. Und dort, wo unser Samen aufgeht, werden wir unsterblich. Es mögen vielleicht noch viele Äonen andauern, bis unsere Sporen endlich irgendwo auf fruchtbaren Boden fallen und die Evolution dafür gesorgt hat, dass sie sich in Ruhe entwickeln können. Und wenn sich das Leben endlich zur vollen Blüte entfaltet hat, wird man sich unserer erinnern, weil wir ein Teil der Geschichte dieses neu entstanden, sich zielstrebig entwickelnden, intelligenten Lebens sein werden. Es werden Kreaturen daraus hervorgehen, die uns ähnlich sind. In ihren alten Geschichten, Sagen und Mythen werden wir weiterleben und viele Dinge, die sie schaffen, werden unsere Namen tragen. Das, meine lieben Freunde, sollte uns alle trösten, wenn wir bald nicht mehr sind. Wir wagten viel, ja alles, aber ich denke, es war nicht vergeblich.“

 

Alle Riesen schwiegen. Manche weinten still vor sich hin. Das Ende stand kurz bevor. Sie wollten nicht länger auf ihren Tod warten und jeder gab ein heimliches, aber klares Zeichen an Kapitän X-Thursen, die Schleusen für den Abwurf der Sporencontainer bereit zu machen, damit nach diesem schicksalsvollen Vorgang die Selbstzerstörungssequenz eingeleitet werden konnte.

 

Kurz danach verließen Millionen kleine Flugkörper mit jeweils einem versiegelten Container lautlos das gewaltige Raumschiff der Riesen in alle möglichen Richtungen. Schon bald waren sie in der Schwärze des Alls verschwunden und nicht mehr zu sehen.

 

Die Centaurus A kam zu Stillstand. Überall erlosch die Beleuchtung und plötzlich erhellte ein greller Lichtblitz die Stille des Universum an dem einsamen Ort, wo sich das Sternenschiff befand. Die Druckwelle fegte alles hinweg. Nichts blieb von dem gigantischen Raumschiff übrig als eine sich schnell verdichtende, gewaltige Rauchwolke, die nach und nach im eiskalten Vakuum zu einem festen Klumpen Metall verschmolz und als künstlicher Komet irgendwo ins All hinaus driftete.

 

Dann kehrte die absolute Stille zurück, als wäre nichts geschehen.

 

***

 

Es dauerte noch mehr als einhunderttausend Jahre nach der Selbstzerstörung der Centaurus A bis einer der hinaus geschickten Flugcontainer einen blauen Planeten erreichte, der als dritter Planet in einer elliptischen Bahn um seine lebensspendende Sonne kreiste.

 

Als er niederging, schlug er irgendwo klatschend und eine hohe Fontäne bildend in einem wogenden urzeitlichen Meer ein, wo er sich automatisch öffnete und seine mitgebrachten Sporen unverzüglich freisetzte. Sie waren die perfekten Raumfahrer und ihre Zellwände hatten bisher alle Widrigkeiten ohne Schaden zu nehmen überstanden. Doch jetzt stießen sie auf Wasser, das zudem noch viel Sauerstoff in sich barg. Das waren die idealen Grundvoraussetzungen für das Leben. Von jetzt ab nahm alles seinen natürlichen Lauf.

Das Wasser der Urzeit-Meere spülte viele der Sporen auch an die Küsten weit entfernt liegender Strände, von denen es viele gab.


 

***

 

Es vergingen abermals mehrere hunderttausend Jahre, bis sich alles der Ordnung nach fügte. Vielleicht dauert es auch länger. Niemand konnte das so genau sagen.


 

Es bildeten sich irgendwann einfache Lebensformen heraus oder es wurde bereits vorhandenes Leben verändert. Dann folgten die ersten Moose, Algen und Farne und andere, höher entwickelte Pflanzen und Tiere.


 

Die Evolution bahnte sich unaufhaltsam ihren Weg.

 

Wieder vergingen in aller Stille Millionen von Jahre, bis sich ganz plötzlich eine ungewöhnlich aussehende Kreatur auf zwei Beine stellte. Sie war nicht sehr groß, am ganzen Körper behaart, grunzte und knurrte und war gegenüber anderen Lebewesen außergewöhnlich intelligent. Viele von ihnen wanderten in kleinen Gruppen über das weite Land und eroberten schon bald alle Kontinente ihres Planeten, den man später einmal die Erde des Menschen nennen würde. Ihre Population wuchs sehr schnell und bald war diese Spezies in millionenfacher Zahl vorhanden. Nachts aber, wenn sie unter freiem Himmel lagen, zum Sternen übersäten Himmel hinauf schauten und einschliefen, dann sahen sie in ihren Träumen die sagenhaften Riesen mit ihrem gewaltigen Raumschiff, doch sie wussten nicht, was das alles zu bedeuten hatte.

 

Es dauerte noch einmal mehrere einhunderttausend Jahre oder mehr, bis diese aufrecht gehenden Kreaturen die Sprache entdeckten und das, was sie in ihren Träumen sahen, bezeichneten sie fortan als Götter oder Riesen.


 

Diese Götter und Riesen fanden schließlich Eingang in jene sagenhaften Mythen und Legenden, welche sogar eine Zeitlang die Glaubensgrundlage für ihre späteren Zivilisationen waren.


 

Aus diesen Vorstellungen gingen schließlich die geistlichen und weltlichen Herrscher hervor, von denen viele glaubten, sie selbst stammten von diesem Sagen umwobenen Herrschergeschlecht der Götter ab, die weit vor ihrer Zeit einmal das Universum beherrschten.

Diese Legitimation brauchten sie als Begründung dafür, um über den Rest ihrer zahlreichen Artgenossen herrschen zu können.


 

Und wenn man die uralte Legende von den Riesen kennt, die mit ihrem gewaltigen Raumschiff auf der Suche nach dem blauen Planeten, der geheimnisvollen Erde, waren, dann lagen sie damit gar nicht so falsch, wie ich denke.


 

ENDE

©Heinz-Walter Hoetter


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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