Heinz-Walter Hoetter

Die Begegnung des Rentners Herrn Rudolf Eisenmann mit...

Die Begegnung des Rentners Herrn Rudolf Eisenmann mit einem schwarzen Loch in seinem Garten

D
er Rentner Rudolf Eisenmann lebte schon viele Jahre im wohlverdienten Ruhestand und hatte sich hinter seinem Haus, das einsam und abgelegen am Rande einer kleinen Stadt lag, einen wunderschönen Garten angelegt, den er stets mit sehr viel Hingabe und Liebe hegte und pflegte. Seit dem frühen Tod seiner Frau Martha bewohnte er das Haus aber ganz allein für sich. Den Verlust seiner geliebten Gattin konnte der alte Mann nur sehr schwer verkraften und trotz inniger Zuneigung füreinander waren sie in ihrer langen Ehe kinderlos geblieben.

Jetzt, am Ende des Sommers, hielt sich Herr Eisenmann oft den ganzen Tag in seinem kleinen Gartenparadies auf und wenn es manchmal tatsächlich keine Arbeit mehr zu geben schien, weil eben schon alles getan worden war, verschaffte er sich einfach welche. Faul herum zu sitzen und den ganzen Tag Däumchen drehen, das lag dem alten Eisenmann eben nicht.

So schnitt er abermals die Sträucher zu, suchte nach morschen Ästen, die er von den Bäumen absägte, mähte zum x-ten Mal das Gras oder strich den Lattenzaun mit frischer Farbe an, der deshalb stets wie neu wirkte.
All diese Arbeiten lenkten Herrn Eisenmann nicht nur ab, sondern sorgten dafür, dass jede eventuell aufkommende Langeweile in seinem ehr beschaulichen Rentnerdasein sofort wieder verscheucht wurde.

Ganz hinten, schon fast am anderen Ende seines Gartens, stand ein altes Holzhäuschen. Hier drinnen hatte sich Herr Eisenmann eine gut ausgestattete Werkstatt eingerichtet und in einem kleinen Nebenraum befanden sich die üblichen Gartengeräte, wie Spaten, Erdschaufeln, Straßenbesen, Harke oder Laubrechen, die an einem wuchtigen Holzbalken im Innern der Hütte ordentlich nebeneinander aufgehängt waren.

Draußen, etwas weiter weg von der Eingangstür, lag direkt am Zaun ein ziemlich großer, unansehnlicher Haufen modriger Gartenabfälle, die der alte Mann in der letzten Zeit dort zusammengetragen hatte.

Niemand aus der Nachbarschaft war dazu bereit gewesen ihm beim Abtransport dieses stinkenden Durcheinanders zu helfen. Vielleicht wohnten die Leute einfach zu weit weg, denn die Gegend war nur spärlich bewohnt. Mit seiner eigenen Gesundheit war es außerdem in den letzten Wochen und Monaten etwas bergab gegangen. Um seine eigenen Kräfte nicht übermäßig zu strapazieren, setzte Herr Eisenmann daher die anfallende Gartenarbeit für einige Zeit aus und tat nur noch das Allernotwendigste. Den Gartenmüll ließ er einfach liegen. Was sollte er auch anderes tun?

***

Eines Tages gab es einen ziemlich lauten Knall im Garten des Rentners Rudolf Eisenmann. Der Lärm war so extrem gewesen, dass er vor lauter Schreck aus seinem Mittagsschläfchen gerissen wurde und zuerst gar nicht wusste, was eigentlich genau geschehen war.

Schließlich ging der alte Mann noch ganz schläfrig und mit schleppenden Schritten nach draußen. Kurz darauf erblickte er zu seiner großen Überraschung im Garten, unmittelbar vor dem dampfenden Komposthaufen, ein kreisrundes, pechschwarzes Loch, ungefähr von der Größe eines Tennisballes. Der Rand änderte fortlaufend seine Helligkeit und pulsierte etwas.
Verwundert ging Herr Eisenmann auf das ominöse Ding zu, das offensichtlich freischwebend in Luft hing. Trotzdem blieb er aber aus Gründen der Vorsicht etwa einen Meter vor dieser seltsamen Erscheinung stehen. Das war auch gut so, denn im gleichen Moment wurde der alte Mann Zeuge eines überaus eigenartigen Vorganges, der ihm ziemliches Unbehagen verschaffte.

Ein putzmunterer Spatz war vom Dach des Gartenhäuschens kommend in seinem Übermut zu nah an dem schwarzen Loch vorbei geflogen und plötzlich, wie von Geisterhand gepackt, schwups darin verschwunden.

Nachdem sich der Rentner von seinem anfänglichen Staunen gelöst hatte, war er auf einmal neugierig geworden und wollte wissen, ob dieses schwarze Ding in seinem Garten vielleicht noch andere Gegenstände auf ähnliche Art und Weise verschwinden lassen konnte. Auf jeden Fall wollte er das ausprobieren.

Kurz darauf warf er versuchsweise, aus sicherer Entfernung natürlich, zuerst mal einen kleinen Ast hinein. Tatsächlich, weg war er! Dann holte er sich einige leere Schnapsfläschchen aus dem Keller und warf sie nacheinander ebenfalls ins schwarze Loch. Auch sie verschwanden darin auf Nimmerwiedersehen.

Dann kam dem alten Herrn Eisenmann schließlich eine grandiose Idee!

Er holte sich eine Mistgabel aus der Holzhütte, ging zu dem Komposthaufen hinüber und fing damit an ihn Stück für Stück in das schwarze Loch zu werfen. Die Sache funktionierte wirklich mehr als hervorragend. Schon nach etwa einer Stunde harter Arbeit war der stinkende Müllhaufen fast zur Gänze darin verschwunden.

Ungewöhnlich erschien Herrn Eisenmann nur, dass das schwarze Loch an Größe und Umfang zunahm, je mehr er es mit Abfällen aller Art fütterte. Nach einer Weile fing es sogar damit an, die Luft aus der näheren Umgebung wie ein Staubsauger ganz leise in sich hinein zu ziehen.

Und tatsächlich, man musste schon sehr genau hinsehen um zu bemerken, dass dieses schwarze Ding seinen Umfang ganz langsam aber kontinuierlich vergrößerte.

Dem alten Herrn störte das im Moment noch recht wenig. Er warf auch weiterhin allen anfallenden Müll in dieses dunkle, bodenlose Etwas und dachte sich, dass es wohl eines Tages genauso schnell von selbst wieder verschwinden würde, wie es gekommen war. Hauptsache Haus, Hof und Garten waren sauber. Damit war die Geschichte für ihn erst einmal erledigt. Allerdings würde er niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen davon erzählen, was er sich dort in seinem Garten an Ungewöhnlichem eingefangen hatte. Das tat er allein schon deshalb, um möglichen Ärger mit den hiesigen Behörden aus dem Weg zu gehen, die sich mit großer Wahrscheinlichkeit für das seltsame Phänomen interessieren würden, wenn sie Wind davon bekämen. Also schwieg der alte Rentner wie ein Grab, um kein Aufsehen zu erregen.

Der Herbst zog ins Land und das schwarze Loch befand sich immer noch an der gleichen Stelle im Garten des Rentners Rudolf Eisenmann. Es hatte mittlerweile vom Durchmesser her gesehen die Größe eines normalen Lederfußballes erreicht und machte ein angsteinflößendes, zischendes Geräusch. Trotzdem warf der Alte weiterhin seinen gesamten Hausmüll regelmäßig in dieses gefräßige schwarze Ungeheuer hinein, das einfach nicht genug bekommen konnte.

Dann geschah das schreckliche Unglück.

Es war kurz vor Weihnachten. Draußen war es schon ziemlich dunkel geworden als der alte Herr Eisenmann wieder einmal den gesamten Tagesmüll in dem schwarzen Loch entsorgen wollte.

Es hatte vorher noch etwas geschneit, unter der dünnen Schneedecke war der Boden stark gefroren und glatt wie eine Eisbahn.

Genau in dem Moment als der alte Mann mit einem kräftigen Schwung den mit allen möglichen Hausabfällen prall gefüllten Plastiksack in dieses seltsame dunkle Ungeheuer werfen wollte, blieb ausgerechnet eine der lose herunterhängen Schlaufen des Verschlussbandes am rechten Ärmelknopf der dicken Winterjacke hängen. Der völlig verblüffte Herr Eisenmann rutschte aus und stürzte zu Boden. Dann fiel er zusammen mit dem vollen Müllsack lautlos in das schwarze Loch hinein und von einer Sekunde auf die andere waren beide darin verschwunden.

Eine lähmende Stille breitete sich nach diesem unheimlichen Vorfall aus. Im Haus des Rentners Rudolf Eisenmann brannte noch das elektrische Flurlicht, dessen schwacher Schein den schmalen Gartenweg nur trübe ausleuchtete. Oben, am klaren nächtlichen Firmament, funkelten und glitzerten eine unendlich große Zahl heller Sterne, wie sie das seit undenklichen Zeiten immer schon getan haben.

Das „Schwarze Loch“ im Garten des Rentners Rudolf Eisenmann wuchs auch nach seinem Verschwinden von selbst weiter und wurde von Tag zu Tag größer. Irgendwann schluckte es den angrenzenden Holzschuppen mitsamt allen darin befindlichen Gartengeräten. Es folgte der schöne Rasen, die herrlichen Blumenbeete, das Haus und die riesigen Laubbäume, die an der schmalen Zufahrtstraße seines einsam daliegenden Hauses standen. Alles wurde nach und nach verschluckt und verschwand irgendwo im schwarzen Nichts.

Als die Menschen endlich von dem „Schwarzes Loch“ in ihrer Umgebung erfuhren, das alles, was in seine Nähe kam, in sich hinein saugte, da war es bereits zu spät für wirksame Gegenmaßnahmen. Zuerst wurden alle Einwohner das betroffenen Gebietes evakuiert. Einige Zeit später versuchte die Luftwaffe des Landes sogar verzweifelt die weitere Ausdehnung des schwarzen Loches durch den Abwurf schwerer Bomben aufzuhalten. Allesamt verpufften sie wirkungslos wie platzende Luftballons. Eigentlich erreichte man damit genau das Gegenteil. Denn je mehr Energie dieses schwarze Monster nämlich bekam, desto schneller breitete es sich aus.

Das unheilvolle Ding wurde größer und größer und eines Tages hatte es so gewaltige Dimensionen erreicht, dass es damit anfing, langsam aber sicher die Erde zu verschlingen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann es das Sonnensystem mitsamt seinen Planeten und später möglicherweise auch die Milchstraße in sich hineinsaugen würde.

***

Im Innern des „Schwarzen Loches“, in den Dimensionen einer anderen Welt, eines anderen, zeitlosen Universums...

Ein junger Mann steht in seinem wunderschön gepflegten Garten und betrachtet voller Hingabe die blühende Blumenpracht um sich herum. Von der kleinen Stadt her hört man die Kirchenglocken läuten.

Es ist Mittag, die Sonne scheint und der weite Himmel ist in einem strahlend hellen Blau getaucht. Vögel zwitschern überall ihre lustigen Lieder. Durch das dichte Blätterwerk der riesigen Laubbäume flüstert leise ein zärtlicher Wind.

Die weißgestrichene Hoftür im hinteren Teil des kleinen Hauses öffnet sich vorsichtig und eine schlanke überaus hübsche Frau mit langen schwarzen Haaren tritt heraus. In ihrem luftig weiten Sommerkleid geht sie langsam mit grazilen Schritten auf ihren verträumt dastehenden Mann zu, der immer noch tief in Gedanken versunken die bunten Blumenbeete seines Gartens betrachtet.

Erst als sie endlich bei ihm angekommen ist und direkt neben ihm stehen bleibt, dreht er sich mit freundlich liebendem Blick zu ihr herum. Ungläubig schauen sich beide an. Dann fangen sie vor lauter Freude und Glück an zu lachen, nehmen sich spontan fest in die Arme, als wollten sie sich nie wieder loslassen.

Küssend und eng umschlugen gehen sie wortlos zusammen zurück ins Haus wo im großen Wohnzimmer zwei hübsche kleine Kinder erwartungsvoll ihren Eltern entgegenlaufen.
Als die Tür hinter Ihnen langsam ins eiserne Schloss fällt, wird ein Namensschild aus blankpoliertem Messing sichtbar, worauf in schwarzer Schrift geschrieben steht:

 

Hier wohnen

 

Rudolf und Martha Eisenmann
 

Ende

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Meine Gedanken bewegen sich frei von Andreas Arbesleitner



Andreas ist seit seiner frühesten Kindheit mit einer schweren unheilbaren Krankheit konfrontiert und musste den größten Teil seines Lebens in Betreuungseinrichtungen verbringen..Das Aufschreiben seiner Geschichte ist für Andreas ein Weg etwas Sichtbares zu hinterlassen. Für alle, die im Sozialbereich tätig sind, ist es eine authentische und aufschlussreiche Beschreibung aus der Sicht eines Betroffenen.

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