Angie Pfeiffer

Nie wieder

Die Zeit vergeht plötzlich langsamer, wie in einer Zeitlupe. Alles erscheint ihr unwirklich. „Das ist also das Ende unserer Ehe“, denkt sie, wundert sich über sich selbst, weil sie noch in der Lage ist, so realistisch zu denken, überhaupt zu denken. Während er weiter auf sie einprügelt, sie beschimpft.
Er tut ihr Leid, ist so erbärmlich. Jetzt fühlt er sich stark. In Wirklichkeit ist er schwach, hat so viel verloren. Seine Würde und Selbstachtung und die Achtung der Kinder. Sie stehen aneinandergeklammert in einer Zimmerecke, schluchzen. Die Mädchen sind fast so groß wie der Vater und weinen trotzdem hilflos, sind wieder ganz klein.
Sie geht unter seinen Schlägen in die Knie, jetzt wenigstens den Kopf mit den Armen schützend, denn er ist dazu übergegangen auf sie einzutreten. Wobei er weitere Unflätigkeiten brüllt, seinen Frust herausbrüllt.

Ihre Achtung hatte er schon lange verloren. Sie hatte zuerst nicht sehen wollen, was offensichtlich war. Dass er nur für sich selbst lebt, sie als Publikum auf seiner Bühne der Eitelkeiten braucht. Die Kinder hin nahm, um seine Frau zu halten, um sie gefügig zu machen. Immer nahm sie seine schlechte Laune, seine Grobheiten, seine Alkoholsucht in Kauf. Aus Liebe? Aus Gewohnheit? Oder weil sie sich ein Leben in Eigenverantwortlichkeit nicht vorstellen konnte?
Dann der Einschnitt: eine lebensbedrohende Situation während einer Routineoperation, ein neues Leben für sie. Ein paar geschenkte Jahre. Sie kam ins Grübeln, dachte öfter an sich. Wollte nicht mehr nur Publikum sein, sondern selbst agieren. Das Leben endlich wieder spüren.

Er merkte schnell, dass sie sich veränderte. Versuchte diese neue, selbstbewusste Frau verschwinden zu lassen. Zunächst durch Ignoranz, später durch Drohungen. Schließlich, als er merkte, dass er sie verloren hatte, machte er sich klein, bat und flehte. Aber da konnte sie schon nicht mehr zurück. Legte keinen Wert auf Sicherheit und auf ihn, wollte einfach nur noch weg, egal wohin!

Heute hatte sie ihm klar gemacht, dass sie ausziehen würde, bereits eine andere Bleibe hatte. Er war einfach ruhig sitzen geblieben, die Hände zwischen den Knien. Hatte sie scheinbar unbeteiligt angehört. Sein Schnapsglas schien ihn mehr zu interessieren als sie. Später hörte sie ihn vor sich hinmurmeln. Doch da schien er schon volltrunken zu sein.
Sie schreckte mitten in der Nacht auf. Er stand schwankend vor ihrem Bett und griff nach ihr. Sie wich entsetzt zurück, doch er war für seinen Trunkenheitsgrad erstaunlich schnell.

Er hat aufgehört, auf sie einzuprügeln. Scheinbar ist er von der ungewohnten körperlichen Aktivität erschöpft. Er tritt ihr ein letztes Mal in die Rippen und wendet sich dann, Unverständliches lallend, ab. Sie bleibt ruhig liegen, wartet, bis er ins Schlafzimmer gewankt ist. Die Kinder helfen ihr auf. Sie drückt beide fest an sich. Seltsam, sie fühlt nichts. Die Schmerzen werden später kommen, das weiß sie. Gleichzeitig ist sie erleichtert. Er hat es ihr so leicht gemacht! Sie wird gehen. Niemand wird ihr je wieder so wehtun können, das wird sie nie wieder zulassen.

© by Angie

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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