Wolfgang Küssner

Gummisuppe

Um es gleich zu sagen, eventuellen Fragen kritischer Leser oder gar notorischer Zweifler vorzubeugen: Bei der Überschrift dieser Geschichte hatte kein Fehlerteufel seine Finger auf der Tastatur. Der Unternehmungslustige und Erotikfreund wird das Gummi kennen und sollte es dabeihaben. Angler und Tiefbauarbeiter schätzen Gummistiefel als wichtiges Utensil. In den 50er-Jahren gehörten Gummibaum und Nierentisch in jedes moderne Wohnzimmer. Wer meint, ein Gummizug sei ein dehnbares Fortbewegungsmittel auf Schienen, liegt leider daneben. Rutschende Schlüpfer und twistende Kinder legen Wert auf ein nicht zu strammes Gummiband. Alleinstehende holen stillen Momenten eine Gummipuppe aus dem Schrank. Einkochende Hausfrauen benötigen den Gummiring und die Behauptung, eine Gummidichtung sei elastische Literatur, ist nicht richtig. Gleiches gilt übrigens auch für die Vermutung, ein Gummigeschoß sei eine spezielle Etage im Gebäude einer psychatrischen Klinik. So, das wäre geklärt. Bleibt noch die offene Frage nach der Gummisuppe.

Drei Elemente sind es, die zur Antwort führen und sozusagen die Ingredienzen dieser etwas ausgefallenen Suppe ausmachen. Da wäre zunächst die sogenannte Schwalbennestersuppe zu nennen. Eine eigentlich ziemlich geschmacklose Flüssigkeit und doch eine der teuersten Spezialitäten der chinesischen Küche. Die Grundlage bilden echte Vogelnester, die von Salanganen, einer Art Mauersegler, in Felshöhlen nahe dem Meer in Süd-Thailand, Indonesien und Borneo gebaut werden. Diese Nester bestehen aus eiweißreichem, schnell trocknendem, härtendem Speichel. Daher auch der Begriff Nestzement für den Speichel. Diese Nester sind etwas gelantineartig, leicht durchscheinend, aber schwer zugänglich. Die Sammler müssen in bis zu 80 Meter Höhe in die Felsnieschen klettern; tödliche Abstürze sind keine Seltenheit. Ob das die Suppe nun so teuer macht? Es ist wohl eher die Rarität und noch weit mehr der Glaube an eine potenz- fördernde Wirkung. Die traditionelle chinesische Medizin spricht weiter von einer kräftigen Wirkung auch für Haut und andere Wehwehchen. In speziellen Geschäften kosten die Nester in bester Qualität bis zu 4.000 Euro pro Kilo.

Die Schwalbennester werden aufwendig gereinigt und für die Zubereitung einer Suppe in Wasser gequollen und mit Kalbfleisch und Hühnerbrühe gegart. Die Suppe bekommt somit Geschmack und kann leicht gelantineartig serviert werden. Pro Suppe werden zwei Nester benötigt. Vogelspeichel als Suppe zu verzehren, mag bei einigen Lesern vielleicht Ekel hervorrufen. Doch was ist bitteschön Honig? Ein pflanzliches, von vielen fleißigen Bienen zusammengetragenes Drüsensekret, gefressen, vorverdaut und dann wieder ausgekotzt, um es etwas krasser zu formulieren.

Als zweites Element zur Klärung dieser Geschichte kommt jetzt – sicherlich nicht überraschend - Gummi ins Spiel. Thailand ist nicht nur einer der größten Lieferanten von Schwalbennestern, sondern auch der weltgrößte Produzent von Natur-Kautschuk. Sollte sich der Leser bereits auf einer Fährte wähnen? Langsam, langsam. Es gibt nicht nur Kautschukbäume, die „gemolken“ werden können. In den Tropen und Subtropen wächst ein sogenannter Indischer Stinkbaum (Sterculia). Zur Familie dieser Malvengewächse zählt auch jener Baum, der die Durianfrucht, also die Stinkfrucht, reifen läßt. Die Rinde dieser Indischen Stinkbäume wird ebenfalls angestochen, um das Karaya-Gummi fließen zu lassen. In Behältern gesammelt, gereinigt und dann getrocknet, wird das so entstehende Harz zu einem Granulat verarbeitet.

Dieses Karaya-Gummi ist von hoher Quellfähigkeit und wird als Geliermittel auch in unseren Breiten in Knabbererzeugnissen, Saucen, Kaugummi, Eierlikör, Füllungen und Überzügen von Kuchen eingesetzt. Selbst für mehrere Bioprodukte ist es zugelassen. Bei der Auflistung der Zutaten auf den Verpackungen als E416 zu erkennen. Dieses Karaya-Gummi kommt ebenso in der pharmazeutischen und zahntechnischen Industrie zum Einsatz und kostet nur den Bruchteil eines Schwalbennestes. Jetzt hat es KLICK gemacht, oder?

An dieser Stelle wird nun der Mensch als handelndes Subjekt zum weiteren Element der Geschichte von der Gummisuppe. Doch es ist nicht der Mensch im Allgemeinen, sondern es sind konkret einige Restaurantbetreiber im thailändischen Urlauberparadies Pattaya. Gier macht nachgewiesener Maßen nicht nur krank, sondern auch – wie das Beispiel hier zeigt – erfinderisch.

Diese Restaurantbetreiber offerierten Schwalbennestersuppe; lockten mit dem Angebot zahlungskräftige Kunden an und servierten ihnen statt der Vogelnester als Surrogat Karaya-Gummi. Natürlich zum vollen Qualitätspreis. Und da eine Suppe von Schwalbennestern keinen großen Eigengeschmack hat, ist der Betrug erst dadurch aufgefallen, daß die Nester von den Sammlern deutlich schlechter zu verkaufen, die Preise aufgrund sinkender Nachfrage um sechzig Prozent rückläufig waren. Klagen über das Ausbleiben erhoffter Potenzsteigerung sind nicht bekannt. Vielleicht zeigte ja allein der Glaube die entsprechende Wirkung.

Zur Beruhigung: So wie uns E416 in Knabbererzeugnissen und Saucen, in Eierlikör und Kaugummi bisher bekommen ist, hatten auch die Suppen-Konsumenten in Pattaya keine gesundheitlichen Probleme nach dem Gummiverzehr. Ob es den aufgeflogenen Restaurantbetreibern auch so gut bekommen wird? Das steht auf einem anderen Blatt. Sie haben sich die Suppe in ihrer Gier selbst eingebrockt. Auf dem eben erwähnten Blatt könnte von einem Aufenthalt im Gefängnis zu lesen sein. Das hieße dann für die einfallsreichen Gastronomen, zu pausieren und eine Zeit hinter schwedischen Gardinen für Saft aus Indischen Stinkbäumen, den sie an vornehmlich chinesischen Gästen als thailändische Schwalbennestersuppe serviert hatten, zu verbringen. Oh, an dieser Stelle muß es ehrlicherweise natürlich heißen: Gummisuppe.

 

August 2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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