Anneliese Leding

Im Kreis meiner Lieben

Im Kreis der Lieben

 

Ein bisschen nervös war ich schon, wenn ich an meinen siebzigsten Geburtstag dachte. Die Feier sollte nur im engsten Kreis der Familie stattfinden, darüber war ich mir im Klaren. Ich wurde ja nur einmal siebzig.

Ich wachte schon sehr früh auf und dachte: Jetzt bin ich siebzig Jahre alt. Für mich nur eine Zahl. Ich fühlte mich gesund und fit. Schnell sprang ich aus dem Bett und machte mich für den Tag hübsch.

Die letzten Tage hatte ich Stunden in der Küche mit Kochen und Backen verbracht. Schon vor dem Frühstück hatte ich die frischen Salate zubereitet. Beschwingt deckte ich den Tisch und freute mich auf den Tag. Mit Kaffee und Kuchen sollte er ausklingen. Das Wetter spielte auch mit. Die Sonne schien und erwärmte die Luft.

Ich stand am Küchenfenster und sah hinaus in den Hof, wo soeben mein Sohn Holger mit Familie vorfuhr. Behäbig stieg meine Schwiegertochter aus dem Wagen. Sie wurde von Jahr zu Jahr fülliger. Auch mein Sohn trug einen Rettungsring um seine Taille. Sein Bauch hing über die Hose, was bei seiner Größe von 1.89 Meter noch nicht so kritisch war. Seine Frau Cora dagegen mit ihren nur 1.60 Metern war rund wie breit. Meine Enkeltöchter, Mali und Lena, stiegen freudlos aus dem Auto, ohne den Blick von ihrem Smartphone zu lassen. Kurze Zeit später fuhr meine Tochter mit Mann und Sohn auf den Hof. Wie Kirsten wieder aussah. Ständig trug sie altbackene Kostüme. Sie sah darin aus, wie eine Frau aus den fünfziger Jahren. Die Haare hingen wirr um ihren Kopf. Sie hat kein bisschen Chic. Mein Schwiegersohn Max, Lehrer von Beruf, stieg ohne die geringste Spur von Eile aus dem Wagen. Mit dem Handy bewaffnet folgte ihnen Benjamin. Jetzt fehlte nur noch meine Schwester Christiane mit ihrem Mann.

Schon beim Reinkommen fragte mein Sohn: „Hast du vor zu verreisen?“ Schmunzelnd sah ich auf den Koffer, der im Flur stand. „Ja, das habe ich.“ Es wurde eine kurze knappe Begrüßung. Ich bat die Gäste in das geräumige Wohnzimmer. Nur wenige Minuten später erschien meine Schwester mit ihrem Mann. Alfred ließ mal wieder einen seiner Sprüche los. „Hallo, schöne Schwägerin, wie machst du das? Du wirst von Jahr zu Jahr jünger. Schick siehst du aus.“ Christiane tat mir leid.

Die Gäste nahmen ihre Plätze ein. Rasch holte ich aus der Küche das Tablett mit den Gläsern, die ich mit Champagner füllte. Meine Schwiegertochter musste gleich wieder lästern: „Nobel geht die Welt zu Grunde.“ Bewusst überhörte ich den Satz, nahm mein Glas in die Hand: „Ich freue mich, dass ich meinen siebzigsten Geburtstag mit euch feiern darf.“ Ich schaute in die Runde, bevor ich weitersprach: „Das ist ja nicht selbstverständlich. Zum Wohl!“ Nur langsam kam eine Unterhaltung in Gang. Holger sprach von der Arbeit in der Bank. Ich, das Geburtstagskind, wurde nicht gefragt, wie es mir geht, was ich fühle, welche Wünsche und Träume ich habe. Bin ich meinen Kindern zu aktiv? Diese waren nur mit sich selbst beschäftigt. Man sprach über die bevorstehenden Reisen, Autos, den Beruf und über die eigenen Kinder, die ja so begabt waren. Ich hörte nur noch mit halbem Ohr hin. Innerlich war ich voller Freude. Nur ich ganz allein wusste, dass der heutige Tag ein ungewöhnliches Ende nehmen würde. Sollte ich mich jetzt noch ärgern?

Mittlerweile hatten es sich meine Gäste auf der Terrasse bequem gemacht. „Du Mama“, hörte ich die schrille Stimme meiner Tochter, „das Haus mit dem Garten ist doch zu groß für dich. Willst du dich nicht kleiner setzen?“ Daher weht der Wind, dachte ich. Jetzt wurde es spannend. Sie lassen die Katze aus dem Sack. Ich lehnte mich zurück und schlug die Beine übereinander. Alle Augen waren auf mich gerichtet. Belustigt sah ich in die Runde: „Ja, das habe ich mir auch schon überlegt. Ich werde das Haus verkaufen.“ Die Gesichter meiner Sprösslinge erhellten sich. Wie erwartet musste meine Schwiegertochter auch ihren Senf dazu beitragen. Sie beugte sich über den Tisch: „Glaub mir, Holger und ich haben uns schon sehr viele Gedanken um dich gemacht. In deinem Alter kann doch immer mal was passieren. Es gibt doch so schöne behindertengerechte Wohnungen. Da wärst du auch nicht allein. Wäre das nichts für dich?“ Nun war es raus. Meinem Nachwuchs ging es nur ums Geld. Man würde mich in eine kleine Wohnung verfrachten. Jetzt wurden meine Enkelkinder hellhörig und schauten vom Smartphone auf. Mali sagte: „Oma ist doch cool und noch sehr aktiv. Wieso sollte sie hier ausziehen?“ Darauf bekam das Mädchen keine Antwort. Jetzt wurde es mir zu bunt. Musste ich mir das an meinem siebzigsten Geburtstag gefallen lassen? Innerlich aufgewühlt stand ich auf und entgegnete erregt: „All die Jahre habt ihr mich einfach übersehen. Nicht einmal wurde ich gefragt, wie es mir geht. Wisst ihr eigentlich, wie weh das tut? Ihr habt doch überhaupt keine Ahnung, wie es in mir aussieht. Nur euer Leben steht im Fokus. Treffen wir uns, redet ihr nur über euch. Wisst ihr was? Euer Egoismus kotzt mich schon lange an.“ Es war gesagt. Das hatte mir schon lange auf der Seele gelegen. Ich machte eine Pause, sah in die geschockten Gesichter. „Mein Haus habe ich einem Immobilien-Makler in Auftrag gegeben. Ich werde eine stattliche Summe erhalten. Davon bekommt jedes Enkelkind 20.000 Euro. Was übrig bleibt benötige ich für mich selbst.“ Entsetzt sprang mein Sohn auf, brüllte drauflos: „Das hast du einfach so, ohne vorher mit uns darüber zu sprechen, entschieden?“ Verwundert sah ich ihn an: „Ja Holger, auch ich habe noch etwas zu sagen. Noch bin ich in der Lage, eigene Entscheidungen zu treffen.“

Es läutete an der Haustür. „Erwartest du noch Besuch?“, fragte mein Schwager. Schnell sprang ich auf, verließ die Terrasse. In der Tür drehte ich mich um: „Ja, ein Gast fehlt noch!“ Freudestrahlend kam ich händchenhaltend mit einem Mann zurück. „Darf ich euch Ulrich Herbst vorstellen?“ Verdattert starrten alle auf uns. Ulrich, ein Bild von einem Mann. Groß, athletisch, braungebrannt mit einem Dreitagebart. Freundlich begrüßte er jeden per Handschlag. Er nahm neben mir Platz. „So meine Lieben, ich möchte auch gleich euren Fragen zuvorkommen. Wir sind seit einem Jahr liiert. Kennen gelernt haben wir uns in einem Tanzkurs. Und noch etwas. Herr Herbst ist zehn Jahre jünger als ich.“

Meine Tochter hatte sich als erste wieder gefangen: „Mama, was hat das zu bedeuten?“ Schmunzelnd erwiderte ich: „Nun, von dem Restgeld des Hausverkaufs werden wir erst einmal um die Welt reisen. Wenn wir zurück sind, kaufen wir uns ein Haus auf Lanzarote.“ Entrüstet sprang Holger auf. Mit Schweiß auf der Stirn rief er: „Das kannst du nicht mit uns machen! Da haben wir auch noch ein Wörtchen mitzureden!“ Unbeherrscht mischte sich jetzt auch noch meine Schwiegertochter ein: „Merkst du denn nicht, dass dieser Mann es nur auf dein Geld abgesehen hat? Du bist doch viel zu alt für ihn.“

Bisher hatte sich Ulrich Herbst alles stillschweigend angehört. Er stand auf, legte seine Hände auf meine Schulter. „Zunächst einmal möchte ich hier in aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringen, dass ich Ihre Mutter von ganzem Herzen liebe. Mein Wunsch ist es mit ihr zusammen zu leben. Im Übrigen habe ich es nicht nötig, mich vor Ihnen zu rechtfertigen.“ Er schaute in die feindseligen Gesichter meiner Verwandten. Er hob seine Stimme und fuhr fort: „Moni hat mir von Ihnen erzählt. Es enttäuscht mich, dass Sie Ihre Mutter so behandeln. Das hat sie wirklich nicht verdient. Schämen Sie sich gar nicht?“ Gehässig hakte Kirsten nach: „Was machen Sie von Beruf? Suchen Sie sich in der Tanzschule alleinstehende Frauen, die Sie ausnehmen können?“ Ich geriet immer mehr in Rage. „Meine liebe Tochter, jetzt gehst du zu weit! Zügle dein freches Mundwerk!“ Daraufhin die ruhige Stimme von Ulrich: „Ach wissen Sie, das habe ich nicht nötig. Ich bin Arzt und habe meine gutgehende Praxis und meine Häuser verkauft.“ Betretenes Schweigen trat ein. Christiane, total betrunken, fing schallend an zu lachen. Sie trommelte mit den Händen auf den Tisch. „Schwesterlein, was ist das nur für eine bombastische Feier! Darauf muss ich noch einen trinken“ lallte sie, nahm die halbvolle Flasche Wein vom Tisch und setzte sie an die Lippen. „Prost Leute!“ Sie stieß ihren Mann von der Seite an: „Los, du Fremdgänger, sag was! Du bist doch sonst nicht so mundfaul! Wo bleiben deine dummen Bemerkungen?“ Alfred war das Ganze nur peinlich.

Unverhofft stand Max auf. Zum ersten Mal, an diesem Nachmittag erhob mein Schwiegersohn seine Stimme: „Liebe Monika, ich möchte mich in aller Form für die Unverschämtheiten meiner Frau entschuldigen. Dir und deinem Lebensgefährten wünsche ich von ganzem Herzen nur das Beste für die Zukunft.“ Er kam auf Ulrich zu, reichte ihm die Hand und fuhr fort: „Sie können sich glücklich schätzen mit so einer wunderbaren Frau an Ihrer Seite. Passen Sie gut auf sie auf. Sie hat es verdient.“ Mit Blick in Richtung seiner Frau fuhr er fort: „Was wäre ich stolz, wenn so eine Frau neben mir stünde.“ Mir verschlug es die Sprache. Sichtlich bewegt ging ich auf meinen Schwiegersohn zu und nahm ihn fest in meine Arme. „Danke, Max, das werde ich dir nie vergessen.“

Ich sah den gesenkten Blick meiner Tochter. Ihr Gesicht war aschfahl. Mein Sohn saß mit hochrotem Kopf am Tisch und starrte vor sich hin. Er konnte mir nicht in die Augen sehen. Zärtlich legte Ulrich den Arm um meine Taille. Mit klarer Stimme sagte ich: „So, meine Lieben, ich bitte euch, mein Haus zu verlassen. Die Feier ist zu Ende. Ulrich und ich werden noch heute Abend nach Paris fliegen. Dort findet übermorgen unsere Trauung statt.“

Wie betäubt verließen die Gäste das Haus.

 

© Anneliese Leding

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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