Heinz-Walter Hoetter

Auf der Suche nach dem Haus des Glücks

Ein reicher Mann reiste viele Jahrzehnte ruhelos in der Welt herum. Trotz seines Wohlstandes fühlte er sich unzufrieden. Deshalb war er immer auf der Suche nach seinem Glück, denn er hoffte, es eines Tages irgendwo zu finden.

Schließlich hörte er von einem Gerücht, dass es an einem fernen Ort angeblich ein Haus des Glücks geben würde. Wer es betritt, der könne unendlich glücklich werden und eine unbeschreibliche Zufriedenheit erlangen.

Der reiche Mann machte sich sofort auf den Weg. Er schwor zu sich selbst, so lange nach dem Haus des Glücks zu suchen, bis er es finden würde. Er ließ nicht locker, forschte überall herum, las in vielen Büchern, bis er eines Tages in einer abgelegenen Klosterbibliothek unverhofft auf einen alten, aber sehr weisen Mönch traf, der ihm den entscheidenden Hinweis geben konnte.

"Das Haus des Glücks befindet sich an einem Ort, der zwar weit in der Vergangenheit zurückliegt, aber dennoch ganz real für ihn existiere. Er müsse nur seinem suchenden Herzen folgen, dann würde er ihn finden", sprach der weise Mönch.

Der reiche Mann dachte eine Weile nach, bis ihm plötzlich der Gedanke kam, wo sich das Haus des Glücks möglicherweise befinden könnte. Der alte Mönch hatte ja gesagt, er solle nur seinem Herzen folgen. Also tat er es und machte sich schon bald auf den Weg.

Eines Tages war es dann soweit. Schon aus der Ferne entdeckte er das kleine Dorf, wo er mal als Kind mit seinen Eltern gewohnt hatte. Leider waren Vater und Mutter viel zu früh durch einen schweren Autounfall ums Leben gekommen. So wuchs er bei der unverheirateten Schwester seiner verstorbenen Mutter auf, die ihn damals nach diesem tragischen Ereignis bei sich aufgenommen und liebevoll großgezogen hatte.

Voller Herzklopfen näherte er sich dem kleinen Dorf, das in einem wunderschönen Tal in der Nähe einer großen Gebirgskette lag. Als er das Dorf betrat, welches sich nur wenig verändert hatte, kam ihm rein zufällig eine sehr alte Frau auf dem Dorfplatz entgegen, die ihn auf einmal anstarrte, als sei er ein Geist. Es hatte den seltsamen Anschein, als würde sie ihn kennen, doch war sie sich wohl nicht sicher genug. Plötzlich erhellte sich ihr Gesicht aber. Im nächsten Augenblick ging sie auch schon direkt auf den völlig verblüfften Mann zu, betrachtete eine Weile sein braungebranntes Gesicht, bis sie plötzlich laut zu schreien anfing und immer wieder seinen Namen rief. Sie hatte ihn offenbar erkannt.

"Unser Josef ist wieder da! ! Er ist zu uns zurück gekehrt!" rief sie mit lauter Stimme nach allen Seiten über den weiten Dorfplatz. Dann warf sie sich dem Mann in die Arme, der nicht ahnen konnte, dass ausgerechnet sie die Schwester seiner längst verstorbenen Mutter war, bei der er seine gesamte Kindheit verbracht hatte. Dass er sie nicht gleich wiedererkannt hatte, dafür schämte er sich jetzt zutiefst und fing an zu weinen.

Die Rückkehr ins Dorf seiner Kindheit hatte sich schon bald wie ein Lauffeuer im Ort verbreitet. Von überall her strömten die Dorfbewohner auf den großen Dorfplatz. Alle wollten den reichen Mann sehen, den sie schon bald liebevoll ihren "Josef" nannten. Es brach eine richtige Volksfeststimmung aus.

Schon bald kam auch der Bürgermeister herbei, der ihn ganz offiziell begrüßte. Anschließend marschierten alle zusammen zu einem kleinen Haus am Rande des Dorfes, wo die Schwester seiner verstorbenen Mutter immer noch wohnte. Hier hatte er als Kind gelebt und gespielt. Er spürte plötzlich zu diesem Ort seiner Kindheit eine tiefe Verbundenheit und innige Liebe in seinem Herzen, das vor lauter Glück zu zerspringen drohte.

Die Leute des Dorfes waren hinter ihm stehen geblieben, als er ganz alleine auf das einsam da stehende Häuschen zuging. Niemand sprach auch nur ein Wort. Alle Augen waren auf den reichen Mann gerichtet, der nach Hause zurück gekehrt war.

Plötzlich blieb ihr "Josef" stehen, drehte sich auf der Stelle herum und rief den Leuten des Dorfes zu: "Ich habe das Haus meines Glückes gefunden. Ich bleibe für immer hier!"

Die Dorfbewohner brachen in einen unbeschreiblichem Jubel aus. Noch am gleichen Abend feierte das ganze Dorf ein großes Fest für ihren Rückkehrer, der seinen nicht unerheblichen Reichtum bald für viele Projekte im Dorf großzügig zu Verfügung stellte.

Noch heute lebt Josef in diesem Dorf, das sich in einem wunderschönen Tal ganz in der Nähe einer lang gezogenen Gebirgskette mit schneebedeckten Bergen befindet.

Er ist ein hochangesehener Bürger seines reizvollen Ortes geworden. Durch ihn wurde sein Dorf zu einem weltbekannten Urlaubsparadies. Wollt ihr wissen, um welchen Ort es sich handelt? Oh, das müsst ihr schon selbst heraus bekommen.

Mittlerweile ist Josef selbst ein alter Mann geworden, der aber immer noch bei bester Gesundheit ist. Ich kenne ihn schon seit vielen Jahren. Wir sitzen oft in jener Dorfwirtschaft zusammen, die er kurz nach seiner Rückkehr vom ehemaligen Besitzer gekauft hatte. Er ließ sie innen und außen komplett renovieren, allerdings ohne dabei viel an dem traditionellen Äußeren zu verändern. Die alte Wirtschaft ist in der Tat ein echtes Schmuckstück im Dorf und steht heute sogar unter Denkmalschutz.

Bei einem schmackhaften Schweinsbraten und einer kühlen Mass Bier hat mir mein Freund Josef diese wunderbare Geschichte erzählt, die ich für euch extra aufgeschrieben habe.

So hat Josef schließlich in das Haus seines Glücks zurück gefunden. Nur wenige Monate später nach seiner Rückkehr starb auch Mutters Schwester, die ihn so fürsorglich aufgezogen hatte, im hohen Alter von 96 Jahren. Sie wurde im Grab der Familie auf dem Dorffriedhof beigesetzt.

Viele Jahrzehnte ist er als Vagabund ruhelos in der Weltgeschichte herum gereist ohne zu wissen, dass sein großes Glück im heimatlichen Dorf lag.

Dorthin war er zurück gekehrt, und in hier würde er auch sterben.

ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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