F.M.D. Dzaack

Auf der Suche

Würden sie es wirklich tun?
Sie standen vor dem Objekt der Begierde. Der Mann legte seinen Rucksack ab und setzte sich auf seine ausgebreitete Jacke. Die Frau blieb währenddessen stehen. Sie konnte es noch nicht recht glauben, dass sie es bis hierher geschafft hatten.

»Ist es denn die richtige?«, fragte sie.
»Davon gehe ich aus.«, sagte der Mann. »Komm gesell dich zu mir. Lass uns noch die restlichen Sonnenstrahlen genießen.«
»Was ist los mit dir? Wir haben es fast geschafft und du willst die Sonne genießen?! Denkst du es ist alles nur ein Spiel?«
»Auf eine gewisse Weise schon. Und wir werden gewinnen.«, sagte er und lachte hysterisch.
»Hör auf damit. Wirst du denn auf den letzten Metern noch den Verstand verlieren. Was habe ich mir nur dabei gedacht?«, sagte sie.
»Du hast an dasselbe wie ich gedacht«
»Und das wäre?«
»An uns. An unsere Freiheit.«, sagte er.
»Werden wir denn danach frei sein? Glaubst du wirklich?«
»Ich weiß es.«
»Worauf warten wir denn noch? Lass es uns tun.«
»Gemach, gemach, nichts überstürzen.«
»Hast du etwa Zweifel? Liebst du mich nicht?«, sagte sie.
»Natürlich liebe ich dich. Wir müssen aber auf den richtigen Augenblick warten .«
»Was meinst du damit? Es ist doch die richtige Kirche, oder nicht?
»Ich bin mir ziemlich sicher. Aber es wundert mich, dass er noch nicht hier ist. Wie spät ist es?«
»Viertel nach zwei.«
»Merkwürdig. Er wollte um Punkt zwei Uhr hier sein.«
»Können wir nicht nachschauen? Schließlich ist doch jeder ein Kind Gottes.«, sagte die Frau in einem ironischen Ton.
»Nein. Er hat mir ausdrücklich gesagt, dass wir uns vor und nicht in der Kirche treffen.«
»Ich vertraue dem Ganzen nicht. Woher soll er wissen, wo sie sich befindet? Oder hat er etwa…?«
»Nein, er war es nicht. Aber er war dabei, als es passiert ist. Darum weiß er wo sie sich befindet.«, sagte der Mann.
»Ach, wirklich? Warum hat er es denn nicht verhindert?«, sagte sie verärgert.
»Niemand hätte es verhindern können. Es war Schicksal.«
»Nun fängst du damit wieder an. Deine Erklärung für alles. Das war Schicksal und jenes war Schicksal, dass das Kind von einem Auto überfahren wurde war wohl auch Schicksal, oder Liebling?«
»Traurigerweise, ja. Manche haben Pech und andere wiederum Glück.«
»Und wer entscheidet darüber, wer Glück oder Pech haben wird? Gott etwa?«
»Lass uns das Thema wechseln. Das führt zu nichts.«
»Ich möchte aber darüber mit dir diskutieren. Vielleicht kannst du mich ja überzeugen.«, sagte sie.
»Willst du dich wirklich mit mir streiten? Kurz bevor… kurz bevor… na, du weißt schon.«
»Ist das dein Ernst? Du kannst es nicht mal aussprechen?! Oh, was habe ich mir nur dabei gedacht.«

Sie schwiegen eine Weile. Jedes weitere Wort hätte zu einem schlimmen Streit geführt und damit wäre ihr Unterfangen gescheitert, bevor es wirklich begonnen hatte. Der schwierigste Teil stand noch bevor. Allerdings benötigten sie die Hilfe von dem Zeugen, der immer noch nicht aufgetaucht war. Allmählich wurde er nervös. Hatten sie ihre Chance verpasst? War es endgültig vorbei? Wie sollte er es nur seiner Frau beibringen, der er es versprochen, ja geschworen hatte. Die Stille wurde von den Glocken der Kirche beendet, es war drei Uhr. Eine Stunde war vergangen, eine Stunde, möglicherweise die letzte Stunde, die sie gemeinsam hatten. Kurze Zeit später kamen Menschen aus der Kirche, schick gekleidet, die Männer in überwiegend schwarzen Anzügen, die Frauen in unterschiedlichsten Kleidern. Sie passierten der Reihe nach das Paar, ohne ihnen jegliche Beachtung zu schenken, stiegen in ihre Autos und fuhren fort. Allerdings blieb ein Mann, der die Kirche zuletzt verließ, vor dem Paar stehen. Es war der Pastor. Der Mann stand auf und begrüßte den Pastor.

»Sie sind doch noch gekommen. Ich hatte schon die Hoffnung verloren.«, sagte der Mann und drückte fest die Hand des Pastors.
»Es tut mir leid, aber ein Kollege von mir ist krank geworden, sodass ich den Gottesdienst übernehmen musste. Ich hoffe Sie mussten nicht allzu lange auf mich warten.«
»Eine Stunde.«, sagte die Frau.
»Haben Sie etwas gesagt?«, fragte der Pastor, indessen der Mann etwas Undeutliches murmelte.
»Nein, entschuldigen Sie, ich musste nicht lange auf Sie warten.«
»Gut. Sie wollten mit mir über Ihre Frau sprechen?«
»Ja, das ist richtig.«
»Nun?«
»Soll ich nicht lieber mit ihm reden?«, sagte die Frau.
»Nein, schon gut, ich werde mit ihm reden. Wenn du etwas ergänzen möchtest, dann gib mir Bescheid.«, sagte er zu seiner Frau.
»Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«
»Ja, wieso fragen Sie?«
»Sie verhalten sich merkwürdig.«
»Ich? Nein, nein ich weiß nicht was Sie meinen.«
»Sind Sie sich sicher? Wir können unser Gespräch auch auf einen anderen Tag verschieben. Das ist gar kein Problem.«
»Nein, Herr Pastor, es ist wirklich wichtig. Wissen Sie, die Zeit läuft uns davon.«, sagte der Mann erregt.
»Na gut, um was geht es denn genau?«
»Sie waren doch dabei, als meine Frau, na Sie wissen schon.«
»Ich war gerade auf dem Nachhauseweg, als es passierte.«
»Haben Sie sie gesehen?«
»Ja, aber nur kurz. Die Polizei hatte bereits alles abgesperrt.«
»Gut, dann können Sie mir bestimmt sagen wo sie sich befindet.«
»Bei Gott.«
»Nein, Sie verstehen nicht, meine Frau, sie glaubt nicht an Gott. Sie ist nur mir zur Liebe die Jahre über mit in die Kirche gegangen.«
»Das mag sein, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass sie jetzt bei Gott ist. Sie ist ein guter Mensch gewesen. Und gute Menschen leben nach unserem Leben weiter im Himmel bei Gott.
»Will der mich verarschen? Bei Gott, das ich nicht lache. Ich sollte ihm eine rüber braten.«, fluchte die Frau.
»Beruhige dich. Wir brauchen seine Hilfe. Ansonsten finden wir sie nie.«
»Dann wäre das wohl auch Schicksal, oder Liebling?«
»Sei still jetzt. Ich mag es nicht, wenn du mich provozierst. Lass mich mit ihm reden. Er wird uns schon sagen wo sie ist.«
»Ich befürchte Sie sind noch nicht bereit über den Tod Ihrer Frau zu reden.«, sagte der Pastor.
»Wieso sagen Sie sowas? Ich… ich… ich wollte Sie doch nur fragen, ob Sie wissen, wo sich meine Frau befindet.«
»Das habe ich Ihnen bereits gesagt.«
»Ich meine ihren Körper.«, sagte der Mann.
»Was wollen Sie mit der Leiche Ihrer Frau?«
»Wieso die Leiche? Meine Frau ist nicht tot. Wovon reden Sie da?«
»Haben Sie alles vergessen? Ihre Frau ist vor drei Tagen von einem Mann auf offener Straße erstochen wurden.«
»Das ist nicht ganz richtig.«, sagte der Mann. »Sie wurde zwar von einem Mann attackiert, aber sie ist nicht gestorben, sondern hat nur vorübergehend ihren Körper verlassen. Deswegen sind wir jetzt auf der Suche nach ihrem Körper.«

Der Pastor war sprachlos. Er hatte vieles erwartet, das was der Mann aber gerade zu ihm gesagt hatte überstieg seine Vorstellungskraft, sodass es einen Moment dauerte bevor er sich wieder gefasst hatte.

»Sie brauchen professionelle Hilfe.«, sagte der Pastor und schrieb eine Telefonnummer auf einen kleinen weißen Zettel. »Hier, rufen Sie die Nummer an. Der Dieter ist ein guter Freund von mir, er wird Ihnen helfen können.«

Der Pastor gab dem Mann den Zettel, verabschiedete sich und ging anschließend zurück in die Kirche. Der Mann wedelte freudig mit dem Zettel und sah zu seiner Frau hinüber, deren Verärgerung sich gelegt hatte. Schließlich waren sie nun ein deutliches Stück näher an ihrer Wiedervereinigung.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.05.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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