Luki K

Im Chicken Bus

🐥🚎

 

Knallfarbige Schriftzüge auf den nicht minder bunten Bussen zeigen an, wohin es geht: Meine Reise führt vom in der Nacht kühlen Quetzaltenango ins 90 Kilometer entfernte Huehuetenango, ein Zwischenstopp der heutigen neuneinhalbstündigen Odysee. Die Rucksäcke werden aufs Dach des alten US-Schulbusses geworfen. Frauen in traditionellen Kleidern zwängen sich mit ihren Einkäufen vom Markt zwischen die engen Sitze, schick gekleidete Kaufmänner steigen zu, Kinder werfen uns Gringos einen verstohlenen Blick zu, ehe sie ihre Gesichter wieder hinter Süssigkeiten verstecken und Platz nehmen.

 

Nach kurzer Wartezeit fährt das klapprige Gerät los. Dicker, schwarzer Rauch bläst aus dem Auspuff, der Fahrer zerrt energisch an einer Leine. Ein Hornen ertönt. Sein Gehilfe, in der offenen Tür stehend, schreit laut und wiederholend, dass es nach „Huehue“ gehe. In der Anfangsphase hält der Bus an gefühlt jeder Ecke. Weitere Leute springen auf. Platz findet sich immer: Man kann auch gut und gerne mal zu viert auf einer Bank sitzen, die eigentlich für drei Schulkinder oder zwei Erwachsene gedacht wäre.

 

Nebst den Passagieren, einem Schaf auf dem Dach und zwei Hühnern in Kartonschachteln auf der Ablagefläche, hüpfen auch immer mal wieder Verkäufer in den Bus, die durch den engen Mittelgang balancieren und lautstark ihre frischen Mangos, Schokolade, Zeitungen oder manchmal sogar frisches Glacé (im Cornet und unverpackt!) anbieten. Manchmal gesellt sich auch ein Geistlicher dazu, der schreiend verkündet, dass Gott auf der Reise mitfährt; oder eine Frau, welche ihr missgebildetes Kind mitträgt (man ist versucht zu sagen: zur Schau stellt) und um Geld bittet; oder ein Mann, der ein Bein verloren hat, nun keine Arbeit mehr findet und sich durch den Bus humpelt, um für den Lebensunterhalt seiner Familie zu sorgen.

 

Der Gehilfe in der offenen Tür versucht während der ganzen Reise die Leuten, die am Strassenrand stehend auf einen Transport warten, in seinen Bus zu locken. Dazu kommt dauerndes Gehupe: mal um zu grüssen; mal um verärgert auszudrücken, dass der Vordermann gefälligst schneller fahren soll; mal um anzuzeigen, dass überholt wird. Untermalt wird das Schrei- und Hupkonzert von lauter Musik. Wenn man Glück hat Reggaeton, leider aber oft irgendeine schnulzige Latin-Playlist.

 

Die gut zweieinhalbstündige Reise auf der kurvigen, von Schlaglöchern übersähten Strasse kostet 20Q (nicht ganz 3 CHF) und erinnert eher an ein Abenteuer auf dem Rollercoaster als an eine gemütliche Postautofahrt: Dauernd präsent sind waghalsige Überholmanöver, wo einfach mal auf gut Glück die Strassenseite gewechselt wird, ohne auch nur annähernd zu erahnen, ob um die Kurve ein Auto entgegenkommen könnte. Abruptes Stoppen vor den Bremsschwellen und gekonntes Ausweichen von Schlaglöchern sorgen für Putschiauto-Feeling an der Chilbi.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Alle Haiku-Gedichte in "Den Wind jagen" von Heike Gewi sind im Zeitraum von Januar 2008 bis 2012 entstanden und, bis auf einige Ausnahmen, als Beiträge zur World Kigo Database zu verstehen. Betreiberin dieser ungewöhnlichen Datenbank ist Frau Gabi Greve. Mit ihrer Anleitung konnte das Jemen-Saijiki (Yemen-Saijiki) systematisch nach Jahreszeitworten für Bildungszwecke erstellt werden. Dieses Jahr, 2013, hat die Autorin die Beiträge ins Deutsche übersetzt, zusammengefasst und in Buchform gebracht. Bei den Übersetzungsarbeiten hat die Autorin Einheimische befragt und dabei kuriose Antworten wie "Blaue Blume – Gelber Vogel." erhalten. "Den Wind jagen" heißt auch, Dinge zu entdecken, die sich hoffentlich nie ändern. Ein fast unmögliches Unterfangen und doch gelingt es diesen Haikus Momente und zeitlose Gedanken in wenigen Worten einzufangen und nun in dieser Übersetzung auch für deutschsprachige Leser zugänglich zu machen.

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