Heinz-Walter Hoetter

Tapio, der Waldgeist

Ich befand mich im Sommer 1961 zusammen mit meinen Eltern in einer ziemlich abgelegenen Herberge irgendwo weit im hohen Norden Europas, ganz in der Nähe eines großen Waldgebietes, das sich bis zum Horizont, und weit darüber hinaus, erstreckte.

Etwa zwei Tage nach unserer Ankunft hatte ich ein äußerst seltsames Erlebnis, das ich bis heute nicht vergessen habe.

Wir waren tagsüber wandern, und als die Nacht hereinbrach und der Vollmond wie eine riesige Laterne die Umgebung hell erleuchtete, schaute ich wie gebannt in den funkelnden Sternenhimmel hoch über mir, ohne dabei an die Zeit zu denken.

Schon mein Vater und meine Mutter hatten immer zu mir gesagt, dass Kinder nie allein in den Wald gehen sollten, weil dort schlimme Gefahren lauerten oder „Wilde Männer“ in ihm ihr Unwesen trieben.

Doch ich lachte als Junge nur über die mahnenden Worte meiner Eltern und ließ sie einfach reden, denn ich empfand gerade die nächtliche Dunkelheit als etwas sehr Geheimnisvolles, das auf mich einen starken mystischen Reiz ausübte.

Im Schutz der Dunkelheit fühlte ich mich komischer Weise sicher und geborgen, und so machte ich mich dann schließlich auf, in den nächtlichen Wald zu gehen, ohne Angst natürlich, denn für mich gab es keine bösen Geister, Kobolde, Zwerge, wilde Männer oder ähnliches.

Ich streifte mir also meine warme Wolljacke über, stieg aus dem Fenster im ersten Stock, hangelte mich an den starken Ästen einer großen Eiche ab, die direkt vor der Herberge stand und marschierte geradewegs los.

Ein wundervolles Gefühl von unendlicher Freiheit kam in mir hoch. Es schien, als wartete das ganze Universum auf mich, das es zu entdecken galt.

Als ich in den nah gelegenen Wald trat, spürte ich sofort das Magische an ihm, und er riss mich immer weiter in sich hinein, bis ich schließlich an eine weite Lichtung kam, die wegen der hohen Bäume vom hellen Mondlicht allerdings nur fahl ausgeleuchtet wurde.

Ich schaute angestrengt in alle Richtungen, aber alles sah irgendwie gleich aus. Schattenhaft und düster schaute mich der schwarze Waldrand am Ende der Lichtung an.

Große Augen wie eine Eule müsste man haben, dachte ich so für mich, um alles gut genug erkennen zu können. Im gleichen Augenblick stolperte ich aber schon über eine dicke Wurzel und landete im Dreck des feuchten Waldbodens, der an dieser Stelle mit hohen Farnen bewachsen war.

Ich hustete und prustete wie verrückt, richtete mich aber gleich wieder auf und ärgerte mich über meine eigene Ungeschicklichkeit.

Dann hörte ich plötzlich ein verdächtiges Geräusch. Es kam aus dem Dickicht direkt vor mir. Etwas kam auf mich zu, denn es raschelte immer lauter.

Vielleicht ein Hase oder ein anderes Waldtier? Ich konnte es nicht sagen.

Ich stand da, überlegte hin und her und versuchte mich zu konzentrieren. Das Geräusch kam näher und näher und wurde immer lauter, was mich zu noch größerer Aufmerksamkeit bewog, indem ich das Unterholz vor mir intensiv beobachtete. Erkennen konnte ich jedoch nichts.

Ach was, es wird nur ein Tier sein, beruhigte ich mich selbst und ging schließlich langsam weiter.

In Gedanken versunken schritt ich über die ausgedehnte Lichtung. Der schwarze Nachthimmel mit dem silbrig leuchtenden Mond lag über mir, als wolle er mir den Weg zeigen, mich führen und begleiten bis hin zu einem verzauberten Ort im Wald, den noch kein Mensch zuvor gesehen hatte.

Um mich herum war absolute Stille, kein Windhauch regte sich.

Wieder hörte ich dieses seltsame Rascheln im Unterholz, und so langsam musste ich mir eingestehen, machte mir dieses unheimliche Geräusch wirklich Angst. Am liebsten wäre ich auf der Stelle weggerannt, doch ich konnte nicht, denn plötzlich war ich wie gelähmt und bekam kaum noch Luft vor lauter innerer Angespanntheit.

Ich fing an zu zittern, die Kälte des Waldes legte sich um meinen Körper. Ich spürte immer deutlicher, wie etwas auf mich zukam, was mein ganzes Leben verändern sollte.

Auf einmal hörte ich diese zierliche Stimme.

"Hallo, nächtlicher Wanderer. Was machst du um diese Zeit noch im Wald? Hast du keine Angst vor bösen Geistern?"

Ich drehte mich erschrocken um, schaute zu Boden und sah ein kleines männliches Wesen vor mir stehen, das mich freundlich anschaute. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte, denn es war eine Begegnung der außergewöhnlichsten Art, die nur ganz wenigen Menschen zuteil wird.

"Hab keine Angst mein Junge, ich bin dein Freund."

Und wer bist du“, fragte ich mit stockender Stimme zurück und kniete mich zu der kleinen Kreatur herunter.

"Hm, ich bin der Waldgeist, sozusagen dein Freund und Helfer in der Nacht. Immer wenn dich was bedrückt, wenn du traurig oder einsam bist und niemand mit dir reden will, kannst du nach mir rufen. Dann komme ich, um dir zu helfen."

"Wie heißt du denn, mein kleiner Freund?" fragte ich und lächelte dabei ein wenig verlegen.

"Ich heiße Tapio und bin der gute Waldgeist. Ich bin der Herr über die Tiere und Pflanzen, die hier leben."

Dieser Tapio war so ein niedlicher kleiner Kerl, dass ich ihn am liebsten gleich mit nach Hause genommen hätte. Doch dies war ein kindliches Wunschdenken meinerseits, denn meine Eltern hätten sicherlich einen riesengroßen Schrecken bekommen, wenn sie Tapio sehen würden, was ich dem kleinen Kerl wirklich ersparen wollte.

Der Waldgeist Tapio grinste jetzt, als könne er meine Gedanken lesen. Schließlich kletterte er auf mein Bein, hielt sich daran fest und strahlte über beide Ohren.

"Du bist wirklich ein netter Junge, einer derjenigen, die ich am liebsten habe. Wie ich sehe, magst du den Wald und seine Geheimnisse, obwohl du nicht an die Existenz von Waldgeistern glaubst. Nun, es gibt uns, wie du siehst. - Trotzdem bist du sehr rücksichtsvoll. Die anderen tun mir oft weh, sie trampeln auf mich herum, zerstören alles was schön ist, doch du, du bist mir gegenüber friedlich gestimmt. Du achtest den Wald und seine Lebewesen."

Ich wusste was er damit sagen wollte.

Die meisten jungen Menschen hatten nur Unsinn im Kopf. Sie ärgerten die Tiere im Wald, rupften sinnlos Pflanzen raus und warfen ihren Müll überall hin. Die Erwachsenen machten es ihnen ja vor und gingen häufig mit schlechtem Beispiel voran.

Aber Tapio war der Herrscher des Waldes. Er überwachte das rege Treiben im Wald und bestrafte so manch schandvollen Frevler auf seine Art. Manchmal recht böse, wie er offen zugab.

Ich jedoch hatte von nun an einen echten Freund gefunden, nämlich den Waldgeist Tapio.

Er erzählte mir in dieser Nacht noch viele sagenhafte Geschichten rund um seinen großen, geheimnisvollen Wald. Irgendwann muss ich aber dann doch wohl eingeschlafen sein und am nächsten Morgen fanden mich meine völlig entsetzten Eltern schlafend unter der mächtigen Eiche vor, zugedeckt mit einer dicken Schicht trockenem Heu, das von einer nahgelegenen Wiese stammte.

Wie das Heu dahin gekommen war, konnten sie sich nicht erklären und auch die übrigen Gäste der Herberge waren darüber sehr verwundert.

Doch ich schaute nur hinüber zum fernen Waldrand, dachte lächelnd wissend an Tapio, den Waldgeist, und behielt das Geheimnis für mich.

Bis heute.

 

ENDE

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