Heinz-Walter Hoetter

Albion, der Alchemist

Der Wind strich sanft über die wogenden Ähren draußen in den weiten Feldern und kräuselte fast lautlos die silbrige Wasseroberfläche des nahe gelegenen Flusses, der sich träge durch die dunkle Landschaft schlängelte.

 

In weiter Ferne ragten die hohen Türme der wuchtigen Stadtmauern und ein Meer von Dächern, die nur vom hellen Mondlicht übergossen wurden, in einen nachtschwarzen, Sternen übersäten Himmel hinein.

 

Wie überall, so herrschte auch hier vor der Stadt stille Einsamkeit.

 

Eine feierliche Ruhe schwebte empor zu Albion, dem Alchemisten, die tief in sein Herz drang und ihm einen zufriedenen Seufzer entlockte.

 

Frei und glücklich fühlte er sich in dieser Nacht, wie schon seit langem nicht mehr. In wundervoller Klarheit nahm er seine Welt um sich herum gewahr, die er still und hingebungsvoll beobachtete.

 

Und doch schien sie ihm so unendlich fremd, ja schier unbegreiflich zu sein. Lag es an seinem gewagten Vorhaben, das er jetzt endlich und unwiderruflich verwirklichen wollte?

 

Seine Gedanken wanderten plötzlich unruhig hin und her.

 

Offenbarten sich die Wunder des Universums für ihn nur in den Laboratorien, in den Dämpfen brodelnder Mixturen oder beim Gezische siedender Elixiere?

 

Oder gab es da noch was anderes?

 

Er wollte es unbedingt heraus bekommen.

 

War nicht vielleicht der Wunder allergrößtes jene demütige Ehrfurcht, die von der schlummernden Natur in solch heiligen Augenblicken dem wagemutigen Versucher von irgendwoher auf geheimnisvolle Art und Weise zugetragen wurde, um ihn von seinem frevelhaften Tun abzubringen?

 

Und weiter fragte sich der Alchemist, ob die planvolle, harmonische Schönheit der Natur – der sanfte Schwung der fernen Hügelketten am Horizont, zu denen er gerade andächtig hinüberschaute, die spiegelnde Oberfläche des träge dahin fließenden Wassers, das klare, verzaubernde Licht des Mondes hoch über dem Fluss, welches sich wie ein Mantel des Unwirklichen über die weite Landschaft ausbreitete, ja musste das nicht in seiner Gesamtheit für alle Zeit ein unlösbares Rätsel für ihn bleiben, trotz seines scharfen Verstandes und seines alles überragenden Wissens? – Und gebar nicht jedes Rätsels mühevolle Lösung ein noch schwerwiegenderes, so dass die gefundenen Lösungen im Grunde genommen nie ein Ende nahmen? Was würde ihn erwarten, wenn sein bevorstehendes Experiment wirklich gelingen sollte?

 

Ja was?

 

Albions Gefühle schienen in einen tiefen Abgrund zu fallen.

 

Wenn er schon wusste, wie sich die Gestirne im All bewegten, wer erklärte ihm jedoch schlüssig den Ursprung der Kraft, die sie durchs Universum treiben? Wer kannte die Ursache dafür, warum sie nach ganz bestimmten Gesetzen in vorgezeichneten, unveränderlichen Bahnen liefen?

 

Ja wer?

 

Tief in Gedanken versunken machte sich Albion wieder auf den Weg zurück in sein Labor, wo das von ihm zusammen gebraute Elixier schon vor Tagen seiner Vollendung in großen bauchigen Gläsern entgegen gereift war.

 

Die schäbige alte Kutte, die ihm schlaff am Körper runter hing, schleifte über den schmutzigen Erdboden und erzeugte dabei ein seltsam kratzendes Geräusch. Sein Gesicht war fahl, die Wangen eingefallen, so dass die Backenknochen weit heraussprangen. Seit Tagen hatte er schon kein richtiges Essen mehr zu sich genommen und wie von dunklen Mächten innerlich gejagt, strebte er einem fernen Ziel entgegen, von dem er nicht einmal wusste, wo es lag.

 

In seinem Laboratorium angekommen, schloss er sorgfältig die schwere Eichentür hinter sich zu, ging hinüber zur bereit stehenden Retorte und trank ohne lange zu zögern die rötlich schäumende Flüssigkeit darin bis zur Neige aus.

 

Nur wenige Minuten später.

 

Schwer und schwerer ging Albions Atem. Auf seiner bleichen Stirn perlte der kalte Schweiß, die trockenen, halbgeöffneten Lippen zuckten…, sein Blick hing noch immer an dem Glas, das jedoch plötzlich seinen matten Händen entglitt und laut krachend auf dem Fußboden in tausend Stücke zerbrach.

 

Doch dann tat sich etwas.

 

Sein bebender Körper erstrahlte auf einmal in einem wundersamen Licht, ganz überirdisch klar erfüllte es den Raum mit einem milden, bläulichen Schein, der den Alchemisten immer schneller kreisend wie ein rasender Wirbelwind erfasste.

 

Dann, von einer Sekunde auf die andere, war er plötzlich verschwunden.

 

Zurück blieb sein stilles Labor, wo Albion fast sein ganzes Leben verbracht hatte.

 

***

 

Prinz Sidden von Gautama stocherte geistesabwesend mit einem Zahnstocher zwischen den Zähnen herum. Mit eingehender Sorgfalt musterte er den weiten Nachthimmel, der sich über ihn ausbreitete. Rechts erkannte er eine Spirale silbernen Nebels. Sein Licht verblasste neben dem blauen, abgeplatteten Gestirn, das nahe über dem Zenit hing. Sein tiefblaues Licht strömte durch das transparente Rumpfsegment auf die künstlich angelegten Gärten des kaiserlichen Flaggschiffes „NOMUR“. Die weichen, beigefarbenen Sanddünen der Gärten erschienen wie gewellte Teppiche. Gelegentlich huschte eine dekorative Eidechse über den losen Sand, der an manchen Stellen von einer unbestimmten Anzahl grüner Riesenkakteen bedeckt wurde.

 

Prinz Sidden von Gautama räkelte sich genüsslich auf seinem weichen Plüschsofa. Mit gespielter Lässigkeit wandte er sich um und sah in das fahle Gesicht seines 1. kaiserlichen Wissenschaftlers Albion und fragte ihn nach dem Stand seines neuesten Projektes.

 

Hoheit, wir stehen kurz vor der Vollendung des Antimaterie-Konverters. Diese bahnbrechende Erfindung wird unsere Raumschiffe in die Lage versetzen, mit Überlichtgeschwindigkeit zu fliegen. Und das ist erst der Anfang, mein Gebieter. Zeitreisen werden möglich sein. Des Kaisers Machtgebiet wird sich über alle bestehenden Grenzen von Raum und Zeit hinweg ausdehnen. Der jetzt schon gewaltige Einfluss des Herrschergeschlechts der Gautamas wird nicht mehr aufzuhalten sein.“

 

Der Prinz lächelte geschmeichelt.

 

Ich bin darüber hoch erfreut, mein lieber Albion und weiß deine überragenden wissenschaftlichen Fähigkeiten zu schätzen. Auch mein Vater tut das. Aber bis heute hast du mir nicht verraten, woher du so plötzlich gekommen bist. Ich bin der Sohn des mächtigen Kaisers und habe es nicht so gerne, wenn man mir aus irgendwelchen Gründen die Wahrheit verschweigt oder ein Geheimnis vor unserer Herrscherfamilie verbirgt, das besonders mich als Thronfolger beunruhigen könnte. Außerdem gehörst du nicht zu unserer Rasse. Ich kann dir deshalb nicht in dem Umfange mein absolutes Vertrauen entgegen bringen, wie ich es mir von ganzem Herzen wünschen würde. Ich wollte dich eigentlich wegen deiner eisernen Verschwiegenheit schon vor Tagen deswegen köpfen lassen, aber du bist nun mal einer unserer fähigsten Wissenschaftler und im Augenblick einfach unersetzlich. Mein Eindruck ist der, dass du eine Gefahr für uns werden könntest, Albion. Deine Fähigkeiten scheinen grenzenlos zu sein. Doch denke daran, dass sich die wohlmeinenden Umstände irgendwann zu deinen Ungunsten verschieben könnten, mein Guter.“

 

Albion hustete etwas gekünstelt und griff sich instinktiv an den Hals.

 

Hoheit würden mich sicherlich für schwachsinnig erklären lassen, wenn ich die Wahrheit über meine Herkunft erzählte. Aber wenn Sie es wünschen, werde ich alles offenbaren.“

 

Nun denn, mein lieber Albion, beginne er endlich mit seiner Geschichte, ganz gleich wie phantastisch sie auch immer ausfallen mag. Und lüge mich bloß nicht an, denn meine Gedankenwächter beobachten dich genau. Sei also auf der Hut, mein 1. kaiserlicher Wissenschaftler.“

 

Ich verstehe, mein Gebieter. Also möge er mir jetzt aufmerksam zuhören….“

 

Nach einer kurzen Denkpause fing Albion damit an, seine Geschichte zu erzählen.

 

Ich war vor langer Zeit in einem anderen Leben Alchemist und entdeckte die Formel für ein geheimnisvolles Elixier. Nach Jahren harter Arbeit ging ich eine Tages spät in der Nacht nach draußen vor mein einsam gelegenes Haus, in dem mein Laboratorium untergebracht war. Es war die letzte Nacht in dieser alten Welt, denn ich hatte das Elixier fertig gestellt und wollte es an mir selbst ausprobieren. Noch einmal schaute ich mir deshalb alles ein letztes Mal an. Alles war so unwirklich ruhig, als ich einsam draußen in der fahlen Dunkelheit die Gegend durchstreifte. Dann ging ich in mein Laboratorium zurück und nahm den Wundertrank zu mir, der mich augenblicklich aus meiner Welt verschwinden ließ. Zu meiner großen Überraschung tauchte ich auf eurem Raumschiff „NOMUR“ wieder auf und wurde von dem kaiserlichen Wachpersonal sofort fest genommen. Als Sie, mein hochwohlgeborener Prinz Sidden von Gautama, von meinen außerordentlichen Fähigkeiten erfuhren, die ich auch unter Beweis stellen konnte, wurde ich alsbald zum 1. kaiserlichen Wissenschaftler befördert, was ich persönlich als eine überaus große Ehre für mich empfand. Meine Heimat, die Erde, liegt allerdings irgendwo da draußen in der Unendlichkeit des Universums. Wie ich dahin zurück kommen soll, das weiß ich nicht, denn mir fehlen die entsprechenden Koordinaten dazu. Das ist alles, mein Prinz."

 

Plötzlich riefen die Gedankenwächter wie im Chor mit lauter Stimme: „Er lügt, Prinz Sidden von Gautama. Er kennt die Koordinaten genau und weiß, wo die Erde liegt. Wir haben seine Gedanken lesen können. Der 1. kaiserliche Wissenschaftler hat das Herrschergeschlecht der Gautamas belogen. Darauf steht die Todesstrafe.“

 

Albion der Alchemist zögerte jetzt nicht lange und griff im Beisein des völlig verblüfften Prinzen in seine rechte Brusttasche, holte ein kleines verschlossenes Glas mit einer rötlichen Flüssigkeit aus ihr hervor, öffnete den Verschlusskorken und trank es mit einem einzigen tiefen Schluck leer.

 

Noch im gleichen Augenblick wurde der Alchemist von einem bläulichen Schein umhüllt, der seinen Körper immer schneller kreisend wie ein tobender Wirbelwind erfasste, bis er schließlich ganz darin verschwunden war. Die Waffen der kaiserlichen Soldaten prallten von dem Lichtwirbel ab, wie von einer unsichtbaren Betonwand. Sie zeigten nicht die geringste Wirkung.

 

Zurück blieb nichts als Leere an dem Ort, wo der Alchemist noch kurz vorher seine Geschichte erzählt hatte.

 

***

 

Der Wind strich sanft über die wogenden Ähren draußen in den weiten Feldern und kräuselte fast lautlos die silbrige Wasseroberfläche des nahe gelegenen Flusses, der sich träge durch die dunkle Landschaft schlängelte.

 

In weiter Ferne ragten die hohen Türme der wuchtigen Stadtmauern und ein Meer von Dächern, die nur vom hellen Mondlicht übergossen wurden, in einen nachtschwarzen, Sternen übersäten Himmel hinein.

 

Wie überall, so herrschte auch hier vor der Stadt stille Einsamkeit.

 

Eine feierliche Ruhe schwebte empor zu Albion, dem Alchemisten, die tief in sein Herz drang und ihm einen zufriedenen Seufzer entlockte.

 

Frei und glücklich fühlte er sich in dieser Nacht, wie schon seit langem nicht mehr. In wundervoller Klarheit nahm er seine Welt um sich herum gewahr, die er still und hingebungsvoll beobachtete.

 

Und doch schien sie ihm so unendlich fremd, ja schier unbegreiflich zu sein. Lag es vielleicht daran, dass er eine andere Welt besucht hatte, in der er der 1. kaiserliche Wissenschaftler gewesen war und nur knapp einer Hinrichtung entkommen konnte, wenn er sein Elixier nicht rechtzeitig getrunken hätte?

 

Tief in Gedanken versunken machte sich Albion wieder auf den Weg zurück in sein Labor. Dort angekommen, öffnete er die schwere Eichtür, trat in sein vertrautes Laboratorium, ging unverzüglich hinüber zur bereit stehenden Retorte und trank ohne lange zu zögern die rötlich schäumende Flüssigkeit darin bis zur Neige aus.

 

Dann, von einer Sekunde auf die andere, war er verschwunden.

 

Wohin es den Alchemisten Albion diesmal verschlagen hat, das kann ich euch schon sagen. Er tauchte nämlich ganz plötzlich bei mir auf, erzählte mir schließlich noch diese kleine Geschichte, bevor er sich wieder von mir verabschiedete und mit unbekanntem Ziel weiterreiste, vielleicht wieder zurück in seine Welt oder in eine andere irgendwo da draußen in der Unendlichkeit von Raum und Zeit.

 

 

ENDE

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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