Wolfgang Küssner

Drei Stammkunden

Ein richtiger Konsument denkt beim Stichwort Stammkunde natürlich ans Kaufen. Stete Werbetropfen höhlen selbst den letzten Widerstand. Wobei der Begriff Werbetropfen wohl eher einer Verniedlichung auf Nano-Niveau entspricht. Es sind gigantische, lockende Ozeane, die da über uns Konsumenten ausgeschüttet werden. Stolz klopfen sich die Adressaten ungezählter Werbebotschaften auf die Schulter und listen gern und im Nu jene Lokalitäten auf, in denen sie sich zu den Stammkunden zählen.

So ein Stammkunde sorgt meistens für eine gewisse Stabilität im Geschäft. Er ist eine Stütze des Händlers, könnte auch ein Gutkunde sein. Nur bei der Wortschöpfung Stammkunde hat man wohl an einen stabilen Stamm, ähnlich einem Holz-Stamm, als Träger des Blätterdachs, der Blüten und Früchte, gedacht. Der traditionelle Stammkunde ist ein Wiederholungstäter und hoffentlich frei von Blüten. Beim Einkauf, im Restaurant, an der Tankstelle, wo auch immer: Man kennt ihn, man grüßt ihn, heißt ihn willkommen; weiß um seine Vorlieben (australischer Shiraz oder spanischer Tempranillo), kennt seine Gewohnheiten (sitzt am liebsten am Bistrotisch oder vorm Weinregal), weiß um seine Order (trockener Sherry zu Beginn, zum finalen Abschluß der Brandy); er zahlt meistens mit Kreditkarte und einer Signatur, als wäre er Arzt (vielleicht ist er es sogar?), schaut gern anspruchsvolle, sozialkritische, problematische Filme (Sience fiction, Psycho etc. gar nicht erst anbieten). Triviales in Buchform interessiert ihn fast nicht.

Da sind der Bäcker und der Fleischer, da ist der Wochen- und der Supermarkt. Überall kennt man Stammkunden. In irgendeinem Bereich des täglichen Lebens sind wir alle Stammkunde. Der Raucher im Zigarettenladen (die bevorzugte Marke ist kein Geheimnis, genauso wenig wie jene Sprüche, die er beim Abgeben des Lottoscheins von sich gibt). Der Vegetarier im Bioladen; der Auto-Fahrer an der Tankstelle oder beim Händler; der Weintrinker in seiner Weinhandlung; der Alkoholiker in den von ihm frequentierten Kneipen; die Leseratte beim Buchhändler – so ein Stammkunde ist bekannt. Das sich jährlich wieder-holende, gleiche Urlaubsziel, die gleiche Domina mit Flogger. „Da weiß man, was man hat!“ Und vieles funktioniert auch ohne Werbung, oder es wird gar nicht mehr als solche empfunden. Stammkunden wollen und sollten nicht vergrault werden.

Beim Wort Stammkunde könnte man aber auch an einen Baum-stamm denken und sich die Frage mal ehrlich beantworten: „Wie kundig bin ich eigentlich in Sachen Stamm?“ Wie ist ein Stamm strukturiert? Wo befindet sich das Kern-, wo das Splintholz? Was wird beim Stamm als Mark bezeichnet? Was ist die Kambium-Schicht? Welche Funtion hat die Bastschicht? Was bezeichnet der Kundige als Borke? Verholzen eigentlich alle Baumstämme, oder gibt es da Ausnahmen? Welche Informationen über Wachs-tum und Klima können wir einem Baustamm entnehmen? Bis zu welchen Höhen gedeihen Bäume? Mit entsprechender Stamm-kunde wäre das Achselzucken ausgeblieben, die Fragen schnell zu beantworten.

Und dann ist da noch ein dritter Aspekt mit dieser Überschrift zu nennen. Zugegeben – eine Wortspielerei. Salopp formuliert, die menschliche Stammkunde. Zum Beispiel das Wissen vom Stamm der Herero, einem in Südwestafrika, dem heutigen Namibia beheimateten ehemaligen Hirtenvolk. Dem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts fielen sie zum Opfer. Deutsche Kolonialherren und ihre Soldaten waren es, die etwa 80.000 Hereros den Tod brachten. Was wissen wir über den Stamm der Karen im Norden Thailands? Im Myanmar der Militärjunta wurde dieses südost-asiatische Bergvolk über Jahrzehnte verfolgt. Etwa eine halbe Millionen Menschen, neben Myanmar auch aus Süd-China und Laos eingewandert, leben heute in den Bergen Thailands. Die Frauen mit dem eigenartig, langen Halsschmuck, als Padaung (Giraffenfrauen) bezeichnet, gehören zu den Karen. Was wissen wir über die Xingu-Indianer im brasilianischen Mato Grosso? Ende des 19. Jahrhunderts lebten etwa 3.000 Ureinwohner am Alto Xingu, einem Zufluß zum Amazonas. Die Eindringlinge aus dem fernen Europa brachten Krankheiten mit und dezimierten ihre Zahl auf unter 1.000. Heute leben im Mato Grosso wieder 3.000 Xingu- Indiander.

Doch wir müssen gar nicht soweit in die Welt hinausgehen: Im Norden Skandinaviens lebt das indigene Volk der Samen, früher als Lappen bezeichnet. Auf der russischen Halbinsel Kola ist eine Gruppe von Samen beheimatet. Was wissen wir über die Samen? Ihre Herkunft ist nicht ganz geklärt. Eine Theorie geht davon aus, die Bevölkerungsgruppe der Samen könnte genetisch einen Übergang von den Europäern zu den Ostasiaten bilden.     Eine andere Theorie geht von einer Besiedlung durch Eurasische Stämme gleich nach der Eiszeit aus. Stammkunde kann also durchaus spannend sein. Und was wissen wir über das west-slawische Volk der Sorben in der Lausitz, im Südosten unserer Bundesrepublik? Sie haben eine eigene Sprache, eine eigene Hymne, eigene Flagge. Woher kommen sie? Im Zuge der Völkerwanderung wanderten sie im frühen 6. Jahrhundert von den nördlichen Karpaten aus über Schlesien und Böhmen in die Lausitz.

Als informierter Weltbürger, als aufmerksamer Zeitgenosse (wohl eher Geniesser) können wir meistens zu ungezählten Werbe-sprüchen die Produkte benennen. Doch geht es um unsere Nachbarn, um die Mitmenschen auf diesem Globus, ob es nun Basken oder Bantus, Mon oder Himba, Aborigines oder Tuareg, Yanomani oder eines der vielen anderen Volksstämme sind, bleiben wir häufig ratlos und sprachlos. Zugegeben, deutlich einfacher ist ein Leben als konsumierender Stammkunde.

Mai 2017

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