Manfred Gries

Eine längst vergessene Rose

München, ein sonniger Nachmittag im kalten Herbst des Jahres. Schweigend saßen sich die beiden in einem kleinen Cafe gegenüber. Zu sagen gab es nicht viel, denn eigentlich waren sie einander fremd. Und doch war im letzten halben Jahr eine große Nähe zwischen ihnen entstanden - Nähe, die ihr unangenehm war. Welche Garantien konnte sie jetzt noch geben? Er schaute sie an, spürte die Umarmung jenes Morgens in dem kleinen Dorf, als sei sie gestern gewesen, und trug ihre Abwehrhaltung mit Fassung. Nein, es gab nichts zu besprechen, was in Worte zu fassen wäre. “Lass uns heute Abend essen gehen“ - er löste sich aus seinen Gedanken und stimmte ihr zu. “Muscheln in einem Restaurant an der Münchener Freiheit. Da bin ich früher oft gewesen, als ich noch in München lebte.“ Früher war eine Zeit, von der Sie ihm oft erzählt hatte. Früher hatte sie geheiratet und er hatte die Kirche gesehen, die Geschichten gehört, den Blick ihres Ehemannes erlebt, wenn er von früher sprach, als ihre Haarfarbe noch anders war. Die beiden versanken wieder in Schweigen.

Für ihn, der all die Trennungsgründe zwischen zwei Menschen nicht nachvollziehen konnte, war “früher“ eine Art Zuhause. Wilhelmine lebte früher und früher war Onkel Kurt Kreisjägermeister - der Dackel hatte drei Beine, damit er besser stehen konnte - früher. Er bestellte einen weiteren Kaffee und die Stimme des kleinen Mädchens drang an sein Ohr. Als wolle sie diese Stimme übertönen, sagte die Dame mit der Kaffeetasse in der Hand: “Wir sind dort immer mittwochs gewesen“. Er nahm sie nicht wirklich wahr. All diese Fröhlichkeit und Vertrautheit, die das kleine Mädchen ausstrahlte, er hatte sie erlebt. In Stunden, wo es keinen Platz zum Ausruhen gab, war sie aus der Wirklichkeit in seine Welt gedrungen. So musste Onkel Kurt sie erlebt haben. Die Zeit verging und der Kellnerwechsel gab den beiden die Gelegenheit zu zahlen. Sie verließen das Cafe um sich etwas frisch zu machen.

Mitten durch München verlief die Fahrt zum Restaurant. Ganz genau kannten die beiden den Weg nicht, denn früher war lange her. So ergaben sich Gespräche mit Taxi Fahrern, deren Auskünfte sie schließlich zum Ziel geleiteten. Die Parkplatzsuche gestaltete sich etwas schwierig - immerhin ist die Münchener Freiheit ein viel besuchter Ort. Für eine Weile konzentrierten sich seine Gedanken auf den Verkehr und schauten erst an dem kleinen Tisch im Restaurant wieder in die Realität ihres Gesichtes. “Muscheln in Rotweinsoße hätten wir gern und ein Glas Wein“, schloss er die Lesung der Speisekarte. Inzwischen war es draußen dunkel geworden. Onkel Kurt pflegte zu dieser Zeit dem kleinen Mädchen eine Geschichte vorzulesen, bevor er zum Canasta spielen aufbrach. Der Ober, ein etwas klein gewachsener Italiener, der wie viele Männer auf der Toilette am liebsten ein Separee pachtete, nahm die Bestellung entgegen. Sie schloss die Speisekarte mit jenem stolzen Ausdruck im Gesicht, den er immer etwas lächelnd begleitete. Damenhaft nannte er diesen Ausdruck. Das Schweigen des Nachmittags erwartete die Ankunft der Muscheln, während die beiden ihren Gedanken nachhingen. Im überfüllten Restaurant schien dieser Tisch eine Insel zu sein und die beiden die einzigen Gäste.

Die Muscheln, vom Ober galant serviert, sahen wirklich köstlich aus und genauso köstlich schmeckten sie auch. Man sah den beiden den Genuss an. Wieder erwachte ihre Erinnerung und sie erzählte, während er lauschte. “Danke“, unterbrach sie sich selbst. “danke für diesen schönen Abend“. Sein Blick kehrte kurz von der Tür zurück, an der er einen Inder mit Blumen entdeckt hatte, änderte sich zu einem Lächeln, dass sowohl den Dank beantwortete wie auch der Idee applaudierte, die in ihm reifte. Geduldig wartete er, bis der Inder in die Nähe der Insel gelangte, winkte ihm und erstand eine Rose, die von nun an den Tisch schmückte. Eine eigens vom Ober herangebrachte Vase versorgte sie mit Wasser. Sie schmunzelte mit jenem Ausdruck im Gesicht, den er damenhaft nannte.

Langsam begann sich ihre Aufmerksamkeit mehr dem Nebentisch zuzuwenden und die Insel versank in den Wortfetzen des überfüllten Restaurants. So verweilten sie noch eine Zeit, bis der Aufbruch nicht mehr aufzuschieben war. Er suchte noch rasch die Toilette auf, wo er den sichtlich etwas verwirrten Ober traf, der in seinem Separee gestört wurde. Trotzdem erfüllte er ihren Wunsch nach einer Visitenkarte für das Restaurant, nachdem die beiden zurückgekehrt waren. Die Augen auf den benachbarten Tisch gerichtet, schlüpfte sie in den Mantel, den er ihr brachte. Alles war wie früher gewesen. Ein solcher Abend hätte auch vor fünfzig Jahren stattfinden können. Die beiden verließen das Restaurant und kehrten ohne Geleit zum Krankenhaus zurück, in dem sie die Nacht verbringen würde. Der Abschied an der Pforte wurde kurz von einem Anruf unterbrochen, der aus der Schweiz kam. Schließlich machte auch er sich auf den Weg zu seinem Hotel. Bei einem letzten Bier wurde er erneut vom Klingeln überrascht. “Ich bin traurig“, klang es aus dem Hörer. “Die Rose haben wir vergessen“. Diesmal schmunzelte er. “Nicht wir - du hast sie vergessen“. Gott sei Dank hatte der Ober die Vase gebracht und so besteht Hoffnung, dass vielleicht jemand Jahre später noch erkennen kann, dass früher an diesem Tisch einmal ein Abendessen stattfand. Er legte sich zu Bett und Onkel Kurt brach auf zu einer jener Nächte, in denen er Canasta spielte.

Manchmal erinnert er sich noch an früher. Das kleine Mädchen ist erwachsen geworden, hat Kinder und spricht hin und wieder mit ihm. Und wenn die beiden Lachen, dann denkt er an die Rose, die längst vergessene Rose, die er zur falschen Zeit verschenkte. Heute verschenkt man Rosen an Freunde, die Geschenke annehmen können. Zusammen mit Onkel Kurt schmunzelt er über die kleine Zufriedenheit, die sich die beiden bewahrt haben.

Einmal ein Dankeschön an alle Leser dieser Geschichte. Ich bin überrascht, dass sie so oft gelesen wurde.

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Seltsam, wie das Leben manchmal spielt. Diese Geschichte entstand, bevor ich dem kleinen, erwachsen gewordenen Mädchen einen Strauß Rosen schenkte. Rosen verschenkt man an Freunde...wie wahr dieser Satz im Leben doch ist.
Manfred Gries, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.07.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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