Angie Pfeiffer

Pulsierendes Rot - plötzlich schmeckt sein Blut bitter ...

Ich verschmelze mit den Schatten. Träge wälzen sie sich durch die engen Straßenschluchten, lassen mich unsichtbar werden.
Kalt!
Ich erstarren fast vor Kälte.

Vorhin, auf dem Dach des Hauses fühlte ich mich lebendig, fühlte warmes Pulsieren unter zarter Haut. Liebkoste sie, bevor ich ihr das Leben nahm. Ein Biss, köstliches, warmes Blut. Ein spielerischer Stoß. Ihre leere Hülle stürzte in den Abgrund. Dann der Aufprall. Nur ein Schatten auf dem Asphalt.
So bleich ist sie, so kalt ohne das pulsierende Rot.
Stimmen.
„Sie ist wohl gesprungen, wollte sich das Leben nehmen.“
Ich erwache aus meiner Starre, denke amüsiert: ‚Gesprungen? Ist sie das?’
„Aber wieso ist hier kein Blut?“, klingt es ratlos, schockiert.
Ich gestatte mir ein Lächeln. Narren allesamt, sie haben keine Ahnung. Prüfend nehme ich Witterung auf. Ihr Geruch ist verschwommen, nichtssagend.

Weiter! Es ist Neumond. Perfekt für die Jagd. Bin noch lang nicht gesättigt, spüre meine Kraft. Unmenschlich ist sie, berauschend. Plötzlich ein Gebäude, abseits der anderen, heruntergekommenen Häuser. Laute Musik, Lichter, Gelächter.
Erinnerungsfetzen überfluten mich. Hier war ich in einem anderen Dasein. Tanzen, lachen, Zärtlichkeit. Ein seltsam leichtes Gefühl prickelt in mir, verbunden mit der Erinnerung an ein lächelndes Gesicht. Es gehört zu einem Mann. Ich drücke mich in die altvertrauten Schatten.
Vorbei.
Dieses Leben gibt es nicht mehr. Was ist geblieben? Nebelhafte Bruchstücke. Verblasste, verstörende Gedanken an Glück, Wärme, Geborgenheit. Sie bringen einen tiefen Schmerz, denn ich weiß, dass ich nun eine Kreatur der Dunkelheit bin. Eine kalte Jägerin, die nach warmem Blut giert.
So warte ich. Zeit spielt keine Rolle. Schließlich kommen sie aus dem Gebäude. Jung sind sie alle miteinander.
Verlockender Geruch.
Es ist ein ganz besonderer Duft, der mich sofort betört, heraussticht, metallisch ist und bitter süß. Die Witterung aufnehmend folge ich der Spur. Bald trennt sich die Gruppe. Ich folge lautlos dem ganz besonderen Aroma, bin dicht hinter der Person, die ihn verströmt. Es ist ein Mann, jung, attraktiv, mit hellem Haar, doch das interessiert mich nicht. Der Duft ist es, der mich fasziniert, in den Bann schlägt.
Endlich kommt meine Gelegenheit. Wir sind allein zwischen den dunklen Häusern. Als ich ihn stelle, schaut er mich überrascht an, schüttelt meine Hand voller Abscheu ab, will sich abwenden. Doch ich halte ihn fest, zwinge ihn, mich anzusehen.
Erkennen in seinem Blick. Ein heiseres Flüstern: „Bist du es? Herrgott, was ist los mit dir? Du siehst ekelhaft aus!“ Er weicht zurück.
Ich lasse es zu, weiß, dass er nicht flüchten kann. Wie ein Tier in einer Falle sieht er um sich, macht einen Schritt rückwärts, fällt.

Es ist keine große Wunde, eine Abschürfung nur, aus der ein wenig Blut sickert.

Ich komme zur Besinnung. Hocke über den Toten gebeugt, habe seinen Lebenssaft bis auf den letzten Tropfen getrunken. Im Aufstehen blicke ich noch einmal in sein wächsernes Gesicht, erstarre. Das andere Leben - er ist es. Plötzlich schmeckt sein Blut bitter auf meiner Zunge. So bitter, wie mein Dasein jetzt ist ...
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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