Margit Farwig

Wenn fünf Katzen den Mensch erziehen

 

Immer diese Katzen. Zeitweise sind es fünf. Sie laufen durch alles und über alles und knicken manche Blume. Sie ziehen zu zweit, allein oder mit aufgebrachtem Hund hinter ihnen rasend, ums Haus.

All das, insgesamt gesehen, ist ja weder tragisch, noch gefährlich. Nun hatte ich in die Tanne am Küchenfenster, gleich in der vorderen Reihe im beginnenden Winter Futterknödel aufgehängt. Da konnte ich die Vögel gut beobachten und freute mich daran.

Auch die Katzen hatten ihre Freude daran. Sie lauerten den Vögeln auf. Eine erdreistete sich und nahm Platz auf der Küchenfensterbank. Mit kühnem Sprung setzte sie den Meisen nach. Das kann doch nicht wahr sein. Runter mit dir Ungeheuer! Das wäre geschafft. Keine drei Minuten später flog etwas Schwarzweißes hoch durch die Luft in Richtung Meisenknödel. Es war ein Katzenlaib bei näherer Betrachtung. Zum Glück konnten sich die Vögel wieder einmal retten.

Schaute ich zum Fenster hinaus, sahen mich durchs Tannengrün nur zwei undurchdringlich starrende Augenpaare an. Eine List musste her und ich wusste auch schon welche. Ihr werdet euch wundern! Und das taten sie dann auch. Ich öffnete das Fenster und imitierte das Bellen eines großen, scharfen Hundes. Ich verfüge über Bellqualitäten vom kleinsten Pinscher bis zum größten Ungeheuer, einschließlich tiefsten Grollens bis höchsten Piepens.

Ich begann mit drohendem Grollen, verfiel in aufgeregtes mittelstarkes Bellen und wartete auf Wirkung. Sie stellte sich sofort ein. Entgeistert schaute mich das Tier an, ich meinte, sogar einen Anflug von Bewunderung erkennen zu können. Es überwog die Verblüffung. Mensch, du kannst machen wie ein Hund. Das musste sich der Vogelfänger genauer ansehen. Sie forderte mich geradezu heraus, noch eine Vorstellung zu geben. Die kannst du haben. Diesmal kam List Nummer zwei hinzu.

Mit einem vorgetäuschten Satz aus dem Fenster, nicht ohne Bellen und Knurren, hechtete ich meinen Oberkörper halb aus dem Fenster und ließ erkennen, dass ich eventuell bereit wäre, mich ganz hinaus zu stürzen. Das saß. Fort war das Gesindel. Meine anfängliche Enttäuschung verflog, und es breitete sich nun tiefe Genugtuung aus. Souverän schloss ich das Fenster und ging meiner gewohnten Hausarbeit nach.

Ich weiß nicht wie es kam, dass ich doch noch einen Blick nach draußen warf. Seelenruhig und in gewisser Erwartungshaltung saß meine alte Freundin da. So ein Spektakel kann man aber nur einmal am Tag veranstalten, ich musste sie enttäuschen. Zwei- bis dreimal habe ich diese Prozedur aus diversen Hausöffnungen noch versucht. Heute leben wir in Eintracht nebeneinander. Sie laufen, mein Einverständnis voraussetzend, von links nach rechts, von vorne nach hinten, von oben bis unten, von rechts nach links usw. zu jeder Tages- und Nachtzeit über jeden Quadratzentimeter.

Katzen machen ja auch keinen Dreck. Nur wenn sie Durchfall haben, sind die Terrasse und der Rasen beschmutzt. Mit einem Papiertaschentuch wische ich sorgenvoll die Steine ab. Sicher geht es euch morgen wieder besser. Mal wärmt sich die eine in der Morgensonne auf, mal sucht die andere Schatten in der Mittagshitze, die nächste wiederum schlüpft beim Regenschauer in die Holzkiste für Blumenzwiebeln. Oder sie ruhen zu zweit, die beiden scheinen verwandt zu sein, unterm Tannengesträusch. Auf Zehenspitzen gehe ich zur Mülltonne, um sie nicht aufzuwecken. Es könnte ja sein, dass sie lästige Mäuse weggefangen haben. So etwas will verdaut sein. Ein klein wenig Erziehung musste aber doch sei, sie mussten spüren, dass es eine waltende Hand gibt. Nie wieder hänge ich Meisenknödel auf.

 

© Margit Farwig    2008

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