Gertraud Widmann

Mietshaus Nummer 10

 

Das alte Ehepaar Wipflinger wohnt jetzt schon seit fünfzig Jahren in
diesem Mehrfamilienhaus - im Parterre unten links. Genau dort - so
 heißt es - wohnen in Österreich die Hausmeister ... Ja und deshalb
klingelt man anscheinend auch hier erst einmal bei Wipflingers.
Ob es der Postbote ist, der Päckchen „loswerden“ will, der Gasmann
der in den Keller möchte, der Kaminkehrer, der aufs Dach muss, ja
oder die Herrschaften von den „Zeugen Jehovas“.

Die Wipflingers sind in und mit diesem Haus alt geworden und sie
haben so Einiges erlebt. Menschen aus unterschiedlichsten Ländern
(außer aus Bayern!) sind hier ein- und wieder ausgezogen. Einige
Nachbarn sind verrstorben, auch der nette alte Herr aus Nürnberg,
der im Sommer täglich auf der Wiese vor dem Eingang - in seiner
knallroten „Durnhose“ (fränkisch) und weißem Feinripp-Unterhemd
Tai Chi machte ...
   Freilich gab`s ab und zu kleinere „Ärgernisse“, denn wenn man im
Parterre wohnt, dann kommt nicht nur „Gutes“ von oben.
Ob die Dame vom ersten Stock ausgerechnet dann ihre Blumen gießt,
wenn Frau Wipflinger auf der Terrasse die Betten lüftet ...
Oder, wenn der fette Kater vom dem älteren Herrn aus dem zweiten
Stock den Thunfisch nicht verträgt und l alles wieder `runter spuckt ...
Oder, wenn die Frau vom dritten Stock ihren Balkon mit weiß der
Teufel was schrubbt und danach die Brühe auf der Terrasse einen
schillernden Schaumteppich bildet ..
Dem jungen Mann, der ständig Zigarettenkippen und „Guadlpapierl"
auf die Terrasse warf, dem hat`s Herr Wipflinger „ausgetrieben“: Als
er „ermittelt“ hatte, wo das herkommt, hat er alles aufgesammelt und
Demjenigen immer wieder in den Briefkasten geworfen! Es hat zwar
ein paar Tage gedauert, aber dann war die „Botschaft“ angekommen.
   Aber all die Jahre konnten sämtliche Unstimmigkeiten friedlich aus
der Welt geschafft werden – sogar Das:
Das Paar gegenüber von Wipflingers hatte geheiratet und kam mit ein
paar Gästen spät in der Nach laut krakeelend nach Hause. Als sie in
der Wohnung verschwunden waren, dauerte es keine zwei Minuten
und der Bräutigam stürmte - bewaffnet mit einem Baseballschläger -
wieder heraus, um mit Geschrei auf Wipflingers Tür einzudreschen!
Und nur weil er irrtümlich dachte, sie wären es gewesen, die sein
Schlafzimmer mit Luftballons und Toilettenpapier vollgestopft hätten.
Nach zwanzig Minuten hatte der Spuk ein Ende und es wurde wieder
ruhig - im Mietshaus Nummer 10.

In diesem Haus war auch der „NSA“ (Nachrichtendienst in Amerika)
vertreten ...Hier hieß das allerdings: „Nachbarin Sieht Alles“!
Das war in diesem Fall die Kriminalhauptkommissars-Witwe, Frau
Billmeier. Jeden Morgen ab 7 Uhr, wenn`s nicht g´rad regnete oder
schneite, stand sie im bunt geblümten Morgenmantel auf dem fast
ebenerdigen Balkon direkt neben dem Hauseingang. Und es entging
ihr nix ...
Ihr erstes „Opfer“ war meistens der zu dieser Zeit (logischerweise)
verschlafen wirkende Herr Otto, der seinen großen, braunen Boxer-
Hund ausführte. Und fast jedes Male ermahnte sie ihn:
   »Sie Herr Otto, wenn sie schon hier mit ihrem „Bismarck“ Gassi
gehen müssen, dann nehmen`s aber seine Hinterlassenschaften
wieder mit! «
   »Aber freilich doch Frau Billmeier«, nuschelte Herr Otto und er
wurde sofort von seinem „Bismarck“ weiter gezogen.
Als Nächster verließ Herr Zeiserl das Haus. Er war gut über siebzig,
ehemaliger Opernsänger und alleinstehend. Er trug fast jeden Tag
ein kleines Plastik-Säckchen mit Abfall zur Tonne. Ja und da musste
er natürlich an Frau Billmeier vorbei.
   »Na Herr Zeiserl, heut sind`s aber früh dran! « flötete sie und man
möcht`s nicht glauben, sie lächelte ihn an! Herr Zeiserl blieb stehen,
er wollte ja nicht unhöflich sein. Und schon beugte sie sich über die
Balkonbrüstung:
   »Wenn ich mir ihren Müll ansehe - das ist aber nicht g`sund, was
sie da so essen - Fertiggerichte, tz, tz, tz. Und was sie wieder alles
wegwerfen ... ganze Bananen ... übrigens, die Alufolie g`hört aber
nicht in den Bio-Müll - gel! «
Herr Zeiserl schüttelte zuerst den Kopf, nickte dann schuldbewusst
und ging schließlich wortlos weiter.
Jetzt hätte sie bald Frau Wipflinger, die schweren Schrittes aus dem
Haus ging, übersehen. „Ach die Arme, hat`s wieder im Kreuz“ wird
sie sich gedacht haben, sagte aber dann scheißfreundlich:
   »So, Frau Wipflinger, immer gesund und munter? «.

Die Einzigen, die den Hausfrieden immer mal wieder störten, war ein
Ehepaar um die Vierzig, kinderlos und altem österreichischem Adel!
Sie wohnten im Nebenhaus, Terrasse an Terrasse und somit Wand
an Wand mit Wipflingers. Und, sie hatten anscheinend das absolute
Gehör ... Gut, die Wände in den Häusern waren schon arg dünn, aber
sobald die beiden „Adligen“ ein Geräusch als störend empfanden,
hörte man im ganzen Haus ein lautes „peck, peck, peck“.
Man tratschte, dass diese Herrschaften, eigens zu dem Zweck einen
Zinnteller, an dem ein gusseiserner Korkenzieher hing, an die Wand
„genagelt“ hätten!?
   Wenn jemand Gäste hatte und es etwas lauter gelacht wurde ...
   wenn Herr Zeiserl drei Minuten länger Klavier spielte, als erlaubt ...

    wenn bei einem Fußballspiel einmal „Tooor“ geschrien wurde ...
   wenn Herrn Ottos Hund ausnahmsweise einmal zu oft bellte ...
   wenn jemand mittags auch nur einen Nagel in die Wand schlug ...
Dann ertönte dieses widerliche, laute „peck, peck, peck“!

Jedenfalls, lange hat die Hausgemeinschaft das hingenommen, man
will ja seine Ruhe. Aber dann war schließlich Schluss mit lustig:
Denn Herr Wipflinger war schwer erkältet und lag schon seit ein paar
Tagen im Bett. Da klingelte eines Abends das Telefon:
   »Siiiee, Frau Nachbarin, wie lange hat denn ihr Mann noch den
Schnupfen, der schnäuzt immer so laut? « ...

Ein heftiger Diskurs war jetzt nicht mehr zu vermeiden... und seitdem
galt der Spruch:
"Der beste Nachbar bleibt doch der, den man von weitem grüßt“.
 
                                               *****


Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten, lebenden
                oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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