Heinz-Walter Hoetter

Denn sie wollen nicht allein sein

Eine gewaltige Armee schlängelte sich durch das grüne Tal; die farblich unterschiedlich bemalten Fahnen an der Spitze des Heerzuges wehten in der warmen Sommerbrise, Männer mit umgehängten Trommeln schlugen den Takt für die Soldaten, die hinter ihnen marschierten. Die meisten von ihnen trugen schwere Bronze Kürassen und hohe Stiefel. Bewaffnet waren sie entweder mit vier Meter langen Speeren oder einem Wehrgehänge mit einer Streitaxt, einem Schwert und einen quadratischen Schild. Nur die begleitenden Offiziere ritten auf Pferden, die alle einen fein gearbeiteten, leichten Panzer trugen. Das Sonnenlicht wurde von den mit Gold und Emaille besetzten Ledersättel sporadisch reflektiert.


Es war Krieg.


DER UNBEKANNTE stand bewegungslos im Schatten einer alten Eiche, die hoch droben auf einem grünen Hügel stand und blickte auf die vorüberziehende Kolonne.


Es hatten in der Tat große Veränderungen stattgefunden, dachte er für sich und trat einen Schritt zurück, um nicht entdeckt zu werden.


Während DER UNBEKANNTE den zielstrebigen Marsch der Armee beobachtete, die letzten Trosswagen, von trägen Mulis gezogen, holpernd auf dem ausgefahrenen Weg weit unter ihm vorbeizogen und die dumpfen Schläge der Trommeln echoartig erstarben, wie der ferne Pulsschlag eines sterbenden Riesen, sann er über die Menschheit nach, deren Schicksal seine Rasse nicht aufhalten konnte. Sie waren nur dazu imstande, die Geschichte der Menschheit auf dem Planeten Erde wie interessierte Zuschauer zu beobachten.


Ein direktes Eingreifen war ihnen wegen ihrer besonderen mental Energie förmigen Struktur nicht möglich, was sie allerdings auch gar nicht beabsichtigten. Sie wollten nur unbemerkt in der Nachbarschaft von körperlichen Wesen leben. Mehr nicht.


Gleichmütig ging DER UNBEKANNTE auf einen erhöhten Felsen am Ende des Hügels zu und blieb auf ihm stehen. Von hier oben aus konnte er das gesamte Land bis zum weiten Horizont übersehen, wo überall schwarze Rauchfahnen den Himmel verdunkelten. Weit ab rechts von ihm befand sich ein fließendes Gewässer, dessen träge vorbei ziehendes Wasser ihn irgendwie daran erinnerte, dass der Fluss der Zeit in ähnlicher Weise fließt. Nur galt das nicht für seine Existenz.


Er dachte darüber nach, dass es für ihn, der so viele Äonen von Jahren gesehen hatte, eigentlich kein Maß für seine Lebensdauer gab, um sagen zu können: „Ich bin alt.“


Auch hatte DER UNBEKANNTE viele Namen und seine Natur war einzigartig. Er war keinem der bekannten Naturgesetze, ebenso irgendwelchen anderen einschränkenden Grenzen, wie denen von Raum und Zeit, unterworfen.


Als die Sonne hinter dem Horizont versank, ging DER UNBEKANNTE zurück auf den Hügel, wo der alte Eichenbaum stand und verschwand irgendwo dahinter im Nichts.


***

Eine gewaltige Armee schlängelte sich durch das grüne Tal; die schweren Panzerfahrzeuge waren olivgrün bemalt und an der Spitze des Heerzuges wehten in der warmen Sommerbrise einige kleine Fahnen, die an langen Antennen angebracht waren. Ihre rasselnden Stahlketten hallten durch die Umgebung.


Unzählige Mannschaftstransporter brachten schwerbewaffnete Soldaten an die Front, die sich irgendwo am fernen Horizont befand, wo immer wieder gewaltige, feuerrote Explosionsblitze aufleuchteten, gefolgt von krachenden Donnerschlägen.


Die meisten der Männer waren mit mattgrünen Stahlhelmen, ebenso mattgrünen Kampfanzügen und schusssicheren Panzerwesten ausgerüstet, die jeden Sonnenstrahl absorbierten. Über ihnen flogen ständig Gruppen von Hubschraubern, die ihre Raketen in die umliegende Gegend abfeuerten.


Es war schon wieder Krieg.


DER UNBEKANNTE stand abermals bewegungslos im Schatten der alten Eiche, die hoch droben auf dem grünen Hügel stand und blickte auf die vorüberziehende Militärkolonne.


Es hatten in der Tat schon wieder große Veränderungen stattgefunden, dachte er für sich und trat einen Schritt zurück, um nicht entdeckt zu werden.


Während DER UNBEKANNTE den zielstrebigen Marsch der Armee beobachtete, die letzten Panzer- und Mannschaftstransportfahrzeuge auf der gut ausgebauten Teerstraße weit unter ihm vorbeizogen und das hässliche Rasseln der metallenen Panzerketten langsam echoartig wie das Röcheln eines sterbenden Riesen verebbte, sann er darüber nach, wann er und seine Rasse diesen Ort wieder verlassen müssten.


Gleichmütig ging DER UNBEKANNTE auf einen erhöhten Felsen am Ende des Hügels zu und blieb auf ihm stehen. Von hier aus konnte er das gesamt Land bis zum weiten Horizont übersehen. Weit ab rechts von ihm befand sich immer noch das fließende Gewässer, dessen träge vorbei ziehendes Wasser ihn abermals an den unabänderlichen Lauf der Dinge in Raum und Zeit erinnerte.


Er dachte wieder darüber nach, dass es für ihn, der so viele Äonen von Jahren gesehen hatte, eigentlich kein Maß für seine Lebensdauer gab, um sagen zu können: „Ich bin alt.“


Auch hatte DER UNBEKANNTE viele Namen und seine Natur war einzigartig. Er war keinem der bekannten Naturgesetze, ebenso irgendwelchen anderen einschränkenden Grenzen, wie denen von Raum und Zeit, unterworfen.


 

Als die Sonne hinter dem Horizont versank, ging DER UNBEKANNTE zurück auf den Hügel, wo der mittlerweile uralte Eichenbaum noch immer stand und verschwand irgendwo dahinter im Nichts.


***

Was ist Zeit?


Wie viele Jahrhunderte, Jahrtausende waren schon vergangen?


Es war eine Welt des unheimlichen Schweigens. Es war ein blinde Welt. Es war eine kalte Welt.


DER UNBEKANNTE stand wieder am gleichen Ort, wo einmal die knorrigen Ästen der uralten Eiche in den Himmel ragten, die jetzt nicht mehr war. Zögernden Schrittes wagte er sich in diese neue Welt hinaus. Als er endlich den Hügel verlassen hatte und den Schnee bedeckten Felsen bestieg, musste er gegen eine aufkommende Panik ankämpfen, die ihn wie in wilden Energiewogen überrollte. Selbst jetzt bei Nacht, im Schein des Mondes, konnte er erkennen, dass sich die gesamte Umgebung bis zum fernen Horizont in eine gewaltige Eisfläche verwandelt hatte.


Die Menschheit muss wohl in einer langen Kette wütender Kriege den Planeten Erde endgültig zerstört haben. Der letzte aller Kriege aber war ein fürchterlicher Atomkrieg gewesen. Die Winter wurden plötzlich kälter. Bald gab es keinen Sommer mehr und das Eis staute sich Hunderte Meter hoch an. Eine neue Eiszeit war angebrochen, verursacht durch die Unvernunft des Menschen. Jetzt war es bereits zu spät für eine Umkehr.


Die Menschen begannen zu fliehen, als das vorrückende Eis seine unerbittlich kalte Hand nach ihnen ausstreckte. Es setzte eine wahre Massenwanderung in die wärmeren Gegenden der Erde ein. Jeder hoffte, er könne dem weißen Tod entkommen. Aber das Klima änderte sich nicht. Es wurde noch schlimmer. Die Macht des Eises überzog bald den ganzen Planeten, tödliches Schweigen nach sich ziehend.


Für immer.


DER UNBEKANNTE stand da und betrachtete mit traurig dreinblickenden Augen die tote Welt zu seinen Füssen, wo sich eine unendlich lange Kette von seltsam aussehenden Geschöpfen durch das eisige Tal schlängelte. Sie alle sahen aus wie er. Sie hatten keinen Körper, sondern bestanden nur aus einer milchig weißen Energiewolke, die von der Form und der Größe her die eines Menschen ähnelte.


Sie schwebten nur wenige Zentimeter dicht hinter einander über den mit Eis und Schnee bedeckten Frostboden, bis sie schließlich den weit entfernten Horizont erreichten, wo sie gemeinsam himmelwärts aufstiegen und schließlich in der Unendlichkeit eines Sternen übersäten Universums verschwanden.


Irgendwo da draußen würden sie einen neuen Planeten mit aufkeimendem Leben finden.


Dessen waren sie sich ganz sicher.


Denn sie wollen nicht allein sein...


 

Ende

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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