Heinz-Walter Hoetter

Der kleine Samen

Ein heftiger Sandsturm trug den Samen eines Baumes in die weite Wüste, wo er im Schatten eines niedrigen Felsens zu liegen kam und dort sehnsüchtig auf den Regen wartete. Doch keine Wolke ließ sich am blauen Himmel blicken. Es blieb lange Zeit heiß und trocken.

Der Samen wäre fast vertrocknet, wenn nicht eines Tages rein zufällig ein paar Ameisen vorbei gekommen wären, die hier schon lange in der Wüste lebten und gerade eifrig auf Futtersuche waren.

Der kleine Baumsamen sagte zu ihnen mit leiser, aber sehr trauriger Stimme: "Bitte helft mir doch, ihr lieben Ameisen! Ich habe schon seit langer Zeit keinen einzigen Tropfen Wasser mehr bekommen. Ich werde sterben, wenn bald kein Regen fällt."

Die Ameisen hatten echtes Mitleid mit dem armen Samen und überlegten die ganze Zeit, was sie tun sollten, um ihn zu retten.

Da hatte plötzlich eine alte Ameise eine Idee.

"Ganz in der Nähe befindet sich eine Oase, wo wir unseren Ameisenbau haben. Wenn jede Ameise von uns nur einen kleinen Tropfen Wasser zum Samen bringt, dann können wir ihn vor dem Austrocknen bewahren. Sobald die Sonne untergeht, fangen wir damit an, weil es dann kühler ist."

Das gesamte Ameisenvolk war von dem Vorschlag begeistert, sogar die Königin. Der kleine Baumsamen bedankte sich freundlich bei ihr und allen anderen Ameisen, doch er konnte kaum sprechen, weil er fast keine Kraft mehr zum Leben hatte.

Als die heiße Sonne endlich am fernen Horizont versank, krabbelten unzählige Ameisen von der Oase durch die nächtliche Wüste bis hin zu dem Samen, der schon ganz trocken und ausgedörrt in der Dunkelheit unter dem kleinen Felsen geduldig auf seine Rettung wartete. Es war wirklich höchste Zeit.

Plötzlich spürte er einen winzigen Tropfen Wasser auf seiner verschrumpelten Schale. Dann wurden es immer mehr. Eine Ameise nach der anderen schüttete jetzt ihr kühles Nass über ihm ab. Bald fühlte sich der Samen schon viel besser. Auch wurde er langsam immer größer und kräftiger, quoll schließlich auf und trieb kurze Zeit später schon die ersten Wurzeln in den kargen Boden.

Nach wenigen Monaten konnte man bereits erkennen, dass aus dem grünen Sprößling mal ein richtiger Wüstenbaum werden würde, dessen starke Wurzeln sogar bis zum Grundwasser runter wachsen konnten, was sein Überleben in der heißen Wüste sicherte.

So verging die Zeit.

Viele, viele Jahre sind seit damals vergangen, als eine große Ameisenarmee den Samen in der Wüste vor dem Austrocknen bewahrte. Jetzt stand an der gleichen Stelle ein großer, kräftiger Baum, der eine weit ausladende Krone mit unzähligen grünen Blättern entwickelt hatte, die kühlen Schatten für Mensch und Tier spenden konnten.

Auch die Ameisen tummelten sich überall auf seinen weit verzweigten Ästen und grünen Blättern herum. Manchmal erzählten sie sich untereinander eine kleine Geschichte, wie es dazu kam, dass dieser schöne Baum hier heute steht.

 

ENDE

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