Heinz-Walter Hoetter

Die Blumen von ZONAS

Der weite Himmel über mir war von einem leuchtenden Blau, wie ich es zuvor noch nie gesehen hatte. Ein herrlicher Geruch lag in der Luft, der auch mich umgab. Ich stand hier schon seit langer Zeit fast völlig bewegungslos im goldgelben Sand und ließ mich von einer kühlen Meeresbrise erfrischen.

 

Es war einfach phantastisch in dieser wunderschönen Welt auf ZONAS, die ich in einem fortwährenden Hochgefühl meiner sich langsam verändernden Sinne erlebte.

 

Die wunderbare Phosphoreszenz ließ das Meerwasser wie ein eisiges Feuer erscheinen und überall schwammen kleine Geschöpfe mit regenbogenfarbigen Augen herum. Andere wiederum huschten in großen funkelnden Schwärmen an mir vorbei und verschwanden als leuchtende Punkte im farbenprächtigen Riff, wo das Wasser so klar war, dass man bis auf den Grund hinunter sehen konnte. Die Atmosphäre war erfüllt von einem Sirenen ähnlichen Gesang, der auf mich eine wohlige, befreiende Wirkung ausübte und einen ununterbrochenen Strom glücklicher Gefühle in mir auslöste. Mein Standort im Gelände bot mir eine Menge Vorteile, denn ich konnte von hier aus nicht nur das ruhig daliegende Meer und seine bunten Bewohner sehen, sondern auch die hinter mir liegende Landschaft mit ihren vielen schönen Blumen, deren tiefrote Blütenkelche leise im Wind hin und her wogten, als winkten sie mir zu.

 

***

 

In diesem Teil der Galaxis standen die Sonnen viel enger beisammen als draußen am Rand, dort, wo die geschwungenen Seitenarme waren und sich der Heimatplanet der Menschen um den schwachen Stern Sol drehte.

 

Die Erde selbst, einst ein blau schimmerndes Juwel vor dem Hintergrund eines Diamant glitzernden Sternenhimmels der Milchstraße, war inzwischen rücksichtslos von gierigen, machthungrigen Materialisten total ausgeplündert und all seiner Bodenschätze beraubt worden. Schlimme Hungersnöte mit Abermillionen von Toten und zunehmende Massenaufstände auf allen Kontinenten hatten die Menschheit dazu gezwungen, nach anderen Welten im Universum Ausschau zu halten, wo das Überleben noch möglich war.

 

Eines Tages war es auch für mich soweit. Mit einem selbststeuernden interstellaren Raumschiff, und in einen todesähnlichen Kälteschlaf versetzt, verließ ich die alte Mutter Erde und nahm Kurs auf das Innere der Milchstraße. Irgendwann wurde ich vom Bordcomputer wieder aufgeweckt, weil seine ständig suchenden Langstreckensensoren ein Sonnensystem mit einigen erdähnlichen Planeten ausgemacht hatten, auf denen offenbar für Menschen lebensfreundliche Verhältnisse herrschten.

 

Schließlich lokalisierte ich einen Planeten auf dem sich besonders das pflanzliche Leben bereits über alle Kontinente ausgebreitet hatte. Ich nannte ihn ZONAS. Intelligentes Leben, wie auf Terra, gab es anscheinend noch nicht auf ihm, was an den vorläufig gewonnen Messdaten abzulesen war.

 

Wenngleich auch Flora und Fauna wenig mit der irdischen Tier- und Pflanzenwelt zu tun hatten, so boten sie doch gute Möglichkeiten zum Überleben, denn ein Großteil der einheimischen Gewächse und primitiven Lebewesen war relativ gut genießbar, auch wenn ich mich später an manche Geschmacksnuancen erst gewöhnen musste.

 

Ich landete mit meinem Raumschiff in der Nähe einer nur spärlich mit Vegetation bewachsenen Tiefebene und unternahm von hier aus viele ausgedehnte Expeditionen in die unterschiedlichsten Gebiets- und Landschaftsformationen des Planeten. Etwa ein Erdenjahr später entdeckte ich am Rande eines gewaltigen Meeres eine hochgewachsene, seltsam aussehende Blumenart mit leuchtend grün fluoreszierenden Blättern und auffallend tiefroten Blüten, die einen äußerst betörenden Duft ausströmten, der bei mir sofort intensiv wohltuende Wahrnehmungs- und Bewusstseinsveränderungen hervorrief.

 

Das geschah immer dann, sobald ich auch nur in die Nähe dieser faszinierenden Gewächse kam, die plötzlich in unterschiedlicher Stärke und Ausprägung rhythmisch zu schwingen anfingen. Wahrscheinlich taten sie das nur, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, gerade so, als würden sie das mit voller Absicht tun.

 

Beim ersten Mal wollte ich mir dieses hochinteressante Schauspiel natürlich nicht entgehen lassen und trat aus reiner Neugier noch näher an die Pflanzen heran. Sie vibrierten sofort wie Espenlaub und gaben schließlich eigenartig singende Töne von sich, die mir wie Lockrufe vorkamen.

 

Dann, als ich die Blüte schon beinahe mit meinen bloßen Händen fassen konnte, strömte plötzlich eine sich explosionsartig ausdehnende Duftwolke aus ihr heraus, die augenblicklich bei mir die spektakulärsten Halluzinationen auslöste. Die vorgegaukelten Sinneseindrücke waren von einer derart plastischen und gegenständlichen Intensität, dass ich glaubte, sie seien real. Ich geriet in Euphorie und ekstatische Verzückung, bis ich beinahe den Verstand verloren hätte. Trotzdem atmete ich weiterhin den süchtig machenden Duft ein und bemerkte dabei viel zu spät, dass ich dem Drogen artigen Einfluss der seltsamen Blume schon nach kurzer Zeit total verfallen war.

 

Dann kam, was kommen musste. Immer seltener ging ich zu meinem Raumschiff zurück, weil ich von der Vorstellung besessen war, etwas völlig Neues entdeckt zu haben, das mir den Weg zu gänzlich unbekannten Welten öffnete. Ich sah Dinge, die vor mir noch kein Mensch gesehen hatte.

 

Bald interessierte mich das wartende Raumschiff nicht mehr. Ich ließ die anstehenden Wartungsarbeiten von den Instandhaltungsrobotern erledigen, die mir anfangs hin und wieder auch etwas Essen brachten. Aber das geschah bald immer seltener, bis der Kontakt zu den Robotern und dem Raumschiff irgendwann ganz abbrach. Eine sanfte, innere Stimme sagte mir, dass diese Dinge für mich einfach nicht mehr von Bedeutung wären.

 

Mittlerweile hatte ich mit letzter Kraft den Strand eines weiten Meeres erreicht und mich dort einfach irgendwo auf einen der hohen Sandhügel gesetzt. Laufen konnte ich sowieso nicht mehr, denn mein Körper begann sich nach und nach langsam zu verändern. Ich konnte gegen diese völlig schmerzlos ablaufende Metamorphose einfach nichts tun und war wie gelähmt. Einzig und allein ein Rest meines menschlichen Persönlichkeitsbewusstseins im Gehirn schien der beginnenden Umwandlung noch standzuhalten oder wurde in dem sich langsam herausbildenden, Blumen förmigen Gewächses als organischer Bestandteil im neuen Gewebeaufbau mit integriert.

 

Überall sprossen jetzt braune Wurzeln aus meinem bis zur Unkenntlichkeit verformten Körper, die sich fingernd und suchend fest im sandigen Boden verkrallten. Der heftige Wind, der über das Meer kam, konnte mir bald nichts mehr anhaben und sogar meine hervor schießenden, tiefroten Blüten stellten sich ihm trotzig entgegen.

 

Die Zeit selbst existierte für mich bald nicht mehr.

 

 

***

 

 

In der nah gelegenen Tiefebene ragte die zerfressene, von schleichendem Verfall gekennzeichnete Metallhülle eines ehemals mächtigen Raumschiffes wie ein uraltes Denkmal aus längst vergangenen Zeiten in den azurblauen Sonnenhimmel des Planeten ZONAS hinein.

 

Meine empfindlichen Pflanzensinne registrierten dieses Objekt bisweilen, wenn mich der aufkommende Meerwind ein wenig herumdrehte. Es kam mir immer wieder so vor, als würde ich dieses merkwürdige Gebilde von irgendwo her kennen, das bereits viele Hundert Sonnenzyklen erlebt hatte und immer noch am gleichen Ort stand.

 

Manchmal stiegen deshalb ein paar Erinnerungen in mir hoch, die sich tief im sandigen Boden meiner Kernwurzel befanden. Dann sah ich, wie eine schemenhafte Gestalt das Raumschiff verließ, an meinem Ort verweilte, um sich schließlich in eine der vielen unsterblichen Blumen, die es auf ZONAS gab, zu verwandeln.

 

Ja, und irgendwann würde bestimmt ein neues Raumschiff kommen.
 


Ende

 

© Heinz-Walter Hoetter

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heinz-Walter Hoetter).
Der Beitrag wurde von Heinz-Walter Hoetter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Fabelhaft Tierisch: Gedichte und Zeichnungen von Gerhild Decker



Auch in diesem Buch erkennt man die ausgezeichnete Beobachtungsgabe der Autorin und Tierfreundin. In erfrischend heiterer Sprache lässt sie Tiere zu Wort kommen, stattet sie mit menschlichen Eigenschaften, Gedanken und Empfindungen aus und hält Menschen auf humorvolle, unterhaltsame Weise oftmals einen moralischen Spiegel vor. Dabei erkennt man, dass der Ursprung manch einer Weisheit durchaus bei den Tieren zu finden ist. Die Botschaften dieser Fabelgedichte sind durch Federzeichnungen geschmückt und sprechen Jung und Alt gleichermaßen an.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Sonstige" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Heinz-Walter Hoetter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der Wurm der Träume von Heinz-Walter Hoetter (Fantasy)
Pilgerweg...letzte Episode von Rüdiger Nazar (Sonstige)
Biographie eines Knoppers von Katja Klüting (Humor)