Wolfgang Küssner

Neulich im Restaurant

Die Landung der Iljuschin-IL62 auf dem Flughafen “José Marti” in Havanna war reine Routine. Die zuvor erfolgte Zwischenlandung im total verschneiten Neufundland verlief ohne Probleme. Das Flugzeug sowjetischer Bauart mit dem nahezu einmaligem Heckrad war allerdings schon etwas gewöhnungsbedürftig. Angeblich soll dieses Heckrad das gleichzeitige Be- und Entladen aller Teile der Aircraft ermöglichen; vor Boden-Kontakt des Hecks beim Abheben des Fluggerätes schützen. Böse Zungen behaupten jedoch, die Ingenieure hätten sich seinerzeit bei der Konstruktion verrechnet und das wäre der wahre Grund für dieses Stützrad. Das könnte eine Geschichte sein, die vielleicht ein andermal aufgeschrieben wird.

Während des Fluges von Europa nach Cuba wurden aus der „Bordküche“ in der sogenannten Holzklasse wahlweise Frikassee vom Huhn oder Goulasch vom Rind angeboten. Der Hinweis, die Gerichte könnten Spurenelemente von Fleisch enthalten, fehlte auf den erhitzten Menu-Packungen. Naja. Nach der Passkontrolle hiess es für die Fluggäste das Gepäck in Empfang zu nehmen. Gleich beim Betreten der Halle setzte sich eines der Förderbänder in Bewegung. Also reihte man sich dort ein. Doch das Band stoppte. Eine recht metallisch klingende Durchsage, bei der auch Gäste mit besten Kenntnissen der spanischen Sprache verzweifelt wären, ließ die Reisenden zum nächsten Förderband wechseln, da dieses nun gerade den Rundlauf startete. Das Prozedere wiederholte sich. Nanu? Versteckte Kamera? Auf Cuba? Zumindest wurden Erinnerungen an Tati´s Film „Die Ferien des Monsieur Hulot“ von 1953 wach. Reisende auf dem Bahnsteig; die unverständlichen Durchsagen; das Wechseln von einem zum anderen Bahnsteig jeweils durch die Unterführung. Hier in Havanna waren Tati´s Beobachtungen Realtität geworden.

Oder die Restaurant-Szenen. Das erste Diner des schüchternen Monsieur Hulot. Wohin mit der Pfeife? Bergüßung. Kritische Augen. Langsames Herantasten. Anderes Bild: Wie der Kellner im Handumdrehen einen Knaben aus dem Saal komplimentiert. Man muss die Szenen gesehen haben. Ein alter, an die Stummfilmzeit erinnernder, Streifen und doch hoch aktuell. Ein wenig Blick in den Spiegel. Menschliches Verhalten ändert sich offensichtlich nicht allzu schnell. Einfach genial der Film. Unbedingt ansehen!

„Herr Ober, haben Sie Froschschenkel?“ „Nein mein Herr, ich gehe immer so.“ „Die Karte bitte. - Sagen Sie Herr Ober, Kaviar vom Beluga, was verbirgt sich dahinter?“ „Mein Herr, es sind Fischeier von grandioser Qualität.“ „Das will ich probieren. Der Koch möge mir ein Ei in die Pfanne hauen“. Anekdoten dieser Art, ob nun real oder erfunden, gedeihen in der Gastronomie.

In von Urlaubern frequentierten Gebieten haben sich vor vielen Jahren amerikanische Spezialitäten-Restaurants breitgemacht, offerieren braune Limonade, Pommes und Burger oder Whopper, Nuggets, Wings oder Pizza. Natürlich sind auch Restaurants mit schweizerischen, italienischen, griechischen, arabischen, argen-tinischen, deutschen, indischen, österreichischen und Gerichten anderer Regionen vorhanden. In den Bergen der Insel Kreta lockte vor Jahren ein Restaurant mit dem Hinweis: „Griechische Küche!“. Wer hätte das gedacht? Griechische Küche in Griechenland! Und dann nicht zu vergessen, die Übersetzung der Menu-Angebote in die deutsche Sprache. Da wird zum Beispiel ein Winner-Schnitzel offeriert, vermutlich nichts für loser. Oder: Gegrilltes Lachfilet in Dillsauce steht auf der Karte, ein Tonfisch-Salat wäre alternativ zu haben. Der eine lacht, der andere tönt. Bleibt nur die Frage: Vor oder nach dem Verzehr? Amüsante Speisekarten. Der Gast ordert beim Service white wine und bekommt den WiFi-Zugangs-Code.

Es gibt allerdings auch die andere Situation: Eine ältere Dame äußert ihren Wunsch mit „I become a steak please“. Die Auf-forderung, in die Küche zu folgen, wäre nur verständlich gewesen, denn wörtlich übersetzt hatte sie geäußert, daß sie ein Steak werden möchte. Einem Herrn gelüstet noch nach einem süßen Dessert, entscheidet sich für Eiscreme. Seine Order: “I like to have three balls, chocolate, Vanille und Erdbeere”. Nur: In vulgärem Englisch sind balls das, was paarweise zum männlichen Geschlecht gehört. Mit scoop hätte das Eis eine Kugelform.

Erlebnisgastronomie lockte einst mit „Pomp, Duck and Circum-stance“, bot Akrobatik und Clownerie zum Dinner. Essen wie im Mittelalter ist möglich; Sushis werden am Laufband an der Nase vorbeigeführt; den Fisch darf der Gast selbst angeln; mit Pommes und Nuggets werden Kinder zur Geburtstagsfeier gelockt; und beim Krimidinner fällt sogar ein Schuß. Nach einem guten Essen brachte der geschäftstüchtige Gatronom Gäste auf die Idee, eine Brandy-Verkostung anzuschließen. Der zuvor getrunkene Sherry, der Wein hatten die Zungen schon ein wenig schwer gemacht: „Allo kla! Zustillung.“ – Und bis heute fragen sich die Verkoster, ob ein solches Prozedere mit den einfachen Brandys, oder besser mit den hochwertigen Qualitäts-Marken beginnen sollte. Eigentlich egal, steht doch am Ende fast immer ein HICK, oder auch mehr.

Der Jubilar, der Gourmet, der Reisende, der Geschäftsmann, die Verliebten, der Schauspiele, der Urlauber, der Theaterbesucher, der Künstler, der Hungrige sucht das Restaurant auf. Und immer mehr Chinesen sind weltweit unter den Gästen auszumachen. Erlebnisgastronomie gestaltet sich so ganz anders: Getränke zum Essen werden aus der keine Kosten verursachenden Minibar geholt, nicht beim Ober geordert; heißes Wasser darf der Kellner für die mitgebrachten Instant-Nudelsuppen bringen; statt mit dem Zahnstocher, werden die Zahnlücken auch schon mal mit dem Ess-Stäbchen gesäubert.

Dieser Tage erlebten die Servicekräfte eines Restaurants ein paar besonders hungrige Chinesinnen. Es war nicht das Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme, sondern der krankhafte Hunger nach Selfies, der sie ins Restaurant trieb. Ob am Tisch, an der Bar, vor dem Blumen-Arrangement, auf Stuhl oder Barhocker sitzend, auf dem Weg zum Restroom, vor einzelnen Gemälden – es gab nur Selfies, Selfies, Selfies, satt. Das Restaurant als Foto-Location. Tausend und mehr Freunde werden neidisch sein. Illusionen made for Facebook. You like it?

Es gibt Situationen, da weiß ein Gast nicht recht, zögert, ist unsicher, wie er sich verhalten, wie er ein ausgefallenes Gericht am besten verzehren sollte. Man möchte ungern auffallen. Das sind einerseits ganz verständliche Überlegungen. Andererseits ein mutmachender Tip an dieser Stelle: Gäste auf Entdeckungstour mögen das Personal um Hilfe bitten, oder einfach jene Lokale wählen, in denen Chinesen verkehren. Dort kann man sich nicht daneben benehmen.

Vielleicht kann der eine oder andere Leser eine Erfahrung bestä-tigen: Je weniger Gäste in einem Restaurant weilen, umso länger dauert der Service. Irgendwie scheint das Personal in solchen Situationen intensivst mit sich selbst beschäftigt zu sein. Oh, der Gast wird doch beachtet, eine Espresso-Order zur Kenntnis genommen. Diese Bestellung wandert nun vom Kellner ans Service-Pult; von dort wird die Bar über den Kundenwunsch informiert; der Espresso gefertigt. Auf dem Tresen wartet diese kleine Tasse nun – sich langsam abkühlend – auf eine Bedienung für die Transport an den Tisch des Gastes. Da kann man schon verstehen, wenn dieser dem Kellner zuruft: „Herr Ober, wo kein Schnee liegt, da dürfen Sie ruhig ein wenig laufen!“

Ein jeder hat sich schon dabei erwischt, wie er andere Gäste im Restaurant beobachtet hat. Der Autor gesteht, so etwas gern zu machen. Anders wären die hier aufgeführten Episoden nicht zu erzählen gewesen. Es ist wohl logisch, daß sich auch andere Gäste ähnlich verhalten. Beispiel: Da sitzen zwei Herren im Restaurant, der Fisch im Salzmantel wird serviert, als ein Paar sich vom Nebentisch erhebt und an den Tisch mit Fisch herantritt. Man ist höflich, entschuldigt die Störung; erwähnt, schon längere Zeit die beiden Herren beobachtet zu haben. Es sei für sie keine Frage, es handele sich bei den Männern um Brüder. Offen sei allerdings, wer denn wohl der Ältere der Brüder sei.

Eine im Restaurant gefeierte Geburtstagsparty endete feucht-fröhlich. Für den Heimweg wollten Gastgeber und Freund ein Taxi ordern, doch eine Freundin erklärte sich bereit, beide auf dem Weg nach Haus zu begleiten. Den einen rechts, den anderen links eingehakt, gingen sie durch die nächtliche Stadt. Dann der Schreck: Die Frau hatte ihre Handtasche im Restaurant vergessen. Sie platzierte die beiden trunkenen Männer in einem Hauseingang und lief 20 Minuten den Weg zum Restaurant zurück. Weitere 20 Minuten später war sie mit ihrer Handtasche zurück. Die beiden Freunde hatten brav im Hauseingang sitzend gewartet. Der Heimweg wurde zu dritt und mit Tasche fortgesetzt.

Weihnachtsfeier eines kleinen Betriebes beim Italiener. Gleich zur Begrüßung entschuldigte sich der Wirt, der Koch habe ihn einfach sitzen lassen, aber man werde die Situation schon meistern. Das Essen à la carte konnte starten. Doch schon die Zuordnung der Getränke zeigte sich problematisch. Dann kippte ein Glas Wein um, wurde ein Glas Bier über einen Gast verschüttet. Anfänglich war es noch recht amüsant. Als dann die Speisen serviert wurden, offenbarte sich das Chaos. Von wegen meistern. Irgendwie schien nichts mit der Bestellung übereinzustimmen. Die zu servierenden Gerichte wurde einfach einzelnen Personen vorgesetzt. Und kaum hatten die ersten Gäste mit dem Verzehr des Bistecca alla fiorentina, dem Orato al Cartoccio, dem Saltimbocca alla Romana begonnen, wurden die Erinnerungen des Wirts – bzw. was er dafür hielt - wieder wach. Er nahm die falsch platzierten Gerichte und ordnete sie nun anderen Personen zu. Das fehlende, schon verzehrte Stück Fleisch oder Fisch? Bitte nicht so kleinlich! Also doch: Versteckte Kamera? War das inszeniert? Führte Jacques Tati gar Regie?

Neulich im Restaurant. „Herr Ober, was können sie empfehlen?“ Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. „Mein Herr, wählen Sie ein anderes Restaurant.“

Juni 2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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