Siebenstein

Sinus-Mann


SiebenStein
("Co-Autor" mit Dank)

Der Sinus-Mann
Die phantisievoll erdachte Geschichte ueber einen Menschen, der auszog, um das Fuerchten zu lernen.

Claudius Stern ist Ingenieur und Mitentwickler einer Bohrinsel, die zu Militaerzwecken verwendet werden sollte. Ein geheimnisvolles Metall findet auf mysterioese Weise den Weg zu ihm. Und das Boese in der Welt haucht ihn an …

Ein Kurz-Roman ueber Okkultismus, rituellen Kindes- missbrauch, UFOs und das damit verbunden scheinbar offensichtlich wahre Verborgene ...


Der Satan und seine Diener nehmen immer wieder die Gestalt von Personen des Lichts an ( 2. Kor., K.11, V. 14).


Er sass am Strand. Das Meer lag ruhig vor ihm, gleich einem See. Die Nachmittagsonne glitzerte auf den kleinen Wellen. Kaum ein Windhauch war zu spueren. Es war Ebbe. "Warum nur," dachte er laut vor sich hin, "warum nur." Sein rotes gelocktes Haar zeigte schon leicht graue Spuren. Er war jetzt Mitte vierzig. Maschinenbauingenieur. Hatte Karriere gemacht. Nun war die Firma, fuer die er plante, in Konkurs geraten, und man hatte ihn, wie so viele, entlassen. Er war von untersetzter Statur, gerade mal einmetersiebzig gross. Er fuhr sich ueber das Gesicht, bemerkte die Narbe an seiner linken Wange, die er sich beim Kampfsporttraining zugezogen hatte, der ihn den Ausgleich fuer den Altagsstress bot. Wie aus dem Nichts auftauchend sah er ploetzlich eine grossere Welle auf sich zurollen, besschaute die kleine Gischt auf dem Wellenkamm. Irgendetwas schwamm da mit ihr ihm entgegen. Es verschwand kurz, tauchte wieder auf. Sein Blick der Aufmerksamkeit wechelte in gebannte Spannung. Langsam trieb die Welle das Ding ihm exakt vor die Fuesse. "Treibgut," meinte er, doch das schillerte seltsam metallig in der Sommersonne. Er wollte keine nassen Schuhe riskieren, und wartete, bis die sanfte Brandung es ihm in die Hand spülte. Tatsaechlich fuehlte es sich wie ganz duennes Metall an. Wie konnte dieses auf dem Wasser geschwommen sein? Er barg das seltsame Teil, das aussah, wie ein Namenstuerschild und erkannte darauf eine eigenartige, scheinbar phosphorisierende Schrift. "Claudius," hoerte er ploetzlich eine weibliche Stimme hinter sich rufen, "Claudius, ach, hier bist du ; ich habe dich ueberall gesucht; was machst du hier ?" Er drehte sich ueberrascht um und sah Annabell, die in einiger Entfernung auf ihn zulief. "Was willst du noch von mir," rief er ihr entgegen und nahm die schoene Figur
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einer jungen Frau wahr, die von ihrem blonden Haar wie um- spielt zu werden schien. "Doktor Feuerbach hatte angerufen und versuchte, dich per Handy zu erreichen." Sie stand jetzt vor ihm. "Was hast du da in der Hand," fragte sie. "Nur ein Stueck Treib- gut," gab er kurz zurueck, "was wollte er?" "Das sagte er nicht. Du sollst ihn bitte zurueckrufen, es ei dringend. Hier ist dein Telefon," entgegnete sie bestimmt. Er wusste, dass es nur wenige Orte gab, an denen sie ihn hatte suchen muessen. Sie waren seit fuenf Jahren Arbeitskollegen gewesen und probierten es seit zwei Jahren als Lebenspaar. Vor vier Tagen trennte sie sich von ihm. Sie waren einfach zu verschieden. "Ich muss noch einige Sachen aus unserer Wohnung holen. Ruf´ Feuerbach bitte gleich an. Ach und das hier noch." Sie uebergab ihm eine Karte. "Die habe ich waerend des Suchens beim Zusammenpacken gefunden. Dabei ist mir einiges klarer geworden. Ein gewichtiger Grund mehr, dich zu verlassen. Ich hatte sowieso schon etwas bemerkt, aber musste es unbedingt ein Thorsten sein ? Vielleicht hilft ´s, wenn ihr eure Ernaehrung umstellt. Das kann die Hormone wieder in die natuerlich richtige Richtung lenken. "Er schaute sie betroffen an. Es war Thorstens Karte, die er ihm zum Dank nach einer ihrer heftigen Liebesnaechte geschrieben hatte, zu denen sie sich gele- gentlich getroffen hatten. Er nahm sie schweigend entgegen, waerend sie sich umdrehte und ihn so schnell wieder verliess, wie sie gekommen war. Claudius nahm das Geraet und waehlte Feurbachs Nummer. "Hier Feuerbach," meldete sich eine dunkle Stimme. "Guten Tag, Herr Doktor Feuerbach, hier ist Claudius Stern. Sie hatten versucht mich zu erreichen." "Ja ," entgegnete ihm die Stimme, "ich weiss, es klingt nach ihrer Entlassung sonderbar. Ich kann diese auch nicht rueckaenging machen, aber bitte kommen sie umgehend noch einmal in mein Buero." Feuerbach hatte aufgelegt. Claudius steckte sein Treibgut in die Innentasche seiner Lederjacke, schritt die Duenen bis zur dahin- ter gelegen Strasse hinauf, wo sein Auto geparkte. Als er im Auto
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sass , erkannte er, dass die Schriftzeichen des seltsamen Metalls durch das Leder hindurch strahlten. Er nahmm es rasch aus der Tasche und verbarg es im Handschuhfach seines Wagens. "Was zum Teufel ist das," rief er halblaut in den Fahrzeugraum. --- Feuerbach war ein kleiner, dicker, eingenwiliger, zielstrebiger Unternehmer und wartete bereits in der Empfangshalle seiner SINUS AG, begruesste Claudius Stern, geleitete ihn mit einer kurzen Handbewegung ins naechst gelegene Buero und verschloss hektisch hinter ihnen die Tuer. "Stern, sie wissen um unsere Nord- see-Versuchs-Bohrinsel, waren selbst an deren Entwicklung betei- ligt," begann Feuerbach ohne Umschweife das Gespraech. Claudius war vom Auftreten seines sonst ruhigen und besonnen ehemaligen Arbeitgebers voellig ueberrascht. "Gewiss," antwortete Claudius. "Etwas ist dort in der Naehe mit hellem Lichtstrahl und gewaltigem Bumms ins Meer geklascht. Das gesamte Seegebiet muss ringsherum auf einmal gebrodelt und geschaeumt und in den verschiedensten Farben geleuchtet haben." "Wegen eines Meteo- riteneinschlags rufen sie mich in ihr Buero?", erwiderte Claudius. "Nein, das war kein Meteorit; das muss etwas anderes gewesen sein. Der Funker der Plattformbesatzung uebermittelte an unsere Festlandstation, dass die gesamte Besatzung in Panik von Bord in die eiskalte See gesprungen sei, ohne auch nur eine Rettungsaus- ruestung benutzt zu haben!" "Wie bitte?," rief Claudius in einem Gefuehl der Unfassbarkeit aus, "und was soll ich dabei jetzt tun?" Ein grosser Tumult von der Strasse her riss die beiden aus ihrem Gespraech. Sie begaben sich aufgeregt ans Fenster und sahen Claudius´ vor wenigen Augenblicken noch blauen Ford-Mustang von einem Menschenpulk umringt und in verschiedenen Farben schillern. "Ach du liebe Guete", schrie Claudius, rannte, gefolgt von Feuerbach, aus dem Buero durch die Empfangshalle auf die Strasse auf sein Auto zu. Kaum dort angelangt, hoerte man die Sirene eines sich schnell naehernden und dann anhaltenden Poli-
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zeifahrzeugs. Fassungslos besahen die noch im Auto sitzenden beiden Polizeibediensteten zusamen mit den herumstehenden Menschen, wie der Ford-Mustang sich vor aller, wie auch vor Feuerbachs und Claudius´, Augen in Nichts aufloeste. "Weg, einfach weg; das gibt ´s doch gar nicht", schrie Claudius ent- setzt vor der erstaunten Volksmenge. "Ist, nein, war das ihr Fahrzeug," wollte die Polizistin jetzt wissen. "Ja," antwortete Claudius. "Was haben sie damit gemacht?", fragte ihr Polizei- kollege mit aufgerissenen Augen. "Okey," rief die Polizistin in die Menge, "Mister Moechtegern-Copperfield hat seine un- angemeldete Strassen-Show beendet." Bitte gehen sie jetzt weiter," ergaenzte der Polizist laut, und der Pulk begann, sich unter Gemurmel aufzuloesen. Die Polizeibediensteten nahmen Claudius´ Personalien auf. "Das hat ein Nachspiel fuer sie; das duerfte ihnen klar sein," harrschte der Polizist Claudius an. "Das das Beamtengestz und die gesamte sogenannte Staats- struktur eines besser nicht zu benennenden angeblichen deut- schen Staates in Frage steht, duerfte hoffentlich ihnen klar sein," erwiderte Claudius barsch. Claudius und Feuerbach schritten zurueck ins Buero. Claudius dachte an einen eventuellen Zusam- menhang mit seinem Stueck Treibgut, dass er sich beim Verlas- sen seines Mustangs wieder in die Jackeninnentasche gesteckt hatte, die er mit seiner Hand nachdenklich kontrollierte. Doch darueber schwieg er. Feuerbach liess durch seine Sekretaerin fuer Claudius und sich Kaffe bringen. "Koennen sie sich das al- les erklaeren ," fragte Feurbach hilflos. "Na, klar, ich kann ja auch uebers Wasser laufen und Brote vermehren," antwortete Claudius zynisch. "Was ist das eigentlich fuer ein Schriftzug auf ihrer Jacke, Stern ?," bemerkte Feuerbach. Claudius blickte wie bei einer Straftat ertappt auf das Leder. "Das ist ein No-Name- Logo. Ich habe sie im Supermarkt gekauft. "Ach, so. Nun, gut," fuhr Feuerbach fort, "die Ereignisse ueberschlagen sich, wie zu
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merken ist. Nach dem Zwischenfall in der Nordsee erhebt sich die Frage: Wie und warum der mit ihrem Mustang?" "Und es erhebt sich die Frage, was sie eigentlich von mir im Zusam- menhang wollten," entgegnete Claudius. "Stern, sie haben sich doch privat noch vor einiger Zeit intensiv mit dem sogenannten Uebersinnlichen befasst, wie sie mir einmal in der Caféteria anvertrauten. Irgend etwas scheint da vielleicht dran zu sein." "Entschuldigen sie mich kurz, ich muss mal dringend ... sie wissen schon," sagte Claudius etwas verlegen und ging mit schnellen Schritten in Richtung Toiletten, wobei er sich an der Rezeption einen Kugelschreiber und ein Blatt Papier geben liess. "Ihre Jacke ... ," deutete die Rezeptionisten an. "Claudius spuerte die zunehmende Waerme auf seiner Brust und sah die Schriftzei- chen in verschiedenen Farben sehr stark aufleuchten. "Wirkt doch cool, oder?," laechelte er die Situation ueberspielend ihr zu und verschwand in der Herrentoilette, zog schnell die Jacke aus, legte das Treibgutteil auf ´s Waschbecken, erkannte, wie die Zeichen, die sich auf der Jacke abgebildet hatten, immer heller leuchteten. Er nahm den Zettel notierte darauf die Buchstaben aehnlichen Zeichen, steckte ihn in die Gesaesstasche seiner Hose. Es ergriff ihn Panik in der Annahme, sein Hemd koennte konterminiert worden sein, und er riss es sich buchstaeblich vom Leib. Ein greller Blitz erstrahlte - die Jacke war verschwunden. Claudius betastete seinen nackten Oberkoerper. Er war heil. Er nahm sein Taschenmesser aus der Hosenvordertasche und zer- schnitt das Hemd und spuelte die Fetzen in der Toilette herunter, begann dann am Waschbecken seinen Oberkoerper unter Zuhilfe- nahme von Papiertuechern und Handseife zu waschen, ebenso sein Messer und sich abzutrocknen. Er wartete ab, musterte sich im Spiegel. Nichts passierte weiter. Er bueckte sich und richtete seine Schuhe. Der Rechte drueckte ihn etwas. Er schritt ins Vorier zurueck. Die Rezeptionistin bestaunte seinen gut tainierten Ober- koerper. "Sieht doch cool aus, oder?," bemerkte Claudius mit
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einem sein Schamgefuehl eher untermalenden Versuch des Frohsinns. Feuerbach trat aus dem Buero, hoerte Claudius die Worte zur Rezeptionistin sagen und sah ihn erstaunt an. "Stern, was ist mit ihnen? War wohl alles ein bischen viel fuer sie, wie?," bemitleidete er Claudius. "Kommen sie, ich fahr sie nach Hause." "Schon gut, ich schaffe das alleine," wehrte Claudius verlegen ab. "Ich mach ´s wie mein Mustang und meine Jacke und verschwinde jetzt. Wir telefonieren, sofern ich keine Him- melfahrt vorher antrete." --- Claudius schaute auf seine Notiz. Die Zeichen hatte er noch nie zuvor gesehen. Oder doch? Er gruebelte und nahm einen Schluck Kaffee aus der Tasse. Er blickte zur Kuechenuhr. Sie zeigte Zwanzig an. Er ging zu seinem Computer ins Arbeits- zimmer und fertigte mit dem Drucker-Scanner eine Druck- Kopie. Auf dem Computer wollte er die Notiz nicht speichern. Die Originalabschrift steckte er wieder in seine Gesaesstasche. Die Kopie verbarg er im Rahmen hinter einem selbstgemalten Landschftsbild, hatte er doch, wie man sagt, eine kuenstlerische “Ader”. Er lief zum Spiegel und kontrollierte erneut seinen freien Oberkoerper. Nichts auffaelliges. "Warum hatte es den Ford-Mustang und erst dann die Jacke erwischt? Warum mich nicht? Was wurde aus der Plattform, den Maennern und dem abgestuerzten Ding in der Nordsee," ueberlegte er. Das Telefon klingelte. Es war Thorsten. "Wollen wir uns zu einem Ritt in deinem Mustang treffen," fragte er sueffisant mit maennlicher Stimme. "Hallo, Thorsten. Lass mal gut sein. Heute ganz sicher nicht. Und in Zukunft auch nicht. Es gibt auch keinen Mustang mehr. Der ist weg, ebenso die Jacke, die du mir geschenkt hat- test." "Was ist passiert? Ich komme sofort vorbei." Claudius konnte nichts mehr entgegnen. Thorsten hatte aufgelegt und es war klar, dass er in wenigen Minuten bei ihm die Tuerklingel betaetigen wuerde. Es dauerte tatsaechlich nur eine viertel
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Stunde und Thorsten stand vor ihm im Treppenaufgang des Mehr- familienhauses am Rande der Stadt. Claudius oeffnete und der hoch gewachsene, geschmackvoll gekleidete Transvestit betrat huefteschwingend die Wohnung. "Was ist dir zugestossen, Liebes? Wo ist unser Mustaengchen? Und warum hast du einen entbloessten Oberkoerper? Willst wohl gleich zur Sache kommen," fragte Thorsten weibisch. "Nein," entgegnete Claudius entschieden. "Dir den ganzen Zusammennhang zu erklaeren, ist jetzt nicht moeglich. Du weisst, dass das mit uns nur eine Affaire war. Ich habe dir gesagt, dass ich Annabell liebe. Sie ist allerdings seit heute gaenzlich von mir fortgezogen. Sie hatte deine Karte gefunden." "Na, also, dann steht unserem Glueck nichts mehr im Wege," triumphierte Thorsten. "Es ist schluss mit uns, ich habe mich da wohl etwas naturwidrig verstiegen, verstehst du, Thorsten, oder muss ich noch deutlicher werden?!" "Bei Tieren kommt das auch vor, das ist natuerlich," gab Thorsten rechtfer- tigend zurueck. "Nur: wir sind keine Tiere, Thorsten." "Gut, wie du meinst. Du wirst es bereuen, sehr bereuen," sagte Thorsten beleidigt und erbost beim Hinausgehen und knallte die Tuer hinter sich ins Schloss. "Ein Tag der Veraenderungen," dachte Claudius, ging ins Schlafzimmer und alle Viere von sich strek- kend warf er sich auf ´s Bett und gewahrte, wie sein Atem sichtbar wurde, weil trotz der abendlichen Sommer- waerme und der nur leicht geoeffneten Fenster ein eiskalter Hauch durch sein Zimmer zu wehen begann und dabei die Vorhaenge heftig bewegte. Ihm lief ein gewaltiger Schauer ueber den Ruecken. Es war, als ob ihn etwas, jemand, beruehrt habe. "Ist da wer ?," rief er erschrocken halblaut in den Raum. Er zog die Bettdecke wie ein veraengstigtes Kind ueber sich. Erschoepft von den Tagesereignissen schlief er ein. ---
Am naechsten Morgen ging er aus dem Haus, um sich im nahe gelegenen Café ein gutes Fruehstueck zu goennen. Leichte Re-
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genwolken zogen ueber dem Kieler Stadtteil auf, der haupt- saechlich von gut situierten Buergern bewohnt war. Claudius ueberquerte die leicht befahrene Strasse. Auf der anderen Seite angekommen, liefen ihm zwei adrett gekleidete juengere Frauen entgegen, eine gut aussehende Schwarz- und eine ebenso Rot- haarige. “Guten Morgen,” begann die Rothaarige das Gespraech, “wissen Sie bereits, dass jede Lehre, welche die Sterblichkeit der Menschenseele dauerhaft als natuerlich propagiert, zur Legiti- mierung des Leids beitraegt?” “Kennen sie die `Protokolle der Weisen von Zion`, die sich parallel zum Bibelbuch Johannes- Offenbarung erfuellen,” fragte Claudius zurueck. “Seit dem Weggang der letzten Apostel Christi gibt es keine Offenbarung oder Wunder des wahren Gottes mehr, und Jesus war der letzte wahre Prophet, denn er selbst sagte zu Johannes dem Taeufer, dass man auf keinen anderen mehr warten brauche. Die Offen- barung an Johannes ist die Letzte, die er nach seinem Rueckgang zum Vater-Gott gab. Die `Protokolle` sind eine Faelschung,” erwiederte die Schwarzhaarige mit einem Laecheln. “So ein- fach stimmt das nicht, ihr Schoenheiten. Die `Protokolle` stammen zwar nicht vom wahren Gott, aber befinden sich in der Umsetzung.” “Duerfen wir Ihnen diese religioese Broschuere zum Lesen ueberreichen,” lenkte die Rothaarige ein und hielt sie ihm entgegen. Um das Gespraech zu beenden, bedankte er sich kurz und lief weiter. Im Laufen blaetterte er in dem Heft, bis er an einer Apotheke vorbeischritt und entsorgte es dann in einem Papierkorb, der ihr gegenueber an einem Laternenpfahl angebracht war. Dabei schaute er kurz in Richtung der beiden Frauen zurueck. Sie erinnerten ihn ploetzlich an die in der Jo- hannes-Offenbarung benannten zwei Zeugen, ueber die er kuerzlich gelesen hatte. Er sah aus einiger Entfernung, wie sich eine Blonde diesen zugesellte. “Na, ganz toll,” dachte er bei sich, “Schwarz, Rot, Gold, die Farben eines Wirtschafts-Verwal- tungsgebietes als Sitzt von Krankheitserfindern und des Phar-
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makartells,” waerend sein Blick wieder an der Apotheke vorbei- streifte und er das kleine Café ansteuerte. Er nahm sich eine Tageszeitung von der Verkaufstheke des zu dieser Zeit von wenigen Leuten besuchten Cafés, das allerlei Kuchen und Gebaeck in der Auslage zur Schau stellte. "Das Uebliche," bestellte er bei der auffallend dicken Verkaeuferin. Hier hatte er oft mit Annabell gefruehstueckt. Er nahm an einem Tisch in einer Ecke Platz und schlug die Zeitung auf. Im Lokalteil prangte die Ueberschrift "Hobby-Magier liess vor Stassenpublikum Auto verschwinden". Weiter wies der Artikel aus, dass die Polizei wegen Gefaehrdung der Oeffentlichkeit gegen diesen ermittele. "Zeugenunterstuetzung fuer mich hat sich damit erledigt," mur- melte er. Zwei grosse kahlrasierte Maenner, deren dunkle An- zuege ihre gut trainierten Staturen abzeichneten, betraten das Café. Einen von ihnen zierte ein schmaler Oberlippenbart. Sie vermittelten den Eindruck erfahrener Kampfsportler. Beiden haftete ein kleiner Ohrhoerer mit Mikrofon jeweils an eines ihrer Ohren an. Claudius sah sie an der Theke etwas bestellen. Sie kamen an seinen Tisch."Herr Stern, sie haben sicher nichts dagegen, wenn wir uns zu ihnen setzen. Vermeiden sie Auf- sehen!," bestimmte der Oberlippenbaertige in hartem Unterton. "Doch ! Und was interessiert mich Aufsehen," entgenete Claudius ebenso hart. Beide setzten sich einfach. Die Bedienung reichte ihnen Kaffee. "Sie haben den Lokalteil gelesen, Stern ?," verwiess der Ganzkahlrasierte mit einem Blick auf die Zeitung. "Wir wollen von ihnen etwas Genaueres darueber wissen, zumal die VIDEO-Strassenkammera aufzeichnete, wie sie nach dem Ereignis mit blanken Oberkoerper durch die Gegend gelaufen sind ; sonderbar ; finden sie nicht ?" "Freies Land, freier Ober- koerper. Wir haben Sommer," stellte Claudius fest. "Okey, Stern, machen wir ´s kurz. Bestimmte Stellen brauchen Informationen wegen eines Ereignisses in der Nordsee. Sie wissen, wovon wir reden. Es sind fast alle Besatzungsmitglieder einer Bohrversuchs-
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plattform vorgestern ums Leben gekommen. Wir denken, dass sie etwas damit zu tun haben koennten. Sie waren doch einer der Chefkonstrukteure, stimmt ´s ?" "Ja," bestaetigte Claudius, "aber was soll ich mit diesem schrecklichen Ereignis zu schaffen haben ?" "So etwas laesst sich eventuell mit einbauen. Sie haben schliesslich schon sehr frueh von der bevorstehenden Pleite der Berteiberfirma, fuer die sie arbeiteten, gewusst. Da koennte man bei zu erwartendem Verlust eines hoch bezahlten Arbeitsplatzes zwecks vorzeitigen Erhalts einer grosszuegigen Abfindung auf dumme Gedanken gekommen sein," meinte der Ganzkahlrasierte. "Am aller wichtigsten hierbei aber erscheint uns, etwas ueber die damit im Zusammenhang stehenden Phaenomene zu ermit- teln. Wir glauben, dass da mehr im Spiel sein kann. Sie haben sich als Ingenieur eine Zeit lang intensiv mit dem Uebersinn- lichen beschaeftigt. Wir fanden heraus, dass sie fuer Karriere- zwecke voruebergehend Mitglied einer Freimaurerloge waren." "Ja, habe ich, war ich," gab Claudius zu, "na, und ?" " Wir holen uns gleichzeitig Informationen bezueglich solcher Phaenomene auch durch Kirchen- und Freimaurerkreise ein. Wir werden bald noch mehr darueber wissen. Also: Wie haben sie das hingekriegt, Stern? " "Ihre Beschuldigung ist doch totaler Unsinn," wehrte Claudius in unterdrueckter Wut ab, um tatsaechlich kein groes- seres Aufsehen zu erzeugen. "Das Verschwinden ihres Mus- tangs und ihrer Kleidung ist weiteres Faktum! Was wissen sie, Stern ?," konterte der Oberlippenbaertige ebenfalls zurueck- haltend. "Ich denke, dass das hier der falsche Ort zur Ge- spraechsweiterfuehrung ist," antwortete Claudius. "Wir sind ganz Ohr," entgegnete der Ganzkahlrasierte entspannt. "Was sie, meine Herren, woher auch immer sie kommen moegen, vorab wissen sollten, ist die Tatsache, dass solche Phaenome- ne Bestandteil der gesamten Menschhheitsgeschichte sind. Fragen sie die CIA oder das RISS des russischen FSB, die damit bekannterweise experimentieren. Eines muessen sie aber
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wissen : Es gibt einen Bestseller, welcher diese Phae- nomene beschreibt und warnend zeigt, wie sie entstehen." " Sie reden von der Bibel," warf der Oberlippenbaertige ein. "Genau! Ich muss ihnen demnach nichts mehr erklaeren," gab Claudius bestimmmt zurueck. "Reden sie weiter," forderte ihn der Letz- tere energisch auf. "Wozu," fragte Claudius. "Weil wir ihre Ein- schaetzung hoeren wollen," erklaerte der Ganzglattrasierte. "Na, schoen," fuhr Claudius gezwungen fort, "es gibt da das Beispiel um den Israelitenkoenig Saul. Er hatte es sich mit dem allmaech- tigen Gott Jahwe verschherzt und erhielt von ihm keine Antwort mehr. Bevor Jahwes Prophet Samuel starb, wollte er mit Saul nichts mehr zu tun haben. Also konsultierte Saul in Missachtung der Gebote Gottes eine Astrologin und Wahrsagerin, die Hexe von EnDor. Die beschhwoerte einen Geist herauf, von dem Saul annahm, es sei die nach Samuels Tod weiterlebende Seele Samuels. Die Bibel sagt aber nur, dass es ein Geist war, von dem dies Saul damals vermutet hatte. Dieser Geist prophezeite den Tod Sauls in einer bevorstehenden Schlacht, was dann auch eintraf. Die Juden des Altertums glaubten, im Gegensatz zu den Aegyptern und Bayloniern, nie an ein Weiterleben der Seele eines sterbenden Menschen nach dessen Tod. Die erste Luege Satans, eines von Jahwe abgefallenen Engels, war in Eden die, dass der Mensch, der erste Adam, nach Uebertretung des Got- tesgebotes werden koenne, wie Gott, in Selbstbestimmmung von Gut und Boese und einmal im Geistbereich ewig leben koennte. Gott aber sprach, dass an dem Tag, an dem Adam und Eva dies vollzoegen, sie als Seele sterblich und zum Staub zurueckkehren wuerden, die Sterblichkeit als Erbfehler, Erbsuende, hin zum Tod in all ihren Nachkommen wirken wuerde. Tatsaechlich alterten und starben sie und sind wir sterblich. Wie von Jahwe prophezeit, kam der zweite Adam, Jesus, der Christus, sollte diesen Erbfehler durch seine Treue vor Gott bis in den Tod wieder beseitigen, da- mit gottesfuerchtige Menschen ewiges Leben wieder durch ihn
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bald erhlten koennten, sogar eine Aferstehung der Verstorbenen, die Gott will, in naher Zukunft ermoeglicht werden kann." "Was hat das alles mit den Phaenomenen zu tun ? Kommen sie auf den Punkt. Wir brauchen hier keinen Religionsunterricht," harrschte ihn der Ganzkahlrasierte an und blickte sich kontollierend um. "Sie koennen mich mal ...," gab Claudius heftig zurueck. "Schon gut, schon gut, " griff der Oberlippenbaertige beschwichtigend ein, "erklaeren sie weiter, Stern, bitte." Claudius sammelte sich. "Die Bibel zeigt also den Kampf zwischen Gott und Satan und zwischen dem Gefolge Gottes und dem habsuechtigen Gefolge des Satans auf. Faktum ist, dass die Lehre der angeblichen See- lenunsterblichkeit dazu beitrug, Soldaten fuer die einzelnen autonomen Selbstverwaltungsversuchssysteme Satans aus den Menschen zu rekrutieren, die zum Abschlachten und Sterben bereit wurden. Der Tod sollte Normalitat werden. Die Bibel erklaert deutlich, dass die ganze Welt in der Hand dessen liegt, der boese ist. Daher liess der einzigezeugte Sohn Jahwes, der unter dem allmaechtigen Gott amtet, seine Wahl zur Amtierung als irdischer Koenig nicht zu, dies umsomehr, weil selbst das auserwaehlte Volk Gottes, Alt-Israel, dass ihn als den zweiten Adam hervorbringen sollte, abtruennig geworden war, ihn sogar hinrichtete und von Gott deshalb verstossen werden sollte und dann verstossen wurde. Jesus kam allerdings zur Auferstehung, fuhr in den Himmel zurueck, und sein Koenigreich soll bald kommen, wie im Himmel, so auch auf der Erde. Anfaenglich waren Wundergaben durch Jesu Apostel moeglich, wurden aber nach deren Tod fuer das neue Israel, Christen, die Gottes Namen tragen und sich des Blutes und damit auch des Krieges enthalten, weggegtan, damit keine Verwechslung mit den Machenschaften von Daemonen mehr stattfinden koenne. Es wird weiter verdeut- licht, dass Satan und seine Daemonen in Erdnaehe geworfen wurden. Interesant dabei ist, dass UFO-Phaenomene immer mehr zunehmen." "Aha, alle Phaenomene stammen also vom boesen
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Satan und seinen fuer Menschen unsichtbaren Aliens, die nur sichtbar werden, wenn sie sich, huhuhu, eines scheinbar schwebenden Bettlakens bedienen," erwiderte lachend der Ganzkahlrasierte. Sein Kollege lachte ebenfalls. Auch Claudius konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Hoeren, sie, Stern, jeder weiss, dass es keinen Gott und damit keine Aliens gibt. Es existiert kein einziger Beweis. Das sind alles Mythen und Maerchen," bemerkte er weiter. "Oh, welch Wissender," antwor- tete Claudius zynisch. "Seit der Preis-Vergabe um die Versuche mit Urathmosphaeren ist es bekannt, dass darin zwar Lebens- grundbausteine erzeugbar sind, aber eine komplizierte Koeper- zellen-DNA in Form einer exakten Anordnung von ausschliess- lich rechts-drehenden Aminosaeuremolekuelen in einer Doppel- helix durch Zufall niemals zustande kommt. Die ist eine Schoe- pfung! Ich bin Ingenieur und weiss, dass Information zur Sys- temerzeugung und Strukturen als Informationstraeger nie von selbst entstehen. Es bedarf dazu immer einer verstandesgemaes- sen Konvention." "Ja, ja, ja und im Paluxy-River-Bett fand man Fuss-Spuren von Sauriern, Riesen und Menschen und die C-14- Datierungsmethode kann auch nur bis zurueck zur naechst groes- seren Erdatmosphaerenstoerung angewendet werden, der Arten- abstammungslinien fehlen die wichtigsten Missing-Links, et ce- tera, et cetera, et cetera," ergaenzte der Ganzkahlrasierte laes- ternd. "Das ist alles," er hob leicht seine Tasse an, "kalter Kaffee! Wir drehen uns hierbei im Kornkreis, Stern," und er erklaerte weiter: "Wissen sie, was wir glauben? Wir glauben, dass sie zusammen mit ein paar Leuten eine Sabotage erzeugt haben und in Besitz einer uns unbekannten Technik sind. Dieses Wissen werden wir, wenn ´s sein muss, aus ihnen herausprue- geln. Kennen sie Waterboarding? Wenn nicht, duerfen sie ´s kennen lernen. Ueberlegen sie ´s sich. Hier ist meine Mobilfunk- nummer. Sie haben vierundzwanzig Stunden Zeit dazu, keine Sekunde mehr, " drohte der Oberlippenbaertige leise, aber mas- siv mit finsterer Mine. Die zwei liessen ihre Getraenke unange-
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tastet stehn, erhoben sich mit ernsten Blicken und verliessen das Café. " He, halt, " rief Claudius, sprang auf, stiess dabei fast den kleinen Tisch um und rannte den beiden hinterher ins Freie, holte sie ein und fuhr sie an: "Es ist mir egal, was sie glauben, oder was sie von mir halten. Wenn das alles Unfug sein soll, was ich ihnen darlegte, warum haben sie dann angeblich Kir- chen- und Logenkreise mit in ihre Untersuchung einbezogen? Sie muessten eigentlich genau wissen, wem diese, gemessen an deren in der Geschichte gezeigten Wirkungen, in Wahrheit dienen. Das alljaehrliche, satanische Treffen der Weltelite zum Beispiel im Bohemian-Grove spricht ebenfalls Baende! Hier, nehmen sie und kleben sie sich ´s an ihre Glatze." Claudius drueckte veraergert dem Ganzkahlrasierten die Moblifunknum- merkarte zurueck in die Hand. "Ihre Aussagen, Stern, gleichen den Christen, die mit einer weltbekannten Zeitschrift an jeder Ecke der Erde zu finden sind. Warum sind sie eigentlich keiner von denen? Solche Leute wuerden nie eine Plattform zur Erkun- dung des Meeresbodens zwecks Baues von Raketenabschuss- rampen konstruieren. Ich sage ihnen warum: Ihnen geht ´s doch auch nur ums Geld, Stern. Sie moegen ein hervorragender Inge- nierur sein, aber im Grunde sind sie ein unmoralischer und in sich zerissener Charakter ohne echte Ehre, darum." "Aber du bist besser, oder was, Glatze ?, " baute Claudius sich vor ihm auf. "Nimm die Karte wieder an dich, Rotschopf," stubste ihn der Ganzkahlrasierte Huehne an, "du wirst sie vielleicht brauchen. Wir hoeren in vierundzwanzig Stunden von dir, Stern. Und noch etwas: Kiel verlassen zu wollen, ist fuer sie zwecklos. Haben sie das kapiert, Stern?!" “Was ich brauche und was nich´, bestimme ich fuer mich immer noch selbst. Ihr seid doch letztlich nur Ge- folge eines Clans einer Nation, deren einstiger Praesident einen Trans-Gender zur angeblichen Ehefrau hat und von dem man nicht einmal genau weiss, ob er ueberhaupt das Recht zur Prae- sidentschaft hatte,” bemerkte Claudius scharf. Claudius Stern,
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nahm dennoch besonnen die Karte zurueck, drehte sich veraer- gert um und begab sich wieder ins Café, bezahlte die Rechnung, auch die Kaffes der beiden Maenner, deren Namen er nicht kennenlernen durfte. Waerend er nach Hause lief, schien die langsam einsetzende Mittagssonne leicht durch die Wolken- decke eines warmen Sommertages, an dem er die Kaelte von Mitarbeitern eines Geheimdienstes erfuehlen musste.  ---
Als er die Wohnungstuer oeffnete, stellte er fest, dass sie nicht mehr abgeschhlossen war. Vorsichtig trat er ein. "Bist du das, Claudius," vernahm er Annabells fragende Stimme aus dem Wohhnzimmer, was seine Anspannung abschwaechte. Sie suchte noch nach Sachen. "Ich habe das eine Bild fuer mich eingepackt, an dem ich mitmalte," rief sie ihm entgegen. Sie meinte genau das Bild, hinter dem er die Kopie der Zeichen des Treibguts versteckt hatte. "In Ordnung," gab er ihr sein Einverstaendnis, "aber tu´ mir bitte den Gefallen und bewahre es sicher auf. Es ist auch schliesslich mein Bild!" "Mach ich, du suesser Kerl," laessterte Annabell. Sie packte ihre Sachen zusammen und verliess die Wohnung.Claudius war zufrieden, die Kopie in relativer Sicher- heit zu wissen, ohne Annabell darueber in Kenntnis zu sehen. Er setzte sich auf die Couch und starrte zur Decke. Erinnerungen an eine von ihm als schwer empfundene Zeit der Jugend stiegen auf, die er als Einzelkind zwischen den sich oft streitenden Eltern durchlitt. Fuer Streitigkeiten gab es materiell gesehen eigentlich gar keine Gruende. Sie waren wohlhabend : Auto, Haus mit Garten, ausgiebige Urlaube, Parties mit Freunden. Das war ´s: Diese Parties seiner Eltern ; diese ausschweifenden Parties und die damit verbundenen Liebhaberwechsel seiner Mutter und die Liebesaffairen seines Vaters. Offene Beziehung hatten sie das genannt, das dabei entstandene gegenseitige Misstrauen und den Streit inklusive. Er schaffte geradeso das Abitur. Das Maschi- nenbaustudium wurde seine Passion, als er vom Elternhaus in seine erste Wohnung einzog, eher hineinfloh. Spaeter kam der
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Umzug nach Kiel wegen der Arbeitsstelle bei der SINUS AG, Feuerbach, Annabell, Thorsten, den er waerend einer Aegypten- kulturausstellung kennengelern hatte und die beiden Maenner im Café. "Feuerbach, ich sollte Feuerbach anrufen," dachte er laut. Da klingelte sein Telefon. Er nahm den Hoerer auf. "Hier ist Feuerbach. Guten Tag, Stern. Kann ich sie treffen? Jetzt gleich ?" "Ich komme zu ihnen ins Buero." "Nein, das geht nicht. Soeben waren gewisse Leute hier und haben alles auf den Kopf gestellt. Ich komme zu ihnen, sagen wir in zwanzig Minnuten." "Einverstanden," bestaetigte Claudius. ---
Als Feuerbach bei Claudius eintraf, erschien der Inhaber und Chef der SINUS AG sehr introvertiert. "Was suchten die in ihrem Unternehmen," fragte Claudius. "Irgend ein Ding, ein besonderes Stueck Metall mit einer Aufschrift." Claudius fuhr ein Nerven- strom durch alle Glieder. Woher konnten die davon wissen, fragte er sich. "Welches Metallstueck mit welcher Aufschrift," befragte Claudius sich ahnungslos stellend seinen ehemaligen Chef. "Sie hatten eine Frau dabei, die mit einem kleinen Pendel mit versuchte, das Ding zu finden. Stern, sie waren einmal Mit- glied einer dieser Logen und befassten sich doch auch mit sol- chen Sachen, nicht war ?" "Ja, aber davon lasse ich mittlerweile die Finger. Dabei ruft man Geister, die man kaum mehr los wird. Siehe Goethes Faustus als autobiographische Beschreibung. Nichts schillert dabei so klar, wie Goethes Faust," antwortete Claudius. "Wissen sie, Stern, ich habe noch nie erlebt, wie eine Untersuchung mit solchen aussergewoehnlichen Massnahmen unterstuetzt wird. Das ist Scharlatanerie, Stern, Scharlatanerie, oder, Stern?" "Nein, mein lieber Feuerbach," betonte Claudius, "das ist es nicht, jedenfalls nicht in den obersten der Gesell- schaftskreisen. Feuerbach, wissen sie, wie die NAZIS auf neue Technik stiessen? Teils durch spiritistische und astrologische Zir-
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kel und unter Zuhilfenahme zum Beispiel des Mediums namens Siegrun und eines namens Cornelia Ortic´. Noch heute laufen weltbekannte Leute zu Wahrsagern, Astrologen, Schamanen, Theosophen, Theologen, Priestern. Im Grunde befragen sie Daemonenanbeter, Satanisten, auch wenn sie diese dafuer nicht halten. Die Daemonen treiben ihr seltsames Spiel mit den Men- schen, und viele Menschen spielen es mit. Die ganze Popmusik- und Filmindustrie ist durchsetzt von Kultzeichen. Satan ist der von Gott zu beseitigende Herrscher dieser Welt, sagte Jesus." "Sie sind doch total verrueckt. Es ist gut, dass ich sie entlassen habe, Stern," griff ihn Feuerbach hart an, "das sind doch vielfach hochstudierte Leute!" "Und lassen mit einer Pendelfuehrerin ihre Firma durchstoebern, stimmt ´s ?" "Stern, gegen sie hat man ein Ermmittlungsverfahren eroeffnet." "Hab´ ich gelesen." "Sind sie auch so ein Magier?" "Nein," wehrte sich Claudius entschieden. "Was ist bloss los," resignierte Feuerbach mit Blick zum Boden. "Gibt es Neuigkeiten ueber die Bohrplattform?," wechselte Claudius das Thema. "Die bisherigen Untersuchungen zeigen auf, dass der Meeresboden unter ihr wie phosphoridierend wirken soll. Der einzige Ueberlebende ist der Funker, der sich scheinbar aufgrund seiner Funktaetigkeit vom Ereignis des Wassereinschlags eines Irgendetwas´ nicht beeinflussen hat lassen." "Glaube ich weniger," entgegenete Claudius. "Ich denke, es lag eventuell an seiner Abschottung durch die ihn umgeben habenden Funkfrequenzenen im Funkerraum," spekulierte Claudius. Ploetzlich spuerten beide diesen von Claudius schon am Abend zuvor im Bett bemerkten kalten Windhauch durch die Wohnung ziehen. Die Vorhaenge wehten heftig. Feuerbach schaute Claudius erschrocken und mit erstarrten Augen an. "Was ist mit ihrer Klimaanlage," fragte Feuerbach. "Ich habe keine," entgegnete Claudius. Da wurde es Claudius ueber- raschend klar und er sagte durch die Aufregung frei zu Feuerbach unbedacht heraus : "Die werden durch eine Sache,
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die sie als Eigentum beanspruchen, angezogen, oder durch irgend eine Information, die sie unmittelbar betrifft." "Was meinen sie, Stern ?" "Ich meine, etwas ist hier, wovon sie sich angezogen fuehlen !" "Wer? Von wem reden sie ?" " Feuerbach, das ist wie beim Voodoo. Dabei wird etwas von einem Priester unter Kulthandlung geweiht oder besprochen und einem Opfer geheim oder Interesse weckend untergeschoben, um es von Geistern beeinflussbar werden zu lassen. Irgend etwas ist hier bei mir, was die anspricht." "Jeder Talisman oder Rosenkranz ist geweiht ; da denkt sich doch niemend wirklich etwas dabei. Sie reden Unsinn. Bei ihnen sind ja alle Sicherungen im Gehirn durchgeknallt, so ist das," fuhr es aus Feuerbach heraus. "Und die Kaelte und der Hauch sind auch Unsinn, wie? Wo die hin- kommen, entziehen sie der Umgebung oft Waerme." Feuerbach blickte erneut erschrocken auf seinen sichtbar gewordenen Atem. Er schritt durch die Wohnung und verliess diese fluchtartig. ---
Claudius ueberlegte. Es froestelte ihn. Er griff an seine Gesaes- stasche, erspuerte den Zettel, nahm ihn hervor und las nochmals die Aufschrift. Der Wind im Zimmer verstaerkte sich kurz und hoerte schlagartig auf. Claudius begann die Schrift von rechts nach links zu lesen, drehte sie auf den Kopf, lass wieder von rechts nach links. Auf irgend eine Art und Weise erkannte er einen moeglichen Sinn. Er rannte an den Computer und suchte unter Begriffen : Pentagramm, Hexagramm, Kreuz, Halbmond, www und 666 als symbolische Zeichen mit weiterfuehrenden Hinweis auf Aliens und des Boesen und auf alte Kulturen, auf das alte Sumer und Babylon; er untersuchte die verschiedensten Moeglichkeiten. Ploetzlich klingelte das Telefon. Er nahm den Hoerer ab. "Hallo, mein Hengst, hier ist Thorsten." "Was moechtest du, Thorsten," antwortete Claudius genervt. "Schaetzchen, ich war heute im Buero deines Ex-Chefs, mit meinem Pendelchen. Die suessen, boesen Buben einer Sonder-
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gruppe der Staatssicherung hatte mich engagiert. Ich werde richtig begehrt. Du darfst stolz auf mich sein," versuchte Thorsten sich einzuschmeicheln. "Du warst also die von Feuerbach benannte Pendlerin," bemerkte Claudius. "Ja, mein Schatz. Sag ´mal, wo hast du das Ding versteckt. Ich weiss, dass du es hast. Man hat es mir waerend einer Séance ins Ohr gefluestert." "Hoer´ du mir gut zu, oder wer oder was von dir auch immer Besitz ergriffen haben mag: Ich werde fuer euren Untergan sorgen, verstanden ?!" Claudius legte auf. Er eilte an den Computer zurueck, suchte weiter. Und fand! Wie er vermu- tete, glichen die Zeichen tatsaechlich sumerischen Buchstaben. "Treffer! Das alte Babel, Sumer, Babylon, die Wiege der Kabala, der Mystik und des Satanskultes als auch der Dreifaltigkeiten, siehe da," gab er leise triumphierend von sich. Es wurde merklich waermer im Raum. Er verglich die Buchstaben, notierte deren Zahlenwerte und Bedeutungen, fuhr den Computer herunter, legte sein Mobilfunktelefon daneben. Er ahnte, dass er ueber- wacht werden wuerde. Er holte alles Bargeld aus der Schrank- schatulle, packte ein paar Sachen in eine kleine Reisetasche und eilte quer durch die Stadt in Richtung Annabells neuer Wohnung. ---
Er klingelte mehrmals. Endlich oeffnete sich die Tuer. Annabell stand verdutzt vor ihm. Er drueckte sie zur Seite und drang in ihre Wohnung vor. "Halt mal an, Claudius, hoerst du," befahl Annabell. "Ist dir irgend etwas besonderes in deiner Wohnung aufgefallen? Wo ist mein Bild ?" "Ich hatte es mir anders ueberlegt. Ich habe es kaputtgerissen und den Rahmen komplett zertreten. Ich will von dir nichts mehr besitzen, du Thorsten- knutscher!" "Bist du sicher, von dem Bild alles vernichtet zu haben?" "Ja," antwortete sie den Traenen nahe, "sogar so einen komischen Zettel, der hinter dem Bild versteckt war, dass du es nur weisst," sagte sie wuetend. "Ich kuesse dich," rief Claudius beim Hinauseilen. Er rannte foermlich zwei
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Strassenecken weiter und nahm in einem Café Platz, bestellte eine heisse Schokolade und die Tageszeitung, die ihmm die Bedienung an den Tisch brachte. Er kramte die Notizen aus seiner Tasche, schrieb Buchstaben unter Buchstaben, ergaenzte daneben deren Bedeutungen, formulierte diese logisch zu einem Satz und las die sechs Zeilen: Vom Himmel gefallen ein Stern in grosser Wut Ende naht gibt wem er will Unheils Saat. Claudius Stern starrte auf das Papier und bemerkte ploetzlich die beiden Maenner, die lautlos neben ihm standen. Er ballte seine Faeuste und war zum Kampf bereit. "Lassen sie ´s besser," drohte die eindringliche Stimme des Oberlippenbaertigen auf ihn herab und er wusste: Widerstand erschien im Moment zwecklos. "So weit wie sie, Stern, sind wir auch schon," hielt ihm mit den Worten der Ganzkahlrasierte eine Schrift entgegen. Claudius erkannte seine Kopie der Treibgutzeichen. "Annabell ist eine Informantin von ihnen; haette ich mir mit in Betracht ziehen sollen." "Wir ueberlassen bei wie von ihnen begleiteten Planungsprojekten nichts dem Zufall," sagte der Oberlippenbaertige. "Wo ist das Original, Stern?" Die beiden setzten sich. "Wie haben sie her- ausgefunden, dass ich hier bin?," wollte Claudius wissen. "Thorsten traegt ein zuverlaessiges Pendelchen um den Hals. Wollen sie ihn sprechen?" Der Ganzkahlrasierte deutete auf sein Geraet am Ohr." Pendelienchen scheint aber nicht immer zu funktionieren, sonst haette er nicht umsonst in der SINUS AG herumgependelt," grinste Claudius. "Das, was wir suchen, muss dort gewesen sein," erwiderte der Oberlipperbaetige. "Thorstens Chef im Geistbereich hatte schon in Eden Eva an- gelogen. Ich waere mir bei solcher Art Information nicht ganz so sicher," hielt ihm Claudius entgegen. "Bis jetzt hatte alles gestimmt. Also: Wo ist das Original ?," raunste der Ganzklatt- rasierte. "Fragen sie den Thorsten, die weiss das," lachte Claudius, "scheinbar benutzt er seine Faehigkeit, euch einfach zu steuern, um mich abzunerven, wie er ´s mir versprochen hat,
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indem er euch nicht die ganze Wahrheit vermittelt. Diener ok- kulter Symbole nehmen immer wieder die taeuschende Gestalt von Personen des Lichts an und fuehren dabei die ganze Welt an der Nase herum," schmunzelte Claudius. "Waeren sie damals in der Loge geblieben und haetten sich konform verhalten, waere das mit ihnen nicht soweit gekommen, Stern, das wissen sie. Ihr Freund Feuerbach liess sich diesbezueglich zu einem Versuch gar nicht erst ein, nahm uns nicht fuer ernst. Solchen Unter- nehmern erteilen wir eine Lektion. Sie haben die heutigen Nachrichten gelesen ?" "Ja. Vorstand der SINUS AG wegen Spionage- und Sapotageverdachts verhaftet. Das meinen sie." "Exakt, Stern, und das Gleiche machen wir mit ihnen, ein- schliesslich der angekuendigten Spezialbehandlung, versteht sich, sie Verschwoerungstheoretiker," wiess der Ganzkahl- rasierte Claudius mit zynischem Griensen auf den Lokalteil- artikel des Tages hin. "Zum letzten Mal: Wo ist das Original?" "Glauben sie wirklich, ich wuerde zwei Juengern Albert Pikes, der drei Weltkriege als Vorbereitung einer Zentral-Weltherrschaft fuer wuenschenswert hielt und dem man ein Denkmal gesetzt hat, etwas Wichtiges erzaehlen? Was ich ihnen gerne mitteile ist, dass ich das Ding nicht mehr habe. Es hat sich im Toilettenraum der SINUS AG mit samt der Jacke aufgeloest," log Claudius voellig ruhig, nahm ueberraschend schnell die Tasse heisser Schokolade, schuettete sie mit seiner Linken dem Oberlippenbaertigen ins Gesicht, der mit einem Schrei sich die Augen hielt, rammte mit der Rechten fast gleichzeitig den Tisch mit voller Wucht in die Magengegend des Ganzkahlrasierten, der mit dem Tisch umfiel, rannte aus dem Café, um die naechst Hausecke, sah dort einen Muellcontainer, oeffnete ihn, sprang hinein und schloss den Dek- kel und fing an, ja, er fing an, zu beten. Kurz darauf vernahm er Schritte und zwei Maennerstimmen: "So ein Mist, er ist ver- schwunden." Die Geraeuche der Beiden verstummten. Claudius oeffnete langsam das Dach seines stinkenden Vestecks, sah
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sich um, kletterte hinaus und rannte. Er musste zu Thorsten und wusste, wo der sich um diese Zeit gewoehnlich aufzuhalten pflegte. Das verraeterische Gependel sollte sein Ende finden. --- Das FitnessCenter lag etwas ausserhalb der Hafenstadt. Claudius naeherte sich umsichtig dem Eingang, trat in die Vorhalle und erblickte Thorsten, der unter der Grosshantel lag und ihn nicht bemerkte. Mit ihm trainierten noch eine Frau und ein weiterer Mann verteilt in der Sporthalle. Claudius sah Thorsten die mit wenig Gewichten bestueckte Handel mit beiden Armen ueber dem Brustkorb aus der Halterung anheben und erkannte den Knopf-Kopf-Hoerer an Thorstens Ohr. Claudius rannte auf Zehenspitzen so leise als moeglich durch den Raum, sprang auf Thorstens Koerper und drueckte die Handelstange gegen dessen Kehlkopf fest herunter. Thorsten aechzte. Der Mann und die Frau schauten fassungslos zu. Als Claudius Thorstens Kehlkopf zer- drueckt hatte, fielen dessen Arme leblos zur Seite. Das kleine Pendel an dessen Hals schwang seitlich leise hin und her. Claudius sprang von ihm auf, rannte aus dem FitnessCenter. Nicht weit von ihm sah er eine schnell naeher kommende schwarze Limousine und vernahm das Fluggeraeuch eines Hilkopters. Claudius wusste, dass eine Waermebildkamera ihn leicht erfassen konnte. Er lief ins naechstgelegene Firmenge- baeude. Die Rezeption des Empfangs war unbesetzt. Gegen- ueber lagen Toilettenzugaenge. Er schloss sich in einem Damen- toilettenabteil ein, zog den rechten Schuh aus und holte daraus das Stueck Treibgut hervor, oeffnete den Spülkastenndeckel, warf es hinein und verschloss den Kasten. Hastig zog er den Schuh wieder an, lief durch die Empfangshalle, drehte den Kopf zur Seite und gruesste nun einen Portier, ohne das der sein Gesicht erkennen konnte und schritt nach draussen. Der Heli- kopter naeherte sich. Claudius rannte zum naechsten Gebaeude und fragte dort die Empfangsdame der Firma nach den Toiletten.
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"Dringend, sie versteh´n, " zeigte er ihr mit verzerrtem Gesichts- ausdruck an. "Da hinten links," erklaerte die huebsche junge Frau hilfsbereit. Er verweilte kurze Zeit an dem ihm zugewie- senen Ort, kam wieder hervor und bedankte sich kurz bei der Rezeptionistin. "Immer wieder gerne," erwiderte sie verstaend- nisvoll, als er bereits die Strasse betrat. Die schwarze Limousine, raste auf ihn zu. Man hatte ihn erkannt. "Stehn bleiben, Stern," schallte es aus einem verdeckten Lautsprecher. Eine Maschi- nenpistole ragte aus einem der Autofenster. Claudius blieb stehn. --- Er sass am Tisch eines kahlen Verhoerraums. In der Ecke stand ein grosser Wasserkanister. Ueber dem Behaelter hing ein duen- nes Handtuch. Eine kurzhaarige, bruenette, hagere Frau, Mitte Fuenfzig, im weissen Kittel und mit dunkler Brille betrat mit steifen Gang den Raum. Sie vermittelte den Eindruck einer Aerztin. "Sie sind ein Moerder, und damit weniger wert als ein Nichts. Sie stehen mir fuer Behandlungen frei zur Verfuegung, Claudius Stern und haben ein Geheimnis, dass ich ihnen heute entreissen werden. Ich zaehle darin weltweit zu den Besten," sprach sie ihn stolz und selbstsicher mit tiefen Unterton an. "Nehmen sie doch dazu einfach ein weiteres Pendelchen," ant- wortete Claudius bissig. "Der Herrscher dieser Welt schenkt allen seinen Dienern die Freude der Mitarbeit gemaess deren Talente," laechelte sie zynisch. "Sie meinen, er gewaehrt Sadisten und Psychopathen ein verbrieftes Recht, Titel und die Macht, grausame Handlungen gegen die eigene Spezies durch- zufuehren und schenkt seinem Gefolge dazu toedliche Restri- siken, benutzt sie, wie dressierte Hunde, die er staendig nach- zuechten laesst," provozierte Claudius. "Sie haben die Chance, uns freiwillig zu sagen, wo das Ding ist. Wir konnten es im Firmengebaeude, vor dem sie festgenommen wurden, nicht finden. Wo ist es ?" Die Frau hob langsam das Handtuch vom Kanister. Claudius zuckte und spürte die Handschellen, mit
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denen er am festzementierten Tisch gefesselt war. "Es handelt sich um ein kleines Teil eines UFOs der Aliens Satans, stimmt´s," fragte Claudius. "Wo ist es?!" Sie schlug ihm das Tuch ins Gesicht. "Ich haette mich auf der Strasse erschiessen lassen sollen," bedauerte Claudius. "Das waere leichter fuer sie ge- wesen, mein lieber Stern. Raus kommen sie hier sowieso nicht mehr," schmunzelte die vermeindliche Aerztin. Claudius wusste, dass sein Taeuschungs-Toiletten-Manoever gelungen war. “Waere ich bereits wie ein Vieh mit einem unter der Haut ange- brachten Sender versehen, waere das mir nicht gelungen,” dachte er, entschlossen, jeder Qual die Stirn zu bieten. ---
"Da schau her, Lisa ; da hat doch jemand dieses bloede Ding hier in den Spülkasten geworfen. Das hatte den Schwimmer blockiert. "Die beiden Handwerker besahen sich das metallene Stueck mit den seltsamen Zeichen. "Komisches Ding. Und das in einer Damentoilette." "Wirf ´s einfach weg, Hans," forderte Lisa ihn auf. Er warf es in seine Werkzeugkiste. Am naechsten Morgen hatten die beiden von ihrer Firma den Auftrag zum Handwer- kereinsatz in einer staatlichen Einrichtung, die einer Strafvoll- zugsanstalt glich. Lisa und Hans durchliefen die starken Kon- trollen und fanden sich vor einer Zelle wieder. Der sie beglei- tende Bedienstete oeffnete die Zellentuer und erteilte dem Insassen den Befehl, herauszutreten. Der Insasse hatte die Kaputze seines Anstalt-Sweatshirts weit ueber den Kopf ge- zogen und schritt mit schleichendem Gang und schmerzvollen Stoehnen heraus. Der Bedienstete legte ihn Handschellen an und verbrachte ihn in einen Warteraum des Flures. Vom Flur aus behielt er dann den geoffnete Zellemeingang in Blickkontrolle. "Hast du den gesehen, Hans? Was haben die mit dem gemacht?," gab Lisa bekuemmert von sich. "Vielleicht ist der krank. Merke dir eines Lisa, wir fragen hier besser nach nichts; wir sind hier, um zu arbeiten, klar? !" Die beiden Handwerker erkannten den 24 -
in der Mitte nach unten angebrochenen Bettrahmen. "Das muss man geradebiegen und schweissen," bemerkte Lisa. "Du bist nicht nur eine huebsche Auszubildende, sondern auch sehr klug," antwortete Hans, dem Lisa zur Zeit zugeteilt war, vaeterlich. "Nur: Ich hab´ jetzt kein Schweissgeraet vor Ort. Ich muesste zurueck zum Auto, eines holen und die ganze Kontrollprozedur nochmals durchstehen. Pass auf : Wir nehmen ein Stueck flaches Metall, verbohren und verschrauben es als Halterung im Bruch- bereich unterhalb am Rahmen und fertig." "Hast du so ein Stueck," fragte Lisa. "Nie alles gleich wegwerfen, Lisa; man kann Kleinigkeiten immer mit verbrauchen. Gib mir bitte aus dem Kasten das Teil, das wir gestern im Spuelkasten gefunden hatten." Lisa reichte es ihm hin. Hans montierte die Kleine Platte, die dem Bettrahmen gut stabilisierte. Sie passte genau. "Kannst du mir verraten, warum wir diese Reparatur durch- fuehren, wo doch diese Behoerde hier bestimmt selbst Hand- werker beschaeftigt," wollte Lisa wissen."Vitamin “B”, Lisa. Bekanntschaften helfen immer weiter. Unser Chef, Hartmut Hammer, ist Hobby-Jaeger, genauso wie einer der Abteilungs- leiter dieser Behoerde, Herbert Zirkel mit Namen." "Woher weisst du das?" " Ich bin auch Jaeger," bruestete sich Hans vor der jungen Frau weiter. Lisa erstaunte. "Und wenn du schoen brav bist, kann ich bei unserem Chef ein gutes Wort bezueglich deiner Uebernahme nach deiner Ausbildung fuer dich einlegen," gab Hans ihr zu verstehen und streichelte dabei ihr zart ueber den Kopf, wobei seine Zunge ueber seine Lippen glitt. "Du bist verheiratet, Hans," wehrte Lisa kurz ab. "War nicht so gemeint, meine schoene Sonne," beschwichtigte er sie. --- Die Zellentuer fiel hinter dem Zurueckgefuehrten laut ins Schloss. Er setzte sich. Sein gesamter Koerper war von Haema- tomen uebersaet und schmerzte fuerchterlich. Ein kalter Hauch begann, heftig den Haftraum zu durchfluten. Claudius erschau-
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erte und verharrte einen Augenblick, kontrollierte dann die Waende, den Spind. Es war keine Kamera zu finden.Er beugte sich unter das Bett, sah die montierte, ihm bekannte Platte und erschrak. "Warum nur," dachte er. Auf einmal wurde es ihm bewusst. Mit Schmerz verzerrtem Gesicht fing er an, laut gegen die Tuere zu pochen. Zwei Bedienstete oeffneten. "Holen sie mir diese Sadistin her, ich habe ihr etwas zu berichten," forderte Claudius sie auf. Die Bedienstetn schlossen ihn wieder ein. Einige Minuten spaeter stand die vermeindliche Aerztin auf dem Flur. "Was wollen sie mir mitteilen," rief sie durch die Tuer zu ihm hinein. "Ihr Name ist Astrid ! Astarte, Ashtoret, Eostre waere ja auch zu auffaellig. Ihr Herr und Sie spielen mit mir auf sadistische Weise das Spiel der Astarte." "Ich lasse sie in einer Stunde wieder zur Behandlung holen, Stern, ist das in Ordnung fuer sie," fragte sie mit einer Eiseskaelte und in einer Selbstver- staendlichkeit, als ob sie ihm eine Vorsorgeuntersuchung anbie- ten wuerde. "Ich gebe ihnen hiermit bekannt, dass ich meine schlimmen Taten zu tiefst bereue und ich mich gewandelt habe, um dem wahren Gott, seinem Christus und seinen Geboten von nun an treu zu sein. Und ich weiss nun, dass es einen Weg geben wird, dass das, was sie wie in einem gross angelegten, sinnlosen Spiel zur Beibehaltung ihrer Position der Tyrannei suchen, allen Menschen bekannt wird. Haben sie verstanden, Astrid?" "Wir treffen uns zu ihrem Waterboarding, Claudius Stern." "Astrid bedeutet auf armaeisch ebenfalls Stern, Astrid. Ihr Herr liebt die Doppeldeutigkeit und das verschlagene Dopplspiel, vergessen sie das nicht, Astrid. "Ich heisse nicht Astrid, mein lieber Stern, ich heisse, ich heisse," ihre Stimme wurde leiser, "ich heisse Claudia." --- Sie hatten ihn zu fuenft erneut in den Verhoerraum gefuehrt, an den Tisch Halterungen montiert und ihn mit brutaler Gewalt
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darauf auf den Ruecken gelegt und an Haenden und Fuessen fixiert. Claudius ueberkam furchtbare Angst, doch sein Verhalten blieb ruhig. Claudia betrat den Raum. Noch ehe sie irgend etwas unternahm, schoss es aus Claudius in seiner Verzweiflung hervor: "Claudia, ihr Vater, ihr Onkel oder sonstwer hat sie misshandelt. Sie mussten ihr Lieblingstier toeten, und Zuneigung gab´s fuer sie nur, nach dem sie Misshandlungen ueber sich hatten ergehen lassen muessen. Als sie circa zehn oder zwoelf Jahre alt waren, befahl man ihnen, ein Baby von seiner Mutter aus einem Nebenraum wegzuholen und es in einem Zermonien- raum auf einen Altar zu legen. Der verkleidete Priester nahm ihre Hand und ein Messer zusammen in seine Haende und trennte dem Kind das Herz aus der Brust, zerteilte es, und sie mussten die Stueckchen den dabeistehenden, vermummten Leuten des Clans zum Verzehr reichen, stimmt das, Claudia? Stimmt doch, oder, Claudia?" Claudia hielt ueberrascht kurz inne, liess sich aber nicht weiter beirren und fixierte seinen Kopf mit einen Riemen. "Man hat sie konditioniert, Claudia. Sie versuchen, ihre Handlungen jetzt durch scheinbares Recht und Professionalitaet vor ihrem geschundenen Inneren zu rechtfertigen. Wie oft persoenlichkeitsgespalten bist du, oder, besser, seid ihr?" Sie holte das vom Vortag noch nasse Handtuch vom gefuellten Wasserkanister, der zusammen mit einer grossen Nierenschale auf einem metallenen Neben-Tisch stand."Ich habe ihnen meinen festen Entschluss gestern mitgeteilt, Claudia," versuchte Claudius der bevorstehenden Folter entgegzuwirken.Sie legte ihm das Tuch uebers Gesicht. "Sie bekommen nichts aus mir heraus, nichts, das muessten sie eigentlich erahnen," rief Claudius unter dem Stoff hervor. "Sie haben nur eine einzige Chance," raeumte Claudius ein. "Ja, und die nutzen wir gerade," erwiderte Claudia mit veraenderter, sehr tiefer Stimme. Sie goss Wasser aus dem Kanister in einen grossen Becher.
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"Haben sie gestern die junge Handwerkerin hier im Hause bemerkt, Claudia ? Die gehoert erkennbar zur Grufti-Szene, wird vielleicht auch einmal ein Kind zu Kultzwecken gebaeren. Vielleicht wird man es toeten, oder, wie in ihrem Falle, miss- brauchen. Claudia zog das Tuch straff und liess lagsam Wasser auf Claudius Kopf fliessen. Claudius schwand die Atemluft. Er keuschte und versuchte, von den Fesseln gehindert, sich aufzu- baeumen. Claudia zog fester an und goss nach, waerend sie mit brutaler Stimme fragte: "Willst du mir heute die richtige Antwort geben, Sternchen?" Sie nahm das Tuch ein wenig von seinem Gesicht. Claudius rang hustend nach Luft und spuckte Wasser aus seinem Mund. "Sie haben nur eine Chance," keuschte er, "die hier wird es nicht sein. Und mein Tod nutzt ihnen auch nichts!" "Na, schoen, Stern, welche Moeglichkeit ziehen sie in Betracht," fragte Claudia in professionellem Tonfall. "Du wirst mir zaertlich auf den Mund kuessen muessen, Claudia," keuschte Claudius. "Was soll das," schrak Claudia zurueck. "Es ist deine einzige Chance, Claudia," erwiderte Claudius, "selbst wenn du es nur aus Berufszweck vollziehst," antwortete er ruhig. Sie stellte die Wasser-Schale ab, zug das Tuch von seinem Gesicht und besah seinen hilflos darliegenden Koerper, beugte sich zu ihm und versuchte, ihre Lippen auf seinen Mund zu pressen. "Es ist deine einzige Chance. Kuess´ mich," forderte er sie leise auf. Sie kuesste ihn. "Ich verzeihe dir. Er, der Herr der Finsternis, hat uns zu Opfern und Taetern werden lassen. Wir haben ihm gehorcht, Claudia." "Genug der Sentimentali- taeten," fuhr sie verlegen von ihm hoch. "Genug der seelischen Schmerzen, Claudia," sagte Claudius bedacht, "ich habe genug davon." "Du hast deinen Kuss erhalten, Stern. Jetzt sag´, wo das Ding ist, das wir suchen," versuchte sie die emotionale Distanz wieder herzustellen. "Ich bin Claudius und du bist Claudia. Ich bin im Grunde du, wie du ich bist, und du weisst es. Beeinflus-
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sung durch die anderen, unsere von ihnen anerzogene Sehnsucht zur Erfuellung ihrer egoistischen, perversen Wuensche, soll uns trennen. Das Ding bedeutet nichts," stoehnte er; "es ist nur ein von ihnen gemachter Goetze, dem wir nachlaufen sollen, um unter ihrer Macht zu handeln. Wir sollen die natuerliche Liebe verlieren. Bist du ein Kind des schwarzen Ritus´ der sich win- denden Schlange, Claudia?" Er blickte sich um und sah die Traene an ihrem Auge und ein Messer in ihrer Hand. Und ein kalter Hauch durchstroemte ploetzlich den Raum. Claudia hatte ein kleines Messer mit gebogener, scharfer Klinge unter einem roten Tuch des Neben-Tisches hervorgezogen. Ein kurzer Aufschrei entglitt der Scheinaerztin, und etwas wie eine metallene Schale schepperte zu Boden. Da sprang ploetzlich die Tuere auf und der Ganzkahlrasierte rannte mit dem Ober- lippenbaertigen in den Raum. “Jetzt beschau dir doch diese dusselige Ziege; rammt sich den Dolch ins Herz und versaut nicht nur den Fussboden, sondern auch noch das Verhoer,” raunste mitleidlos der Oberlippenbaertige.“Was haben sie zu ihr gesagt, Stern?” “Sie haben es doch sicher mitgehoert,” mutmasste Claudius. “Hoeret, hoerte, was der Herr Alleswisser alles so meint,” schnautzte ironisch der Ganzkahlkoepfige. Sie richtetn Claudius auf. Er bemerkte die noch leichten Zuckungen der sich in Verzweiflung gerichtet habenden. Neben ihr lag in ihrem Blut die Schale; ein Bild, das aussah, als ob man Opferblut aus- gegossen habe. ---      Sie verbrachten Claudius mit einem Fusstritt in seine Zelle. Er stuerzte schwer zu Boden und stiess mit dem Kopf gegen den mit dem Strandgut versehenenBettrahmen. Er blieb davor liegen , starrte es an, liess seinen Kopf auf den verschraenkten Armen sinken und blieb erschoepft liegen, waerend ihm Traenen aus den Augen rannen. Jemand pollterte heftig an der Zelltuer. Claudius schreckte aus dem Tiefschlaf des Kummers.
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“Sternchen, hoeren sie mich?,” rief eine helle Frauenstimme durch die Tuer zu ihm hindurch, “mein Name ist Astrid Abra- movic´. In einer Stund haben sie Waterbording. Ich werde sie zu mir holen lassen, Stern, haben sie gehoert?” Stern erhob nur seinen Kopf und rief so laut er in seiner Erschoepfung konnte: “Abramovic´, abtruennige Tochter Abrahams, hoere du selbst: Ich weiss, das da jemand, der die Welt in Atem haelt, auch dich fuer sich zu opfern bereit ist, Gottesschoenheit. So merzt sich gegnseitig aus, was dazu bestimt ist oder solange es dazu bestimmt sein will. Ich freue mich auf dich, Astrid.” “Bis dahin, Sternchen,” gab sie ihm unbeeindruckt zur Antwort. ---
Der schwarze VAN fuhr auf einer einsamen Landstrasse durch die Dunkelheit."Stern, sie machen uns riesige Probleme," sprach vom Fahrersitz der Ganzkahlrasierte Claudius ueber die Schulter an. "Sie haben zwei unserer faehigsten Mitarbeiterinnen auf dem Gewissen," ergaenzte der neben Claudius im hintern Teil sitzende Oberlippenbaertige, "wir bringen sie zur Absturzstelle. Wir werden sie dort versenken. Eventuell beruhigt das gweisse geis- tige Gemueter." "Ich habe niemanden auf dem Gewissen. Ich habe die Wahrheit, oder nur eine Wahrheit gesagt, die sich zu einer Gesamtwahrheit ergaenzen laesst," erwiederte Claudius, der in Handschellen an spezieller Vorrichtung am Tuerrahmen gefesselt war. "Was ist schon Wahrheit," meinte der Oberlippen- baertige mehr desinteressiert. "Wahrheit ist, dass jener, von dem dieser Satz stammte, keine Schuld damals an dem fand, den er verurteilen sollte, womit er Wahrheit sprach und sie dennoch in Frage stellte." "Ja, ja, schon gut," warf der Ganzkahlrasierte ab- wehrend ein, "sie bringen uns alle noch um den Verstand." "Ich frage mich, meine Herren, warum eigentlich der Herr Glatze immer noch das Spiel mitspielt, obschon er doch laengst weiss, wo das Stueck Metall, das sie suchen, verborgen ist." "Wir lassen uns von dir nicht gegenseitig ausspielen, Stern. Halt´ besser jetzt
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dein miesses Maul," erwiderte der Oberlippenbaertige. "Warum sagst du nichts dazu, Glatze," fragte Claudius listig weiter. "Diese Art hinterhaeltige Rhetorik ist allgemein bekannt und bei uns voellig unwirksam. Halt also dein Maul," raunste der Ganz- kahlkoepfige. “Na, ja, wer weiss im Geheindienst schon genau vom Auftrag eines Kollegen,” gab Claudius zu bedenken. "Was wisst ihr, was ich nicht weiss," fragte nun dennoch der Oberlip- penbaertige. "Frag Glatze. Aus mir kriegt ihr nichts heraus, wie sich gezeigt hat," entgegnete Claudius. "Na, gut, ihr Zwei, ich lass mich von euch nicht zum Narren halten. Eure Reaktionen verraten mir, dass hier etwas nicht stimmt." "Das ist nicht ganz richtig. Du hast nur den Eindruck, dass etwas nicht stimmt. Das ist die Wahrheit einer Wirkung, also eine Wirklichkeit, aber eventuell eine Abwesenheit eines wahren Umstandes," erklaerte Claudius, hinterhaeltig weiter. “Ich will jetzt wissen, wo dieses verdammte Ding ist," schrie der Oberlippenbaertige durch das Fahrzeug. "Das will ich auch," versuchte der Ganzkahlrasierte beruhigend zuzustimmen. "Mir reicht ´s. Stoppe sofort den Wagen, sofort," forderte der Oberlippenbaertige. "Du spinnst wohl," wehrte der Ganzkahlrasierte ab, "wir muessen recht- zeitig zum Abflugstermin vor Ort sein!" "Halte den Wagen an," raunste der Oberlippenbaertige und zog seine Pistole unter dem schwarzen Anzugs-Jacket hervor. "Na, gut," erwiederte der Ganzkahlrasierte und verlagsamte die Fahrt waerend er in den Rueckspiegel schaute und einen Ziellaserstrahl einer in Richtung Innenrauum gerichteten Schussautomatik auf seinen Kollegen einstellte, der diesen Lichtstrahl auch sofort bemerkte und von hinten auf den Fahrer schoss. In das Krachen seines Schusses drang der Schussknall der Automatik. Beide sanken in ihre Sitze. Der VAN rutschte bei der naechsten Kurve in den Acker und ueberschlug sich. Claudius presste sich dicht an den Rahmen, schlug mit Leib und Kopf heftig daran auf. Blut rann ihm vom Kopf, und er spuerte einen stechenden Schmerz im rechten Bein, der aber wieder nachliess. Der Dachhimmel bildete jetzt den
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Boden. Seine Begleiter lagen seltsam verschraenkt im Inneren. Er streifte sich mit den Fuessen Schuhe und Struempfe ab, betastete die Leiche seines Nachbarn nach dem Handschellen- schluessel, bemerkte ihn in der Aussentasche des Jackets, fuehlte unter Schmerz langsam hinein, zog ihn sachte mit den Zehen heraus. Was nun? so gelenkig, um ihn zum Munde fuehren zu koennen, war er auch wieder nicht. Ploetzlich vernahm er ein Motorengeraeuch. Das Auto hielt. Er hoerte zwei Maennerstim- men. "Hallo, hier ist die Polizei, ist da jemand," fragte eine davon und schon leuchtete der Strahl einer Taschenlampe in das Gesicht von Claudius. ---
"Sie sind also entfuehrt worden, und warum, wissen sie nicht," befragte der Kommissar der Kieler Polizei den Verletzten am Bett des Krankenhauses, in das man Claudius vorsorglich ge- bracht hatte, obschon seine Verletzungen, auch die am Kopf, nicht schwerwiegend waren. "So ist es, Herr Kommissar. Mehr kann ich Ihnen nach bestem Gewissen nicht sagen. Die beiden Herren gerieten wegen Uneinigkeit ueber den Entfuehrungs- verlauf in Uneinigkeit und kamen dann ihrem Wunsche nach, sich gegnseitig zu eliminieren, was ihnen auch gelang." "Um welche Uneinigkeit handelte es sich?" "Der eine wollte kurz die Fahrt unterbrechen, der andere nicht. Ich denke, dass beide durch ihre Tat psychisch ueberfordert waren. Was mich stutzig werden liess, war die technische Raffiness der moerderischen VAN-Innenausstattung. Aber solch Equipment kann sich heute jeder irgendwie besorgen." "Da muss ich leider zustimmen, Stern." "Sagen sie mir, bitte: Was ist mit Meinem Ex-Chef Herrn Doktor Gerhard Feuerbach von der SINUS AG gesche- hen, der nach Pressemeldung in Polizeigewahrsam gekommen sein soll," fragte Claudius bekuemmert. "Nach laengerer Unter- suchung und Verhoer kam er frei. Seit her ist er spurlos ver- schwunden. Wir such ihn. Ich denke, dass da ein Zusammen- hang bestehen koennte." "Mag so sein. Ich bin darueber schier
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sprachlos." meinte Claudius verschlagen sagen zu muessen. “Und manchmal scheinen gewisse Ermittlungsstrukturen von- einander nicht viel zu wissen.“ “Wie meinen sie das Stern?“ “Ganz allgemein daher gesagt, Herr Kommissar, ganz allge- mein dahergesagt.“ “Wir sehen uns sicher bald wieder. Ich verabschiede mich aufs Erste.“ Der Kommissar verliess das Krankenzimmer. Claudius verlangte umgehend auf Eigenver- antwortung die Entlassung und begab sich auf den Weg zu einem Kostuemverleiher. Er brauchte Grufti-Kleidung. Als er den Verleih betrat, kam ihm eine auffalend schrill bekleidete Bedienung entgegen. “Was wuenschen sie?“ Sie waren allein im Laden.“Ich moechte das Kostuem und die Requisiten aehnlich des Sehers Nostradamus aus dem Film ueber die Prophetie im Zusammenhang mit dem T unier Heinrich des II von England.“ “Komm mit Schoen- ling,“ fuehrte die Extravagante Claudius in ihre Kostuem- welt. “Was suchen sie genau?“ „Etwas fuer die Grufti- Szene.“ „Da habe ich etwas sehr ausgefallenes. Wie kom- men sie auf Nostradamus?“ „Ich weiss, dass viele vom Schow-Geschaeft sich mit Mystik beschaeftigen. Ich denke, dass sie selbst damit zu tun haben, wo sie doch mit Sicher- heit auch das Theater bedienen.“ „Gut kombiniert, mein Lieber. Ich empfehle dir dieses hier. Es hat allerdings einen gehobenen Preis.“ “Wie alles Gute im Leben,“ bemerkte Claudius. „Ich bin Sternzeichen Schuetze, mit Aszendent Jungfrau. Vielleicht ergaenzen wir uns. Was bist du?“ Ich bin Nonmonitaerier, habe weder Geld noch Kreditkarte. Was ich anbieten kann, ist nur mein Ehrenwort, dass ich bezahlen werde.“ Claudius schlug mit der Handkannte gekonnt zu, fing die Bedienung auf und legte sie sanft auf den Boden, nahm das Kostuem lief zum Verkaufstresen, oeffnete die alte Kasse, entnahm die Geldscheine und
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enteilte aus dem kleinen Verleih, ueberquerte die Strasse. Er war ein Moerder und Raeuber auf der Flucht. ---
Dumpfe, laute Musik droehnte aus der Gothic-Dicothek. Ueber dem Eingang hing das Symbol des Gehoernten, gleich dem, wie man es von den Konzerten in Wacken kennt. Er suchte in der Dunkelheit eine schwarze Sonne, jene Auszubildenden, deren Gesicht und das darauf befindliche Tatoo er noch in Erinnerung hatte. Sein schwarzer Umhang und die daran befestigte Silberkette mit Kreuz, Penta- und Hexa- gramm, dem Halbmond, dem Ying-Yang-Zeichen, Winkelmass und das Dreieck mit dem “allsehenden Auge” aus dem Kostuem- verleih wirkten martialisch. Er wollte und wuerde sie finden! Er durchstreifte mit dem gefuellten Totenkopf-Bierkrug das gespenstische Menschengetuemmel und besah die Gesichter von Hexern und von Hexen und von solchen, die scheinbar und eventuell solche werden wollten. "Bist du neu hier," sprach ihn eine eben solche von der Seite an. Er drehte sich um und blickte direkt auf Lisas rechte Gesichthaelfte. Er schaute sie unglaeubig und ueberrascht mit aufgerissenen Augen und offenem Mund an. "Ja, ja, sicherlich." Er gewann wieder Fassung. "Ich bin auf der Suche nach einem weiblichen Medium , welches noch nicht genau weiss, dass es eines ist, Ich weiss nur, dass es wahrschein- lich keinen Tueroeffner zum Geisterbereich, wie religioese Riten und starke Drogen, benutzt und das eine Sonne ihre ganze linken Wange ziert. "Das ist ja fast nicht zu glauben. Bei mir ist das so. Siehst du," antwortete sie fragend und drehte ihm ihr ganzes Gesicht zu. "Wahrhaftig! Wuerdest du bitte die Grosszuegigkeit haben und mir einen Augenblick zu deiner Befragung schenken, holde Schoenheit," forderte er sie fast mitelalterlich sueffisant auf. "Ja, warum nicht." "Gut, gehen wir kurz nach draussen." Sie liefen zur in der Naehe befindlichen Litfass-Saeule, die im Schein einer Strassenlaterne stand. "Ich heisse Ivan," stellte sich
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Claudius vor." "Klingt fasst schrecklich. Ich bin Lisa," antwor- tete sie belustigt wahrheitsgemaess, wobei sie ihn musterte. "Lisa, ich suche die Sonne, die mir im Traum erschien. Sie befand sich in einer Gefangenenzelle mit einem aelteren Mann. Es ging irgendwie um ein Bett. Es ging nicht um Sexualitaet. Der Traum laesst mir keine Ruhe. Weist du etwas darueber?" Lisa wurde fassunglslos. "Das ist ja, das ist ja schon unheimlich. Das muss wohl mit dem alles verbindenden morphogenetischen Feld zu tun haben, so dass wir uebernatuerlich in Verbindung stehen. Ich war da letztens mit meinem Ausbilder in einer, ich will mal sagen, Haftanstalt. Sie ist aber eher etwas wie eine Po- lizei-Behoerde, etwas zwischen beidem." "Lisa, es gibt wahr- scheinlich zwei dieser Felder, eines des Guten und eines des Boesen, die sich teils ueberlappen koennen. Wo genau ist der Ort, an dem du gewesen bist, bitte," fragte Claudius gespannt. "Irgendwo hier in Kiel, warte, es war am Kaiweg, Kaiweg 51, ja, Kaiweg 51." "Das ergibt Quersumme 6.” “Wie verstehst du das?” “Nicht wichtig. Lisa, ich habe dich getaeuscht. Ich hatte keinen Traum und du bist auch kein Medium. Merke: Halte dich fern von schwarzer und der scheinheiligen, soge- nannten weissen Magie, Tarot, Alphabet-Tafel, Trance und der Hypnose und von religioesen Weihungen. Die ARD-Doku- mentation “Hoellenleben, der Kampf der Opfer, Ritueller Missbrauch in Deutschland” stellt eine Spitze eines gewalti- gen Eisberges dar. Finger weg von der Pyramide des Eisbergs, sonst frisst dich der schwarze Eisbaer, der als hell glaenzend nur Erscheinde, gnadenlos, Schaetzchen," ermahnte er sie mit eindringlichem Blick. Hoerst du die Musik aus der Discothek? Einige Musik-macher haben ihr eine Grundfrequenz von 440 Herz verpasst, die agressiver stimmuliert, als die Zellheilfre- quenz von 432 Herz, die mit vielen in der Bibel benannten Zahlen in Zusam-menhang gesetzt werden kann. Ihre HeilsPro- phetie erfuellt sich. Werde wachsamer!” Er liess sie stehn. Er
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wusste, dass er nicht mehr viel Zeit hatte, bis man ihn wegen des Mordes an Thorsten weiter auf die Schliche kommen wuerde, was ohnehin seltsam ueberfaellig erschien. Er musste jetzt schnell handeln und lief Richtung Kaiweg. Er versuchte, eine eventuelle Verfolgung zu bemer-ken, doch dergleichen war nichts festzu- stellen. Nach einer halben Stunde stand er vor der Einfahrt eines aus dem achtzehn-ten Jahrhundert stammenden und in der lauen Sommer-nacht im Laternenlicht unheimlich und mystisch wirken- den Gross-Speichers einer alten Hafenstadt, der ganz allein und wie verlassen im Kaiweg stand. Ploetzlich war es um ihn herum taghell. Maechtige Schein-werfer strahlten vom obersten Wand- bereich des Speichers dirkt auf die Strasse und damit auf ihn herab. Geblendet erkannte er das von einem Siegerkranz umran- dete Symbol der roten Raute an der Spitze des Eingangportals, das eines von zwei Saeulen getragenen Daches glich. Eine dunkle Gestalt mit schwarzem Hut trat allein auf ihn zu. Es war der Kom- missar. "Wenn der Stern im dunklen Gewand im Finsteren nicht gut strahlen kann, dann muessen wir eben mal das Licht leuchten lassen, Herr Claudius." Claudius Stern schaute sich in alle Rich- tungen um. "Flucht ist sinnlos, Stern. Egal, wo sie hingehen, wir werden es immer wissen." Da wusste Claudius, dass sie ihm waerend seiner Gefangenschaft und damit verbundenen Zeiten von Bewusstlosigkeit, die er nicht erinnern konnte, einen Reis- korn grossen Sender unter die Haut implantiert hatten, wovon irgend eine Koerper-Strieme Zeugnis gewesen sein muss. "Als sie sich auf den Weg hierher begaben, ahnten wir bereits folgerichtig, dass das Ding hier sein musste und dass es nur in ihrer Zelle sein konnte. Wolltest es dir wohl wieder aneignen, um dich freizupressen, stimmt ´s?,” grienste der Kommissar ueberheblich. "Was nun," fragte Claudius mit hilflos wirkendem Gesichtsausdruck. "Das Uebliche, was sonst. Deine Organe las- sen sich sicher noch gut verwerten. Du bist ein selbstgerechter Moerder, Herr Plattformkonstrukteur.” “Deinesgleichen veran-
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lassen Kindesentfuehrungen aus von ihnen geschaffenen Krie- sengebieten, und in der Wirklichkeit verwandelt ihr die Erde in ein Schlachthaus, Mann in Schwarz. Manche sterbliche Seele darf bald wiederkommen, aber eben nicht jede.” “Ich weiss, Stern, ich weiss. Ach, immer diese undifferenzierten und abgetroschenen Pauschalaussagen; sie sind langweilig. Stern, jeder, der ein Auto faehrt, nimmt billigend Restrisiken gegenueber anderen mit in Kauf. Ich sehe: Du traegst viele Zeichen. Jeder Stern erlischt eines Tages. Ist es nicht so, Claudius?" “Du traegst alle diese Zeichen unter einem verderb- lichen, unscheinbaren Einheits-Hut. Ihr wollt eine Zentral-Welt- Herrschaft unter Daemonen formen indem ihr durch sie schein- bar die biblische Prophetie brutal in Erfuellung gehen lassen wollt. Doch Euer Baalskult ist laengst durchschaut. Er wird wie prophezeit, scheitern. Und du, du bist wahrscheinlich kein Kommissar, erwiederte Claudius in aufkommender Todesangst. “Zur Zeit sind wir noch die Behueter und Baumeister des Rechts unserer Welt, dem Meister des Lichts der Veraendrungen mit Opferbereitschaft gehorsam.” “Ihr seid wahnsinnig,” entgegnete Claudius. In seinem letzten Augenblick sah Claudius Stern, wie Annabell auf den vermeindlichen Kommissar hin in die Helligkeit der Scheinwerfer trat und ihn kuesste. Er spuerte diesen kalten Hauch. Und ein schallgedaempfter Schuss drang durch die Nacht.


Und sie wurden zu einem Ort versammelt, der auf Hebrae- isch Harmagedon genannt wird (Offenb., K. 14, V. 14 u. 16). 37 -

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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