Angie Pfeiffer

Das Versprechen

Er schaute immer wieder in den Innenspiegel, hatte ihn so eingestellt, dass er sie sehen konnte. Auf dem Kopf trug sie ein Tuch, unter dem ein paar vorwitzige rote Haare hervorlugten. In ihren großen grünen Augen schimmerte Schmerz, ihr Gesicht war blass, sodass die zarten Sommersprossen als dunkle Punkte zu sehen waren. Ihre kleine Sporttasche hatte sie neben sich auf den Sitz gestellt, hielt sie krampfhaft fest. Er hatte eine alte Frau zum Krankenhaus gefahren. Praktisch für die junge Frau, dass er mit seinem Taxi gerade vor dem Gebäude stand. Lukrativ für ihn, sie mit zurück zu nehmen. Wieder musterte er sie verstohlen. Ihm blieb für eine Sekunde die Luft weg. Sie rührte ihn an wie niemand zuvor. Auf dem Weg zu ihr nach Hause sprachen sie kaum, tauschten ein paar Allgemeinplätze aus. Über das Wetter, das wieder einmal so gar nicht winterlich war, über die verstopften Straßen.
Als sie schließlich ausstieg, versuchte sie ein Lächeln. „Schön wieder daheim zu sein.“
Hastig stieg auch er aus dem Taxi, wollte den Moment nicht verstreichen lassen, sie nicht einfach gehen lassen. „Warte, ich helfe dir mit der Tasche.“
Wieder das kleine Lächeln, jetzt auch in ihren Augen. „Ja dann. Es sind zwei Treppen.“
Dann stand er verlegen vor ihrer Tür, setzte langsam die Tasche ab. „Ich bin übrigens der Tim und ich fahre Taxi“, was rede ich denn da, dachte er, fuhr aber schnell fort: „Ich könnte für heute Feierabend machen. Wenn du möchtest, dann könnten wir etwas unternehmen ... wo du doch jetzt aus dem Krankenhaus entlassen bist ...“, er verstummte, kam sich merkwürdig vor.
„Sei mir nicht böse, aber ich bin zu geschafft für große Unternehmungen. Julia, ich heiße Julia.“
„Ich verstehe schon.“ Er wandte sich ab, fasste das Treppengeländer.
„Wenn du etwas einkaufst, dann könnte ich kochen, eine Kleinigkeit meine ich. Vielleicht Pasta oder so“, hörte er sie verzagt sagen.
„Ich bin ein fantastischer Pastakoch, weißt du. Ich bin gleich wieder da und dann koche ICH!“ Er stürmte die Treppen hinunter, nahm zwei Stufen auf einmal, fühlte sich plötzlich richtig gut.
Später klingelte er, beladen mit Tüten an ihrer Tür, wunderte sich, dass sie so lange brauchte. Ob sie kalte Füße bekommen hatte, ihn doch nicht mehr sehen wollte? Die Tür öffnete sich im Zeitlupentempo, er erschrak. Julia blinzelte ihn aus verquollenen, verweinten Augen an. Sie war noch blasser als zuvor, trug ein langes, ausgeleiertes T-Shirt und ein Panty. Er stellte die Tüten an, nahm sie in den Arm.
„Mit dem Kochen wird das wohl nichts“, murmelte sie an seiner Brust. „Ich muss mich ständig übergeben. Die Chemo ... es tut mir so leid.“
Er hob sie hoch. Sie war leicht, zerbrechlich. „Ich bringe dich jetzt ins Bett. Übrigens braue ich auch einen richtig guten Tee.“
Er legte sie vorsichtig auf dem Bett ab, strich ihr durch das raspelkurze Haar. Anschließend machte er ihr einen Tee. Er blieb den ganzen Nachmittag bei ihr, hielt sie, half ihr, als sie sich wieder übergeben musste. Schließlich ging es ihr etwas besser.
Danke, Tim“, flüsterte sie. „Sicher willst du jetzt gehen.“

Er setzte sich auf ihre Bettkante. „Wenn ich darf, dann bleib ich so lange du mich brauchst.“
„Auch immer?“, sie hielt sich, über die eigenen Worte erschrocken, die Hand vor den Mund. Dann fasste sie seine Hand, legte sie auf ihre Brust. „Du kannst sie fühlen, warm und weich. Sie sollten amputiert werden, aber das wollte ich nicht. Wenn du möchtest ... es geht mir jetzt gut.“
Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich werde dich einfach in den Arm nehmen. Wir haben Zeit.“
Sie kuschelte sich an ihn. „Ja, wir haben noch Zeit. Aber du musst mir etwas versprechen, bitte.“
Er legte sich vorsichtig neben sie. „Alles was du willst.“

Tim verbrachte jede freie Minute mit Julia. Es schien ihr bald besser zu gehen, ihre Haare wurden länger, kringelten sich in wirren Locken auf ihrem Kopf. Die beiden verstanden sich ohne Worte, lachten miteinander, liebten die gleiche Musik, hatten die gleichen Bücher gelesen. Julia kam ihm unbeschwert vor. Bestand darauf, ein Konzert ihrer beider Lieblingsband zu besuchen. Eins Abends nahm sie wieder seine Hand und legte sie auf ihre Brust. Sie liebten sich leidenschaftlich. Hinterher flüsterte sie: „Ich liebe dich. Mach, dass es nie aufhört.“
So erlebten Julia und Tim einen wunderbaren Frühling und er vergaß sein Versprechen. Doch als Julia ihr Haar zu einem Zopf band, um es zu bändigen und als es Sommer wurde, packten sie gemeinsam ihre Tasche. Tim fuhr sie ins Krankenhaus, hielt zum letzten Mal ihre Hand.
Sie lächelte traurig. „Du musst jetzt gehen. Keine Besuche, du hast es mir versprochen. Ich werde immer bei dir sein.“

Er fuhr nie wieder eine Tour zum Krankenhaus.
© by Angie

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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