Angie Pfeiffer

so wie die Schönheit unverkäuflich ist

Damals war sie von ihrem kleinen Hotel am Montmartre aus zum Place du Tertre geschlendert, hatte entzückt die Atmosphäre eingesogen, den Malern über die Schulter geschaut. Plötzlich stand er vor ihr, musterte sie ernst. „Darf ich Sie malen, Mademoiselle?“ fragte er fast schüchtern. Sie war gleich von seinem Blick gefangen, nickte, folgte ihm zu seiner Staffelei. Seine schwarzen Augen fixierten sie ernst, konzentriert. „Sehen Sie mich an, ma belle“, sagte er leise, sanft. Sie schaute in seine Augen, spürte Hitze aufsteigen. Ein belustigtes Lächeln stahl sich in seine Mundwinkel, machte sein hartes Gesicht weich, liebenswert. Während er sie malte überlegte sie, wie alt er wohl sein könnte. Sicher Mitte, Ende 30, also mindestens zehn Jahre älter als sie.
Schließlich hatte er das Bild vollendet, zeigte es ihr. Sie hielt unwillkürlich die Luft an. „Das bin ich nicht“, entfuhr es ihr. Dieses wunderschöne Gesicht hatte Ähnlichkeit mit ihr und wieder nicht. Die Augen zeigten einen Schimmer von Sehnsucht und Verwirrung, ja Angst.
„So sehe ich Sie“, sagte er schlicht, und: „Ich glaube, ich kann das Bild nicht verkaufen, nicht einmal an Sie. Es ist unverkäuflich, so wie Schönheit unverkäuflich ist.“ 
Sie zuckte hilflos mit den Schultern, wusste nichts zu erwidern. Wieder hellte ein Lächeln seine Gesichtszüge auf. „Ich könnte es Ihnen schenken, Mademoiselle. Aber ich habe eine Bedingung. Sie müssen ein Glas Wein mit mir trinken, damit ich mich von der Schönheit verabschieden kann ...“
Sie gingen in ein kleines Bistrot, das in einer ruhigen Seitenstraße lag, wo der Kellner ihn mit Handschlag begrüßte und ungefragt ein Glas Rotwein vor jedem von ihnen abstellte. Er leerte das erste Glas auf Ex, dann lehnte er sich entspannt zurück, während der Kellner ihm ein weiteres brachte. Der Kellner stellte das Radio lauter, denn Charles Aznavour sang ein sentimentales Lied.
„Magst du diese Art von Musik?“, fragte er leise. Sie nickte, spürte seinen Blick prickelnd auf ihrer Haut, empfand das vertraulich ‚Du’ fast als eine Intimität. „Er ist Armenier, so wie ich“, erklärte er und erzählte ihr vom Schicksal seines Volkes. Vom Hass, von der Trauer und der Liebe. Vom Willen zu überleben. „Ich habe es geschafft, aber ich habe keine Heimat, ich bin ein Wanderer zwischen den Welten“, endete er.
Sie habe eine Heimat, sagte sie. Da nahm er sie bei der Hand, führte sie zu einem kleinen Hotel. „Ich will dich, schon als ich dich sah, wollte ich dich“, flüsterte er heiser. Sie folgte ihm, fasziniert und voller Erwartung, wollte, dass der Rausch des Abenteuers niemals aufhören würde.
In dem kleinen, schmuddeligen Zimmer nahm er sie, langsam, bedächtig und doch voller Leidenschaft.

Danach trennten sie sich widerwillig, verabredeten sich für den nächsten Tag in dem kleinen Bistrot. „Auf einen Wein oder mehr“, sagte er, lächelte, doch seine Augen blickten traurig.

Auf dem Platz sind die Stände der Maler aufgebaut. Sie schaut sich ihre Gesichter genau an, doch er ist nicht dabei. Sie weiß genau, dass sie ihn erkennen würde, auch wenn es so viele Jahre her ist.
Schließlich verlässt sie den Place du Tertre. Sucht das kleine Bistrot, ist erstaunt, dass sie es tatsächlich findet. Dass es noch da ist. Sie setzt sich, bestellt sich ein Glas Rotwein, schaut sich um. Verblasste Fotos hängen an den Wänden. Seltsam, damals waren ihr die Bilder gar nicht aufgefallen. Ein Foto zieht ihre Blicke auf sich. Sie meint ihn zu erkennen, steht auf, schaut sich das Bild genau an. Das Lächeln, das seine Gesicht so sanft aussehen lässt. Die dunklen Augen, die so traurig blicken. ‚Das ist er’, denkt sie, fährt gedankenverloren mit dem Finger über die Glasscheibe, die das Foto schützt.
„Ja, Levon, der Armenier, ein genialer Maler, aber ein Trinker vor dem Herren. Er schien immer auf jemanden zu warten.“ Der Kellner hat sich unbemerkt zu ihr gesellt, betrachtet das Foto gedankenversunken. Sie dreht sich aufgeregt zu ihm um. „Wo ist er? Wo finde ich ihn?“
„Es tut mir Leid, Madame. Er ist ganz plötzlich verschwunden, schon vor ein paar Jahren. Er hat oft davon geredet, zurück in die alte Heimat zu gehen ...“. Der Kellner entfernt sich achselzuckend.
Sie fährt noch einmal zärtlich über das Foto, nimmt endgültig Abschied. „Levon ...“, flüstert sie.
© by Angie

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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